Personen und Zeiten


Litauen im Juli 1994

Freitag

Mit einem uralten Flugzeug ging es von Hannover nach Palanga in Litauen, eine russische Maschine mindestens aus den sechziger Jahren, innen stank es gewaltig nach Reinigungsmitteln. Es war auch recht klein und die verschlissenen Teppiche rutschten am Boden hin und her. Christiane und Ruben warteten am Aussichtspunkt bis zum Abflug und bestätigten, dass das Flugzeug einen ungeheuren dreckigen Streifen hinterließ. Hanna war vom Flug ganz begeistert. Die Stewardess kam kein einziges Mal an uns vorbei, ohne dass mein Vater sie litauisch ansprach. Ich trank Sekt mit Orange, Hanna gefiel die Reiseverpflegung aus kaltem Geflügelbraten und einem sehr schönen Stück Kuchen als Nachtisch. Von oben konnten wir bei herrlicher Sicht Hänigsen, Wathlingen und den Irenensee bei Ütze sehen, später die Elbe, Dänemark, Süd-Schweden und die Ostsee.

Senkrecht flog das Flugzeug von der Ostsee auf die litauische Küste bei Palanga zu. Als erstes waren die Farben von Wasser, Strand und Kiefernwäldern zu sehen, dann direkt im Bogen über Palanga das von der wochenlangen Hitze verdörrte Gras und die großen Plattensiedlungen am Stadtrand.

Der Flughafen war natürlich viel kleiner als der in Hannover, überhaupt kein Betrieb, nur eine kleine Durchgangshalle. Die war allerdings im amerikanischen Stil der 50er Jahre komplett neu eingerichtet mit einer Bar, Kunstlederbänken, Propellern an der mit weißen Hölzern abgedeckten Decke. Lange mußten wir auf die Paßkontrolle warten und dann ging es mit dem Bus 25 km nach Klaipeda.

Zunächst einige Runden durch Palanga. Die Stadt wirkte, wie ich mir ein russisches Seebad vorgestellt hatte: Überwiegend Holzhäuser in verschiedenen Farben (vor allem weiß und hellgrün) und vielen verwinkelten Veranden, sehr breite Straßen zum Flanieren, überall Badegäste. Bei der Weiterfahrt nach Litauen war zu sehen, wie gut der Straßenzustand ist, bestimmt mit Frankreich vergleichbar. Aber alles war vertrocknet. Die Dörfer wirkten eigentümlich grau, da die weißen Steine nicht verputzt, sondern nur gefugt waren. Klaipeda begann mit erstaunlich schön gebauten, aber sehr eng stehenden, neuen Villen, wie ich es auf diese Weise in Westeuropa noch nirgends gesehen hatte. Kein Haus glich dem anderen, jedes hatte seinen eigenen Bogen, Vorbau und individuellen Grundriß. Am ehesten ähnelten sie italienischen Häusern. Aber kaum eins war fertig geworden, sondern vernagelt, teilweise von eingestürzten Gerüsten umgeben. Offensichtlich hatte es vor wenigen Jahren nach der Unabhängigkeit einen wahren Boom gegeben, der dann wieder erstickt ist. Die Mittelschicht muß anfangs große Hoffnungen gehabt haben, dann aber im Einkommen stark gedrückt worden sein. Am Stadteingang von Klaipeda ein kleiner Park, links eine Kaserne mit hohen Mauern und Reklame für einen Baustoffmarkt, dann eine Brücke, eine breite Geschäftsstraße mit vielen Geschäften, aber nur wenig Reklame und Schaufenstern, und schon waren wir in der Stadtmitte vor unserem Hotel.

Dort erwarteten uns Erna (Vaters Kusine), ihr Schwiegersohn Grischa, der unser Fahrer wurde, ihre Tochter Lidija und deren Tochter Inga. Erna und Inga hatten zur Begrüßung kleine Blumensträuße mitgebracht. Als das Gepäck im Hotel war, brachte Grischa uns und Erna nach Kretingale.

Kretingale lag fast wieder auf der halben Strecke zurück nach Palanga, und der erste Eindruck von Ort und Landschaft vertiefte sich. Überraschend viel Verkehr, überraschend viele neue deutsche Autos, aber dann auch wieder eine Kuh auf der Autobahn. Ernas Häuschen liegt am Rand von Kretingale mit einem recht großen Grundstück direkt an der Eisenbahn. In Sichtweite der alte Bahnhof "Deutsch-Crottingen". Immer wieder ratterten endlose, langsame Güterzüge vorbei. Im Garten 3 Gewächshäuser für die Selbstversorgung mit allen Gemüsesorten, 10 Bienenvölker, Kirschbäume, Johannisbeersträucher, ein angeketteter bellender Hund und kleine Ställe. Insgesamt sehr bäurisch, ohne ausgebaute Terrasse oder Sitzecke. Aber sehr ordentlich. Hanna gefiel sofort am besten der alte Ziehbrunnen, der sogar noch "funktionierte". Erna war bis vor kurzem im Krankenhaus gewesen, und während ihrer Abwesenheit war die eine Kuh in ihrem Besitz aufgegeben worden, weil sie die nicht mehr pflegen kann. Als nächstes wird wohl das Schwein aufgegeben werden müssen.

Beim Essen wurde überwiegend litauisch gesprochen, da Ernas Mann, der Ukrainer Stefan, und Grischa kein Deutsch können, und Vater selbst mit Erna lieber litauisch sprach, obwohl sie gern deutsch sprach. Mit der litauischen Sprache war er wie in einer anderen Welt. Zum ersten Mal gab es wie dann noch so oft eine große Tafel, und besonders Hanna wurde ständig zum Essen aufgefordert.

Die Wohnung war eingerichtet, wie ich es noch aus meiner Kindheit in den 50er Jahren kenne. Nur der Fernseher und das Telefon sind dazugekommen.

Schließlich drängte ich auf einen Spaziergang durch das Dorf, schon allein nach dem vielen Sitzen im Flugzeug, Bus und Auto und beim Essen. Wir gingen die Dorfstraßen zur kleinen Kirche. Alles war natürlich recht ärmlich, aber bei weitem nicht so heruntergekommen, wie ich es beispielsweise an den Rändern italienischer Städte erlebt hatte. In der großen Hitze waren nur wenige Menschen auf der Straße, die Kinder wirkten irgendwie mißtrauisch.

Die Kirche steht auf einem kleinen Hügel am Rande des Dange-Tal. Das Dange-Tal ist wirklich wunderschön. Mitten in der sonst so flachen Landschaft, die ganz der bei Hänigsen oder Eppelheim gleicht, hat sich die Dange ihr Flußbett gegraben. Gerade zog ein Pferdekarren durch. Vater erzählte, dass in dieser Richtung der Weg in sein Heimatdorf ging, das etwa 7 km entfernt ist. Im Winter wurden von einem Pferd ganze Ketten von Rodelschlitten hergezogen, und der Abhang zur Dange diente als Rodelbahn.

Die Kirche ist eine der ältesten im Memelgebiet, schon 1620 zur Zeit der beginnenden Reformation gebaut, als dort die litauisch-sprachigen Gottesdienste eingeführt wurden. Nach dem Krieg war sie als Scheune genutzt worden mit weiteren Scheunen-Anbauten, und seit der Zeit von Gorbatschow darf sie wieder auf Staatskosten renoviert werden. Der Turm und die vordere Front waren schon fertig, beim Blick durch die Tür war zu erkennen, dass auch innen recht bald mit der Bestuhlung angefangen werden kann. Vater hatte viel Spendengeld für die Renovierung mitgebracht, das aber wahrscheinlich für das gegenüberliegende Gemeindehaus genutzt werden soll, um die staatlichen Zuschüsse nicht freiwillig zu verschenken.

Die Kirche war das große Thema von Erna. Nach dem Krieg waren an die Stelle der weggezogenen evangelischen Deutschen katholische Litauer aus der angrenzenden Zemaitie nach Kretingale gezogen und wollten nun bei der einsetzenden Glaubensfreiheit ebenfalls die Kirche haben. Erna ließ sich aber darauf nicht ein, sondern gründete eine kleine Gemeinde mit inzwischen 67 Mitgliedern und setzt unterstützt vom ehemaligen Kolchos-Vorsitzenden und den zuständigen Behörden durch, dass die Kirche rein evangelisch genutzt werden kann.

In Burgdorf sprach ich Vater noch einmal darauf an, warum nicht nach der langen schwierigen Geschichte in einem Akt der Versöhnung eine gemeinsame Nutzung angestrebt wurde. Er hatte des Erna auch gefragt, und sie hatte auf das Beispiel von Nidden verwiesen, wo das versucht worden war, dann aber die Katholiken mit dem Argument der eigenen Sakramente die Kirche immer mehr für sich beansprucht und die Vereinbarungen gebrochen haben. Hierzu ist zu sagen, dass seit 1420 das Memelgebiet zu Deutschland (bzw. Preußen) gehörte, wobei die Grenzziehung nicht der Sprachgrenze entsprach, da alle Gebiete in dieser Gegend überwiegend von Litauern bewohnt worden waren. Aber im deutschen Teil setzte sich die Reformation durch, in Litauen dagegen bei der Anbindung an Polen der Katholizismus.

So wurde die politische Grenze auch zur Kirchengrenze. Die Kirche hat seit der Reformation entsprechend der Lehre von Luther die Heimatsprache akzeptiert, aber nach 1870 wurden unter Bismarck in Schule und Kirche die deutsche Sprache durchgesetzt. Kirche und Schule waren die beiden entscheidenden Kulturträger und wurden systematisch dafür genutzt, das Deutschtum gegen das Litauertum durchzusetzen. Nach 1920 wurde gerade auch mit dem Argument der Verteidigung der evangelischen Kirchen im Memelgebiet die Rückgabe des Gebiets von Litauen an Deutschland gefordert, nachdem der Versailler Vertrag diesem Gebiet zuerst Autonomie gegeben hatte und dann der Besetzung durch Litauen stillschweigend zugesehen worden war (da die Siegermächte an einer Stärkung Litauens gegen Deutschland interessiert waren).

Vater erzählte, dass ursprünglich auf diesem Hügel sicher wie auch an anderen vergleichbaren Stellen heidnische Kultstätten gestanden hatten. Hinter dem evangelisch-katholischen Konflikt steht damit im Grunde noch der alte Konflikt der Christianisierung, wobei Litauen am längsten in ganz Europa das Heidentum bewahren konnte. Die Volkskunst in Litauen, die sehr stark gepflegt wird, verweist ganz eindeutig überwiegend auf die heidnischen Wurzeln. Auch Vater wies bei allen Gelegenheiten auf diese Traditionen hin. Auf den ersten Blick typisch sind die vielen gewundenen Muster, die naturnahen Gestalten, die Pferdeköpfe auf den Häusern. Die Pferde waren als die ursprüngliche Energiequelle bei Arbeit und jeder Bewegung fast heilig, erst das Christentum brachte die Verteufelung mit Pferdefuß und Ächtung des Pferdefleisches.

Müde von der Reise fuhren wir um 9 Uhr nach Klaipeda zurück und legten uns sehr früh ins Bett. Leider wurde es dann in dieser Nacht wie auch den folgenden sehr laut und heiß, hinzu kamen noch die vielen Eindrücke, so dass ich nur schlecht schlafen konnte.

Samstag

Für Samstag und Sonntag wurden die Fahrten geplant, weil Grischa am Wochenende nicht arbeiten musste und uns kutschieren wollte. Nach dem Frühstück um 9 Uhr holte er uns ab und wir fuhren wieder nach Kretingale. Erna erzählte gleich, dass der Tagesablauf geändert werden muß, da überraschend 3 Kirchenleute aus Bremen und Rügen ihren Besuch angemeldet hatten, und sie nicht absagen wollte, da es um Unterstützung ihrer Gemeinde ging. Vater war darüber doch etwas enttäuscht und das Gespräch mit ihnen sollte schwierig werden.

Zunächst aber fuhr Grischa uns mit Erna und Inga nach Karkle, dem Heimatort der Tydekai. Erna war unterwegs entsetzt, wie viele Kornfelder Disteln enthielten. Sie sagte, für ihren Vater sei das immer ein sehr schlimmes Zeichen gewesen und deutet auch jetzt auf den schlimmen Zustand der Landwirtschaft hin. Dies Jahr kommt die extreme Trockenheit hinzu, wodurch die Kartoffeln ganz klein bleiben und das Getreide an der Wurzel schon trocknet, wo die Körner noch gar nicht ganz ausgereift sind.

Von einem kleinen Parkplatz ging es wenige Schritte durch einen Kiefernwald und an einem der zahlreichen Basketball-Felder vorbei zum Friedhof. Der Friedhof war wie ein verwilderter Garten in den Dünen. Die Gräber waren kreuz und quer angelegt, mit den unterschiedlichsten Grabmalen. Erna und Vater kannten fast alle Namen, darunter auffallend viele Tydecks. Ein Grab war eingebrochen. Vater erzählte, dass früher eine einfache Dünenpflanze der schlichteste und schönste Grabschmuck war, und wie er mit seinem Vater oft die wenigen Schritte von Karkle über den Strand zum Friedhof gegangen war.

Unmittelbar hinter dem Friedhof begann der Strand, der mir sehr gut gefallen hat. Er war nur recht schmal, nicht ganz feiner Sand, und dann die Düne mit ihren kleinen "Balkons" aus Sand.

Erna und Grischa blieben mit Hanna und Inga am Wasser und suchten Bernstein (Grischa schenkte mir dann einen, den er in dieser kurzen Zeit tatsächlich gefunden hat), während ich mit Vater über die Düne zum ehemaligen Dorf ging. Er erzählte, dass es früher nur aus wenigen Holzhäusern bestanden hatte, von denen eins Tante Berta gehörte, das er geerbt hätte, da sie keine eigenen Kinder hatte. Heute ist davon nichts übrig geblieben, stattdessen wurde ein großes Feriendorf für Kinder gebaut, das aber nur mäßig besucht war.

Am Rande des Feriendorfs waren zwei einzelne Holzhäuser stehen geblieben, die an die frühere Zeit erinnerten. Dahinter floß der kleine Tydecks-Bach durch die Dünen in die Ostsee, an dem entlang wir dann zurückgingen.

Weil wir das Holzhaus näher anschauen wollten, sprach Vater einen Litauer an, der seit einiger Zeit dort beschäftigt ist, und kam wie so oft in ein langes litauisches Gespräch. Der Litauer war jünger (wohl kaum älter als ich), ähnelte aber äußerlich wie von der Art her wirklich auffallend dem Vater. Während sie sprachen, schaute ich durch das kleine Tal des Tydecks-Flüßchens auf die Ostsee und träumte davon, wie landschaftlich schön es meine Vorfahren dort hatten, auch wenn das Leben mit kleinen Fischerbooten, Winterstürmen und so bestimmt hart gewesen sein muß. Ich versuchte mir vorzustellen, wie seinerzeit ihre Träume über die Ostsee nach Amerika wanderten, wohin um die Jahrhundertwende der Großteil der väterlichen Vorfahren meines Vaters ausgewandert war (im wesentlichen nach New York) und zu denen der Kontakt ganz verloren gegangen ist. Wieder bei den anderen sprang ich kurz ins eiskalte Wasser, während Erna zügig zurück wollte.

In Kretingale half Erna Lidija beim Kochen für die vielen zu erwartenden Gäste. Hanna spielte mit Inga, die für eine Verständigung genug deutsch gelernt hatte, Vater unterhielt sich unter dem Kirschbaum mit Stefan, der Kartoffeln schälte, und Grischa, der Kirschen über Kirschen aß. Ich wußte einen Moment nicht wohin, setzte mich dann aber einfach dazu, und nach einiger Zeit begann Vater mir in gewissen Abschnitten zu übersetzen, worüber er mit Stefan sprach. Trotzdem waren hier und auch später solche Gespräche für mich sehr anstrengend, da ich nicht direkt ins Gespräch eingreifen und Fragen nur indirekt über Vater stellen konnte und instinktiv doch allen Worten folgte, um etwas herauszuhören, was mir aber nur soweit gelang, wenn bestimmte Namen fielen.

Stefan war als Partisan mit der Roten Armee nach Litauen und anschließend ins frühere Ostpreußen bis Elbing gekommen. Erna war mit ihren Verwandten dort geblieben. Mit Stefan war sie dann für einige Jahre in die Ukraine (seine Heimat) gegangen, aber anschließend mit ihm in ihre Heimat zurückgekehrt. Auf meine Frage bestätigte er, dass ihm die Eingewöhnung anfangs sehr schwer gefallen war, aber die Lebensumstände in Litauen waren in der Sowjetunion weit besser als in der Ukraine. Schließlich waren sie in der Kolchose beschäftigt, Erna als Leiterin der Imkerei zuständig für weit über 100 Bienenvölker, er einer ihrer Mitarbeiter. Mit den heutigen Verhältnissen in Litauen ist er sehr unzufrieden und denkt mit Sehnsucht an die Breschnjew-Zeit der 70er Jahre zurück. Damals hatten sie sich dank ihrer Stellung in der Kolchose das Häuschen bauen können. Die öffentliche Ordnung war allgemein akzeptiert, insgesamt ging es ihnen gut. Vater wies in solchen Gesprächen immer darauf hin, dass diese Zeit doch bereits die Probleme enthielt, die dann zum heutigen Zustand geführte, was die meisten jedoch nicht wahrhaben wollen.

Auf einmal kam Hanna weinend an, weil sie von einer Biene gestochen worden war. Weder ein kaltes Messer noch Zwiebeln halfen. Ich ging mit ihr in die Küche, wo Lidija gleich den Stachel sah und herauszog. Sofort ging es wieder besser. Hanna war ganz aufgebracht: "Bienen müssen doch sterben, wenn sie gestochen haben". Die Biene hatte sich aber noch in ihrem Haar verfangen, wo ich sie rausgescheucht hatte.

Zum Mittagessen kamen dann wie angekündigt ein Pfarrer und ein Kirchenvorsteher aus Bremen und eine Pfarrerin aus Rügen. Der ehemalige Kolchos-Vorsitzende hatte sie aus Klaipeda abgeholt. Er war wie ich Jahrgang 1952 und wirkte ganz so, wie ich mir einen vorbildlichen Parteisekretär auf dem Dorf vorgestellt hatte: Strahlender Blick, Fähigkeit andere mitzureißen, Eintreten für alle sozialen Belange in seiner Umgebung. Nach Auflösung der Kolchose ist er Vorsitzender der nachfolgenden Bauerngenossenschaft geworden und wird zugleich Ernas Nachfolger als Gemeindevorsitzender. Die Art und Weise der Auflösung der Kolchose ist das große soziale Problem in Kretingale. Ohne vorher eine klare Inventur gemacht zu haben, was Erna besonders kritisierte, wurde alles privatisiert. Das führte natürlich dazu, dass vorweg jeder durch Betrug und Intrigen versuchte, einen möglichst großen Anteil zu ergaunern. Vor allem aber verfallen die gemeinsam genutzten Gebäude der Kolchose zusehends, da sie von den Privatbauern so nicht mehr genutzt werden können, oder eben ausgeräubert worden waren. Dadurch geriet die Landwirtschaft in einen ziemlich desolaten Zustand.

Die Atmosphäre mit den Kirchenleuten war die ganze Zeit sehr gespannt. Die Pastorin aus Rügen hatte immerhin eine Sonderkollekte gesammelt, die sie Erna für die Gemeinde übergab, die beiden Bremer hatten nur den Auftrag zu erkunden, ob sich für diese Gemeinde so etwas wie eine Patenschaft lohnt. Vormittags waren sie bereits mit ähnlicher Mission in Klaipeda gewesen. So stellten sie nun wie Finanzbeamte lauter Fragen zur Häufigkeit der Gottesdienste, Einnahmen und Ausgaben der Gemeinde, ob die Gemeindemitglieder auch wirklich unentgeltlich an der Kirchenrenovierung mitarbeiten, Kindergottesdienst usw. Zugleich betonten sie ständig das schwierige Verhältnis zur katholischen Kirche, das dem polnischen Papst zu verdanken sei.

Nachdem sie stundenlang freundlich bewirtet worden waren, stellten sie fest, dass die Leute in Klaipeda die Lage offenbar viel trostloser finden als hier auf dem Lande. Da ging Erna förmlich hoch. Sie hat zwar genug zum Leben und es droht kein Hunger. Aber ihre eigenen Kinder leben in Klaipeda, ein großer Teil ihrer Rente geht drauf für die Beschaffung von Heizmaterial für den Winter, und falls sie ernst und länger krank werden sollte, weiß sie keine Perspektive. Als dann weiter nachgefragt wurde, ob sie daran denkt, nach Deutschland auszureisen (wie viele in Klaipeda), antwortete sie, dass sie das jederzeit könne, da sie den deutschen Paß besitzt, aber wegen ihrer Kinder nicht wolle.

Noch nicht einmal das genaue Nachfragen in finanziellen Dingen war das Unangenehmste (wobei die Pfarrerin aus Rügen fast gar nichts sagte), sondern die Haltung als Wohltäter von oben herab. Der Pfarrer erzählte nebenbei, dass sie gerade auch einer Körperbehinderten in Rumänien helfen, dass ihn nach weltweiten Erfahrungen bis hin in "Neger-Basars" nichts mehr überraschen könne. Vater war die ganze Zeit sichtlich verärgert und äußerte das so, dass er sich immer wieder in das Gespräch einmischte, sehr viel Detailwissen über die Verhältnisse in Litauen vorbrachte und die Unkenntnis der Kirchenleute aufdecken wollte, manchmal auch demonstrativ litauisch sprach. Umgekehrt habe ich mich über die endlose Geduld von Erna etwas geärgert, der doch vorrangig daran gelegen war, einen guten Eindruck zu hinterlassen.

Später erklärte Vater, dass solche Besuche offenbar von der Kirche in großem Umfang gemacht werden mit dem Ziel, die Auslandsdeutschen mit vergleichsweise wenig Geld zum Bleiben in ihrer jetzigen Heimat zu bewegen. Ich habe mich in dem ganzen Gespräch zurückgehalten und mich immer mehr über die Rücksichtslosigkeit gewundert, mit der die Kirchenleute in eine familiäre Situation einbrachen und nicht im geringsten versuchten, darauf einzugehen, sondern nur ihre vorbereiteten Fragen abarbeiteten. Dafür kamen zum Schluß dann salbungsvolle Worte, wie schön es doch sei, dass angesichts der düsteren Lebensperspektive so viel langfristige Arbeit in die Kirchenrenovierung gesteckt wird.

Zwischen dem langen Mittagessen und dem reichlichen Abendbrot fuhr Grischa uns dann die kurze Strecke nach Plicken, Vaters Heimatdorf. Er erzählte, wie er mit seinen Eltern früher oft die Strecke von Plicken nach Karkle mit dem Pferdewagen gefahren ist und bei jedem Hof seine Eltern den neuesten Tratsch über die Bewohner austauschten. In dieser kleinen Gegend kannte jeder jeden.

In Plicken erreichten wir gerade noch den Pfarrer, der schick angezogen mit seiner Frau zu einer Hochzeit aufbrach. Wie der Parteivorsitzende entsprach auch er ganz meiner Vorstellung: Etwas vergeistigt, aber mittendrin im Landleben. Seine Tochter schloß die Kirche auf. Die Orgel ist abgerissen, am Manual einer kleineren Orgel noch die Spuren der russischen Gewehre zu sehen. Auffallend war besonders ein riesiger, hässlicher Ofen, wodurch man sich aber richtig die Stimmung an kalten Wintersonntagen in der Kirche vorstellen konnte.

Die Kirchenbänke waren am Gang mit Blumen geschmückt, was Hanna besonders gefiel. Auf der Gefallenentafel des 1. Weltkriegs Vorfahren mütterlicherseits des Vaters.

Gegenüber das neue Gemeindehaus, das früher Vaters Schule war. Sie bestand aus zwei Klassen für die Jahrgänge 1 - 4 und 5 - 8. Eigenartigerweise konnte ich mir in Karkle das Leben meiner Vorfahren viel lebendiger vorstellen als in Plicken, wo doch viel mehr erhalten war.

Der Friedhof wirkte insgesamt ähnlich verwildert wie in Karkle. Er war aufgeteilt in die Abschnitte für Plicken und Graumen. Die Wälder am Horizont gehörten schon zur Zemaitie und waren früher Ausland.

In ihre Richtung führte früher der Weg nach Graumen und zum Hof, wo mein Vater aufgewachsen war. Er suchte zur Orientierung nach einen früherem Bach und hoffte, dass ein Feldweg den früheren größeren Weg anzeigen könne, aber es war vergebens. Nur Felder. Im Ort zeigte uns Vater noch verschiedene Geschäfte von früher, aber wir waren inzwischen recht erschöpft.

Weil die Stimmung mit den Kirchenleuten nicht so angenehm war, drängte ich recht früh zur Rückkehr nach Klaipeda. Bei der Hitze und dem Lärm hätten wir so wie so noch nicht schlafen können und unternahmen daher einen sehr schönen ersten Spaziergang durch die Altstadt von Klaipeda.

Diesmal waren wir allein, und Vater erzählte in jeder Straße von seinen Erinnerungen. Überwiegend handelten sie von den Fahrten mit seinem Vater zum Verkaufen in Klaipeda. Direkt neben dem Theater befand sich der Hof, wo die Pferde abgestellt wurden. Der Pferdehüter wurde immer Friedrich genannt, und Friedrich sagte jedem neu hereinkommenden Pferdebesitzer, dass für sein Pferd genau der beste Platz freigehalten worden sei.

Abends wirkte die Stadt schöner, in einigen Gässchen gab es kleine Künstlerlokale mit Namen wie "Bohemia", laute Jazz-Musik. Auf den Straßen keine bedrohlichen Gestalten, sondern insgesamt eher eine angenehme, südliche Stimmung. Sehr viele Häuser waren renoviert. Leere Plätze zeigen, wo Häuser zerstört wurden. Noch ist umstritten, ob sie durch ökonomisch einträglichere Neubauten oder Wiederaufbau im historischen Stil gefüllt werden sollen. Nach diesem Gang fühlte ich mich gleich heimisch in Klaipeda.

Sonntag

Am nächsten Tag holte uns Grischa zu unserer längsten Fahrt ab, die auf Umwegen bis Tilsit führte, leider wieder in sehr großer Hitze. Vater hatte sich eine Route zurechtgelegt, die dem Fluchtweg seiner Eltern mit Hans entsprach. Zuerst hatte mein Großvater gehofft, mit einem Pferdewagen auf die Flucht gehen zu können. Als sie in Memel mit dem Pferd nicht auf die Kurische Nehrung übergesetzt wurden, hoffte er weiter, an anderer Stelle die Memel überqueren zu können. Aber schnell zeigte sich, dass der Kriegsverlauf das nicht zuließ, und mit viel Glück konnten sie dann bei Vinten mit einem Floß auf die Nehrung übersetzen. In Burgdorf bewahrt Vater noch die Briefe von der Flucht auf.

Erster Halt war Priekule, wo bei Kriegsende eine Kirche abgebrannt worden war, weil die Russen nationalsozialistische Symbole in ihr vorfanden. An ihrer Stelle erinnerte ein Denkmal an die erste litauische Bibelübersetzung durch einen dortigen Pfarrer. Grischa war nicht mitgegangen und spendierte uns vor der Weiterfahrt ein Eis.

Die Kirche in Kinten war in einem Brief der Großeltern erwähnt, ein schöner Kirchbau. Daneben ein Denkmal für Vydunas, der hier einige Jahre Dorfschullehrer war.

In Vinten kamen wir direkt ans Kurische Haff mit einem wunderschönen Blick auf die Nehrung. Mit Hanna ging ich auf dem befestigten Ufer entlang. Ungefähr an diesem Abschnitt müssen die Großeltern geflohen sein. In die andere Richtung ein schöner Blick zur Mündung der Minge. Vinten wird von Ornithologen genutzt zur Bestimmung von Vogelflugstrecken.

Wenig später überquerten wir auf einer hohen Brücke die Minge, eigenartiger Blick in die Stromlandschaft. Im Fluß badeten einige. Überhaupt wurde es allmählich unerträglich heiß, auf langen Sandstrecken fuhren wir weiter. Nach einem Halt in Silute/Heydekrug machten wir wenig später Picknick an einer Kirche in der Nähe einer sowjetischen Musterkolchose. Grischa hatte Eier, Brot und Saft mitgenommen. Während Vater sich mit einem anderen zufälligen Besucher unterhielt, hatte Hanna nach der Umstellung in Klima und Essen erste Darmprobleme.

Schließlich erreichten wir die litauisch-russische Grenze an der Memel vor Tilsit. Weil Vater seinen Reisepaß als Pfand abgab, durften wir auf die Brücke bis zur Mitte vor dem stehen gebliebenen alten Brückentor. Von dort hatten wir einen weiten Blick über den Memelstrom. Obwohl die Memel sehr dreckig sein soll, badeten viele, manche Stellen wirkten wie richtige Badestrände. Über die Brücke war ein erstaunlich lebhafter Fußgängerverkehr, so als wären gar nicht zwei Länder begrenzt. Tilsit selbst wirkte ungeheuer grau. Fast keine Menschen oder Fahrzeuge zu sehen. Dies Gebiet Nordostpreußen ist eine reine Militärgegend mit schätzungsweise 250 bis 350 Tausend Soldaten. Die Geschichte 1945 - 1947 muß äußerst brutal gewesen sein. Die Sowjets hatten den Anbau von Getreide und Gemüse verboten und so eine Hungersnot herbeigeführt, der weit über die Hälfte der Menschen zum Opfer fielen. Wer zum Betteln nach Litauen fahren konnte, wurde dort gastfreundlich aufgenommen. Über die letzten Jahre erzählte Grischa, dass er nun umgekehrt wie etliche andere nach Tilsit ohne Probleme zum Tanken fuhr, als die Sowjetunion Litauen die Erdöllieferungen gesperrt hatte.

Der Memel-Strom berührte wirklich eine archaische Vorstellung von mir. Das wurde durch den Abstecher zum Rombinus noch verstärkt. Nur wenige Kilometer entfernt auf litauischer Seite liegt dieser dichtbewaldete Berg mit Steilabhang zur Memel, der für die Litauer eine der wichtigsten heidnischen Kultstätten war. Seit Jahren werden die Johannis-Feiern wieder begangen. Oben steht ein unscheinbarer Opferstein, durch die Bäume ergibt sich ein herrlicher Blick auf die Memel und das angrenzende Nordostpreußen.

Anschließend fuhren wir auf direktem Weg zu Grischas Wohnung und trafen dort seine Frau Nina und ihren sechsjährigen Sohn Eduardas. Im Moment geht es Grischa und seiner Familie nicht besonders gut. Er arbeitet in einem Fleischkombinat, Nina ist technische Zeichnerin, die im Moment aber auf der Werft nur Gelegenheitsarbeiten erhält. Der ältere Sohn Arturo, den wir nicht getroffen haben, schlägt sich mit Kleinhandel durch, indem er mit einem PKW Ware aus Polen holt und in Klaipeda verkauft. Er hat selbst schon ein kleines Kind.

Da Grischa und Nina beide nicht deutsch sprechen, ergab sich für mich kein rechter Kontakt. Einmal brachte Nina Fotos, vor allem von Arturos Hochzeit und Besuch von anderen westdeutschen Verwandten aus dem Rheinland, es ergab sich aber nicht, dass wir sie gemeinsam anschauten und Vater die Kommentare übersetzt hätte. Umgekehrt zeigte er dann ein kleines Fotoalbum von Mutter über ihre Enkel.

Montag

Vormittags gingen wir zunächst zum Theologischen Zentrum im alten Gemeindehaus in der Altstadt, wofür Vater Buch- und Geldspenden mitgebracht hatte. In dem schön renovierten Gebäude empfing uns ein überaus energischer Geschäftsführer, der uns das ganze Gebäude zeigte: der große Flur enthielt einen Flügel und konnte für kleine Konzerte genutzt werden, der ehemalige Ofen war als lauschige Sitzecke neu eingerichtet, mehrere Seminarräume, ein Technikraum mit PC und Fax-Gerät, im Keller eine Bibliothek, und ein Raum enthielt eine archäologische Ausgrabung, wo zu sehen war, wie das Gebäude über eine Steinstraße im früheren Memel gebaut war.

Er selber war in russischer Verbannung gewesen, die er nur mit viel Glück überlebt hatte. Der dienstführende Professor war vorher in Hannover und verbrachte zur Zeit seine Ferien auf dar Nehrung. Zum Abschluß lud er uns in ein nahegelegenes Cafe ein.

Nachmittags fuhren wir mit der Taxe zu Lidija und Olga. Nach einem Essen, das mich sehr an die Kochkunst von Tante Berta erinnerte, spielten Hanna und Inga zusammen, während wir uns unterhielten. Nur einmal war Hanna sehr erschreckt, als eine Freundin von Inga ihr ihren Hund zeigen wollte und der sie gleich ansprang.

Selten habe ich Vater in einem Gespräch so ernst zuhören und antworten erlebt. Schon in Burgdorf hatte er erzählt, dass Lidija mit Erna große Konflikte hatte, weil sie bewußt ihr Kind allein erziehen wollte und nicht verheiratet ist. Zunächst ging es um die Lebensumstände in Klaipeda. Lidija unterrichtet an der Mittelschule Nähen. Während früher die Arbeit beim Staat für sie gegenüber anderen eine Besserstellung bedeutete, ist sie jetzt im Vergleich zu Freundinnen, die privat arbeiten, stark unterbezahlt. Von dem Lehrergehalt kann sie nicht leben. Daher gibt sie noch privat weitere Nähkurse für Hausfrauen und näht selbst Kleidung im Privatauftrag für einen Auftraggeber, der ihr das Material stellt. Nach der Unabhängigkeit wurde allen zu einem sehr günstigen Preis die eigene Wohnung angeboten, was alle wahrgenommen haben. Sie hat zusätzlich noch eine kleine weitere Wohnung, für die sie sehr wenig Miete erhält. Allerdings handelt es sich immer um recht trostlose Wohnungen in dem riesigen Neubaugebiet. Jetzt hat sie allerdings Sorge, Auftragsarbeiten zu verlieren, da inzwischen das Angebot an Konfektion in den Kaufhäusern größer wird, und die zahlungskräftigen Kunden, die an selbstgenähter Kleidung interessiert sind, weniger werden.

So überlegt sie sich, ob sie sich auch selbständig machen sollte. Dagegen spricht vor allem, dass sie nach langjähriger Arbeit als Lehrerin beim Staat einige Ansprüche und Absicherungen hat, die sie nicht einfach aufgeben will. Auch ist die Situation der vielen Selbständigen äußerst riskant. Ähnlich wie in Rußland setzt sich allmählich eine mafia-ähnliche Struktur durch, wo sich nur behaupten kann, wer auf alte Beziehungen im Staatsapparat und seinen vielen Organen zurückgreifen kann. Denn nur dort können die notwendigen Wirtschaftskontakte hergestellt werden.

Im Gegenzug erkundigte sie sich als einzige auch nach meinem Beruf, Einkommen und Lebensumständen. Umgekehrt fragte ich dann, ob Inga ihren Vater kennt. Als kleines Mädchen hatte sie noch öfters Kontakt zu ihm, inzwischen fast nicht mehr. Lidija meint aber, dass sie sie nach den ersten 12 Jahren auch die nächsten 6 Jahre wird durchbringen können. Die Situation als Alleinerziehende ist schwierig, da sie ihre Arbeitszeit nicht recht mit den Schulzeiten von Inga koordinieren kann.

Sie sprach von sich aus ganz offen an, dass sie bewußt allein erzieht, weil sie von den Männern nicht viel hält. Dabei gebrauchte sie - wie der Vater mir erklärte - ein litauisches Wortspiel, wonach die Männer nichts taugen außer die verwandten. Vor allem kritisierte sie deren Alkoholismus.

Als sie fragte, warum ich nicht litauisch kann, gab der Vater mir die Frage gleich mit seiner Antwort weiter, dass wir Kinder das ja nicht gewollt hätten. Darauf habe ich doch deutlich protestiert, da wir gar nicht gefragt worden sind, ob wir litauisch lernen wollen. Uns wurde das gar nicht angeboten. So ging plötzlich das Gespräch in deutsch zwischen dem Vater und mir hin und her und er hat davon nur wenig übersetzt, aber ich glaube, Lidija hat schon verstanden, dass hier ein Konflikt zwischen uns beiden vorlag.

Im anschließenden Urlaub auf Spiekeroog habe ich das Buch von Vydunas über die 700 Jahre deutsch-litauische Beziehungen gelesen und dort wurde ganz zentral herausgestellt, dass von deutscher Seite besonders die litauische Sprache verachtet wurde. Ähnliches bestätigte ja im letzten Jahr Anni über das Verhältnis zur polnischen Sprache.

Bei Lidija sagte ich dem Vater, dass nach meinem Eindruck für ihn die litauische Sprache etwas Exklusives zwischen ihm und seinen Eltern war und er überhaupt einen ganz klaren Trennstrich zwischen seiner litauischen Vergangenheit und seinem Leben in Deutschland gezogen hat, wobei wir Kinder nicht zur litauischen Tradition gezählt wurden. Und nur durch die nicht absehbar gewesenen Umwälzungen seit 1989 ist das nun infrage gestellt.

Umgekehrt zweifelte Vater, ob wir überhaupt Interesse an Osteuropa hatten. Ich versuchte zu erklären, dass uns wichtig war, selbständig reisen zu können, und da war nur der Weg in den Westen offen.

Nochmals tauchte der Konflikt um die Sprache auf, in Klaipeda. Auf dem Lande wurde litauisch gesprochen, in der Schule und in der Stadt nur deutsch. Die Städter wurden als arrogant empfunden. Lange Zeit war es den Bewohnern vom Lande regelrecht untersagt, sich in der Stadt als Handwerker oder Händler niederzulassen. Schon bei der Busfahrt vom Flughafen zum Hotel war mit aufgefallen, dass hier gegenüber den gebürtigen Memelerinnen der Vater viel reservierter war als es sonst in dieser Woche seine Art war.

Inga schenkte Hanna eine litauische Puppe und mehrere Streichholzschachteln voll von selbst gesammelten Bernsteinen. Da wußte ich dann doch nicht, ob sie nicht umgekehrt uns vorhalten würden, dass wir gar keine Geschenke mitgebracht hatten. Aber ich wußte gar nicht, wen und wie intensiv wir treffen würden.

Von Lidija ging es kurz ins Hotel zurück und dann wieder mit der Taxe zu Olga und Slava mit ihrem 3-jährigen Sohn Juri, der dritten der drei Töchter von Erna. Nach dem für mich sehr interessanten, aber auch anstrengend zu verfolgenden Gespräch bei Lidija ließ ich mich nun nur noch ins Sofa sinken, trank litauisches Bier und spielte ein bißchen mit Jurgi Luftballon. Den beiden ging es am schlechtesten von allen. Slava, ein in Litauen gebürtiger Russe, ist arbeitslos und Olga lebt von verlängertem Mutterschaftsurlaub. Am Schluß gab es für Hanna nochmals einen kurzen Schreck, als sie in einen abgeschalteten Fahrstuhl ging und durch ein Mißverständnis für einen Moment die Türen geschlossen wurden.

Abends kaufte ich mir vor dem Hotel noch privat den Bildband von Ciurlionis. Der Mann hatte mich morgens im Geschäft angesprochen, als er gesehen hatte, dass ich danach suchte. Während Vater sich mit ihm weiter unterhielt, ging ich zu Hanna ins Zimmer zurück und blätterte vor dem Einschlafen noch etwas darin und las den Vorspann.

Dienstag

Vom Reisedienst wurde eine Busfahrt auf die Kurische Nehrung angeboten. Außer uns nahmen nur zwei Memelländerinnen mit ihren Männern teil. Die eine hatte uns ja schon bei der Busfahrt vom Flugzeug angesprochen.

Gleich der erste Halt war am beeindruckendsten: eine Fußwanderung über den Hexenberg. Über die ganze Nehrung erstreckt sich ein langer Höhenzug, der im letzten Jahrhundert überwiegend mit Fichten bepflanzt wurde. Eine Düne gilt als Hexenberg, und hier hatten in den letzten Jahren zahlreiche Künstler zu verschiedenen Märchenmotiven Holzskulpturen aus Baumstämmen aufgestellt. Noch nie habe ich moderne Kunst aus neuerer Zeit gesehen, wo so überzeugend die Verbindung mit alten Traditionen und der umgebenden Landschaft gelungen ist.

Kurz vor Nidden war das Thomas-Mann-Haus der nächste Halt. Er hat es sich Anfang der 30er Jahre vom Geld des Nobelpreises als Sommerwohnsitz bauen lassen. Von der früheren Ausstattung war innen nichts mehr erhalten, sondern eine langweilige Ausstellung mit Büchern und Fotos. Aber Blick und Lage am Rande des Kurischen Haffs waren schon toll. So sahen wir nun genau in die entgegengesetzte Richtung nach Vinten, wo wir zwei Tage zuvor gestanden hatten. Die Stimmung war wieder eine eigenartige bezaubernde Mischung von nord-ost- und südeuropäischen Eindrücken. Litauen ist offensichtlich nicht nur meßtechnisch der Mittelpunkt Europas.

Bei Nidden konnten wir von einem befestigten Aussichtspunkt auf einer Düne auf die große Wanderdüne schauen, die selbst nicht betreten werden darf. Hiervon hatte schon Humboldt geschwärmt, der Wüste in der Ostsee. Ein kleiner Gang führte hinunter in das Dorf, wobei wir uns ein erstes Mal verliefen und dann essen gingen mit der Reisegruppe.

Am Nachmittag teilte sich die Gruppe für 3 Stunden auf. Wir gingen eine knappe halbe Stunde quer über die Nehrung von der Haffseite zur Ostseeseite an den Badestrand. Wie an allen Tagen war es äußerst heiß. Der Strand war eingeteilt in Textilstrand und FKK-Strand, wobei am FKK-Strand der erste Abschnitt ein reiner Frauenbadestrand war. Hanna war überrascht, dass der FKK-Strand über den Frauenstrand zu erreichen war. Im Vergleich zu Karkle war das Wasser wesentlich wärmer geworden, bestimmt 18 - 19 Grad, so dass ich mit Hanna zweimal richtig schwimmen konnte und zwischendurch am Strand spazieren ging. Der Sand ist ungewöhnlich fein. Die Stimmung ist wie an allen Stränden, recht starker Betrieb. Allerdings gibt es hier keinerlei Strandburgen wie in Deutschland. Und mir fiel auf, dass die Badegäste am Strand im Stehen Zeitung oder Bücher lesen und nicht im Liegen.

Nach der Rückkehr fanden wir zwar den Reisebus, aber die anderen Reisegäste hatten sich verlaufen und wir mussten einige Zeit warten. Da der Busfahrer nur so über die Nehrung jagte, waren wir dann doch recht früh wieder im Hotel. Während Hannah müde war und sich etwas ausruhte, suchte ich mit Vater nach dem Geschäft mit Musik-Noten. Es hatte zwar geschlossen, aber wir gingen dann im gleichen Viertel weiter zu seiner ehemaligen Schule. Vorbei am für damalige Verhältnisse sehr modernen litauischen Gymnasium kamen wir zu einem großen preußischen Bau, der mich an die Schule in Lehrte erinnerte. Aber diese Schule war noch viel größer, war umgeben von einem riesigen Park und war für nur 130 Schüler eingerichtet. Der Platzbedarf je Schüler war also gewaltig, in jedem Raum standen Klaviere. Klavier- und Gesangsunterricht waren Bestandteil des Stundenplans. Gegenüber der Schule war die Endstation der Kleinbahn, mit der Vater im Winter zur Schule fuhr. Im Sommer fuhr er mit seinen Schulkameraden die 17 km mit dem Fahrrad. Seine Jugendfreundschaften, so mit Willi Kirwitzki, gehen auf diese Zeit zurück. Die Fahrtstrecke teilten sie sich mit Karamel-Bonbons ein.

Auf meine Frage, ob es zu keinen Spannungen mit den reichen Bürgersöhnchen gekommen ist, antwortete er, dass damals in der NS-Zeit alle Uniform trugen und dadurch solche Unterschiede stark ausgeglichen waren. Insgesamt war er nach den 8 Schuljahren in Plicken 2 - 3 Jahre auf dieser Schule.

Schon in frühen Jahren, ab der 2. Schulklasse, hatte er den Wunsch nach dieser Ausbildung und arbeitete zielstrebig darauf hin, die Aufnahmeprüfungen zu bestehen. Durch den Krieg nahm dann die Ausbildung einen anderen Verlauf. Auf jeden Fall war unverkennbar, wie gern er sich an diese Jahre zurückerinnert.

Die Schule liegt im vornehmen Viertel von Klaipeda und wir kamen auch an dem Haus vorbei, wo Tante Berta bei Familie Lorenz Haushälterin war. Zuerst war sie fast noch als Mädchen von Karkle nach Tilsit gegangen, damals fast eine Weltreise, und hatte dort zu arbeiten begonnen. Bei freier Unterkunft und Verpflegung gab es praktisch keinen Lohn, geregelte Arbeitszeiten ebenfalls nicht. Als dann die Tochter der Familie nach Memel ging, konnte sie mitgehen.

Unterwegs sprachen zwei jüngere Frauen den Vater an, Archäologinnen in Klaipeda. Die eine kannte ihn von früher, später erzählte er, dass sie ihm ein wertvolles Buch geschenkt hatte und er nur aufgrund der Kürze der Zeit nicht auch mit ihr einen Besuch vereinbart hatte. Wieder fiel mir die ungebrochene Freundlichkeit im Gespräch auf, auch wenn ich natürlich kein Wort verstand, und spätestens jetzt wurde deutlich, wie sehr Vater unter der Situation in Burgdorf gelitten haben muß. Dennoch drängte ich weiter, weil ich Hanna nicht so lange im Hotel allein lassen wollte. Durch den Skulpturen-Park, ein ehemaliger Friedhof, der mir mit seiner überwiegend real-sozialistischen Kunst nicht so gefiel, gingen wir zügig zurück.

Abends nahmen wir erstmals am Essen der Reisegruppe teil, ein 3-gängiges Menü in einem schönen Restaurant am Rande der Altstadt. Zum Abschluss noch etwas durch die Altstadt und wie auch an den folgenden Tagen vom Hotel die Dange entlang bis zu ihrer Mündung am Hafen, wo die Sonne über der Kurischen Nehrung unterging.

Mittwoch

Am Vormittag waren wir bei Marta, einer früheren Nachbarin meines Vaters in Plicken, zum zweiten Sektfrühstück eingeladen. Auch sie empfing uns so freundlich wie eine nahe Verwandte, kümmerte sich um Hanna wie um eine eigene Enkelin und wollte gleich alles über unsere bisherige Reise wissen. So kamen wir auf die Flucht der Großeltern über Vinten zu sprechen. Ihre eigene Mutter war nach ihrer Geburt nervenkrank geworden und als Bauersfrau ausgefallen, was für ihren Mann schon hart genug war. Bei der Flucht kreuzten sich ihre Wege mit denen meiner Großeltern. Wegen eines falschen Wortes gegenüber vorbeikommenden Russen wurde ihr Vater festgenommen und verschleppt, sie sah ihn nicht wieder. Mit ihrer kranken Mutter konnte sie die Flucht nicht fortführen und blieb in der Gegend. Nach dem Krieg lernte sie ihren Mann kennen, der aus Vilnus gekommen war und in der menschenleeren Stadt Bäcker wurde, "weil er so gern am Meer spazieren ging". Die Jahre des großen Wachstums der Stadt brachten viel Arbeit. Jetzt leben sie von ihrer winzigen Rente ebenfalls in der Neubausiedlung von Klaipeda. Da wir fast nur deutsch sprachen, konnte sich ihr Mann nicht beteiligen, aber es war unübersehbar, wie er sich an der Freude seiner Frau über den Besuch beteiligte.

Am frühen Nachmittag holte uns Grischa zum Mittagessen nach Kretingale ab und mit seinem Sohn Eduardos fuhren wir nach Palanga. Die Innenstadt ist weiträumig für Autos gesperrt und so mußten wir einen langen, aber schönen Weg durch die Hauptstraße und den Park zum Bernstein-Museum gehen. Nur die Sonne brannte wieder sehr heiß, und Hanna hat trotz ihres Durchfalls gut durchgehalten. Sie wollte auch selbst gern zum Museum und anschließend an den Badestrand. Kurz hinter dem Museum kehrte Vater nochmals kurz zurück, um einen wertvollen Bernstein mit Insekten-Einschluß zu kaufen. Als ich mit Hanna etwas weiter zu einer Bank im Schatten gehen wollte, die aber nicht mehr in Sichtweite zum Museum war, kam der kleine Eduardos fast weinend zu mir und zog mich zurück.

Die Ostsee war inzwischen so warm, dass wir beliebig weit rausschwimmen konnten. Nur hatten sich durch die Wärme auch viele Algen gebildet, so dass das Schwimmen nicht mehr so viel Spaß machte wie am Tag vorher bei Nidden.

In Kretingale gab es ein letztes Abendessen und den Abschied mit Fotos. Wie an den anderen Tagen gingen wir in Klaipeda nochmal an die Dange-Mündung.

Donnerstag

Für diesen Tag hatte sich das Architektenehepaar Martynas und Marija Purvinas angesagt. Sie kamen über Nacht mit dem Zug aus Kaunas und konnten außerdem noch einige Dinge in ihrem Yacht-Club erledigen. Vater hat sie bei einer seiner letzten Fahrten auf einer Fahrt über das Kurische Haff kennengelernt. Im Frühjahr hatten sie nach einer Einladung zu einer Ostseetagung 10 Tage lang mit ihm Norddeutschland besichtigt.

Nachdem Vaters Koffer nach Abgabe aller Geschenke leer geworden war, füllte er sich nun mit neuen Bergen an litauischer Literatur über Architektur, eine kleine holzgeschnitzte Truhe und schon einem Kaffee-Service von Marta.

Vormittags gingen wir mit Frau Purvinas durch die Stadt einkaufen. Anfangs fiel mir das Gespräch mit ihr etwas schwer, da sie einerseits gern deutsch sprechen wollte, mich dann aber kaum verstand. Im Laden für zemaitische Volkskunst kaufte sie dann einige Teile Küchen-Geschirr als Geschenk für "Kristiane".

Ihr Mann war im Club-Gebäude geblieben und hatte dort etwas gearbeitet. Der Yacht-Club ist eher eine Bürgerinitiative für die Neugestaltung des alten Hafens. Sein Vater war früher Segellehrer. Jetzt hat der Club ein schönes Vereinsgebäude an der Dange, wo Hanna sich auf einem Sofa ausruhte, als wir zur alten Burg und durch den Hafen gingen. Für die Renovierung des alten Hafens liegen genaue Pläne vor, andere Club-Mitglieder basteln an alten Schiffen, eine ganze Sektion beschafft durch Verkaufsgeschäfte Geldmittel zur Eigenfinanzierung.

Ein anderes Projekt bezieht sich auf die Neugestaltung des Dorfes Priekule. Erstaunlicherweise bezeichneten sie den Wiederaufbau in Deutschland als vorbildlich.

Vom Clubhaus fuhren wir mit einem kleinen Boot über den Burggraben zum direkt gegenüber liegenden Burggelände. Die Wallanlagen sind noch erhalten. Herr Purvinas machte ständig seine Späßchen, weil überall Vorbereitungen für das am Abend beginnende Hafenfest zu sehen waren, zu dem auch der Präsident von Litauen Basauskas (ein ehemaliger Kommunist) kommen sollte, dessen politische Linie ihm nicht gefiel. In der Burg waren einige Teile ungeschickt renoviert, an anderer Stelle waren archäologische Ausgrabungen im Gange, von denen auch die Archäologinnen berichtet hatten. Wie bei der Altstadtrenovierung gibt es noch kein klares Konzept.

Schon auf dem Burggelände waren die ersten Werft- und Hafenanlagen, die zur sowjetischen Zeit strengstes Sperrgebiet waren. Jetzt konnten wir völlig ungehindert dort hindurchschlendern, so einfach wäre das in keinem deutschen Werksgelände gewesen. Schon das zeigt die fast anarchische Übergangssituation, in der Litauen im Moment steckt. Die alte Ordnung ist vorbei, eine neue hat sich noch nicht durchgesetzt. In einem Gebäude sahen wir, wie im westdeutschen Auftrag zwei Kamerane (zweibugige Schiffe) gebaut wurden. Dies ist eins der ganz wenigen joint-venture-Projekte. In den meisten Fällen kommt es nicht dazu, da sich verschiedene bürokratische Stellen gegenseitig blockieren und ein großes Geschiebe im Gange ist, wer sich von den vielen neuen Selbständigen wird durchsetzen können. Die Entwicklung von Mafia-Strukturen wurde von den Architekten mit großer Sorge gesehen. Besonders die Polizei sei jetzt schon stark durchsetzt.

Am Hafenrand gingen wir in eine kleine Werkskantine. In diesem Gelände arbeiten noch heute überwiegend Russen, und entsprechend war die Stimmung mit russischer Folklore aus dem Lautsprecher, alles recht schmuddelig und leger, die Arbeiter mit dem klassischen Proleten-Selbstbewußtsein. Wir tranken Kaffee und aßen eine Kleinigkeit.

Im Hafengelände waren viele alte verlassene Anlagen zu sehen. Einige Schiffe wurde beladen, offenbar mit Schmuggelware (Holzbrettern).

Auf dem Rückweg holten wir Hanna im Clubhaus ab und gingen ins Hotel, wo wir uns für eine kurze Mittagspause hinlegten. Nachmittags setzten wir mit einer kleinen Fähre auf die Kurische Nehrung über und besichtigten das Freilichtmuseum mit einem typischen Fischerhof, wo Vater alle Geräte erklären konnte, und gingen in ein Aquarium, was Hanna besonders gefallen hat. Sie wäre auch gern zu einer Delphin-Vorstellung gegangen, aber dazu kam es nicht mehr, da die Architekten weitere Freunde trafen und wir alle uns zu Eis, Sekt und Bier im Museumsrestaurant niederließen.

Wieder zurück im Hotel gingen wir mit inzwischen ganz leeren Mägen ein zweites Mai zum Essen der Reisegruppe in ein Fisch-Restaurant gleich gegenüber dem Hotel. Es wurde ein wirklich hervorragender Zander aufgetischt, dazu Salat und ein Nachtisch.

Im Hotel warteten die beiden schon auf uns und wir gingen für das Abschiedsgespräch zum Clubhaus. Inzwischen waren die Vorbereitungen für das Hafenfest sichtlich weiter gediehen. Während Vater sich mit dem Architekten auf litauisch über politische Fragen unterhielt, erkundigte sich seine Frau bei mir nach den deutschen Trinkgewohnheiten. Ihre Situation ist nicht einfach: Noch zu Sowjetzeiten wurden ihm eine feste Anstellung und auch nur die Habilitation an der Uni unmöglich gemacht. Aber auch seit der Unabhängigkeit blieb ihm so etwas wie eine Rehabilitation verwehrt. So arbeitet er in fester Anstellung zu einem extrem geringen Lohn in laufenden Projekten. Vater meint, sein Einkommen sei geringer als die Rente von Erna.

Gleichzeitig sprudeln sie nur so über voller Ideen und Interessen und zeigen die gleiche Gastfreundschaft, wie wir sie sonst erlebt haben. Sie dürften ungefähr in meinem Alter sein und wirken wie altgewordene 68er, die ihren Lebensstil nicht verraten haben. Ich habe sie zu einem Besuch nach Bensheim eingeladen, aber dazu wird es kaum kommen können, da sie nur im Rahmen einer bezahlten Einladung zu einer Tagung anreisen könnten.

Vater blieb noch etwas länger, als ich mit Hanna zum Hotel schlafen ging. Gleich neben dem Clubhaus hatte inzwischen ein Rock-Konzert begonnen, und ständig strömten Jugendliche herbei, viele mit Rucksäcken, die von weither zum Übernachten gekommen waren. Kaum jemand war älter als 25, es wirkte wie bei den Musikwellen Anfang der 60er, 70er oder 80er Jahre. Aus der Diskothek bzw. Konzertsaal war harte Punkmusik zu hören. Aber wie auch sonst in Klaipeda wirkten die Jugendlichen nicht aggressiv, verzweifelt, bedrohlich, unter dem Einfluß harter Drogen, sondern euphorisch wie am Beginn einer Jugendbewegung.

Freitag

Gleich nach dem Frühstück fuhr der Bus zum Flughafen in Palanga. Vor dem Hotel warteten Lidija und Inga und verabschiedeten uns bewegt. Im Bus und Flughafen war die Stimmung etwas gereizt, mit viel Ellenbogen wurde um die Plätze gerangelt. Der Flug selbst war nicht mehr so aufregend wie der Hinflug. Ab Deutschland waren erste Wolken zu sehen und nach Hannover tauchten wir durch dichte Wolken ein, am Boden waren es nur noch 20 Grad. Aber das war nur von kurzer Dauer, schon nachmittags stiegen die Temperaturen wieder auf über 30 Grad, wie all die Wochen vorher.

Mit strahlenden Augen holte uns Christiane ab und ließ sich von unserer Begeisterung etwas anstecken. In Burgdorf aßen wir ein kleines Mittagessen und packten nachmittags unsere Sachen für die Weiterreise am nächsten Tag nach Spiekeroog.

Walter Tydecks, September 1994




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