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Personen und Zeiten |
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Erinnerungen und Briefe von Michael Tydecks an seinen Sohn Martin
Flucht am 8. Oktober 1944. Die Frauen, Kinder und Männer über 65 Jahren verließen am 8.10.44 die Heimat. Männliche Personen von 16 - 65 Jahren sollten zurückbleiben. Das Vieh wurde in Baugskorallen zusammengetrieben. Der 8.10.1944 war ein Sonntag. Ich mit meinem Sohn Hans brachte das Vieh hin, nachdem meine Frau mit ihrer Mutter von Hause weggefahren war. Nicht weit von Preugschas-Korallischken traf ich sie noch einmal. Frau Lankuttis mit ihren Eltern hielt mit ihnen zusammen. Ich hatte dem Kints gesagt, er möchte unterwegs als einzige männliche Person auch auf mein Fuhrwerk achtgeben. In Baugskorallen bei Krebs verabschiedeten wir uns. Ich mit Hans mußten bei der Landwacht bleiben.
Als wir zurückkamen, liefen noch viele Kühe herum und ich wollte mir auch ein paar einfangen, kam aber nicht mehr dazu. Die Weideketten blieben im Erlengebüsch an Müllers Roßgarten liegen. Als ich nach Plicken kam, traf ich am Pfarrersfeld den Paetzel, Ilgauts, Limant, Gwildis und Budweth. Die kamen von Kerschies und sagten, dass wir nachts Wache gehen müßten. Ich ging zum Kerschies, um Munition zu holen, denn er hatte uns um 3 Uhr dorthin bestellt. Nachher ging ich nochmal nachhause, um Schweine zu füttern und Abendbrot zu essen.
Der Wachtmeister hatte bestimmt, dass ich, mein Sohn, Erich Putnins, ein Paar Landdienstler, Paetzel, Lismant, Wolfs und Scharkinnis in der Bürgermeisterei bleiben sollten und auf weitere Befehle warten. Nachts sagte die Wehrmacht, auf was wir eigentlich warteten, wir sollten machen, dass wir fortkommen, denn um die Zeit schoß der Russe schon in Ragawischken ein. In der Gruppe beim Kerschies war der Vitauts-Kloschies, der hatte allerlei Kankaline mitgebracht und der Kerschies war die ganze Nacht und auch am anderen Morgen blau, so dass er die Zunge kaum umdrehen konnte. Als der Zoll und die Post gegen Morgen des 9.10. auch schon fort waren, sagte er, er hätte direkte Verbindung mit dem Polizeihauptmann in Memel, und wir sollten noch abwarten. Die Kleinbahn sollte noch einmal fahren, und wir sollten mit der Kleinbahn mit. Als die Kleinbahn fahren sollte, schickte er Erich Putnins und noch einen zur Grenze als Patrouille. Zu der Zeit sollte der Russe schon in Jakubowa gewesen sein. Als sie zurückkamen, ließ er die Landwacht wieder aussteigen und zurückbleiben. Meinem Sohn Hans nahm er das Fahrrad weg und gab es dem Paetzel, der sollte zurückbleiben. Darauf fuhr ich, mein Sohn und Limant nach Memel. Gegen 4 Uhr war Ogilvi telefonisch nicht mehr zu erreichen.
In Memel waren die Hauptstraßen von der Wehrmacht überfüllt. An der Jakobus-Kirche traf ich einen Wehrmachtswagen, der uns beide mitnahm. Ich hatte die Absicht, bis Heydekrug zu fahren und dort auf meinen Wagen zu warten. Das Fahren mit dem Wagen ging langsam, weil die Straße sehr verstopft war. Nicht weit vom Althofer Gut fuhr ich an Kaisers beiden Töchtern vorbei. Nicht weit von Buddelskehmen holte ich meinen Wagen ein und verließ den Wehrmachtswagen. Es war am 9.10.44 ungefähr 11 Uhr vormittags.
Das Weiterfahren ging sehr langsam. In Richtung Garsden und Darwillen wurde heftig geschossen, auch war heftige Fliegertätigkeit. Hinter Buddelkehmen, es war schon nachmittags, überflogen uns mehrere Flugzeuge mehrere Mal, haben aber zum Glück nicht angegriffen, obwohl die Straßen vollgestopft waren. Ungefähr um 7 Uhr fuhr ich durch Prökuls in Richtung Michelsakuten. In Drucken besprachen wir uns mit Kints halt zu machen und die Pferde auszuspannen. Die Gehöfte waren schon alle leer. Wir hatten die Pferde abgefüttert, etwas zu Abendbrot gegessen und haben uns in der Küche hingelegt.
Um Mitternacht wurden wir von starkem Artilleriefeuer geweckt. Als wir rauskamen, flogen deutsche und russische Leuchtspurgranaten über uns hinweg. Nun wollten wir anspannen und weiterfahren, da stellte sich heraus, dass meine Stute Flora, die Rotschimmel, gestohlen war. Es blieb nichts übrig, als die junge 2-jährige Rappstute einzuspannen. Das Tier war noch nie eingespannt gewesen, aber es zog wie das beste Pferd. Kints hatte bis zur festen Straße seinen Fuchs vorgespannt. Ich muß sagen, dass Kints ein guter Kamerad war.
Von da ging die Fahrt über Michelsakuten weiter. Inzwischen war es Tag geworden, der 10.10.44. Ich kam ein paar km in den Bundeler Wald. Da standen alle Fuhrwerke und es hieß, es geht nicht mehr weiter, der Russe ist in Heydekrug. Nun kehrten wir um und fuhren über Michelsakuten nach Kinten zu und kamen bis Geisen. Da hieß es, dass die Straße nach Heydekrug wieder freigekämpft wird. Wir sollten abwarten und später weiterfahren. Da fuhren wir mit Kints und Lankuttis auf einen Bauernhof und wollten uns für die Nacht einrichten. Die Bauersleute waren schon fort, nur ein alter Altenteiler war noch da. Den trafen wir nach 3 Tagen in Nidden, er war schließlich doch ausgerückt.
Als wir ausgespannt und den Wagen vorm Flieger getarnt hatten, ging ich mit Kints wieder raus, um nach der Lage zu sehen. Da sahen wir, dass die Landser nicht weit von unserem Gehöft sich einzubuddeln begannen. Nicht weit davon gingen 5 Panzerwagen in Stellung. Wir spannten schnell an, um wieder fortzukommen. Die Soldaten hielten unseren Wagen an den Seiten fest, damit wir nicht in den Graben kippten, denn die Panzer standen auf einer schmalen Kiesstraße und man konnte schlecht vorbei.
Wir fuhren in den Kintener Wald rein, ebenso alle anderen. Nicht weit vom Wald schlugen russische Granaten ein. Da ließen wir den Wagen stehen und wollten im Wald Deckung nehmen. Der Russe wurde etwas abgedrängt und wir kamen mit dem Wagen in den Wald. Wir blieben bis zum Morgen in dem Wald, und konnten nicht vorwärts, da weiter vorn die Wehrmachtwagen vorbei sollten. Kurz vor halb 10 Uhr, es war der 11.10.44, fuhren wir durch Kinten an der Kirche vorbei. Wir hatten die Absicht, nach Minge zu kommen und uns dort über den Kanal hinübersetzen zu lassen.
Am Nachmittag fing es an zu regnen und wir blieben am Kreuzweg nach Suwehnen auf einem Bauernhof über Nacht. Der Feind war ungefähr 7 km hinter uns. Am Nachmittag traf ich Kaiser-Kakamohren zum letzten Mal. Die Nacht verlief ruhig. Am Morgen, den 12.10.44, es war der Donnerstag, als wir zur Fähre wollten, kamen schon einige zurück und sagten, man könne zur Fähre nicht mehr hinkommen, denn der Russe beschießt die schon. Es blieb nichts übrig, als nach Windenburg zu fahren. Dort kamen wir vormittags an. Da war die Welt mit Brettern vernagelt und mit dem Fuhrwerk ging es nicht mehr weiter. Die Russen waren bei Kinten.
Nachmitttags kamen Motorschlepper mit einem Grahm. Weil das Wasser unter Land flach war, konnte er nicht an Land kommen. Es kamen Niddener Fischerkähne, die haben uns an den Grahm angesetzt. Die Soldaten hatten einen Landsteg gebaut, damit die Kähne rankommen konnten. Beim Einsteigen fiel die alte Weischnoriene aus Schatten ins Wasser, und als sie herausgezogen wurde, war sie tot. Das Wasser war ungefähr 1 m tief. Diese blieb hier für immer.
Als wir in den Kahn einsteigen sollten, hieß es, "Nicht viel Gepäck mitnehmen". Ich bin noch ein zweites Mal zurückgefahren. Dadurch habe ich meins und der beiden Jungen bestes Zeug gerettet, ebenfalls meinen Pelzmantel und meine langen Stiefel.
Am Donnerstag, den 12.10.44, haben wir den Wagen verlassen müssen. Die Pferde ließ ich abgesträngt am Wagen, nachdem ich Hafer und Kleeheu hingelegt hatte, stehen. Die Nacht zum Freitag verbrachten wir auf dem Haff. Am 13.10.44 kamen wir in Nidden an und waren fürs erste vor den Russen sicher. Diejenigen, die wenig Gepäck hatten, wurden mit Autobussen nach Königsberg weiterbefördert. Wir trieben uns so am Tage rum und suchten, wo es zu essen gab. Am Nachmittag wurde der Bagger "Memel" nach Labiau geschleppt und wir konnten mit ihm bis Labiau weiterkommen. Da stiegen wir ein und weiter ging es.
Die Nacht verbrachten wir auf dem Haff und sahen, wie Tilsit angegriffen wurde. Sonnabend Morgen kamen wir in Labiau an und blieben da bis Sonntag, den 15.10. nachmittags. Am Nachmittag kamen wir auf einen litauischen Dampfer und fuhren damit nach Königsberg weiter, wo wir am Mittwochmorgen, den 18.10.44 ankamen. Abends ungefähr um 9 Uhr ging es von da nach Kamenz in Sachsen weiter, wo wir am Donnerstag, den 19.10.44 nachmittags 5 Uhr ankamen. Da wurden wir auf die Dörfer verteilt. Ich, Lankuttis, Kögst, Hans, wir kamen nach Ostro, dann die Frau Schmidt mit Töchtern, Johann Berszinski und Gindullis mit Frau aus Schattern und noch einige aus Memel. Paetzel, Limant und Klinger Albert kamen ein paar Dörfer weiter. Zimmer Otto mit Familie, Emil Domriss mit Frau und Gerda, Martinowicz mit Frau, Prischgins mit Familie, Kubillus und Gelwinnis mit Familie aus Großjagschen und Kögst Truschen waren im Kamenzer Kreis. Bliesze, Kubies, Frau Bertulait, Berszinski Adam, Tepperis und die Frau von Johann Berszinski waren im Kreis Döbeln in Sachsen. Der alte Roszaitis mit seiner Schwiegertochter soll auch in Sachsen sein. Ich kam auf einen 16 ha großen Betrieb als Betriebsführer. Die Eltern waren gestorben und es waren nur noch 4 unmündige Kinder da. Ich war mit meiner Familie in Selbstversorgung. Als Entschädigung für meinen zurückgelassenen Betrieb bekam ich monatlich 248 RM. Am 9. März 45 kamen wir von dort nach Kamenz, von da ging es nach Riesa, von da am 16.3.45 nach Münchberg, wo wir am 17.3.45 ankamen. Da blieben wir bis zum 19.3.45, bis wir auf die Dörfer verteilt wurden. Hier bin ich bei einem Bauern, der selber hat nur 5 ha Land. Es sind ältere Leute, er selbst ist 68 Jahre, sie 63 Jahre.
Graumen, den 17.8.1944 Lieber Sohn! Deine beiden Briefe vom 5.8. und 8.8. habe ich am 15.8. erhalten. Freue mich, dass es Dir noch so weit gut geht. Wegen unserer Umquartierung wird mit dem Ernteurlaub nichts mehr werden. Es ist sehr schade darum. Wir haben uns auch schon auf Dein Kommen gefreut. Mutter hatte, glaube ich, auch etwas Früchte dafür eingemacht. Man muß sich ja in allem fügen, es ist nicht zu ändern. Vorläufig ist noch keine Aussicht Urlaub zu bekommen. Am 16.8. nachmittags und 17.8. vormittags flog ein Aufklärer über Memel weg. Die Memeler Flak war kurze Zeit eingesetzt. Sonstige Bombenangriffe haben wir nicht gehabt. Es wird erzählt, dass in der Zeit, wo wir fortfahren, die Memeler Straßen mit MG beschossen worden wären, wobei es einige Tote gegeben hätte. Ob das auf Wahrheit beruht, bezweifele ich sehr. Fräulein Rehbein hat schon Sommerferien und gleich ist sie abgezogen mit der Frau Paddags zusammen. In der Zeit wo ich jetzt hier bin, ist nichts besonderes vorgefallen. Den ganzen Tag bin ich unterwegs bis in den späten Abend. Die Bauern sind schon zurück. Heute morgen ist der Koegst mit seiner Frau angekommen. Ebenso der Paetzel und Schakinnis. Außerdem sind hier Frau Kaitinnis, der alte Roszaitis, Budweth, Martinowicz mit Frau, Wolf die ganze Familie, Familie Birschwilks, beide Narwils, Grete Hubert, Ogilvi war schon immer da. Es kann wer will von dort auf eigene Verantwortung nämlich Frauen zurückkehren. Solange es noch immer hin und her geht kann womöglich der Befehl kommen sofort nach dort zurückzukehren. Die Frau Kaitinnis sagte, dass der Herbert geschrieben hat, er wäre bei der Marine in Riga. Falls ich wieder nochmal von hier nach dort zurückmüßte, werde ich sehen, dass ich die Seekiste mitbekommen kann. Über alles andere hab ich Dir schon geschrieben. Deine Briefe werde ich unseren Angehörigen nach dort hinschicken, damit sie auch lesen können. Die von der Flugmelde sollen jetzt auch an der Ostfront sein. Gestern bis mittags war von hier in nord-östlicher und östlicher Richtung stärkerer Kanonendonner zu hören. Das "Dampfboot" habe ich bis November bestellt. Mit dem Paketeschicken wird es wo wir nicht alle zusammen sind schwer werden. Grüße auch unbekannterweise Familie Filippow. Letzten Brief habe ich über Ihre Adresse geschickt, werden sehen, wie lange es gedauert hat. Nun sei vielmals gegrüßt von Deinem Vater M.T.
Labiau, den 15.10.44 Lieber Sohn! Deine beiden Briefe von Hela und Büsum haben wir erhalten, den von Husum habe ich am 7. nachmittags von der Post in Plicken abgeholt, bevor wir wieder abfuhren. Nun mußten wir zum zweitenmal die Heimat verlassen und wer weiß wann und ob wir sie nochmal wiedersehen. Am Sonnabend um 9 Uhr war im Viktoria-Hotel (in Memel) eine Bauernversammlung. Am Ende der Versammlung wurde bekannt gemacht, dass am Sonntagmorgen um 9 Uhr der Treck von Baugskorallen abrücken muß. Ich brachte unser Fuhrwerk um 10 Uhr von zuhause fort. Wir mit dem Hans brachten die Kühe nach Gut Baugskorallen. Mit der Mutter und Oma fuhr der Nachbar Kints als Kutscher mit, denn wir beide mit dem Hans sollten als Volkssturm zurückbleiben. Ich mußte als Landwachtmann zurückbleiben. Die Nacht zum Montag verbrachte ich mit noch mehreren Landwachtmännern bei Puttnins am Telefon zu. Die ganze Nacht schoß der Russe nach Litauisch-Krottingen und Jakubowa ein. Am Montag Morgen um 3 Uhr wurde Litauisch-Krottingen von den Unsrigen gesprengt.
Um 6 Uhr 30 fuhr die Kleinbahn nach Memel. Da bin ich mit dem Hans nach Memel gefahren. Als wir in der Kleinbahn drin waren schickte der Kerschies den Putnins Erich und ließ sagen, dass die Landwacht wieder aussteigen muß. Nachher kam auch der Kerschies selbst, da habe ich ihm vorgestellt, dass ich kein Fahrrad habe und auch nicht radfahren kann und keine Möglichkeit mehr vorhanden war von Plicken fortzukommen. Darauf konnte ich drinbleiben auch der Hans. Der Limant und der Paetzel hatten auch keine Fahrräder. Dem Hans nahm der Kerschies das Fahrrad fort, und übergab das Fahrrad dem Paetzel. Das Fahrrad ist inzwischen weggekommen. Als wir in Memel ankamen, suchten wir uns einen Wehrmachtwagen um mitzufahren, denn die Personenzüge von Memel gingen nicht mehr.
An der Jakobuskirche trafen wir einen Feldpostwagen, mit dem wollten wir bis Heydekrug mitfahren und dort auf unseren Wagen warten. Als wir etwas hinter Karlsberg waren, trafen wir unser Fuhrwerk und hinter Buddelkehnen hielt der Wagen und wir stiegen aus und warteten bis das Fuhrwerk nachkam und von da ab fuhren wir alle zusammen, um 8 Uhr abends kamen wir in eine Gemeinde Drucken hinter Prökuls an und wollten dort einige Stunden bleiben. Als wir ungefähr um 1 Uhr aufwachten, flogen die Granaten und auch die Leuchtspurgranaten nur so hin und her denn die Russen beschossen die Asphaltstraße. Darauf sind wir alle aufgestanden und wollten anspannen und weiterfahren. Dabei wurden wir gewahr, dass unsere Flora fehlte. Ich suchte alle umliegenden Gehöfte ab, konnte sie aber nirgends finden, denn es muß jemand sie gestohlen haben. Wir fuhren immer mit Langkuttis zusammen. Der alte Kints hatte im Wagen auf dem Hof gelegen und die Pferde waren am Stall an den Ringen angebunden. Weil die Flora nun fort war, spannte ich die Ida an und Kints spannte noch seinen Fuchs davor und half bis auf die Steinstraße raufzufahren, nachher fuhr ich mit unserem Pferde allein. Die Ida zog bei dem schweren Wagen und zum ersten Mal eingespannt sehr gut. Die Straßen waren von zurückflutenden Wehrmachtwagen ganz verstopft, so dass man mehr stehen mußte als man fahren konnte. Noch habe ich vergessen zu schreiben, dass am Montag, als wir hinter Buddelkehnen waren, der Russe von Garaden und Pößseiten an Boden gewann und von der Luft aus auf Memel vorstieß und verschiedene Male über uns wegflog, aber über uns nichts niederwarf auch nicht beschoß.
Am Dienstag ungefähr um 10 Uhr waren wir hinter Michelsakuten im Bundeler Wald. Da hieß es mit einem Mal, dass der Weg bis Heydekrug frei werden sollte, denn es hieß, dass Heydekrug und der Weg dahin freigekämpft werde. Kaum waren wir vielleicht nicht ganz 2 Stunden da, als die Soldaten anfingen sich Schützenlöcher zu buddeln und gingen in Stellung ebenso einige Panzerwagen, denn der Russe ging schon auf Richtung Michelsakuten vor. Wir waren noch keinen Kilometer gefahren, als auch 2 Granaten nicht allzuweit von uns einschlugen, eine schlug im Feld die andere im Garten in die Bäume. Der Kinter Wald lag nicht weit auf der einen Seite von uns. Wir ließen die Fuhrwerke stehen und gingen näher an den Wald um dort Deckung zu suchen. Als keine Granaten mehr ankamen fuhren wir langsam, denn es war ein sandiger Weg in den Kinter Wald ein. Inzwischen wurde es dunkel und wir blieben die ganze Nacht im Wald. Die ganze Nacht beschossen unsere Panzer und Panzermaschinengewehre in allernächster Nähe von uns die Russen.
Am Mittwoch Vormittag kamen wir aus dem Wald und fuhren durch Kinten in Richtung Windenburg. Am Nachmittag kamen wir zweieinhalb Kilometer vor Windenburg an und blieben auf einem Gehöft über Nacht, denn am Nachmittag hatte es angefangen zu regnen. Am Donnerstag Morgen wollten wir nach Minge und uns mit der Fähre über die Minge übersetzen lassen, kaum waren wir ein Endchen auf dem Wege gefahren, als auch eine Frau schon zurückkam und sagte, ein Soldat hätte gesagt, es kämer keiner mit Fuhrwerk über die Fähre mehr rüber. Darauf fuhren wir nach Windenburg. Gegen Abend wurden wir mit einem Fischerkahn an einen Prahm rangesetzt und kamen mit dem Prahm gegen Morgen in Nidden an.
Die Pferde mit dem Fuhrwerk, den Betten, einem Teil Lebensmittel und Geschirr, mein Fahrmantel, die Pelzdecke, Deine Seekiste und verschiedene andere Sachen blieben in Windenburg. Besonders die Ida und Ella tun mir sehr leid. Die Ida hat so gut gezogen was ich nicht geglaubt hatte und war so schön gewachsen. Es ist schwer, alles was einem lieb war zu lassen. Am Nachmittag kamen wir in Nidden auf den Bagger Memel und wurden damit nach Labiau geschleppt. Von Labiau sollten wir nach Mitteldeutschland und mit der Bahn weiterfahren. Eben als ich jetzt schreibe kam jemand her und sagte, es könnten 60 Familien mit Dampfer nach Königsberg fahren. Ich habe keine Lust dazu und falls man nicht zwangsweise fortmuß bleibe ich hier, bis ich mit dem Zug weiterfahren kann. In Labiau habe ich auch die Barbe getroffen. Sie hält sich bei uns und hat gestern Dir einen Brief geschrieben. Es sind alles Gottes Wege, wie Er uns führt, wenn sie mitunter auch dunkel sind. Nun bleibe Gott befohlen, bis auf Wiedersehen, Dein Vater M.T. Es grüßen Dich die Mutter, Hans, Oma und Berta.
Ostro, den 22.10.44 Lieber Sohn! Teile Dir mit, dass wir am Mittwoch, den 18. gegen Abend in Kamenz ankamen. Am Sonntag, den 15. Nachmittag fuhren wir mit dem Dampfer von Labiau nach Königsberg weiter, wo wir am Dienstag, den 17. morgens ankamen. Der Dampfer fuhr nur am Tage, nachts hat er am Ufer angelegt. Am Dienstag Abend um 8 Uhr 45 fuhren wir von Königsberg fort. Erst hieß es, wir sollten in Braunsberg bleiben, aber ich wollte so weit es möglich war lieber weiterfahren, denn zuerst wurde in Labiau gesagt, wir sollten nach Sachsen hinkommen, wo wir nun auch hingekommen sind. Kamenz ist eine kleine Kreisstadt. Da wurden wir auf die einzelnen Ortsgruppen und Ortschaften verteilt. Wir kamen nach Ostro auf einen Bauernhof. Es ist ein Betrieb von 16 ha. Die Eltern sind beide gestorben. Es sind da 2 Schwestern von 19 und 16 Jahren und 2 Jungen von 17 und 13 Jahren. Ich soll dort Betriebsführer sein und wir alle zusammen sollen den Betrieb bewirtschaften. Die Mutter soll mit einer Schwester die Küche führen, aber bis jetzt hat sie noch nicht damit angefangen. Es ist hier im Hause noch eine junge Frau mit 2 Kindern aus Köln untergebracht, diese war bis jetzt in der Küche. Ein naher Verwandter ist als Vormund über die Kinder und als Treuhänder über der Wirtschaft, dieser will durchaus die Kölnerin raushaben.
Die ersten 3 Tage haben wir Essen von denen bekommen, gestern soll die eine Tochter gesagt haben, wir sollten für uns selbst kochen. Augenblicklich ist kein Fleisch mehr da, mir scheint es, dass die Kölnerin alles für sich ausgewirtschaftet hat. Nächste Woche soll geschlachtet werden, dann werden wir sehen, wie wir da einig werden.
Die letzten Tage haben wir Rüben eingefahren und haben für ein paar Tage noch zu fahren, dann ist noch vielleicht für eine Woche zu pflügen und zu dreschen. Dann geht es in den Winter herein. Mutter hilft die Kühe melken. Barbe hat sich auch uns angeschlossen. Unsere Sachen von der Bahn haben wir noch nicht erhalten. Dein Paket, wo Du von Hela abgeschickt hast, haben wir bis jetzt nicht erhalten, es wird wahrscheinlich bei Dir zurückkommen. Schicke es dann an unsere neue Adresse ab. Heute Nachmittag will ich zum Bürgermeister hingehen und uns alle anmelden, werde sehen, wie es mit dem Volkssturm werden wird. Der Hans muß zur Erfassung hin. In Plicken sollte ich bis zum 15.10. erfaßt haben, aber es wurde nichts mehr daraus.
Von unserer Heimat wissen wir auch nicht mehr als aus dem Wehrmachtsbericht. Zeitung haben wir bis jetzt keine. Als wir noch in Plicken waren, sagten die Soldaten von dem Pioniertrupp, dass falls sie zurücksollten die dort lagernden Minen gesprengt würden, dabei würde die Kirche, das Schulhaus, Mühlenbetrieb, die Gasthäuser, Puttnins und die anderen in der Umgebung liegenden Gehöfte vom Erdboden verschwinden. Besonders schade wäre es um die Kirche. Die später Nachgekommenden erzählten, dass es in Plicken an mehreren Stellen gebrannt hat. Falls wir noch zurückkehren würden, würden wir doch alles vernichtet vorfinden. Augenblicklich haben wir gar nichts mehr, keinen Hof, kein Vieh, keine Pferde, keinen Wagen, kein Geschirr, beinahe überhaupt nichts mehr. Besonders tut mir die Ida leid. Es war ein treues Tier. Der Rolf wurde unterwegs von Drucken nach Heydekrug von einem Wehrmachtswagen überfahren und blieb heulend im Graben liegen. Wenn wir noch wenigstens die Betten und Deine Geige hätten mitnehmen können, aber es ging alles zu schnell und es wurde geschrien "Kein Gepäck mitnehmen". Auch das Kästchen mit Deinen Briefen und Fotografien blieb im Wagen. Schicke uns von Dir eine neue Fotografie. Die Lage sieht augenblicklich nicht besonders rosig aus, aber Gott kann noch Alles zum Besten wenden, nur leider die meisten Menschen wollen nicht zu ihm zurückkehren. Es war, es ist und wird immer so bleiben wie er spricht "Ohne mich könnt ihr nichts tun". Nun bleibe Gott befohlen bis auf Wiedersehen. Es grüßen Dich Mutter, Hans, Oma und Berta. Dein Vater M.T.
Ostro, den 11.11.44 Der Hans wurde hier für die Wehrmacht erfaßt und haben uns beide beim Volkssturm beim hiesigen Ortsgruppenleiter eintragen lassen. Morgen am Sonntag soll in Kamenz die Vereidigung des Volkssturmes des Kreises stattfinden, wahrscheinlich werden Hans und ich auch dorthin müssen. ...
Ostro, den 18.11.44 ... Wir drei sind vorläufig hier eingesetzt, Hans hat aber vom Arbeitsamt eine Vorladungskarte bekommen, wegen seiner Lehrstelle, werden sehen, ob er nicht hierbleiben wird. Welche waren in Kamenz zur Musterung, er soll auch aufgerufen worden sein, aber vom Wehrmeldeamt hat er noch keine Vorladung bekommen. Er will versuchen, sich zur Marineartillerie zu melden. Wer sich nirgends freiwillig gemeldet hat, wäre zur Infanterie gekommen. Die Oma ist besser geworden, hat noch andere Medizin bekommen. Besondere Schmerzen soll sie keine haben, sie sagt, sie warte, bis Du auf Urlaub kommen wirst. ...
Ostro, den 28.2.45 ... Die Front ist auch an uns wieder nähergerückt, vielleicht auf 80-90 km. Flüchtlingszüge ziehen fast jeden Tag hier durch. Falls die Front noch weiter zurückkommen wird, müssen wir auch wieder fort. Wahrscheinlich nach Westsachsen. Wir wünschen, dass Gott es nicht soweit kommen lassen möchte. Es gehen Gerüchte um, dass die früheren Flüchtlinge mit Bussen weggebracht werden sollen. Hans ist gestern nach Niemes zum RAD abgefahren. Der Ort liegt im Sudetenland westlich dem Riesengebirge und dem Lausitzer Gebirge. Von hier vielleicht 100 km in südlicher Richtung. Hätte gerne gehabt, dass er mir zur Hilfe geblieben wäre, es ist aber nicht zu ändern. Hans ist für die Kriegsmarine angenommen.
Kamenz, den 10.3.45 ... Hans ist, wie er schon Dir geschrieben hat, vom Arbeitsdienst wieder zurückgekommen. Wir befinden uns wieder auf dem Umzugswege. Gestern, den 9. mittags haben wir Ostro verlassen und haben in Kamenz übernachtet, es ist jetzt 6 Uhr morgens. Von hier soll es nach Meißen oder nach Bayern weitergehen. Die ortseingesessene Bevölkerung ist noch dort geblieben. Sonst hatte sich die Lage in unserer Gegend gebessert, es soll wohl alles anderen Zwecken dienen. Die Tante Berta zieht mit uns zusammen. Wenn wir an Ort und Stelle sind, dann schreiben wir Dir. Bis dahin Gott befohlen.
Sauerhof, den 20.3.45 Wir sind gestern, den 19.3. um 11.30 Uhr glücklich angekommen. Die nächste Kreisstadt ist Münchberg, gleichzeitig auch Bahnstation. Die Stadt liegt nicht weit von der Stadt Hof in Bayern (Oberfranken). Die Leute sind hier meist evangelisch. Wir sind bei einem kleinen Bauern von 4 ha untergebracht. Es scheinen ganz gute Leute zu sein. Wir haben ein Zimmer. Die Oma schläft unten, ich, die Mamma und Hans, wir schlafen oben auf dem Boden. Der Hans schläft auf einer Chaiselonge, ich mit Mamma in einem Bett. Der Boden scheint nicht so fruchtbar zu sein wie in Sachsen. In Sachsen waren die Wege mit Obstbäumen bepflanzt, hier sind es gewöhnliche Straßenbäume. Morgen am 21.3. werden wir beide mit Hans nach Hof zum Wehrmeldedienst zur Anmeldung fahren. Gestern, kurz als wir angekommen waren, flogen feindliche Bomber über uns hinweg und ließen auf freiem Feld eine Bombe fallen. Es kann sein, dass ein Flugzeug nicht mehr in Ordnung gewesen ist.
Unsere Fahrt ging von Riese über Chemnitz, Zwickau, Plauen, Hof, Münchberg. Es war ganz gut, dass der Hans bei dem Umzug noch bei uns war. Jetzt wird er wohl bald wieder einberufen werden, wie wird es mit Deiner Umkommandierung werden? Ich glaube kaum, dass die Flakschule sich noch dort befindet, wo der Feind so nahe ist. Hoffentlich wird der Brief Dich noch daselbst erreichen ... Sonst sind wir noch alle gesund, auch Oma hat die Reise gut überstanden. Heute ist sie im Bett liegen geblieben und ruht sich noch aus. Das Wetter ist hier etwas kühler als in Sachsen. Dort, als wir von Riesa abfuhren, haben viele auf den Feldern gearbeitet, hier im Schatten liegt noch stellenweise etwas Schnee. In der Umgegend und auf den Bergen sieht man viele Nadelwälder, in Sachsen ist mehr Ackerland. Die allgemeine Lage sieht nicht rosig aus, aber Gott kann noch alles zum Besten wenden, es steht alles in Seiner Hand. Nun werde ich für diesesmal schließen. Sei von uns allen herzlichst gegrüßt und bleibe Gott befohlen bis aufs Wiedersehen.
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