Walter Tydecks

 

Die Wandlungsmacht der Chemie und der Sprache bei Hegel

 

Vortrag am 6.12.2019 im Arbeitskreis zu Hegels Naturphilosophie in Leipzig, Version 22.11.2019

Einleitung

Die Chemie und den Chemismus in eine Wissenschaft der Logik aufzunehmen, ist ungewöhnlich: Mit der Chemie gelangt nicht nur empirisches Wissen aus der Realwissenschaft in die Logik, welches dort sonst höchstens für Beispiele logischer Beziehungen herangezogen wird, sondern mit ihr wandelt sich das formale Schließen der Logik in materiale Prozesse. Für mich kommt Hegel mit dem Chemismus seinem Ziel nahe: Die Vernunft und mit ihr die Logik sind nicht einfach in dem Sinne wirklich, weil sie sich in der Wirklichkeit nachweisen lassen (wirklich gegeben sind), sondern weil sie wirken können. Die Wirk-lichkeit der Logik liegt in der Wandlungsmacht der Sprache und des Wortes (dem logos). In diesem Beitrag soll gezeigt werden, wie sich Hegel diesem Thema in der Phänomenologie des Geistes und der Wissenschaft der Logik nähert ohne eine abschließende Antwort zu finden. Hinweise auf die Theorie der Intertextualität sowie die Systemtheorie und den Radikalen Konstruktivismus sollen weiterführende Perspektiven andeuten.

Die Macht der Sprache

Im Übergang von der Phänomenologie des Geistes zur Wissenschaft der Logik schrieb Hegel 1808: »Die Sprache ist die höchste Macht unter den Menschen.« (Philosophische Enzyklopädie für die Oberklasse, § 159, HW 4.52). Worin besteht diese Macht? Erinnerte er sich an Gespräche mit Hölderlin, der vermutlich 1803 in den Anmerkungen zur Antigonae geschrieben hatte, dass bei den Griechen zur Zeit von Sophokles »das Wort den Körper ergreift, daß dieser tödtet», während heute »das Wort aus begeistertem Munde schreklich ist, und tödtet« (HSA Bd. 2, 374)? Wie kann ein Wort den Körper ergreifen oder sogar direkt töten? Es muss eine Umwandlung vom Wort zum physischen Tun (Handeln) oder sogar zur physischen Existenz des Menschen erfolgen. Um diese Wandlungsmacht geht es mir. Ich möchte die These vertreten, dass Hegel diese Macht meint, wenn er in der Wissenschaft der Logik im Kapitel über den Chemismus die Sprache mit dem Wasser vergleicht:

»Im Körperlichen hat das Wasser die Funktion dieses Mediums; im Geistigen, insofern in ihm das Analogon eines solchen Verhältnisses stattfindet, ist das Zeichen überhaupt und näher die Sprache dafür anzusehen.« (HW 6.431)

Die Wandlungsmacht der Chemie ist unmittelbar erfahrbar, wenn Stoffe in Wasser aufgelöst und durch chemische Reaktionen in neue Stoffe verwandelt werden. Das Wasser hat eine vermittelnde Funktion: Die chemischen Prozesse entstehen nicht von allein, sondern es muss sich um Stoffe handeln, die einander suchen, und sie brauchen ein Medium wie das Wasser, in dem sie sich bewegen und einander finden können. Handelt es sich hier um ein allgemeines, letztlich philosophisches Phänomen, das sich übergreifend in der Chemie, der Poesie bis zur Psychologie zeigt und in einer eigenständigen Logik begründet werden kann, die sich von der traditionellen Logik unterscheidet?

Hegel war davon wie sein Studienfreund Schelling überzeugt, und er ist hierin sicher geprägt durch die naturromantische Bewegung seiner Zeit, die von Goethe und Novalis bis Steffens und Oken reicht. Sie sahen sich in einer Tradition bis zu den Anfängen der Wissenschaft in der Alchemie und religiösen Riten. Alchemisten suchten nach der Verwandlung (Transmutation) von Elementen (insbesondere Chrysopoeia, das Goldmachen), in der Heiligen Messe wird von der Transsubstantiation gesprochen, der Verwandlung von Brot und Wein in das Blut und den Körper Jesu, übergreifend gibt es mythologisch gedachte Metamorphosen göttlicher Wesen, mythischer Gestalten und des Menschen. Karin Figala hat in ihrem Beitrag für die Hegel-Tage 1970 gezeigt, wie gut vertraut Hegel mit dieser Tradition war.

Kann in analoger Weise von der Wandlungsmacht der Sprache gesprochen werden? Wird unter Intertextualität nicht nur das Zitieren, Parodieren oder Paraphrasieren anderer Texte verstanden, dann kommt eine innere Bewegung in den Text bis auf die Ebene der Buchstaben und bei mathematischen Texten die Zahlen und Operationszeichen: So wie sich Moleküle in Ionen aufteilen und diese im Medium Wasser ihre wahlverwandten Partner suchen und finden, so teilen sich die Worte, Zahlen und Texte auf der Ebene des Genotexts in innere Fragmente auf, die einander suchen und neue Wahlverwandtschaften und darüber einen neuen Sinn bilden. Kristeva spricht mit Mallarmé vom »Gesang unter dem Text« (Kristeva, 41) und der »‘Musik’ in den Buchstaben« (Kristeva, 72). In jedem sprachlichen Element schwingen Obertöne mit, über die bei anderen Elementen Resonanzen erzeugt und darüber neue Verbindungen hergestellt werden. Dies Geschehen vollzieht sich nicht im sprechenden oder hörenden Subjekt, sondern in der Sprache als Medium. Während die Theoretiker der Intertextualität nur die Strukturen dieser Prozesse sehen, ist das für mich die nahezu mathematisch formulierbare Verlaufsform der Wandlungsmacht der Sprache. Dieser Gedanke lässt sich mit Hegel neu aufgreifen und begründen.

Vorläufer gibt es bei Orakeln und Wahrsagern, die ihre Hörer umwandeln konnten. Niemand konnte sich ihnen entziehen. Heute wird sich dagegen niemand mehr auf eine Stufe mit ihnen stellen wollen. Wenn es solche Phänomene gibt, wird nicht von der Macht der Sprache gesprochen, sondern vom Charisma der Person, die mit ihrer Sprache eine solche Wirkung erzielen kann. Zur Zeit von Hegel war ein bekanntes Beispiel, als sich Clemens von Brentano 1818-1824 in Dülmen aufhielt und als Medium der stigmatisierten Nonne Anna Katharina Emmerick verstand.

Kann die Logik selbstreflexiv erkennen, in welchem Wandlungsprozess sich ihre Bestimmungen befinden? Einleitend sollen zwei Beispiele genannt werden: Die chemische Sphäre und die Wirklichkeit. Hegel hält sich nicht an das »tote Gebein« der traditionellen Logik (HW 5.48), sondern versteht ihre Begriffe in ihrer Bewegung. Sie wandeln sich ineinander um. Die von Aristoteles überlieferten Kategorien Sein (ousia), Qualität, Quantität und Relation sind für ihn nicht wie bei Kant auf einer Tafel angeordnet, sondern gehen ineinander über. Mit der Relation sind für ihn nicht äußere Verhältnisse einander abstrakt gegenüber stehender Seiender gemeint, oder wie später bei Frege der Funktionsverlauf voneinander unabhängiger Argumente, sondern der Umschlag von Quantität und Qualität. Eine Veränderung von Qualitäten ineinander ist dasjenige, was eine Verwandlung (metamorphosis) der Sache nach (an sich) ist. Die Veränderung von Qualitäten gemäß einem ihnen zugrunde liegenden Maß bestimmt für Hegel die »chemische Sphäre« (HW 5.420), die mit dem realen Maß eine eigene Logik begründet. Er erläutert das an zahlreichen Beispielen vor allem aus der Chemie und Musik. Für ihn handelt die Logik nicht von einander fremden und äußerlichen Gegenständen, sondern die logischen Beziehungen gehen von Zuneigung und Abneigung, von Wahlverwandtschaften oder in der Sprache von Thomas v. Aquin, Leibniz und Kant von Appetitus und Affinität aus und führen zu einer dynamischen Logik, die beschreibt, wie sich sowohl die Gegenstände der Logik wie die Denkbestimmungen wandeln. Nach ihm hat niemand diesen Gedanken aufgegriffen und fortgeführt. Für mich begründet er mit der chemischen Sphäre, was sachlich mit einer Umwandlung gemeint ist. Es geht nicht nur um reale Prozesse in der Chemie, ihre Analyse und Synthese, sondern diese Sphäre bringt die Worte zusammen, die einander suchen, und ändert den Zustand der Worte.

Gegenstände sind nicht tot, sondern sie sind in ihrer Wirklichkeit zu verstehen. Gibt es eine Logik des Wirklichen? Traditionell wurde die Wirklichkeit als Modus des Seienden formal von der Möglichkeit und der Notwendigkeit unterschieden. Hegel sieht die Wirklichkeit in ihrer Dynamik, die aus der Möglichkeit hervorgeht und in ihr keimhaft angelegt ist. Wenn etwas wirklich wird, wandelt sich damit etwas. »Was wirklich ist, kann wirken, seine Wirklichkeit gibt etwas kund durch das, was es hervorbringt. Sein Verhalten zu Anderem ist die Manifestation seiner.« (HW 6.208) Das ist für mich eine Schlüsselstelle und zugleich ein verstecktes Zitat von Aristoteles über das vernünftige Vermögen (dynamis meta logon, Met. X 2, 1046b). Beim vernünftigen Vermögen kommt für Heidegger bei Aristoteles mit dem logos die Fähigkeit hinzu, etwas nicht nur so zu sehen, wie es gerade ist und über welche Kraft es bereits aktuell verfügt, sondern im Denken über es hinauszugehen, es von allen Seiten zu sehen, seinen inneren Mangel (steresis) wie auch sein größeres Umfeld und die in ihm enthaltenen Möglichkeiten zu erkunden, Wege einzuschlagen, die über etwas hinausgehen und wieder zurückkehren (Heidegger, 145f). Hegel betont einen weiteren Aspekt: Das vernünftige Vermögen kann nicht nur über das Gegebene hinausgehen, sondern es verfügt mit der Kundgabe über eine eigene Sprache. Das ist für mich die entscheidende Aussage: Die Sprache ist sowohl das Medium, über das Gegebene hinausgehen zu können und in der Sprache alternative Möglichkeiten formulieren zu können, wie auch die Fähigkeit des Wirkenden, sich zeigen und seine Wandlungen kundgeben zu können. Hegel verstärkt diese Aussage mit dem Ausdruck ‘Manifestation’. Das erinnert an das Licht, ein Naturphänomen, das seit dem orientalischen Denken Eingang in die Weisheitslehre gefunden hat und seinerseits nur in und durch das Medium verstanden werden kann, in dem etwas aufleuchtet.

Sprache beschränkt sich nicht darauf, mit ihr etwas zu beobachten und die Ergebnisse in Protokollsätzen aufzuschreiben. Schon ein einfacher Satz wie ›S ist P‹ ist eine Zuschreibung, mit der die Bedeutung von S verwandelt wird. Hegel will zeigen, wie im Begriff des jeweiligen Satzsubjekts S etwas enthalten ist, das von sich aus dazu drängt, die Verbindung mit dem Prädikat P zu formulieren. Die Verbindung von S und P durch die Kopula ‘ist’ enthält bereits an-sich ein vermittelndes Moment, das mit dem Schluss hervortritt, wenn aus einem Begriff A über einen terminus medius B auf einen neuen Begriff C geschlossen wird. Der Schluss von A nach C ist für Hegel nicht einfach eine Verknüpfung in einem formalen Kalkül. Sowohl ein Urteil ›S ist P‹ wie ein Schluss von A nach C sind nur möglich, wenn es bereits eine innere Zuneigung von S zu P bzw. von A zu C gibt, und wenn die Kopula bzw. der terminus medius als Medium auftreten, in dem diese Zuneigung realisiert werden kann. Kommt es tatsächlich zum Urteil und zum Schluss, dann zeigt sich in ihrer Verwirklichung die Wandlungsmacht der Sprache. Hegel hat in der Logik des Begriffs, der Urteile und der Schlüsse sachlich alles vorbereitet, was als Chemismus der Sprache verstanden werden kann.

Sprache als Mitteilung und als Medium

Daher gibt er in der Wissenschaft der Logik keine weiteren Beispiele, weil für ihn der Chemismus der Sprache aus der Logik von Begriff, Urteil und Schluss hervorgeht. Aus heutiger Sicht ist das ungewohnt, seit sich ein einseitig analytischer Blick auf die Sprache durchgesetzt hat. Um Hegels Grundgedanken zu verstehen, erscheint mir eine Rückschau hilfreich, wie Hegel nicht nur den Chemismus aus der traditionellen Logik hervorgehen lässt, sondern übergreifend die Wissenschaft der Logik aus der Phänomenologie des Geistes. Dort zeigt sich die Sprache als die Wandlungsmacht, mit der sich im Entwicklungsweg des Geistes die einzelnen Stufen in und durch die Sprache auflösen, bis sie im sprachlich verfassten Absoluten Wissen ihre höchste Stufe erreichen. Es sind für Hegel nicht vorrangig die Eltern, Erzieher oder das sprechende Subjekt, die den Geist bilden, sondern die Sprache selbst. Niemand kann diese Stufen überspringen, sondern muss sie erleiden und sich von der Wandlungsmacht der Sprache ergreifen lassen.

Wichtige Stufen sind der Spracherwerb, wenn der Mensch lernt, seine sinnliche Gewissheit in Sprache zu fassen (HW 3.85); die Fähigkeit, innere Gedanken in Worte zu bringen und darüber sprach- und handlungsfähig zu werden (HW 3.235); das zerrissene Bewusstsein, wenn sich die auf die politische Bühne getretene Sprache polarisiert in den Gegensatz der Sprache der Herrschaft und Schmeichelei auf der einen Seite und der Sprache der Empörung auf der anderen Seite (HW 3.376, 378, 384, 439); und schließlich der Moment, wenn sich die Sprache aus allen Frühformen, Zweifeln, inneren Kämpfen und ihrer Zerrissenheit erhebt in den wahrhaft geistvollen Werken der natürlichen Religion und der Kunstreligion. Hier ist die Wandlungsmacht der Sprache vollendet: Der Mensch ist fähig geworden, in der geoffenbarten Religion Gott zu verstehen und zum absoluten Wissen zu finden. Die Sprache ist zum Medium geworden, über das sich ihm Gott offenbaren kann. Der Inhalt dieser geoffenbarten Sprache und des absoluten Wissens ist der Gegenstand der an dieser Stelle aus der Phänomenologie des Geistes hervortretenden Wissenschaft der Logik. Sie kann nicht an empirischen Beobachtungen der Entwicklung des Geistes und seiner Sprache abgelesen und daraus per Abstraktion gewonnen werden, sondern hat diesen Weg der Entwicklung der Sprache hinter sich. Ohne ihn wäre sie nicht möglich. Mit der Einsicht in den Chemismus und der Sprache als Medium des Geistigen wird sie sich ihrer selbst bewusst und steht an der Schwelle zur Logik der Idee.

Ich möchte den Moment hervorheben, wenn der Mensch dank und im Medium der Sprache handlungsfähig wird, in den Worten von Hegel die Beobachtung der Beziehung des Selbstbewußtseins auf seine unmittelbare Wirklichkeit (Kapitelüberschrift, HW 3.233).

»Der sprechende Mund, die arbeitende Hand, wenn man will auch noch die Beine dazu, sind die verwirklichenden und vollbringenden Organe, welche das Tun als Tun oder das Innere als solches an ihnen haben; die Äußerlichkeit aber, welche es durch sie gewinnt, ist die Tat als eine von dem Individuum abgetrennte Wirklichkeit. Sprache und Arbeit sind Äußerungen, worin das Individuum nicht mehr an ihm selbst sich behält und besitzt, sondern das Innere ganz außer sich kommen läßt und dasselbe Anderem preisgibt. [...]
    Weil das Innere in Sprache und Handlung sich zu einem Anderen macht, so gibt es sich damit dem Elemente der Verwandlung preis, welches das gesprochene Wort und die vollbrachte Tat verkehrt und etwas anderes daraus macht, als sie an und für sich als Handlungen dieses bestimmten Individuums sind.« (HW 3.235)

Wenn der Mensch lernt, mit der Sprache zu handeln, indem er sich sprachlich äußert und mit seiner Sprache auf andere wirkt, wird in diesem Moment die Sprache als Medium erkennbar. Das gesprochene Wort ist in das Medium Sprache übergegangen und löst sich aus dem Innern des Sprechenden und seiner Intentionen. Es gewinnt innerhalb der Sprache eine Eigendynamik, und bisweilen wird der Sprecher überrascht sein, welche Wirkungen er mit seinem Wort ausgelöst hat und wie das Wort von anderen verstanden wird. In diesem Moment wird er sich der Wirklichkeit seines Selbstbewusstseins bewusst: Er beobachtet, was mit seinen Worten geschieht und welche Wirklichkeit sie entfalten. Sie werden in der Sprache als Medium von anderen aufgenommen und verbinden sich dort in der gemeinsamen Kommunikation mit der Sprache und den Handlungen anderer.

Stekeler sieht an dieser Stelle die weitere Entwicklung der Sprachwissenschaft vorweggenommen:

»Das Innere ist Sprache und Handlung. Klarer kann man es nicht sagen. Wir brauchen also nicht auf den linguistic turn nach Frege und den pragmatic turn im 20. Jahrhundert zu warten.« (Stekeler, 969)

Der linguistic und pragmatic turn haben der Wissenschaft eine Wende gegeben, die seither auf unterschiedlichsten Gebieten die Sprache studiert, von der Grammatik, der Frühgeschichte und regionalen Verteilung der Sprachen, über den frühkindlichen Spracherwerb bis zu Untersuchungen, wie Sprache eingesetzt und gebraucht wird (Theorie der Sprechakte und Pragmatik). Darüber hat sich das Wissen über die Sprache unglaublich erweitert. Hegel hätte sich sicher für diese Ergebnisse interessiert und an diesem Material seine Philosophie näher ausgeführt.

Aber die Sprachwissenschaft bleibt empirische Forschung. Sie sieht in allen ihren Forschungsgebieten die Initiative und die Macht ausschließlich bei denen, die sprechen, ihre Sprache bis hin zu Rhetorik und Propaganda einzusetzen wissen bzw. diese Fähigkeiten unterrichten. Von einer Macht der Sprache zu sprechen wird von ihr als Rückfall in vorwissenschaftliches Denken abgelehnt. Für Hegel ist dagegem nicht nur das Innere dessen, der handelt und spricht, bereits Sprache, für ihn liegt die Macht nicht nur beim sprechenden und handelnden Subjekt, sondern die Macht der Sprache tritt hervor, wenn sie das Innere verlassen hat, in der Kommunikation nach Außen getreten ist und dort zu wirken beginnt. An ihr zeigt sich die eigene Wirklichkeit des logos, von der der die Wissenschaft der Logik handelt.

Die Macht der Sprache ist im Mechanismus angedeutet. Darunter versteht Hegel nicht ein bloß formales, auswendig gelerntes, mechanisches Sprechen und Vor-sich-her-Plappern, sondern jedes System kann seinen Bestand und seine Macht nur erhalten, wenn es sich gegenüber seinen Elementen mitteilen kann. Das ist ein genuin sprachlicher Vorgang.

»Die Gesetze, Sitten, vernünftige Vorstellungen überhaupt sind im Geistigen solche Mitteilbare, welche die Individuen auf eine bewußtlose Weise durchdringen und sich in ihnen geltend machen.« (HW 6.416)

Das gilt übergreifend und selbstreflexiv für die Sprache. Eine Mitteilung kann im wörtlichen Sinn überwältigen. Selbst wer sich die Ohren zuhält, kann sich der Sprache nicht entziehen. Er kann auf Mitteilungen mit eigenen Sätzen reagieren. Aber er muss sich seinerseits der Macht der Sprache bedienen, um antworten zu können. Der Sprache gegenüber kann nur mit Sprache begegnet werden. Sie ist nicht negierbar (womit bereits eine Formulierung von Luhmann gebraucht ist).

Diese Aussage wird verständlicher am Grenzphänomen des Lichts, mit dem für Hegel der Mechanismus in den Chemismus übergeht. Das Licht ist nicht nur eine Nachricht oder ein Signal, sondern im Licht wird das verwandelt, auf das der Schein fällt. Nicht erst Heidegger war von dem Spruch des Heraklit beeindruckt: »Das Weltall aber steuert der Blitz (ta de panta oiakizei keraunos)« (Fragment 64). Ursprünglich war Keraunos ein eigenständiger Gott, der die vom Blitz getroffenen Stellen heiligte (Usener, 1, 3). Hegel verstand dessen Wirkung bereits in seinen frühesten Entwürfen als das »Sprechen des Äthers mit sich selbst« (JLMN, 199). In seinen späteren Schriften spekuliert er nicht weiter über den Äther, sondern zeigt, wie mit dem Mechanismus die Sprache hervortritt und aus sich heraus zum Medium führt.

Allerdings bleibt für ihn das Medium als »Mitte nur die abstrakte Neutralität« des chemischen Prozesses und dieser »facht sich nicht von selbst wieder an«, sondern erlischt, wenn die jeweilige Wandlung abgeschlossen ist. Der Chemismus enthält zwar »das begeistende Prinzip«, mit dem der Prozess angestoßen wird, aber es bleibt für Hegel im Chemismus den von ihm begeisteten Objekten äußerlich (HW 6.431-433). Das Medium ist daher für ihn nur ein Übergangsphänomen, eine »Naturnotwendigkeit« und befindet sich noch nicht in »freier Existenz« (HW 6.438), die erst mit Teleologie, Organismus und der Idee erreicht werden.

Ausblick auf die mediale Moderne und ihre Logik

So fällt Hegel mit seinem Begriff des Chemismus teilweise hinter das zurück, was er an der Knotenlinie der Systemzustände des realen Maßes gesehen hatte: Die Fähigkeit des Systems zur Höherentwicklung, in der der chemische Prozess keineswegs erlischt. Diese Lücke kann mit den Arbeiten des systemischen Denkens und des Radikalen Konstruktivismus des 20. Jahrhunderts geschlossen werden: Das sind die Selbstorganisation (Emergenz) von einfachen Prozessen in komplexere Gebilde, die unbeschränkte Vielfalt der Variationen (Mutationen) im Evolutionsprozess und die aus ihr hervorgehende Selektion weiterentwickelter Lebewesen, darauf aufbauend das neue Verständnis der Kommunikation in der Systemtheorie, in der Sprache die Unerschöpflichkeit ihrer Vorstellungskraft, Metaphern und Symbole, in philosophischer Betrachtung die Verselbständigung von Supplementen (Sartre, Derrida) und deren Rückkehr (Re-entry nach Spencer-Brown).

Alle diese Prozesse bedürfen eines Mediums (bisweilen auch als Grund bezeichnet), durch das sie vermittelt und von dessen Feedback-Schleifen sie getragen werden. Scheier spricht daher von der Ablösung der industriellen (mechanischen) Moderne durch die mediale (chemische) Moderne. Allerdings drohen diese Erfolge im Gegenzug zu einem neuen Reduktionismus zu führen. Das sich in einer selbstbezüglichen Reflexion seiner eigenen Freiheit bewusst werdende Bewusstsein wird letztlich als Störgröße des jeweiligen objektiven Prozesses angesehen, für das eine geeignete Therapie zu finden ist. »Es ist natürlich wahr, dass die Präsenz von Bewusstsein eine außerordentliche Komplizierung der Psyche bedeutet, und viele speziell menschliche Probleme und Fehlanpassungen entstehen durch diese Spiegelung eines Teils der Gesamtpsyche im Bereich des Bewusstseins.« (Ruesch, Bateson, 209) Mit Bewusstsein, Sprache und Rhetorik sind auch Lüge und Täuschung verbunden (Nietzsche 1873). Die Systemtheorie teilt nicht Hegels Optimismus von der Entwicklung der Sprache über alle inneren Krisen hinweg und würde – ohne es so deutlich auszusprechen – am liebsten auf Bewusstsein und in der Konsequenz auf Sprache verzichten zugunsten von »Information und Codifikation« (Ruesch, Bateson, 194, Kapitelüberschrift).

Doch von welchem Standort aus ist der Systemtheorie dieser Fortschritt möglich, wenn nicht von ihrem eigenen Bewusstsein und ihrer Freiheit, die Welt aus neuer Perspektive zu sehen? Ist das sich selbst beobachtenden Beobachtern möglich, solange sie sich nicht dessen bewusst werden, was sie tun? Mit ihren Vorbehalten gegenüber dem Bewusstsein und dessen Freiheit tendiert die Systemtheorie zu einer paradoxen Freiheit von der Freiheit bzw. dem fehlenden Bewusstsein fehlenden Bewusstseins und reduziert ihre Eigenwahrnehmung auf das bloße Dasein der inneren Bewegtheit des jeweiligen Mediums, über das die Differenzen übertragen werden, »ein Unterschied, der einen Unterschied ausmacht« (Bateson, 582), und verkürzt die Wandlungsmacht der Sprache auf die technisch gedachte »Umwandlung eines Unterschiedes« von einem Code in einen anderen Code (Bateson, 583). Scheier trifft ihr Selbstverständnis auf den Punkt: »Dies Bewußtsein ist gar nichts anderes als das Fürsichsein der Differenz, dies reine In-sich-erzittern.« (Scheier, 106)

Als Ausblick ergibt sich für mich: (i) Mit dem systemischen Denken ist das Verständnis chemischer Prozesse und ihres Mediums zu erweitern. Das umfasst insbesondere auch die von der medialen Moderne neu geschaffene Symbolsprache der Logik, die die traditionelle Logik bis hin zu den Formalisierungen von Frege und Russell weit hinter sich gelassen hat. (ii) In der Tradition von Hegel ist an der Logik der medialen Moderne die Offenbarung und Wandlungsmacht der Sprache aufzuweisen. Wenn es so gesagt werden kann, ist für das systemische Denken das Selbstbewusstsein der sich in ihr äußernden Freiheit nachzuholen. Dass diese Herangehensweise der medialen Moderne nicht völlig fremd und äußerlich ist, zeigt sich an den Offenbarungs- und Erlösungserfahrungen ihres Logikers Spencer-Brown und der bei Bateson aufblitzenden Erkenntnis, »ein Unterschied, der einen Unterschied ausmacht, ist eine Idee« (Bateson, 411, siehe auch 618).

Siglenverzeichnis

HSA = Friedrich Hölderlin: Sämtliche Werke und Briefe (Knaupp-Ausgabe, Hanser-Ausgabe neu), 3 Bd., München 1992

HW = Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Werke in 20 Bänden. Auf der Grundlage der Werke von 1832-1845 neu ediert. Red. E. Moldenhauer und K. M. Michel. Frankfurt/M. 1969-1971; Link

JLMN = Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Jenenser Logik, Metaphysik und Naturphilosophie, Leipzig 1923

Literaturhinweise

Dirk Baecker: Form und Formen der Kommunikation, Frankfurt am Main 2005

Gregory Bateson: Ökologie des Geistes, Frankfurt am Main 1981 [1972]

Karin Figala: Der alchemistische Begriff des Caput Mortuum
in: Hans-Georg Gadamer (Hg.): Stuttgarter Hegel-Tage 1970, Hamburg 1983, S. 141-151

Martin Heidegger: Aristoteles, Metaphysik Θ 1-3, Frankfurt am Main 2006

Julia Kristeva: Die Revolution der poetischen Sprache, Frankfurt am Main 1978 [1974]

Bettina Lindorfer, Dirk Naguschewski (Hg.): Hegel: Zur Sprache, Tübingen 2002

Niklas Luhmann: Die Gesellschaft der Gesellschaft, Frankfurt am Main 1998 [1997]

Warren McCulloch: A Heterarchy of Values Determined by the Topology of Nervous Nets,
in: Bulletin of Mathematical Biophysics, Band 7, 1945, 89-93; PDF

Friedrich Nietzsche: Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne (1873, aus dem Nachlass); gutenberg.spiegel.de

Jürgen Ruesch, Gregory Bateson: Kommunikation, Heidelberg 2012 [1951]

Georg Sans: Weisen der Welterschließung. Zur Rolle des Chemismus in Hegels subjektiver Logik
in: Hegel-Studien 48 (2015), S. 37-63.

Claus-Artur Scheier: Luhmanns Schatten, Hamburg 2016

Arno Schubbach: Der ›Begriff der Sache‹. Kants und Hegels Konzeptionen der Darstellung zwischen Philosophie, geometrischer Konstruktion und chemischem Experiment
in: Hegel-Studien 51 (2018), S. 121-162

George Spencer-Brown: Laws of Form, New York 1972 [1969]

Pirmin Stekeler: Hegels Phänomenologie des Geistes. Ein dialogischer Kommentar. Band 1, Hamburg 2014

Walter Tydecks: Das »Sprechen des Äthers mit sich selbst« (Hegel), Bensheim 2014,
unter: http://www.tydecks.info/online/logik_kraft_sphaere_hegel_aether.html

Walter Tydecks: Dynamische, geträumte und imaginäre Zahlen, Bensheim 2018,
unter: http://www.tydecks.info/online/zahlen_dynamisch_harmonisch_imaginaer.html

Walter Tydecks: Spencer-Brown Gesetze der Form, Bensheim 2019
unter: http://www.tydecks.info/online/themen_spencer_brown_logik.html

Hermann Carl Usener: Keraunos, ein Beitrag religiöser Begriffsgeschichte, Bonn 1904; PDF

Georg Werckmeister: Hegels Begriff der Chemie, Gelnhausen 2012; PDF

2019


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