Walter Tydecks


Thesen, Hinweise und Fragen zur Geschichte des Memelgebiets / Memellandes

Pfeil rechtsTranslated by Marion Robinson, with some added context and references for English-speaking readers

Mein Interesse an dem Thema

Alle Fragen an die Geschichte des Memelgebiets (Memellandes) führen schnell in politische, ja religiöse und weltanschauliche Kontroversen. Denn hier traf viel zusammen: Die baltischen, deutschen und slawischen Sprachen mischten und kreuzten sich; die Christianisierung fand in Litauen den letzten Widerstand in Europa; Protestantismus und Katholizismus spalteten nochmals das Gebiet quer zur Sprachgrenze; und schließlich beriefen sich Preußen, Litauen und Polen auf diesen Raum, als sie im 19. Jahrhundert ihre nationale Identität suchten und sich zu Nationen herausbildeten (bzw. Preußen in Deutschland eine führende Rolle übernahm). Andere Sprachen wie das Kurische und Prußische gingen dagegen spätestens seit 1700 weitgehend unter, die kurischen und prußischen Stämme konnten keine eigenen Nationen bilden, und es ist umstritten, wer ihre "historischen Rechte" übernommen hat (Litauen, Deutschland oder Rußland, das den nördlichen Teil Ostpreußens besetzt hat).

Aber sind nicht die 1945 geschaffenen Tatsachen nach über 50 Jahren völlig klar: Niemand wird bezweifeln, dass inzwischen das zu Litauen gehörende Memelgebiet überwiegend von Litauern bewohnt und das von der Sowjetunion besetzte nördliche Ostpreußen durchgehend russifiziert ist. Daher sollte kaum bestritten werden, dass diese Gebiete jeweils eigenständig bleiben und im Rahmen der EU zu einer neuen Einheit finden können. Litauen muss allerdings die Umklammerung durch Rußland und den Missbrauch der Transfer-Rechte durch litauisches Gebiet fürchten.

Und es kann doch nur im Interesse der heute dort Lebenden sein, wenn sie zu einem positiven Verhältnis zur Vorgeschichte dieses Gebiets finden und den Vertriebenen und ihren Nachfahren die Möglichkeit geben, Erinnerungen an ihre frühere Heimat zu pflegen und ihrer Vorfahren zu gedenken.

Und doch ist es nicht so einfach, da auch die Geschichte nach 1945 überall Wunden hinterlassen hat. Die aus dem Memelgebiet nach Deutschland Vertriebenen bekamen dort ihre eigenen Probleme, wie auf der anderen Seiten die traumatischen Erfahrungen der Litauer mit der Sowjetzeit noch keineswegs aufgearbeitet sind. Denn es kann nicht alles auf die neuen sowjetischen Sieger abgeschoben werden, sondern auch die eingewanderten Litauer müssen kritische Fragen an die eigene Geschichte stellen (zum Beispiel ihre Begrüßung der Sowjets, ihre Beteiligung an den Judenverfolgungen, die Schändung der deutschen Gräber, siehe dazu vor allem die Arbeiten von Martinas Purvinas (in Annaberger Annalen 2000) und Ruth Leiserowitz (Beitrag von 2000 als Upload auf ihrer Website).

Noch weniger aufgearbeitet ist die Geschichte der Vertriebenen in Deutschland. Vereinzelt tauchen Fragen auf: Warum wurden z.B. die letzten Nehrungskuren nicht als Gruppe erhalten und in Norddeutschland gemeinsam angesiedelt, so dass sie ihre alten Arbeitszusammenhänge und darüber vielleicht auch ihre eigene Sprache hätten bewahren können? Es ist davon auszugehen, dass die westlichen Siegermächte in den ersten Nachkriegsjahren einen engen Zusammenschluss der Vertriebenen vermeiden wollten.

Und welche Rolle haben die Landsmannschaften gespielt? Ihre großen Treffen dienten den meisten Teilnehmern sicher dem Wiedersehen und der Freude und dem Glück, überlebt zu haben und im Westen ein neues Leben beginnen zu können. Und doch wurden die Landsmannschaften wie selbstverständlich in die sich verhärtenden innenpolitischen Fronten zur Zeit des Antikommunismus und des Kalten Krieges einbezogen.

Während in Litauen mit einer offenen Aufarbeitung der jüngeren Vergangenheit immerhin begonnen wurde, scheint in Westdeutschland bis heute die Frage der Interessen und Politik der westlichen Alliierten und deutschen Nachkriegspolitiker geradezu tabu zu sein. Auch die Wiedervereinigung hat das nicht geändert. Nachdem die innere Zensur der DDR gefallen ist, wird nun zurecht begrüßt, wenn etwa in neuer Literatur wie dem Krebsgang von Grass die östliche Geschichte offen angesprochen wird, aber wo sind die entsprechenden Fragen im Westen? Besonders das Verhältnis zu "Amerika" - d.h. den USA - ist völlig offen. Wird es angesprochen, schlagen sofort die Emotionen hoch über Anti-Amerikanismus oder blinde Gefolgschaft.

Bis heute wird kaum gefragt, was die Erfahrung der Flucht der eigenen Eltern für die nächste Generation bedeutet hat, immerhin gibt es einige wenige Ausnahmen, z.B. den Artikel von Helga Hirsch (in Aus Politik und Zeitgeschichte B 40-41/2003). Stattdessen wird "68" zum neuen Mythos der Nachkriegsgeschichte, dessen Erinnerung den einen ihre Identität wahrt, und von den anderen als das neue große Feindbild aufgebaut wird, aus dem alles erklärt werden soll, was seither schlecht läuft - angefangen vom Zerfall der Familie und Kultur bis zum lähmenden Zustand der Wirtschaft in Deutschland.

Wo all dies ungeklärt geblieben ist und jeder Versuch darüber zu sprechen sehr schnell in Aggression umschlägt, droht immer die Gefahr, dass diese inneren Konflikte auch nach außen gekehrt werden können und in der Geschichte die fehlende Identität gesucht wird, dann irgendwann auch mit dem Anspruch, diese nicht nur wieder zu erinnern, sondern z.B. über wirtschaftliche Macht im Rahmen der EU neu zu erobern.

Das würde die Probleme nur weiter in die Zukunft tragen. Die folgenden Thesen sollen daher nicht historische Arbeiten und Quellenstudien ersetzen, sondern aus subjektiver Sicht Fragen ansprechen. Wo hier Fehler entdeckt werden, soll das nicht zum Widerspruch provozieren, sondern zur Anstrengung, eigene Vorurteile zu erkennen und zu überwinden.

Diese Seite versteht sich daher im Moment nur als Entwurf, an dem weiter gearbeitet wird.

Vorgeschichte

Wer lebte "zuerst" im Memelgebiet? Ist das überhaupt eine sinnvolle Frage? Früheste Besiedlungen konnten bis 3000 v.Chr. nachgewiesen werden, im 2. und 3. Jahrhundert lebten hier Goten, dann Kuren und Prußen. Was unterscheidet Stämme von Nationen? Nationen: Ist das nur eine rückwirkende Projektion des Nationalismus, der mit der Aufklärung entstanden ist und erst im 19. Jahrhundert eine politische Strömung wurde, als Ersatz für die im Schwinden begriffene Religion und ihre identitäts-stiftende Wirkung?

Meistens werden die ersten Unterscheidungen nach Sprachgrenzen getroffen, nach dem Schema: Sprachen definieren Nationen, Dialekte definieren innerhalb von Nationen Stämme. Verwandte Sprachen können wiederum übergreifende Sprachfamilien bilden. Auch Sprache verleiht Identität und Selbstbewusstsein - Muttersprache. Sie ist das Band zu den Vorfahren. Wenn die Erinnerungen verblassen, bleiben doch deutlich die Stimmen und wie jemand gesprochen hat. Sprache zu verdrängen war daher immer ein wesentliches Mittel der Unterwerfung.

Weitere Verwirrung entsteht durch die überlieferten Bezeichnungen der frühen römischen Geschichtsbeschreibung:

Dann ergibt sich als Übersicht:

Nachdem Prußen und Kuren ihre Selbständigkeit verloren hatten, blieben nur noch Restelemente übrig:

Deutsche Ritterorden

Einfall der Ritterorden um 1250, Bau der Memelburg. Der Ritterorden berief sich auf einen Auftrag Masowiens (damals ein selbständiges polnisches Teilfürstentum) und Unterstützung durch den Papst und die Staufer-Kaiser. Es kann aber kein Zweifel bestehen, dass dies ein Gewaltakt war. Hier von einer "Gründung" zu sprechen oder der Urbarmachung einer "Wildnis" ist lediglich die Sicht der Sieger (nach dem Motto: "Wohin ich meinen Fuß setze, das gehört mir, und was Kultur und Geschichte sind, bestimme ich"). Wenn es 100 Jahre später eine Wildnis gab, dann bezeichnet dies das frühere Schalauen, Sudauen und Nadrauen mit angrenzenden Gebieten im Norden und Osten, nachdem das Zerstörungswerk der Orden abgeschlossen war. Eine Kollektivschuld für alle Deutschen seit 750 Jahren kann daraus aber auch nicht abgeleitet werden, zumal die meisten Deutschen erst nach 1700 einwanderten. Es war jedoch fatal, als im Deutschen Reich nach 1870-71 ausgerechnet die Deutschritter wie Nationalheilige identitätsstiftend für Ostpreußen aufgebaut werden sollten und damit bewusst alte Wunden wieder aufgerissen wurden.

Erst nach der historischen Niederlage des Deutschen Ordens 1410 wanderten wieder aus den benachbarten östlichen Gebieten Litauer bzw. Nachfahren der vertriebenen Prußen in die verwüsteten und verwilderten Landstriche entlang der Memel ein, konnten sich hier jedoch nicht mehr aus einem rechtlich degradierten Status befreien. Nur einige wenige prußische Edle wurden in die Reihen der Gutsbesitzer aufgenommen und stiegen später hoch in der preußischen Hierarchie auf.

Da der Deutsche Orden im Auftrag Masowiens die Prußen unterworfen hatte, war der Ordensstaat bereits 1355 mit Masowien gegenüber Polen lehenspflichtig geworden und gehörte nie dem Heiligen Römischen Reich deutscher Nation an. Das blieb so bis zum 30-jährigen Krieg, nach dessen Ende 1660 die polnische Lehnshoheit gelöst wurde.

Zeit der Nationenbildung, die Katastrophe um 1710

Quer zur Nationenbildung steht auch die Einwanderung der Juden nach ihrer Vertreibung um 1500 aus Spanien und Portugal erst in die Niederlande und nach Deutschland und dann nach den zahlreichen Pogromen (z.B. Köln und Worms) immer weiter nach Osten. Vilnus galt als "Jerusalem des Ostens". Nur zu den besten Zeiten der Aufklärung bestand für einen Moment die Hoffnung, die Juden im Sinne der Proklamation der Menschenrechte und des Ewigen Friedens gleichberechtigt zu integrieren. In das Memelgebiet kamen jedoch nur relativ wenig Juden. 1875 lebten 1.000 in Memel. 700 verließen wieder die Stadt, als unter Bismarck alle Juden ausgewiesen wurden, die nicht die deutsche Staatsbürgerschaft annahmen. 1928 gab es dann wieder 5.000 jüdische Einwohner in Memel und 1938 9.000. Weitere jüdische Gemeinden gab es nur in Heydekrug und Rusne, jedoch nicht auf dem Land.

Der Ritterorden hatte sich 1525 dem Protestantismus angeschlossen, während Polen und Litauen katholisch blieben. Am Ende des 30-jährigen Krieges wurde Schweden in diesem Raum die vorherrschende Macht, allerdings nur als Partner der Niederlande, die zu dieser Zeit den Welthandel dominierten. Schweden war von 1600 bis zur Französischen Revolution das Vorbild der Aufklärung und Modernisierung. Preußen und Russland fielen dagegen nach dem 30-jährigen Krieg zunächst wieder weit zurück (Einführung der Zweiten Leibeigenschaft ab 1649).

Als in England die jahrzehntelangen politischen Wirren mit der Revolution 1680 beendet waren und die Niederlande ihre Vorherrschaft im Welthandel nicht mehr halten konnten, verlor auch Schweden die Kraft zur Vorherrschaft im Ostseeraum und wurde von Preußen und Russland verdrängt (Nordischer Krieg). Neben Schweden war Polen der große Verlierer. Nach der ersten Teilung Polens 1772 stießen Preußen und das Russische Reich an der Memel aufeinander.

Der Nordische Krieg war für Memel eine historische Katastrophe, als 1708-11 die Pest zurückkam und fast die Hälfte der Bevölkerung wegraffte. Damit war endgültig die Tradition der prußischen Stämme so weit geschwächt, dass sie - anders als die Letten und Esten weiter im Norden - historisch zu keiner Staatsbildung mehr fähig waren.

Während vorher das Gebiet überwiegend von Litauern, den Nachfahren der Prußen und entlang der Ostsee von Kuren bevölkert war, strömten nun zwar erneut Litauer nach, aber Preußen organisierte jetzt in großem Umfang die Ansiedlung von Kolonisten (aus Salzburg vertriebene Protestanten, Hugenotten aus der Schweiz, andere Gruppen etwa aus Schottland). Mit dem Aufbau eines modernen Staates nach dem Vorbild Schwedens und Frankreichs wurden gezielt aus verschiedenen Ländern Fachleute angeworben, meist mit dem Versprechen, dass sie als religiös Verfolgte in Preußen mehr Toleranz erwarten können. Trotz seiner brutalen Politik nach innen (Aufhebung der Leibeigenschaft erst nach 1800, Prügelwillkür auf dem Lande und in der Armee usw.) erwarb sich Preußen daher einen guten Ruf bei vielen Aufklärern (Voltaire, Leibniz).

In diesem Zusammenhang wurden im 18. Jahrhundert auch aus den Niederlanden Fachkräfte für den Deichbau hereingeholt. Zu ihnen gehörten wahrscheinlich die Vorfahren der Tydecks. Eine hohe Düne nördlich von Memel hieß (und heißt noch) "Holländische Mütze". Laut dem "Wörterbuch der litauischen Familiennamen" von Aleksander Vanagas u.a. stammt der Name Tydecks aus dem Deutschen, in deutschen Lexika wird auf "Dietrich" hingewiesen. So nannten sich dann auch die beiden um 1900 nach New York ausgewanderten Tydecks, um sich von den osteuropäischen Auswanderern zu unterscheiden, die damals einen sehr schweren Stand in den USA hatten.

Die neu angesiedelten Kolonisten wurden von der Leibeigenschaft ausgenommen. Dahinter stand auch ein Konflikt der preußischen Könige und des lokalen Adels. Die Macht des Adels beruhte stark auf der Ertragskraft der ihnen hörigen leibeigenen Bauern, während die Könige auf ihren Domänen eine eigene Macht mithilfe der Kolonisten schaffen wollten.

Unstabiler Kräfteausgleich zwischen Preußen und Russland. Beide Seiten schürten gegeneinander, wo sie nur konnten, und dritte Mächte wie Frankreich waren daran interessiert, dass hier keine Ruhe einkehrt. (Es kann davon ausgegangen werden, dass von den strategischen Interessen her heute die USA die Rolle Frankreichs übernommen haben. Litauen sieht sich wie immer in einer schwierigen Position, einerseits von Deutschland gedrückt zu werden, andererseits Deutschland als Partner gegenüber Rußland und Polen zu suchen.)

Preußen, Polen und Litauen konnten nur in konfliktträchtigen Überschneidungen und Brüchen ihre Nationalität entwickeln:

Nationalistische Wende im 19. Jahrhundert. 1870-71 Gründung des Deutschen Reichs unter preußischer Vorherrschaft und wachsender Druck auf alle nationalen Minderheiten, so auch auf die Litauer in Ostpreußen. Im Gegensatz zu anderen nationalen Minderheiten in Deutschland galten jedoch nur die Preußisch-Litauer als besonders königstreu. Silva Pocyte (Annaberger Annalen 2008) erklärt dies aus dem Einfluss des Protestantismus und seiner pietistischen Strömungen. Die anderen nationalen Minderheiten wie etwa die Polen in Westpreußen hatten eine eigene Identität, die sich sowohl über die Sprache wie die Religion (Katholizismus) definierte.

Soziale Probleme um 1900, Agrarkrise

Die Aufhebung der Leibeigenschaft (in Preußen nach 1800) führte zur schleichenden Zerstörung der alten Strukturen (Dorfgemeinschaft). Die Bauern wurden in den Marktwettbewerb gerissen, und es konnte sich nur behaupten, wer Zugang zum Markt hatte und neue Produktionsmethoden einzuführen vermochte (Einsatz von künstlichen Düngemitteln, später Motorisierung, meist verbunden mit hoher Verschuldung). Auf dem Weltmarkt traten als Konkurrenten die Kolonien der imperialistischen Staaten und immer stärker nach dem Bürgerkrieg 1860 auch die USA auf. Die Revolutionierung der Transportmittel (Seetransport) hatte zu einem echten Weltmarkt und einer weltweiten Überproduktion geführt, wodurch die Bauern aus allen Erdteilen in Konkurrenz kamen und sehr gedrückt wurden. Gewinner waren die Transport- und Handelsunternehmen. Frühes Beispiel einer Globalisierung und ihrer Opfer.

So war das Memelgebiet in eine ökonomisch hoffnungslose Situation geraten. Am äußersten Rande des Deutschen Reichs war es vom natürlichen Hinterland abgeschnitten und konnte mit den ersten Erfolgen nach Einführung neuer Produktionsmethoden bei den direkten Konkurrenten in Russland und anderen deutschen Gebieten (auch Pommern) nicht mithalten. (Polen, Litauen, Weissrußland, Schweden ging es nicht besser. Ungefähr ein Fünftel der Bevölkerung dieser Länder sah nur noch in der Auswanderung in die USA einen Ausweg. Die meisten zog es an die Großen Seen, etwa nach Chicago, da sie dort vergleichbares Klima und eine ähnliche Landschaft fanden.)

Auswanderung nach US vor dem 1. Weltkrieg. Bisher keine Literatur speziell zur Auswanderung aus dem Memelgebiet gefunden.

Alte Menschen im litauischen Dorf zu Anfang des 20. Jahrhunderts (Beitrag von Manfred Klein in den Annaberger Annalen 2000). Mit der Verschlechterung der sozialen Lage drohte nackte Armut im Alter bzw. für die Familien, die Alte mitversorgen mussten. Generationenkonflikte, wenn die ältere Generation entweder zu früh die Höfe aufgab und sich von den Nachfahren aushalten ließ, oder zu spät und so denen die eigene Existenz sehr schwer machte. In aller Regel Übergabe an den ältesten Sohn, der dann die Eltern zu versorgen und die Geschwister auszuzahlen hatte.

Der Stadt Memel ging es jedoch in dieser Zeit deutlich besser, so dass es zu einem extremen Stadt-Land-Gefälle kam. Memel konnte ein Stück weit an der "glücklichen und wohlhabenden deutschen Kaiserzeit vor 1914" (Wolfgang Stribrny in Annaberger Annalen 2003) teilhaben. In dieser Zeit wurden die Luisenschule, das Hotel Viktoria, das frühere Rathaus, der alte Bahnhof, die Kaiserliche Post, das Königliche Lehrerseminar, die Auguste Viktoria-Schule und die Kaserne (die heutige Universität) gebaut.

In Kleinlitauen hatte sich keine eigene Elite herausbilden können. Durch die religiösen und politischen Haltungen lag eine Bindung an Memel und Preußen vor, durch die Sprache jedoch an Litauen, und die Namen belegen eine überwiegend prußische, litauische und kurische Herkunft. Zwischen Preußen und Litauen konnte keine eigene stabile Identität gefunden werden. Und Preußen bot bessere ökonomische Perspektiven als das nach wie vor unter russischer Herrschaft stehende Litauen (siehe hierzu die Arbeit von Algirdas Matulevicius "Zur nationalen Identität der Preußisch-Litauer" in Annaberger Annalen 2001).

1919 - 1944

Rechtsunsicherheit nach dem 1. Weltkrieg. Die westlichen Siegermächte wollten gemäß dem Prinzip "Teile und Herrsche" in Osteuropa Konfliktherde schaffen, um keine neuen Gegner aufkommen zu lassen (so bei Triest, so im Gebiet des späteren Jugoslawien, so an der Ostsee im Danziger Gebiet und Memelgebiet, wo systematisch die wichtigsten Häfen von ihrem Hinterland getrennt wurden). "Memelgebiet" oder "Memelland" war bis dahin nur eine geographische Bezeichnung. Zum politischen Begriff wurde es erst in den Statuten, mit denen die politisch-rechtliche Lage nach 1919 definiert werden sollte. Memel und Danzig wurden zum Spielball der internationalen Machtpolitik.

Besetzung durch Litauen 1923. Stille Duldung durch Deutschland, um eine Umklammerung durch Polen zu vermeiden, aber zugleich Schüren antilitauischer Tendenzen, und ab 1933 wirtschaftliche Boykottmaßnahmen, um dann 1939 getragen von einer nationalistischen Welle das Memelgebiet dem "Dritten Reich" einverleiben zu können. Bobrowskis Roman "Litauische Claviere" schildert diese Situation um 1934.

1939 wurden alle entscheidenden Posten in Partei und Verwaltung von westdeutschen Nationalsozialisten besetzt und die ehemaligen "Kämpfer" für die Angliederung an Deutschland lediglich abgespeist. (Es gab nur wenige Ausnahmen wie den HJ-Bannführer für Memel Stadt und Land, der zuvor die Bündische Jugend, die Adler und Falken organisiert und immer stärker politisiert hatte und 1934-37 in Litauen verhaftet war.)

Probleme der Litauenoptanten (Artikel von Arune Arbusauskaite in Annaberger Annalen 2000), d.h. der Litauer, die sich nach 1939 entschieden, als Litauer zu gelten. Sie wurden dann unter schwierigen Bedingungen nach Deutschland gebracht. Als sie nach 1945 zurückkehrten, fanden sie ihre früheren Höfe oft bereits neu besiedelt vor von Litauern, die in das entvölkerte Memelland gezogen waren.

Sowjetische Zeit

Die beste Übersicht gibt Stribrny in einem Vortrag zur 750 Jahresfeier der Stadt Memel/Klaipeda (Annaberger Annalen 2003).

Vernichtung der Friedhöfe. Martinas Purvinas (Annaberger Annalen 2000) stellt die Vernichtung von 90% aller Friedhöfe dar und sieht hierin eine bewusst gesteuerte Desakralisierung, einen historisch nahezu einmaligen Tabubruch, der anders als die Verfolgungen der Juden bisher nicht aufgearbeitet wird, und eine schwere moralische Erblast für die in das Memelgebiet eingewanderten Litauer darstellt.

Arbusauskaite über "Die alteingesessene Zivilbevölkerung des Memelgebietes während der sowjetischen Okkupation" in Annaberger Annalen 1999. Zeigt mit vielen Statistiken die Entwicklung kurz nach 1945. Themen wie die von Purvinas werden jedoch ausgespart.

Aktuelles

Hoffnung auf Lösung der Konflikte im Rahmen der EU.

Das Leben in der jungen Unabhängigkeit ist seltsam zerklüftet. Größter Armut in den Plattensiedlungen, in denen fast alle arbeitslos geworden sind, die in Sowjetzeiten Jahr für Jahr zu Zehntausenden angeworben wurden, stehen Neureiche gegenüber, denen es gelungen ist, auf undurchsichtigen Wegen die Privatisierung des Staatseigentums zu ihrem persönlichen Vorteil zu nutzen. An der neugegründeten Universität gibt es Zeichen einer Aufbruchstimmung, die eigene Geschichte wird in ungewöhnlicher Offenheit aufgearbeitet, und doch sehen sich diese Ansätze den verschiedensten politischen Ansprüchen ausgesetzt.

Nach 1945 gab es den härtesten Widerstand gegen die Besetzung des nördlichen Ostpreußens durch Exilanten und deren Nachfahren in den USA, Kanada und Australien, auch wenn dieser im wesentlichen ideeller Natur war. Dort gibt es litauische Kirchengemeinden mit eigenen Pfarrern. Mit großen Spenden wird die Erforschung z.B. der litauischen Orts- und Gewässernamen gefördert und jetzt das Projekt der "Kleinlitauischen Enzyklopädie". Damit verbunden sind allerdings politische Vorstellungen, dass Russland die Teile des Kaliningrader Gebiets an Litauen abtritt, die früher zur ostpreußischen Provinz Preußisch-Litauen gehörten (neben Memel die Kreise Tilsit, Labiau, Ragnit, Insterburg und Gumbinnen). Solche Forderungen bringen eher Litauen in Bedrängnis, denn es ist klar, dass Russland daran keinerlei Interesse hat. Die meisten Litauer, die heute in diesem Gebiet leben, waren Überlebende aus der sibirischen Verbannung, denen die Rückkehr in ihre Heimat verwehrt wurde.

2003

Links

Academia Baltica
Annaberger Annalen
Arbeitsgemeinschaft der Memellandkreise
Deutsches Kulturforum östliches Europa
Institut für Baltistik an der Universität Greifswald
Institut für Kultur und Geschichte der Deutschen in Nordosteuropa
Landsmannschaft Ostpreußen
Litauen Infobasis
Litauisches Kulturinstitut Lampertheim-Hüttenfeld - Beiträge der Jahrestagungen
"Schweigen der Flüchtlingskinder"
Gesellschaft für historische Migrationsforschung
Jann von Sprecher: Die Tragödie des Memellandes
in: Schweizer Monatshefte, Zeitschrift für Politik, Wirtschaft, Kultur, Band: 15 / 1935-1936, S. 79-97 ; Link

 

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