Musik und Politik

Youra Guller - ein Dialog im KlassikAkzente Forum

28.9.2005 Youra Guller - The legendary Pianist (Frank Georg Bechyna)

Diese "geheime, aber bedeutende Pianistin unserer Zeit" (J Kaiser, 1978) wurde 1895 als Georgette Guller - Tochter eines russischen Vaters und einer ebenfalls hochmusikalischen rumänischen Mutter - in Marseille geboren, lernte den mit ihr dann befreundeten Alfred Cortot kennen, war in einem Wettbewerb Clara Haskil unterlegen - mit der sie bis zu deren Tod 1960 in Freundschaft eng verbunden war und mit der sie auch künstlerisch-pianistisch viel verband. Sie wurde von Moritz Rosenthal, Pablo Casals, Szigeti - mit letzterem hat sie viel gemeinsam musiziert - , Stravinsky, Clifford Curzon, ihren großen Geiger-Kollegen Huberman und Lord Menuhin ebenso verehrt wie von literarischen Größen wie Cocteau, Romain Rolland und André Gide. Maurice Ravel komponierte für sie ein kleines Werk, damit sie besser schlafen könne. Albert Einstein, Physiker und hochbegabter Hobbymusiker, widmete ihr "in Dankbarkeit" persönliche Zeilen. Mit Albert Einstein hat sie die Mozart - Sonaten für Violine gespielt.

Fünf Jahre nach der "Rückkehr der legendären Pianistin" (The Times, London) im März 1966 drückte Martha Argerich, die 1965 ihre internationale Karriere mit ihrem berühmten Londoner Chopin-Programm geschafft hatte (vgl. meine Besprechung in meiner Top Ten CDs der EMI in diesem Forum vom 13. April 2005) ihr ihre Bewunderung und Hochschätzung in ihrem Brief vom 1. September 1971 aus.

Youra Gullers Karriere hatte schon während des Ersten Weltkrieges begonnen, als sie u.a. mit dem zwei Jahre älteren Ernest Ansermet als Dirigent Beethovens G-Dur-Klavierkonzert gespielt hat. Zuvor hatte sie 14jährig in Paris 1909 einen 1. Preis für Klavier gewonnen. Ihre Karriere spielte sich durch die systematische Judenverfolgung mitbedingt überwiegend in Grossbritannien ab. Dort nahm sie im Alter von 79 Jahren nochmals Werke von J S Bach in der Bearbeitung von Franz Liszt, von Frédéric Chopin, Albeniz und Granados auf.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde sie ausgewählt, in London zu konzertieren. Ihre Pianistenkollegen waren Moritz Rosenthal, Emil von Sauer, Arthur Rubinstein, Josef Hofmann, Cortot und Solomon. Ihre Karriere erlitt durch verschiedene schwere psychische und physische Krankheiten erhebliche Einbrüche. Youra Guller stemmte sich mit einer enormen körperlichen und geistigen Kraft dagegen auf und kehrte auf das große Konzertpodium zurück.

Youra Guller, Zeichnung von Peter Feuchtwanger; Quelle

Leider gibt es zur Zeit von Mme Guller nur die von größter geistiger Durchdringung erfüllten Deutungen der beiden letzten Klaviersonaten Ludwig van Beethovens neben der hier hauptsächlich erwähnten CD.

Ihr technisches Können war schon so früh bekannt und anerkannt, dass sie in dem bis heute wohl besten deutschsprachigen Pianistenbuch von Walter Niemann (1921) als 26jährige Pianistin Aufnahme fand.

Ihr Klavierton ist virtuos - herb, wenn sie J S Bach oder selbst Chopin (etwa in der Étude op.25 Nr 2 , f-Moll, oder der vierten Ballade) interpretiert. Aber welch eine Leichtigkeit des Anschlages, welch sublim differenzierende Tonpalette in ihrer herrlichen Aufnahme von Albeniz' D-Dur-Sonate und welch fast überraschende, in feinsten tonalen Farbschattierungen ver- und bezaubernde Wiedergabe von Rameaus "Le Rappel des Oiseaux"!

Wer den bewegenden Artikel von Joan Chissell vom 19. März 1966 in der Londoner "Times" liest, der weiss, warum Youra Guller zu den grossen Künstlerpersönlichkeiten gehört. Und wer die Aufnahmen von ihr hört, kann nicht umhin zu sagen, dass sie auch eine der bedeutenden Pianistinnen war in einer Reihe mit Clara Haskil, Annie Fischer oder Marguerite Long.

3.10.2005 - Walter

Lieber Frank, mit großem Interesse lese ich diese Beiträge. Mir gefällt besonders, mehr über die französische Tradition zu erfahren und dort von Interpreten zu hören, die mir bisher nicht bekannt waren. Schon an den bisher vorliegenden Beiträgen ist zu erkennen, wie anders in Frankreich (und Großbritannien) die Rahmenbedingungen waren, unter denen nach 1945 musiziert und Interpreten wie deren Interpretationen bewertet wurden. Ich möchte Dich daher anregen, dies Thema (Unterschiede zwischen den nationalen europäischen Kulturen) mal näher auszuführen und Deine eigenen Erfahrungen einfließen zu lassen.

Ein zweiter Punkt ist die Krankheit von Youra Guller. Siehst Du darin ein Schicksal, dass sie mit vielen anderen Künstlern teilt?

3.10.2005 - Frank

Lieber Walter, es ist Tatsache, dass statistisch gesehen, Pianisten, Geiger oder Dirigenten der Spitzenklasse deutlich häufiger an psychischen Krankheiten leiden oder zumindest phasenweise während ihres Lebens erkranken als der soziologische Durchschnittsmensch. Nebenbei: im Tamino-Forum gibt es mindestens einen Arzt-Kollegen, der dies aufgrund seiner Tätigkeit bestätigen kann.

Psychische Krankheiten, wie auch bei Youra Guller, haben in aller Regel grossen Einfluss auf die Schaffenskraft, ja das ganz alltägliche Leben. Das bekannteste Beispiel ist wohl der arg strapazierte Vladimir Horowitz. Seine grosse Stütze war zweifelsfrei Wanda Toscanini-Horowitz. Mehr als alle Psychiater New Yorks. Ihr sehr robustes Wesen hat Horowitz vor einem irreparablen Abgleiten in die chronische schwere Depression gehindert. Gegenteilige Beispiele sind etwa Michael Rabin, der technisch so perfekte Geiger, oder Henryk Szeryng mit seinen übermächtig gewordenen persönlichen Problemen. Die Zerbrechlichkeit einer Clara Haskil oder die erstarrte innere Haltung nach langem Leidenskampf von Annie Fischer. Ich meine, dass wir dies bei Annie Fischer, etwa in ihrer Interpretation der B-Dur-Sonate von Schubert (Hungaroton) sehr wohl hören können ebenso wie bei ihren Interpretationen mehrerer Werke Schumanns, besonders der C-Dur-Fantasie.

Die Kultur, Du sprichst eines der wichtigsten Themen an, in verschiedenen Ländern, Regionen ist wesentlich für die künstlerische Entwicklung sehr vieler grosser Künstler. Julius Katchen oder Alexis Weissenberg haben in Paris erst das "Milieu", die atmosphärische Verdichtung gefunden, um überragende Interpreten zu werden.

In dieser Reihe von mir weise ich an einer Stelle ausdrücklich auf die lange französische Pianisten-Tradition hin. Kaum jemand kennt die 32 Klaviersonaten durch Yves Nat oder Eric Heidsieck (beide EMI) interpretiert oder Nats Schumann. In einem Heft von FonoForum wurde schon Anfang der 1970er Jahre sehr bedauert, dass es gerade bei EMI viele wichtige LPs in Deutschland nicht zu kaufen gab und weiterhin CDs nicht zu bekommen sind. Persönlich meine ich, dass sich die französische Schule keineswegs hinter der sog. russischen Schule zu verstecken braucht. Es gibt sogar sehr interessante Parallelen zwischen der Wechselwirkung Komponist und Interpret.

Die Situation in Deutschland ist ja durch die katastrophale Entwicklung des aufkommenden Nazi-Terrors bis heute anhaltend so dramatisch schlecht geworden. Und anders als in Frankreich gibt es bedauerlicherweise keinen mir bekannten Politiker von Rang (und vor allem Geist), der sich wirklich für Kultur kompetent interessiert. Die Lage wird bekanntlich sogar immer schlechter.

Frankreich mit Paris und Grossbritannien mit London haben den Vorteil des zentralen Staatsaufbaues. Dennoch finden wir gerade in Frankreich eine sehr erfreuliche Entwicklung besonders auf dem Gebiet der Oper, dass sog. "Provinz"-Städte wie Lyon erstklassige Leistungen hervorbringen.

Der französische Musik-Nachwuchs ist in der Kammermusik mit langer Tradition, bei den Geigern und einigen Pianisten doch hervorragend. Frage: Wo bleiben da z.B. die USA ???

London hatte das Privileg mit den Abbey Road Studios, in denen z.B. Schnabel seine 32 Beethoven-Sonaten aufnahm, er zwischen 1935 und 1937 Teile seiner berühmten Schubert-Deutungen aufnahm.

Es kommt meiner Meinung nach entscheidend auf das geistig - kulturelle Klima an, ob sich Kultur überhaupt entwickeln kann. Unter diesem Gesichtspunkt ist Deutschland in der Regionalliga .

6.10.2005 Zwischen intellektuellem Spiel und existenzialistischem Lebensgefühl (Walter)

Lieber Frank, in Deinen Beiträgen fällt mir auf, dass Du überwiegend ältere Aufnahmen vorstellst. Aus Frankreich kenne ich vom Hören eher die Dirigenten als die Pianisten. Und da ist es ähnlich. Wer folgte auf Monteux, Münch, Ansermet und Markevitch, alles Dirigenten, die mir sehr wichtig sind? Wie ist das zu erklären?

Frankreich ist mir besser vertraut von Literatur und Philosophie, und über deren politisches Engagement sicher auch die Politik. Es stimmt schon, dass führende deutsche Politiker schwer als Kunstliebhaber vorstellbar sind (Helmut Schmidt war eine Ausnahme, als er mit Justus Frantz und Christoph Eschenbach musizierte). Wie prägt das die Kultur? Frankreich sehe ich nach 1945 vom Existenzialismus geprägt, und dann von mindestens drei bitteren Erfahrungen: zu erleben, wie tief auch die politische Elite im kolonialistischen Denken und Handeln befangen war (Indochina- und Algerien-Krieg), so dass es zu einer tiefen Entfremdung kam (Stichwort De Gaulle). Gleichzeitig fiel spätestens mit dem Ungarn-Aufstand der andere Bezugspunkt weg, die kommunistische Bewegung. Und schließlich wachsende Unzufriedenheit über Erstarrungen innerhalb der Intelligenz (die "Mandarine von Paris").

Das alles führte zu persönlichen Krisen, und es ist für mich die Frage, wie sich das für die Künstler ausgewirkt hat, die Du vorstellst. War die Musik für sie ein Versuch, sich aus diesen Entwicklungen zurückzuziehen?

Und wie wirkte dann die Wende in den 1960ern, als der Existenzialismus in einer dramatischen Entwicklung aufgegeben wurde zugunsten einer Philosophie, die vom Tod des Subjekts ausgeht? Ist da Musizieren noch möglich?

Und doch war diese Wende auch nicht ganz unvorbereitet. Schon beginnend mit Wanda Landowska und den Kompositionen von Ravel fällt mir ein besonderes, bisweilen gläsernes, kristallklares, bisweilen ausgesprochen hartes Spiel auf. Das unterscheidet sich weit von dem Stil, der in Deutschland gepflegt wurde, und wo dann in der Nachkriegszeit entgegen aller Kalter-Krieg-Propaganda die Interpreten aus der Sowjetunion zu höchsten Ehren kamen (Oistrach und Richter wurden geradezu vergöttert, mit gutem Recht ...). Und dieser klare Stil scheint in Frankreich bewusst gepflegt worden zu sein in einer langen Tradition, die bis auf die Aufklärung und die Barock-Komponisten zurückgeht.

So scheinen die Künstler in Frankreich nach 1945 unter einer besonderen Spannung gestanden zu sein, zwischen einem harten, intellektuellen Spiel und einem existenzialistischen Lebensgefühl.

So weit ein paar vorläufige Gedanken zu einem Thema, das für mich noch ganz offen ist.

Krankheit: Hierzu werde ich mich bei Gelegenheit von einer anderen Seite melden. Was ist gegenüber Krankheit "Gesundheit"? Dazu lese ich weiter Texte zur Biographie von Clara Schumann.

7.10.2005 - Frank

Lieber Walter, Dank für die ausführliche Stellungnahme. Der Reihe nach:

1. Dass überwiegend ältere Aufnahmen in meinen "100 definitiven CDs und Interpreten" vorkommen, hängt absolut damit zusammen, dass es sich meiner Meinung und meinem musikalischen Geschmack nach um herausragende, "epochale Aufnahmen" (Norman Lebrecht) handelt. Über die Zusammenstellung kann man natürlich trefflich diskutieren. Es ist ja kein Absolutheitsanspruch.
Es werden in der "Endzusammenstellung" auch Aufnahmen fehlen, die von anderen als wichtigste, bedeutendste Aufnahmen überhaupt eingestuft werden / worden sind.
Um einige Künstler vorwegzunehmen, die sehr lebendig und sehr aktiv sind: Seiji Ozawa, der an anderer Stelle unisono als jemand destruktiv behandelt worden ist, mit dem "man" nichts anfangen könne, ist für mich seit vielen Jahren einer der ganz bedeutenden Dirigenten. Umsonst bleibt niemand so viele Jahre Chef des Boston Symphony Orchestras. Ist niemand solange in Tanglewood verpflichtet. Dirigiert niemand weltweit dermaßen erfolgreich seit dem Beginn seiner von Herbert von Karajan stark geförderten Karriere. Insgesamt kommt Ozawa mit zwei Dirigaten bei Klavierkonzerten und zwei Orchesterwerken vor.

2. Bei den Orchesterwerken hat er zwei Konkurrenten: Bei einer Aufnahme Igor Markevitch und bei der anderen Ernest Ansermet. Dies ist keine neue Meinung von mir, sondern ich habe dies vor ca. 6 Jahren schon andernorts "privat" per e-mail mitgeteilt. Ich werde die alten Unterlagen heraussuchen und nochmals kritisch durchlesen. Aber es wird, auch nach Deinem Hinweis zu Igor Markevitch und Ernest Ansermet, dabei bleiben. Igor Markevitch kommt auch zweimal mit Orchesterwerken vor. Ich schätze vieler seiner Aufnahmen. Zum Beispiel Berlioz "La Damnation de Faust". Seine Mozartklavierkonzerte mit der ein Leben lang so leidgeprüften Clara Haskil (Universal / Philips) und in der Edition "Great Pianists of the Century" bleiben einfach nicht übertroffen.

3. Über Frankreich, mein Land schlechthin, könnten wir Bücher schreiben. Ich hatte die Möglichkeit (und sie nicht wahrgenommen, jedenfalls bis heute nicht), ganz nach Frankreich zu gehen. Ein Versäumnis. Die "Macher" der französischen Kultur- und Wissenschaftspolitik waren alle hochintellektuell gebildete Damen und Herren. Einige von ihnen haben die aktive politische Bühne lange verlassen, stehen aber noch immer an der Spitze international bedeutender Einrichtungen. Etwa Jack Lang.

Frankreich war im Zweiten Weltkrieg keineswegs in einer Totalkonfrontation gegen Deutschland. Die Résistance-Bewegung ist die eine Seite, der Widerstand z.B. aus England durch de Gaulle eine zweite und die Kollaboration die dritte (darin waren mehr Franzosen aktiv als dies zugegeben wird) .

Die Zeit ab der Präsidentschaft de Gaulles hat Frankreich in die beiden grossen Lager geteilt: Nationalkonservativismus im Sinne eben der "Grande Nation" und die intellektuelle Entwicklung zum Existentialismus, etwa der Kreis um J P Sartre (dessen Lebenswerk ja aktuell wieder heftig diskutiert wird und dessen Einfluss möglicherweise jedoch nicht so lange "Schatten" geworfen hat , wie viele sich dies - zum Teil nicht zu Unrecht - gewünscht haben. Jedenfalls gab es einen enormen Stimmungsaufbruch gerade im "Rive gauche", also der linken Seineseite mit dem berühmte "Aux deux Magots" als zentralem Treffpunkt. (In der damaligen BRD und seit Helmut Kohl wieder treffen sich "die Intellektuellen" dann wieder in geschlossenen, meist politischen, Zirkeln in abgeschotteten bourgeoisen Villen.) Die Indochina - und Algerien - Kriege haben ihre Spuren im politischen Frankreich tief hinterlassen. Und dies wird so bleiben. Das intellektuelle Frankreich hat dies immer mit grösster Sorge beobachtet. Die Spätfolgen sehen wir deutlich an und in der politisch-kulturellen Rechten Frankreichs um Le Pen und Teilen der Partei Chiracs und Sarkozys, der keinesfalls der Heilbringer ist. Dominique de Villepain - man stelle sich vor eine deutsche Regierungschefin würde dichten und diese Gedichte auch noch veröffentlichen! - ist eine weitere hochintellektuelle Persönlichkeit mit einem ausserordentlichen kulturellen Niveau. (In den US, dies nebenbei, war Carter ein schwacher Präsident, aber er und seine Frau Rosalyn haben sehr viel für die Musik-Kultur getan; dies sollte auch einmal betont werden. Es gab nicht nur Camp David etc.) In Italien gab es in den 1980er Jahren eine ähnliche Entwicklung in der Zeit nach der Democrazia Christiana unter Figuren wie Fanfani & Co. Staatspräsident Pertini war eine aussergewöhnliche Persönlichkeit. Der erneute Absturz kam in Italien dann wieder unter den "Machern" vom Zuschnitt eines Berlusconi und den "Bürokraten" wie Prodi. Das kulturelle Niveau in Italien ist derzeit erschreckend. Denk bitte an den Niedergang der Mailänder Scala seit der "Spätphase" Mutis und dem Umbau der Scala. Jetzt ist nicht nur kein Geld da, sondern es fehlen auch renommierte Künstler. Signor Muti hat sich freundlicherweise "abgesetzt".

4. Die "wachsende Unzufriedenheit ... Intelligenz" (so Du) in Frankreich hat auch etwas mit ihrer völligen Aufsplitterung zu tun. Und weil die sog. "Linke" real nicht mehr existiert. Mit dem Tode von Präsident Mitterand, einem hochintellektuellen Mann im Elysée, hatte die sog. Linke keine Führungspersönlichkeit mehr. Objektiv war der Lebemann Mitterand natürlich nie ein Linker. Er war ein Weltbürger und übertraf mit seinem Lebensstil sicherlich die meisten der Gewohnheits-Bourgeois. Ich persönlich mochte ihn sehr. Mitterand war darüber hinaus sehr liberal und weltoffen.

5. Aus diesen Entwicklungen ergaben sich zwangsläufig individuellen Krisen, die sehr tief verankert sind in den Menschen.

6. Eines der Ergebnisse war und ist, dass sich die intellektuelle Elite deutlich zurückgezogen hat (man lese nur Le Monde oder das Magazin "Le Point", das man auch via Internet lesen kann), und dass sehr viele der heranwachsenden Musiker unter sich bleiben. Ein Beweis ist das von Martha Argerich jährlich geleitete Festival in Lugano. Die vorhandenen CDs können die atmosphärische Verdichtung leider nicht einfangen und wiedergeben. Das zum Teil herrliche, freie, losgelöste Musizieren ist dann schon beeindruckend !

7. Das, was wir unter der Philosophie des Existenzialismus (in Frankreich) verstanden haben und zum Teil noch verstehen, ist schon in der direkten Zeit "nach Sartre" zusammengebrochen. Und Sartre und seine Bewegung sind gerade aus Deutschland heraus, wo der Pragmatismus immer an erster Stelle stand, kaum zu verstehen.
Frage an Dich, lieber Walter: Gibt es ein Subjekt - wie Du es wahrscheinlich verstehst - in unserer Gesellschaft und Zeit überhaupt noch ???
Ich denke nein. Jedenfalls nicht in Deutschland - von wenigen Ausnahmen abgesehen.

8. Maurice Ravel mehr noch als Claude Debussy ist wahrscheinlich der Komponist (und sehr einflussreicher Pianist und Musikpädagoge), an dem wir die damalige Lage in Frankreich und seine Weiterentwicklung hervorragend analysieren können. Besonders ausgehend von der Zeit vor dem Ausbruch seiner schweren Erkrankung(en). Alleine die Vielfalt der ganz verschiedenen Ravel - Interpretationen von Vlado Perlemuter, Marguerite Long mit ihrer exzellenten Klavierlehre, Walter Gieseking, Benedetti - Michelangeli, Robert Casadeus mit seinem fast schroffen, herben Ravel, Alexis Weissenberg, Monique Haas bis zu Duchable, Claude Helffer oder Collard ist eine umfangreiche Analyse wert. (In der Aufzählung fehlen einige Interpretinnen / Interpreten). Bei Debussy finden wir interessanterweise eine enge Parallele, die interpretatorisch etwa durch A de Larrocha, Claudio Arrau, Rafael Orozco u.a. noch erweitert wird .

9. Der von Dir angesprochene "klare Stil" ist in Frankreichs Musikleben immer besonders gepflegt worden. Der Satz von der "lateinischen Klarheit" ist sehr wohl begründet.

10. Die Situation in Frankreich nach dem Zweiten Weltkrieg hat sehr viele Pianisten, Geiger, Dirigenten fast magisch angezogen. Und diese haben diese einzigartige Atmosphäre in sich aufgesogen und zurückgegeben (!!!). Wir denken im ersten Fall an Gilels, Horowitz, Weissenberg, Katchen, Richter (November 1961 mit einem reinen Schubert-Abend !!!), D und I Oistrach, Maria Callas (ich habe vorletzte Nacht eine wahre Geschichte gelesen, die alles bestätigt, was ich nachweisbar schon vor langem geschrieben habe; dazu in einem anderen Beitrag mehr), in "Palais Garnier" - der Pariser damaligen Oper - eine hervorragende Opernintendanz mit einem aussergewöhnlich breiten Repertoire auf sehr hohen Nieveau ! -, der auch in Theater und Zeitungswesen sich nach de Gaulle schlagartig öffnenden Weltkultur, die ihres gleichen bis heute sucht.

Krankheit versus Gesundheit.
Lieber Walter, dies ist ein Thema, dass Du schon mehrfach mit sehr interessanten Beiträgen aufgegriffen hast.
Dein Denkansatz "Was ist Gesundheit?" hat die WHO zum Entsetzen nahezu aller Gesundheits-Profis so einfach beantwortet, dass der Schock so gross war wie vor über 100 Jahren als der grosse Rudolf Virchow sagte, dass Medizin eine soziale Wissenschaft sei. Hatte er Unrecht?
Ich kann dies jetzt hier nicht vertiefen. Aber eine Frage : Müssen wir erst krank sein, um gesund werden zu können???

9.10.2005 Tod des Subjekts (Walter)

Lieber Frank, das ist anregendes Gespräch, das ich gern fortführen will. Deine Frage nach dem Subjekt ist doppeldeutig: Gibt es noch Menschen, die im klassischen Sinn als kulturell gebildetes Subjekt bezeichnet werden können, oder viel grundsätzlicher: Ist in der modernen Gesellschaft überhaupt der Begriff des Subjekts abhanden gekommen? Letzteres war wohl von den französischen Philosophen der 1970er gemeint. Was heißt das für die Musik und die Interpreten, sofern diese Aussage überhaupt geteilt werden kann? Kristeva kommt in ihrer "Revolution der poetischen Sprache" dem Bereich der Musik sicher am nächsten.

Ihrer Meinung nach war es Mallarmé, der als erster versucht hat, nicht mehr Gedichte zu schreiben, in denen die Erzählungen eines Subjekts zu erkennen sind, sondern durch Gedichte die innere Stimme des Textes und Sprachmaterials selbst zum Ausdruck zu bringen. Debussy griff das auf und vertonte sein Gedicht über den Nachmittag eines Faun. Noch deutlicher sehe ich in Debussys "La Mer" das Anliegen, nicht mehr zu beschreiben, was ein Musiker über das Meer zu erzählen hat, sondern dessen inneren Klang herauszuhören und in einer Komposition nicht mehr zu gestalten, sondern zum Hören zu bringen. Das Subjekt verliert seine aktive Rolle und hat das Selbstverständnis, passiv seine Aufnahmefähigkeit so auszubilden, dass es zu solchen Leistungen fähig ist.

Konnte der Impressionismus noch die äußeren Eindrücke sammeln und in Kunstwerken bündeln, so war dieser Ansatz da infrage gestellt, wo die äußeren Eindrücke gar keinen inneren Zusammenhang mehr zeigen, sondern vielmehr den Menschen überschwemmen und ratlos zurücklassen. Auf die Musik übertragen: Es gibt keine traditionellen musikalischen Kunstwerke mehr, sondern Musik wird austauschbarer Unterhaltungsbetrieb, also Musik, die ständig über die allgegenwärtigen Medien präsent ist. Diesen Schock sehe ich erstmals in der "Parade" von Satie zum Ausdruck gebracht, und das ist ihm offenbar so gut gelungen, dass das Werk in seiner Hässlichkeit keinen Anklang mehr fand. Damit war aber eine Frage in den musikalischen Raum gestellt, die bis heute niemand zu beantworten vermochte. Heißt Musik jetzt nur noch, das Geräuschhafte der Geräusche zu gestalten, so die Musik seit 1945 (in Frankreich durch Boulez vertreten)? Offenbar war das eine Sackgasse, und es ist eine ganz andere Frage, warum gerade in Europa diese Musik nur dank staatlicher Förderungen für Professorenstellen, Institute, Stellen in den Rundfunkanstalten, öffentlichen Konzertreihen künstlich überleben konnte. Offenbar erfüllt diese Musik nichts als einen bestimmten politischen Auftrag.

Wenn dieser Weg nicht weiter verfolgt wird, dann bleiben auf der einen Seite die Impulse aus dem Bereich des Jazz und im weitesten Sinn experimentierenden Pop. Warum ist es den klassischen Musikern nach 1945 nie gelungen, hieran Anschluss zu finden? Ich kann Dir folgen, mit welcher Begeisterung die Musiker nach Frankreich gingen, aber warum war es in Frankreich nicht möglich, all dies Potential zusammen zu führen, und die Anstöße etwa von Ravel fortführend eine eigene Musikrichtung zu finden? In ganz seltenen Fällen sehe ich Ansätze dazu etwa bei dem grandiosen Tuba-Spieler Michel Godard, der seit Jahren eine Wanderung zwischen den Welten versucht.

Eine andere Möglichkeit bestand darin, auf die innere Schönheit der großen überlieferten Meisterwerke zu vertrauen und in ihnen etwas "Geistiges" zu erkennen und vorzutragen. Das scheint mir das Anliegen der von Dir vorgestellten Künstler und Künstlerinnen zu sein. Ihren Interpretationen ist anzuhören, wie sie mit Herz und Seele, mit innerster Beteiligung bei den Stücken sind, die sie spielen, und doch bin ich überzeugt, dass sie spürten, wie diese Musik den Anschluss an die heutige Zeit zu verlieren droht und sich selbst mit dieser Musik in der heutigen Zeit nicht mehr sicher zu orientieren vermochten. Da vermute ich den Ursprung ihrer Krankheiten.

Schließlich ist es möglich zu versuchen, ob sich in Sprache bringen lässt, welche Gefühle die großen Musikstücke der Vergangenheit ansprechen, ob sie psychologische, mythologische oder religiöse Aussagen enthalten, die für größere Zeiträume gelten und daher auch heute noch schlüssig sind. Dazu versuche ich in meinen Texten im Tamino-Forum beizutragen. Haben diese Musikstücke noch die Kraft, auf eigene Probleme antworten und helfen zu können? Das führt stärker in die romantische Tradition und sieht sich zuende gedacht immer mit der Erfahrung konfrontiert, welche Auswüchse in dieser Tradition möglich waren.






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