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Personen und Zeiten |
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New York im Herbst 1999Hektische und gefährliche Weltstadt. Viele wollten kaum glauben, dass ich plante, allein für ein erstes Wochenende nach NY zu fahren. Drohend der Roman "Fegefeuer der Eitelkeiten" von Tom Wolfe, in dem ein reicher, erfolgreicher Finanzmanager aus Versehen die falsche Autoabfahrt nimmt, nach Haarlem kommt und in einen Strudel von Ereignissen gerät, die ihm zum Verhängnis werden. Kann man sich nachts auf die Straße trauen? Muß die U-Bahn gemieden werden? Was ist mit ganzen Stadtteilen wie Queens, Brooklyn und Bronx, und all den Straßen nördlich der 80th Street? Aber inzwischen gibt es ja auch umgekehrt schon Glossen, dass ein Besuch in New York für bestimmte Menschenschichten nichts anderes mehr ist als der regelmäßige Flug nach Mallorca für andere. Na gut, so weit bin ich noch nicht. Als ich mit dem Bus vom Flughafen La Guardia zum Grand Central Station in Manhattan fuhr, waren als erster Eindruck nur eine überfüllte Straße und dunkle, langweilige Vorstädte zu sehen, schließlich ein langer Tunnel unter dem East River. Im Bus Gespräch mit einem New Yorker, der schon in den 50er Jahren nach Texas gezogen war, jetzt in der EDV-Branche arbeitet und für 10 Tage Verwandte besuchen will. Irgendwann fragte ich ihn, ob NY denn nun wirklich so gefährlich ist, wie alle sagen. "You are smiling, then it will be no problem". Allein auf der Straße und mit dem Koffer unterwegs zum Hotel - eine Strecke von etwa 15 Minuten -, war es aber doch so, dass ich erstmal bei allen Passanten instinktiv prüfte, ob sie mir folgten, ob es vielleicht kleine Gruppen gab, die mich in die Zange nehmen könnten und so weiter. Die Bürgersteige sind unglaublich voll und belebt. Schnell war jedoch zu merken, wie viele auf die gleiche Weise unterwegs sind. Unmassen von anderen Touristen, die ebenfalls mit dem Koffer zum oder vom Hotel gingen. Und auch die vielen abgerissenen Menschen verloren bald ihren Schrecken. Im Gegensatz zu Süd- und Osteuropa gibt es im Grunde sogar nur wenig Bettler. Nach und nach hatte ich umgekehrt den Eindruck, dass die Angst vor Kriminalität geringer ist als in europäischen Städten. Jedenfalls kam es mir so vor, dass hier eher mehr Frauen auch nachts noch allein durch die Stadt gingen. Überhaupt war auffallend, wie viele allein und auf eigene Faust durch die Stadt zogen. Angst mindernd wirkte sich weiter aus, dass ich nach und nach besser die Sprache verstand. Wenn z.B. auf einer Bank in einem Park zu verstehen ist, was die Nachbarn reden, ist das doch irgendwie beruhigend, oder wenn all die Gespräche und Wortfetzen in Bussen und der U-Bahn zu verstehen sind.
Die U-Bahn von NY ist aber wirklich etwas Besonderes. Noch am ersten Abend fuhr ich spät um halb 11 mit der U-Bahn zu einem Konzert nach Tribeca. Obwohl ich in der Haupteinkaufsgegend wohnte, nur wenige Minuten entfernt von Bloomingdale‘s und Tiffany’s, und die U-Bahnstation zu den belebtesten gehört, war der erste Eindruck doch ein Schock. Der Bahnhof sah aus wie auf freier Strecke. Wände und Decke waren auf keinerlei Weise gekachelt, gemauert oder gar verziert. Lediglich ein langer, relativ dunkler Bahnsteig, heiße Temperaturen, die selbst durch den Fahrtwind der ein- und ausfahrenden Züge kaum gemildert wurden. Die Menschen dort waren so extrem verschieden wie kaum vorstellbar. Das reicht von hochgestellten Finanzmanagern, die auch mal die U-Bahn benutzen, bis zu den ärmsten und heruntergekommensten Menschen, die ich je gesehen habe.
Erst durch den Kontrast bei der Rückreise, als ich dann wieder mit der U-Bahn nach Frankfurt fuhr, wurde deutlich, wie laut es in der U-Bahn in NY ist. Die Wagen kreischen nur so bei der Einfahrt. Obwohl sicher mehr Menschen als in Frankfurt für sich allein stehen, ist der Geräuschpegel viel höher. Viele reden und schreien regelrecht allein gegen die Wand. Eigentlich ist schwer zu erklären, warum und woher es so laut ist. Aber in Frankfurt wirkten alle Stimmen wie gedämpft, zurückgenommen, wie in einem Büro, wo alle leise sprechen, um niemanden zu stören. Und doch wirkten die Menschen in NY weniger genervt. Sie machen einen kaputteren Eindruck, besonders die Weißen sehen auffallend oft wie ausgebrannt aus, die nichts mehr erschrecken kann. Gerade am Anfang habe ich viele nach Kleinigkeiten gefragt, z.B. in welche Richtung es in die Innenstadt geht, wo die Tageskarten gekauft werden können usw. Habe ich Leute im Dienst gefragt, z.B. die Verkäufer bei den Fahrkartenschaltern, waren sie sehr kurz angebunden, fast abweisend und genervt. Habe ich dagegen irgendwelche Leute auf dem Bahnsteig gefragt, war die Reaktion genau entgegengesetzt. Völlig selbstverständlich beantworteten sie Fragen, die ihnen banal erscheinen mußten und waren offenbar damit vertraut, wie schwer es anfangs für Neuankömmlinge ist, sich in NY zu orientieren.
Bei der ersten Fahrt geriet ich in die falsche U-Bahn und landete in der 2nd Avenue. Der Bahnhof war noch dunkler und dreckiger. In der Gegenrichtung stand ein Zug mit Baumaterial, Kohlen und so. Einige Bauarbeiter standen rum, arbeiteten aber nicht. Ich konnte auch nicht in die Gegenrichtung wechseln, weil da die Züge nicht hielten. Andere Fahrgäste kamen in den Bahnhof und waren darüber ebenfalls verärgert. So mußte ich eine Station weiter fahren und einen anderen Weg finden.
Als ich ausstieg, war ich mitten in Little Italy, inzwischen eher ein Teil des Chinatown. Das sah genau so aus, wie die Horrorbilder NY beschreiben. Relativ wenig Straßenlichter, keine beleuchteten Schaufenster. Im Gegenteil waren alle Geschäfte verriegelt und fast barrikadiert, wie ich es nur aus Berlin aus den Tagen nach größeren Straßenschlachten kannte. Zeitungspapier wurde über die Bürgersteige geweht, wenige Fußgänger. Mithilfe der Karte suchte ich mir den Weg und war doch recht froh, als ich aus diesem Viertel herauskam. Vollkommen anders sah es dann aus, als ich einen Tag später bei Tageslicht wieder hier entlang ging. Da war alles unglaublich belebt, und die Quirligkeit übertraf noch das, was aus südeuropäischen Städten gewohnt ist.
Avantgarde.
NY als die Stadt, wo alle kulturellen Neuentwicklungen ihren Anfang nehmen, dem Rest der Welt immer um einige Jahre voraus. Das avantgardistische Konzert mit John Zorn und anderen am ersten Abend war schon beeindruckend. Es entsprach ganz meinen Vorstellungen nach Konzerten in Deutschland mit den "Lounge Lizards" oder "Bang On A Can". Die Musiker waren etwa in meinem Alter und suchten nach einem Ausdruck, in dem sich Hörgewohnheiten von Rock, Jazz und schwarzer Musik mischten, mit den verschiedensten und vertracktesten rhythmischen Strukturen und unglaublichen Steigerungen in Intensität und Lautstärke. Überschwängliche Begeisterung war jedoch stärker den schwarzen Musikern anzumerken, während gerade auch John Zorn, der Star des Abends, sicherlich auch mit hervorragenden technischen Fähigkeiten glänzte, aber die Impulse, der "drive", ging eindeutig von den schwarzen Musikern aus. Offensichtlich brauchte John Zorn sie, um weiter zu eigenen musikalischen Ideen und Flügen angeregt zu werden.
Schwarze. Der Anteil der Schwarzen ist unvergleichlich größer als in Europa, sehr schnell gewöhnt man sich daran. Auch wenn es auffallend viele arme Weiße gibt, ist der Anteil an Armen unter den Schwarzen eindeutig größer. Und doch bestätigte der Eindruck auf den Straßen, was das Konzert gezeigt hatte: Unter den Schwarzen gibt es viel mehr, die mit großer Energie und Optimismus auftreten. Hätte ich nicht am dritten Tag noch das East Village und das Universitätsviertel besucht, hätte ich fast geglaubt, dass solche Stimmung unter den Weißen gar nicht vertreten ist.
Yuppies. Das Ende der Studentenbewegung und ihrer Ideale und neuen Lebensformen war in den späten 70er Jahren auch daran erkennbar, als in Europa NY entdeckt wurde, als die Akademiker in gute Stellungen gekommen anfingen, nach NY zu fahren und sich dort entsprechend einzukleiden, Anregungen für ihre Wohnungsausstattung zu suchen usw. NY als Vorbild war der Wendepunkt, wo die Konsumkritik umschlug in einen eigenen, übersteigerten "alternativen" Konsum. Nun vor Ort in NY waren es verschiedene Erfahrungen, die das teils bestätigten, teils relativierten. Im Central Park geriet ich in eine Hochzeitsgesellschaft, ganz so, wie ich es auch in Baden-Baden oder in Bensheim im Herrengarten erlebt habe. Alle in dunklen Anzügen, mit Krawatte und kurzen Haaren, die Frauen mit teuren Frisuren und unglaublich viel Schmuck, wie bei der Arbeit, wenn mit Kunden ein wichtiges Geschäft abgeschlossen werden soll. Eine kleine Combo war angeheuert, 2 oder 3 Camcorder liefen und filmten alles aus verschiedenen Richtungen. Und das ganze wurde in der Öffentlichkeit präsentiert, dass jeder es sehen und hinschauen sollte.
Die Reichsten wohnen östlich und westlich entlang des Central Park. Aber wer sind diese Reichen? In NY werden sie in den Zeitungen nur als die "celebrities" (Berühmtheiten, Medienstars) bezeichnet, die also ständig etwas um sich herum und sich selbst zelebrieren. Sie leben in riesigen Appartmenthäusern, die praktisch unbezahlbar sind, bzw. eben nur zugänglich für diejenigen, die Geld im Überfluß haben. Und auch dort gibt es noch Einwohnerversammlungen, die über die Aufnahme jedes Neuinteressenten entscheiden müssen und können. Also eine hermetisch abgeschlossene Gesellschaft. Und doch lebt sie mitten in NY und nicht abseits in irgendwelchen Ghettos versteckt weit auf dem Lande. Sie wollen gesehen und bewundert werden und im Rampenlicht stehen. Sie suchen aber auch nach einem eigenartigen Weg nach Bodenhaftung und Realität. Sie spüren, wie welt- und lebensfremd sie im Grunde geworden sind und brauchen etwas, was ihnen wenigstens ein bißchen das Gefühl gibt, nicht ganz aus dem wirklichen Leben verschwunden zu sein. In einer Stadtzeitung stand ein Gespräch mit Dustin Hoffmann, der davon schwärmte, wie er in früheren Jahren (in den 60ern) noch in den verschiedensten, sehr schlecht bezahlten Jobs in NY gearbeitet hat und es auch heute noch genießt, jederzeit in NY eine Nacht durchmachen und mit dem Taxi nach hause fahren zu können.
Ihnen schlägt kaum Haß entgegen, und das gilt sogar noch für ökonomisch Erfolgreiche wie den Börsenmakler Trump, die durch wilde Spekulationen reich geworden sind. Ihre Exzentrizität (nicht als Avantgarde gemeint, sondern durch ihren extremen Reichtum und ihre extreme Konsumwut) zählen einfach irgendwie dazu. Im Grunde sind sie schwer zu verstehen. Am letzten Tag war ich in Brooklyn Heights, wo u.a. Truman Capote gelebt und "Frühstück bei Tiffany" und "Eiskalt" geschrieben hat, bevor er dann auf der Woge seines Erfolgs in das Luxusleben der Warhol, Jagger, Jacqueline Kennedy usw. einstieg und darin regelrecht zugrunde ging. Warum hat er das gemacht? Brooklyn heights, das ist eine wunderschöne Oase der Ruhe und Besinnlichkeit direkt am Rande dieser hektischen Großstadt, und ich kann mir kaum einen angenehmeren Ort zum Wohnen in NY vorstellen. Kleine 4 – 5 stöckige Blocks, schöne Vorgärten mit Eingängen in Souterrain-Wohnungen, ausgesprochen viele Straßenbäume, wodurch alles stark an Amsterdam erinnert, aber doch auch mit den typischen NY-Eigenheiten wie den gußeisernen Feuertreppen an den Außenwänden. Warum dann von hier in den luftleeren Raum in der Umgebung eines Warhol? Kaum eine Erzählung bringt so viel Lebensfreude zum Ausdruck wie "Frühstück bei Tiffany" und doch muß etwas Capote gefehlt haben, weswegen er bereit war, sich schließlich selbst ganz aufzugeben. Das kann nur das unmittelbare und direkte Verlangen nach "Größe" sein. Die Wolkenkratzer sind insofern tatsächlich Symbol einer bestimmten Seite von NY.
Auswanderer. Der Große Traum Amerika. Das Verlangen nach Größe, kommt es nicht daher, dass NY und überhaupt Amerika das Land der Auswanderer ist? Wer waren die Auswanderer: Die Vertriebenen aus Europa, die dort keine Perspektive mehr hatten, keinen Ausweg, die dort an der Größe anderer gescheitert waren. Auf dies Paradox war ich schon in Minneapolis gestoßen. Neben den Wolkenkratzern sind die Highways mit ihren unvorstellbaren Ausmaßen an Breite, an Anzahl der Spuren und aufwendigen Auf- und Abfahrten ein anderes Symbol für Größe. Hatte ich so etwas vorher auf Fotos gesehen, konnte ich mir kaum vorstellen, dass es überhaupt möglich ist, sich darin zu orientieren. Aber genau das Gegenteil ist der Fall, es ist viel leichter, dort entlang zu fahren als auf den europäischen Straßen und Autobahnen. Die Durchschnittsgeschwindigkeit ist viel niedriger, und weil alle Autos Automatikgetriebe haben, wird auch weniger aggressiv beschleunigt. Daher macht es überhaupt keine Schwierigkeiten, sich auf die Highways einzufädeln oder die Spuren zu wechseln. Und die Beschilderung ist im Grunde eindeutiger und einfacher als in Europa. Hat man sich einmal verfahren, ist es an jeder Kreuzung ganz einfach, umzukehren. Dies ganze System von Hochhäusern, Highways, schachbrettartig angelegten Straßen und der Durchnumerierung von Straßen statt der Verwendung von Straßennamen macht die Orientierung ungeheuer einfach. Das gilt auch für das nächste Symbol des amerikanischen Lebens, die großen Einkaufszentren. Es ist nicht nötig, sich in unendlich vielen Läden umzuschauen und schließlich das Passende zu finden, sondern das, was wirklich gebraucht wird, liegt einfach und offen zum direkten Zugreifen da.
Es fehlt das Verwinkelte und Geheimnisvolle. Und war es nicht das, wovor die Auswanderer geflohen sind, als sie sich im Leben in Europa nicht zurecht fanden, und keineswegs ganz zu Unrecht die Erkenntnis mitnahmen, dass all diese Ecken und Tücken mit Absicht eingerichtet waren, um dahinter feine Fäden für Intrigen, verborgene Beziehungen von Macht und Einfluß stricken zu können.
Von all dem kann man sich in Amerika frei fühlen, direkter, offener und mit weniger Lüge. Auf den Highways gibt es nicht dies mörderische Drängeln und Wegstoßen wie auf den deutschen Autobahnen. Und wenn in NY ständig gehupt und wild gestikuliert wird, ist dieser freie und laute Ausdruck von Ellenbogen viel weniger Ellenbogenverhalten als der stille und harte in Europa. Kein Fußgänger hält sich in NY an die Fußgängerampeln. Im Grunde haben sie nur die Funktion, den Fußgängern freien Weg zu sichern, wenn der Verkehr zu stark wird. Und kein Autofahrer rast ohne zu bremsen auf Fußgänger zu, die bei Rot über die Straße gehen, wie es in Deutschland ständig der Fall ist. An vielen Kreuzungen gilt für alle Richtungen Haltegebot und die Fahrer müssen stoppen und durch Blickkontakt oder Handzeichen die Vorfahrt regeln, in Deutschland wäre das undenkbar, in US funktioniert das ohne jede Schwierigkeit.
Aber doch soll das nicht verleiten, nun ganz ins Schwärmen zu geraten. In den Büros in US arbeiten die meisten in "cubicles". Die Gebäude sind so groß, dass nicht alle an Fenstern arbeiten können, sondern in den Innenräumen in Großraumbüros, die durch kleine Kabinen aufgeteilt sind. Die Wände sind nur vielleicht 1,50 m hoch. Jeder kann sich in seinem cubicle in gewissem Maß individuell einrichten, eigene Pinnwände gestalten und so weiter, aber es gibt praktisch keinen persönlichen Rückzugsraum. Alle Gespräche können in den Nachbarzellen mitgehört werden, und ständig kann ein Chef am Eingang stehen. Das schafft untereinander eine gewisse Einheitlichkeit, Hierarchien erscheinen wesentlich geringer. Und auch die Büros der Chefs an den Fensterplätzen waren für mich erstaunlich klein.
In diesen Formen der einfachsten Struktur des Lebens und Arbeitens werden Unterschiede dann eigentlich nur noch in Begriffen der Größe gemessen. Wenn alle die gleichen Jeans tragen, zählt nur noch, wie viele Jeans im Schrank hängen. Wenn alle den gleichen Schmuck kaufen, wie viel und wie groß er ist. Bei den Autos zählt tatsächlich in erster Linie, wie groß sie sind. Bei Wohnungen, wie viel Quadratmeter das Wohnzimmer mißt.
Das Problem dieser Art von Freiheit ist ihre innere Maßlosigkeit. Der Traum von Weite und Unabhängigkeit ist reduziert auf Größe und entgleitet daher. Gerade nach diesen wenigen Tagen in US erscheint mir wirklich Truman Capote als der typischste Repräsentant. Nach "Frühstück bei Tiffany" folgte "Eiskalt", in dem ein echt amerikanisches Verbrechen geschildert wird. Die Täter gehen ohne jede Emotion, ohne jede Mordlust ans Werk und holen sich die Beute, den bloßen Besitz.
Als ich durch die Straßen in SoHo ging und all die kleinen Galerien und Geschäfte betrat, war der Eindruck schier überwältigend. Eine solche Fülle an schönen und geschmackvollen Dingen hatte ich noch nie gesehen. Die Geschäfte wirken auch keineswegs aufdringlich. Die Besitzer bzw. Galeristen sind gewohnt, dass viele hereinkommen und sich nur die Bilder anschauen wollen, und reagieren nicht so abschätzig, wie ich es in Deutschland oft erlebt habe.
Und doch stellt sich nach all dem die Frage, wo eigentlich der innere Schwerpunkt all dessen liegt, was da ausgebreitet und zu haben ist. Mit dem Geheimnisvollen und Undurchsichtigen gingen auch das Geheimnis und die Magie verloren. "Celebrities" statt religiöser Verehrung. Man hat das Gefühl, die erfolgreichen New Yorker strömen wie klares Wasser durch all diese Angebote, ohne Grenze und Schwebteilchen, ohne etwas festzuhalten oder festgehalten zu werden.
Sex. Kam die sexuelle Revolution nun aus Skandinavien oder US? Henry Miller, love-ins, der Kinsey-Report und die Masters-Johnson Studie über den Orgasmus sind sicher typisch amerikanische Beiträge. In einer der Ausgaben von "USA today", die in dieser Woche vor meiner Hoteltür lagen, war ein Artikel über eine Umfrage zum Thema Fremdgehen mit dem Ergebnis, dass hochgerechnet 3,5 Mio. mehr Männer in US sagen, dass sie fremdgehen, als umgekehrt ihre Frauen glauben. Schlußfolgerung des Artikels: Diese Frauen sind akut bedroht durch sexuell übertragene Krankheiten, da sie keine entsprechenden Schutzmaßnahmen für nötig halten. Sex in erster Linie eine Frage des Körpers und der Gesundheit. Sicher sind die Frauen in US nicht weniger attraktiv als sonstwo, aber sie wirken weniger anziehend. Hier ist mir erst klar geworden, warum Steffi Graf in NY das große Tennisidol ist, während sie in Deutschland zwar nationalen Stolz wachruft, von ihrer weiblichen Erscheinung her aber weniger werbewirksam ist (verglichen etwa mit Franziska von Almsieck). Überall wird in NY geradezu massenhaft gejoggt. Auch bei nicht besonders hohen Temperaturen joggen viele Frauen fast halbnackt, mit einer enganliegenden Sporthose und einem Top. Oder sie tragen Blusen mit einem sehr tiefen Ausschnitt, die aber geschnitten sind wie Jungen-Sporthemden aus den 50er Jahren. Den Frauen fehlt das Verführerische. Der Blick ist direkt und offen, und bei den Frauen spätestens ab 35 scheint er zu sagen, dass alle sexuellen Erfahrungen durchlebt sind, so wie sich beim small-talk sagen lässt, alle größeren europäischen Städte gesehen zu haben. In NY stand die Stadtzeitschrift "Time Out" in dieser Woche unter dem Titel "Sex in the city" mit Schwerpunkten wie Sex in der Öffentlichkeit, Striplokale, Sex im Internet, Homosexualität. Und dazu eine Menge origineller Antworten auf Fragen wie nach dem letzten Sex, Sex mit celebrities, "warum bin ich im Bett so gut", Lebensregeln zum Thema Sex. In den Fernsehprogrammen gibt es keine Sexszenen, dafür um so mehr Sportsendungen, allerdings ausschließlich mit Männersport (Football, Baseball, Eishockey). Auf Privatkanälen werden aber gegen Bezahlung Pornosendungen angeboten. An den Kiosken sind keine Zeitschriften mit Fotos von nackten Frauen ausgelegt, und doch kommt der "Playboy" aus US.
Massenkonsum. Die Kritik des Massenkonsums entstand in den 40er Jahren in US, und rückblickend betrachtet wurde sie wohl auch 68 eher in US als etwa in Deutschland von Bedeutung. Die "Konsumtempel" mit ihren meterlangen Regalen voller Chips, tiefgekühltem Essen, Gerichten für die Mikrowelle, Unmassen an Bonbons und Snacks sind wirklich beeindruckend, elektrische Haushaltsgüter und Computer nach wie vor deutlich günstiger als in Deutschland. Die Kleidung ist noch einheitlicher als in Europa von Jeans, entsprechenden Hemden und Jacken und Sportschuhen geprägt. Und doch wirkt der Massenkonsum im Grunde viel weniger aufdringlich als in Europa. Das wurde mir zum ersten Mal klar, als ich das Radio anschaltete. In Deutschland sind inzwischen praktisch alle Sendungen ununterscheidbar, rund um die Uhr ist auf allen Programmen die gleiche Auswahl von Hits zu hören. Hatte ich erwartet, dass dies aus US kommt, ist es dort doch ganz anders. Es gibt Kanäle spezialisiert auf Blues, Country, verschiedene Jazzrichtungen, vergleichsweise wenig Klassik, und der Discosound geht darin fast unter. Und auch die endlosen Vorortsiedlungen unterscheiden sich doch deutlich von den europäischen. Dort stehen fast ausschließlich freistehende Häuser, und seien sie noch so klein und ohne Keller, und vor allem gleicht nicht ein Haus dem andern. An jedem Haus wird irgendwie rumgebastelt, jedes hat seine eigene Freitreppe, seine eigene Veranda, seinen eigenen Stil. Die kleinen Grundstücke sind durch keine Zäune voneinander getrennt, sondern stehen wie dicht an dicht in einem großen Park entlang rechtwinkliger Straßenzüge. Gerade in Minneapolis waren auffallend viele Holzhäuser zu sehen. Holzhäuser: In Wahrheit sind sie von einer Kunststoff-Schicht geschützt, meistens in Grautönen, die Holz nur imitieren. So ist es einfacher, praktischer und billiger. Und doch erinnerte mich das, wenn auch natürlich in ganz anderen Dimensionen, an den litauischen Stil etwa in Palanga. So geht von dem Massenkonsum viel weniger Bekenntnisdruck aus, als es in Deutschland gewöhnt ist (bestimmte Bücher "muß man gelesen haben", Fernsehsendungen gesehen haben, ...), und die Einförmigkeit der Konsumtempel scheint eher von praktischen Interessen geprägt zu sein (alles an Ort und Stelle im voraus für mindestens eine Woche einkaufen zu können). Auch hier wieder ist konsequent alles gestrichen, was sonst die spezifischen Fähigkeiten der Frau ausmacht, selbst Essen zu kochen (statt Fertiggerichte aufzuwärmen), selbst Kleidung einzukaufen und ausfindig zu machen, was gerade angesehen ist (in US sind die Moden so eindeutig zu sehen, dass dies nie ein Problem sein kann), Bücher und Musik nach eigenem Geschmack auszuwählen (zumindest außerhalb von NY gibt es viel weniger Bücher- und Musikgeschäfte, dafür ist ständig der Fernseher oder das Radio angeschaltet, in allen Restaurants bestimmt der Fernseher mit seinen obligatorischen Sportsendungen die Hintergrundatmosphäre, statt dass wie in Europa Musik zu spielen, die zur Stimmung des Restaurants passen soll und den individuellen Geschmack des Eigentümers zeigt). Fast alle Frauen arbeiten und die Kinder gehen in Ganztagsschulen.
Verspießerte Gegenwelten. In NY wurde in diesen Tagen ein eigener, hausgemachter, künstlicher Mythos gepflegt, die Jahrtausendwende. Überall Plakate "the greatest millennium party of the world – New York Times Square", "the mayor of the world capital, Rudi Giuliani, will speak to you at the beginning of the new millennium". Eins der größten Museen für moderne Kunst, das "Whitney Museum of American Art", übertrumpfte gleich seinen Namen mit einer Ausstellung "The American Century". Jetzt war Teil 2 dran, von 1945 bis heute, im Mittelpunkt standen der neue Expressionismus, Warhol und die Popkultur, verschiedene Richtungen nach Warhol. Ich sah nur die Warteschlange von weit über 100 m vor dem Eingang. In der Stadtzeitung "Time Out" wurde immerhin vorsichtig die Frage gestellt, ob wirklich so bedenkenlos Amerika als das Zentrum der Kunst des ganzen Jahrhunderts hingestellt werden darf.
Diese Haltung ist sicher erst entstanden, als die zahlreichen Entwürfe von Gegenwelten aus den 40er und 50er Jahren ins Establishment aufstiegen. Schaut man in die gewaltig hohen Eingangshallen der Banken, hängen fast überall überdimensionale Pop-Fresken. Und diese Integration hat keineswegs bei der Malerei Halt gemacht. Am Ende einer Wanderung durch das mittlere Manhattan kam ich in das Greenwich Village. Der erste Eindruck ist bezaubernd: endlich einmal kleine verwinkelte Straßen mit niedrigen Häusern, geschickt renoviert, und eine gelungene Mischung von Wohnen, Einkaufen, Kneipen. Am Ende einer Straße sah ich das offene Wasser des Hudson River und ging auf eine der alten Anlegestellen. Dort standen einige umschlungene Liebespärchen und einzelne Männer. Dieser Tag war sehr grau, immer noch nieselte es. An der West Street entlang des Hudson River wie so oft mehr Jogger als Spaziergänger. Als ich die Anlegestelle erreichte, zeigte sich, dass alle Liebespärchen Homosexuelle waren. Auf einmal hatte ich das Gefühl, auf einen Strich geraten zu sein. Einige Blicke in Richtung Süden über das Wasser, wo aus dem Nebel die Freiheitsstatue auftauchte, und schnell wieder zurück in die Stadt. Dort wollte ich die Christopher Street sehen, berühmt als Symbol der Homosexuellenbewegung. Aber alles sah aus wie in den härtesten Vierteln in Hamburg – St. Pauli oder Amsterdam. Fast nur Männer zu sehen, überwiegend martialisch in Leder gekleidet und mit viel Metall behängt, der Anteil der Schwarzen deutlich geringer als sonst in NY. Die ganz wenigen Frauen, die hier zu sehen waren, joggten in Sportkleidung in Richtung Hudson River, den Blick starr geradeaus gerichtet, um bloß nicht aufzufallen. Es war richtig eine Erleichterung, als endlich eine "normale" Frau zu sehen war, mit Wollpullover und Jeans, und schließlich sogar eine Frau mit Kinderwagen. Wie konnte solch eine Homosexuellenkultur diesen Stellenwert innerhalb der Alternativkultur gewinnen, und alle Verhaltensweisen hereintragen, die doch sonst von den Gegenwelten gerade abgelehnt wurden? Wenn man so etwas sieht wie Christopher Street, kann ich mir schon vorstellen, dass den Frauen die Welt der Männer wie eine fest verschlossene Festung erscheinen muß, und sie sich entweder ganz zurückziehen oder auf ihre Weise anzupassen versuchen. An diesem Tag war ich von meinem Spaziergang sehr erschlagen und hätte mich abends am liebsten früh ins Bett gelegt.
Statt dessen ging ich in einen Jazzclub in der Nähe des Times square, wo ein "Afro-cuban Jazz Orchestra" angekündigt war. Während mir die Stimmung und Verhaltensweisen in klassischen wie avantgardistischen Konzerten durchaus vertraut ist, war mir hier ganz unklar, was mich erwarten würde. Ein großer, recht dunkler Raum, eingerichtet wie ein Restaurant in den großen Hotels. Beim Eingang mußte man sich entscheiden, ob man eine Karte für einen Tisch oder für die Bar haben will. Da ich allein war, entschied ich mich für die Bar. Und da ich kaum Bargeld hatte, für Bezahlung mit Kreditkarte. Die wurde mir aber nicht mehr zurückgegeben, sondern der Barkeeper behielt sie für die Endabrechnung bei sich. An der Bar saßen links neben mir 3 schwarze Frauen, die sich nur untereinander unterhielten, und rechts neben mir ein jüngerer Mann, der sich nach einiger Zeit als Freiburger herausstellte, der erst zwei Wochen einen Freund in North Carolina besucht hatte und nun für eine Woche in einer Jugendherberge in NY wohnte und verschiedenste Jazzkonzerte besuchte. Ansonsten einige Pärchen, aber doch fast mehrheitlich Einzelgänger an der Bar. Nur die wenigsten unterhielten sich. Weiter weg saß eine ältere weiße Frau und war die ganze Zeit begeistert, sie verstrahlte einen Eindruck, wie es in den 50er Jahren gewesen sein mag. Neben ihr eine jüngere Frau mit langen schwarzen Haaren und knallrotem Pullover, die sich offensichtlich umschaute, um einen Mann für die Nacht zu finden. Die Musik war dann eine echte Enttäuschung. Die Musiker kamen zum großen Teil erst später als ich, in billigsten Klamotten, offenbar direkt aus der U-Bahn, und setzten sich nach und nach zusammen, stimmten ihre Instrumente, bevor es anfing. Offenbar ging es ihnen materiell gar nicht so gut. In den Parks würden sie wie Penner wirken. Eindeutig wollten sie sich absetzen von der Glamour-Welt der benachbarten Shows in den Broadway-Revuen. So sahen sie aus wie das Klischee des häßlichen Amerikaners, mit dicken Bäuchen, falsch ernährt und resigniert in einem Leben, das ihnen sicher früher als falsch erschienen war. Natürlich konnten sie gut spielen. Aber wenn ich unter "Afro-cuban Jazz" feurige, mitreißende Rhythmen erwartet hatte, wurde nun der typische mainstream-Jazz präsentiert, der sich kaum mehr unterscheidet etwa von der Combo, die im Central Park als Hintergrundmusik für die Party der Neureichen engagiert wurde. Aber immerhin eine Ausnahme gab es: den eigenwilligen Dirigenten, ein spindeldürrer, hellwacher Weißer mit treffenden Handbewegungen. Ihn zu sehen war viel aufregender als die Musik zu hören, es riß die Phantasie mit, wie es wohl in den 50er Jahren einmal gewesen sein kann.
Vorfahren. Vor dem 1. Weltkrieg sind einige nahe Verwandte ausgewandert, und auch mein Großvater soll sich schon fast für US (Erie-See) entschieden haben, wäre nicht der Krieg dazwischen gekommen. Die Familiensaga sagt, dass auch in NY einige untergekommen sind und es bis zum lokalen Polizeipräsidenten gebracht haben. Im Telefonbuch von Manhattan fand ich allerdings keinen einzigen Namen, der mit ‚Tid...‘ oder ‚Tyd...‘ beginnt. Sie sollen sich den deutschen Namen Dietrich gegeben haben. Der 1. Weltkrieg hat alle Kontakte abgebrochen. Warum haben sie danach nie versucht, sich wieder in Litauen zu melden? Warum hat Großvater oft Berichte über seine Seefahrten, auch nach US, angefangen, sie aber nie zu richtigen Erzählungen fortgeführt, mit eigenen Erlebnissen und persönlichen Eindrücken? Morgens beim ersten Frühstück im Hotel von Minneapolis. Mir wurden so viele Varianten angeboten (was heißt Spiegelei, Rührei, gekochtes Ei auf englisch?), dass ich nicht recht weiter wußte, und auch beim Kaffee fehlte erst die Milch. Als aber alles geregelt war, Wärme den Magen füllte und am Horizont die Sonne aufging, überwältigte es mich. Großvater, Michael, wo bist Du jetzt, wie geht es Dir? Spürst Du meine Nähe? Hast Du eine Freundin in Amerika gehabt? Wie schwer war die Entscheidung, nach Amerika zu gehen, was wolltest Du verlassen und gewinnen? Ich sehe das Bild mit den dunklen Augen, als Du 30 Jahre alt warst, mit dem ich mich so identifizieren kann. Was hat Dir die vornehme Gesellschaft auf der großen Yacht bedeutet, wurde damals dort schon Jazz gespielt, wie war der Umgang in diesen Kreisen des boomenden Nordostens? Hast Du von einem eigenen Haus geträumt oder wolltest Du eher die Freiheit in Amerika genießen?
Carnegie-Hall. Live in der Carnegie-Hall, auf wie viel Schallplatten ist das das Markenzeichen für einen besonders gelungenen Auftritt, dem persönlichen Durchbruch zum internationalen Ruhm. Und Musik in NY, das ist für mich auch Leonard Bernstein, dessen musikpädagogische Konzerte ich in Schulzeiten im Fernsehen gesehen habe und begeistert war von seinem einfachen und direkten Umgang mit Jugendlichen, ohne Arroganz und humanistischen Dünkel. Musik ohne Zutrittschranken, nicht elitär oder aristokratisch. An diesem Wochenende trat Pollini in der Carnegie-Hall auf, ich entschied mich aber für ein Konzert mit dem Moskauer Kammerorchester und einer jungen Cellistin. Sie war in den Wirren nach 89 nach US gegangen, ihr Vater, ebenfalls Cellist, auf ungeklärte Weise mit 35 umgekommen. Trotz einiger Stipendien konnte sie sich das Cellostudium nicht leisten und mußte sich als Model durchschlagen. Sehr amerikanisch? Neben mir saß eine Russin und irgendwie kamen wir ins Gespräch. Ob ich auch so gern russische Musik höre? Ja, und mein Großvater kommt auch aus Osteuropa und wäre fast nach US ausgewandert. Sie selbst war ebenfalls nach 89 nach NY gekommen. Wenig später kam ihr deutlich älterer Mann und setzte sich, ohne mich eines Blickes zu würdigen, neben sie. Das Gespräch stockte, und außerdem begann ohnehin das Konzert. Das Orchester spielte mitreißend. Dann kamen die Zugaben. Zum Schluß ein Stück aus "Gayaneh" von Khatschaturjan. Das Stück ist voller Lebenskraft, aber zu bedenken ist auch, dass es zur Zeit des 2. Weltkrieges entstanden ist, als Ausdruck des Selbstbewußtseins gegen die deutschen Invasoren. Und hat es nicht heute besondere Aktualität, wo wieder fremde Truppen im Kaukasus einmarschieren? Meine Nachbarin war völlig begeistert und hätte mich am liebsten aus dem Rausch der Musik heraus umarmt. Ein kurzer Gruß, und wir gingen auseinander. Neben den unübersehbaren Einflüssen der Chinesen, Italiener, der Schwarzen und Lateinamerikaner ist das osteuropäische Element in NY kaum zu spüren. Es gibt nur einige Ecken, die als ukrainisch gelten. Die "slawische Seele", verkörpert etwa in den Sinfonien von Tschaikowsky, der Musik von Rachmaninoff oder Schostakowitsch, ist dennoch sehr populär, und gerade Leonard Bernstein war ihr Wortführer.
"Manhattan", Woody Allen. Dennoch ist kein Komponist der klassischen Musik auch nur annähernd so stark gegenwärtig wie Gustav Mahler. In den Spielprogrammen der Saison 1999/2000 ist er wahrhaft überproportional vertreten. Auch hier war es Leonard Bernstein, der ihn populär gemacht hat, aber immerhin hat ja Mahler selbst einige Spielzeiten in der Carnegie-Hall die New Yorker Philharmoniker dirigiert, sind seine Sinfonien von Bruno Walter und Mitropoulos in NY aufgeführt worden, also eine ganze Tradition. In dem Film "Manhattan" hat Woody Allen Mahler als das große, geradezu verinnerlichte Vorbild der New Yorker Intellektuellen gezeigt. Er selbst kommt aus Brooklyn und wohnt jetzt unter den Reichen am Ostrand des Central Park. Die Zerrissenheit von Mahler, die Zerstreutheit und im Grunde belanglose Übersexualisierung der New Yorker, ist das nicht Woody Allen? Welche jüdischen Traditionen gibt es? Mir schien es, so weit überhaupt nach so wenigen ersten Eindrücken ein Urteil gefällt werden kann, dass sie ganz ähnlich wie die osteuropäischen Einflüsse in den Hintergrund gedrängt sind. Bestimmt gibt es jüdische Gemeinschaften, die ihre Interessen verfolgen und durchsetzen, die dem Staat Israel helfen wollen und in ihrer Vergangenheit einen inneren Anker suchen, der in dem allgegenwärtigen New Yorker Trubel kaum mehr zu finden ist. Aber ist das mehr als Business und unterscheidet es sich noch davon, wie andere sich für Zen, eine christliche Sekte oder direkt dem Luxus der Yuppies entscheiden?
WallStreet. Von Brooklyn ging ich bei herrlichem Wetter über die Brooklyn-bridge in das Finanzzentrum an der Südspitze von Manhattan. Es wurde regelrecht heiß, und die wie überall in Unmengen auftretenden Jogger schwitzten nur so. Ein kleiner Park am Anfang des Viertels. Die Bänke waren voll von Büroangestellten, die in der Mittagspause einige Schritte nach draußen gingen. Aber auch hier gönnten sie sich keine Ruhe, sondern sprachen unablässig in ihre Handys. Sonst waren in NY viel weniger Handys zu sehen als in deutschen Großstädten, in Restaurants und Cafés im Grunde gar nicht. Was hier als typische US-Unsitten gilt, ist sehr stark konzentriert auf diese kleinen Kreise des global business. Alles ist natürlich größer, noch enger und voller als im Frankfurter Bankenviertel, aber doch sehr ähnlich. Den ganzen Broadway lang waren in diesem Gebiet Stände mit Gyros, Würstchen, Pizza und Touristenartikeln aufgebaut, und da standen nun in langen Schlangen all die Finanzmanager mit maximalen Einkommen, die täglich Millionen von Dollars bewegen, um für ein paar Dollar ein Essen der schlechtesten Qualität zu erwerben.
Ganz am Ende des Broadway findet sich dann der battery park direkt am Ufer des upper bay. Hier habe ich lange in der Sonne gesessen mit Blick auf die Freiheitsstatue. Im Grunde ist dieser See mit offenem Zugang zum Atlantik von nur sehr wenigen Schiffen befahren, überwiegend Touristenschiffe zur Freiheitsstatue, aber kaum Segelboote und erst recht keine Frachtschiffe. Was war hier früher los, als die Flüchtlinge aus Europa eintrafen, mit welchen Gefühlen kamen nach der langen Atlantiküberquerung die Seefahrer hier an? Links neben mir saß auf der Bank eine junge Angestellte, nur teure Kleidung (Kostüm) und nichts Persönliches wie ein buntes Tuch über dem Haar oder so, sie las in einem Buch und schaute mit keinem Blick auf die Menschen um sie herum. Rechts neben mir ein etwas älterer, ziemlich dicker Mann. Nach einiger Zeit kam eine Frau, schmiegte sich von hinten an ihn, streichelte ihn liebevoll und setzte sich dann neben ihn. Das war eine der wenigen Zärtlichkeiten, die ich in NY gesehen habe, keineswegs aufdringlich mit Blick auf die Öffentlichkeit, sonst umarmen sich die Menschen oft ostentativ, aber das wirkt unpersönlich und mechanisch, nur als Geste, die eben alle so machen.
Indianer. Noch viel weiter weg als das osteuropäische und jüdische Element ist die Vergangenheit der Indianer. Aber selbst in den Reiseführern ist noch offener Haß zu spüren. Der Name "Wall Street" erinnert an eine Mauer, die hier gegen die Einfälle der Indianer errichtet wurde. Und ausgerechnet an dem Platz soll in dieser Gegend ein Museum der indianischen Kultur gebaut werden, wo vor einigen hundert Jahren ganz Manhattan den Algonquin-Indianern für eine Handvoll wertloser Glasperlen abgekauft wurde. Wie magisch angezogen war ich jedoch vom Broadway. Schon immer hatte mich fasziniert, wie er sich auf der Stadtkarte von Manhattan wie ein Faden quer zum Schachbrettmuster durch die Stadt zieht. Laut Stadtführer war er früher ein indianischer Trampelpfad. Und egal in welchem Stadtteil ich war, immer zog es mich zum Broadway zurück.
Anders war es in Minneapolis. Dort hatte ich das Glück, Tage eines wunderschönen Spätsommers zu erleben, "indian summer", wie er noch heute von den Amerikanern genannt wird. Minnesota enthält unglaublich viele Seen aller Größenordnungen und der Name "Minnesota" kommt von den Indianern und bedeutet "himmelblaues Wasser". An einem Abend war ich in Stillwater an dem größten Nebenfluß des Mississippi mit für amerikanische Verhältnisse relativ alten Gebäuden. Den letzten Tag in Minneapolis ging ich durch einen Naturpark. Wie überall in Minnesota relativ niedrige Vegetation, sehr viele Eichen, Seen- und Sumpflandschaft. Hier konnte ich mir sehr gut vorstellen, wie hier früher Indianer gelebt haben mochten und auf die Stimmen der Natur lauschten und sich um diese Jahreszeit auf die sehr kalten Winter vorbereiteten. Im Flughafen von Minneapolis war ein größeres Geschäft mit indianischer Kunst, kultisch verehrt wurde ein rotes Pferd. Zurück in Deutschland will ich mich unbedingt weiter damit beschäftigen und bei einer späteren Reise gezielt nach Resten der indianischen Kultur schauen. Denn es scheint mir ganz klar, dass die amerikanische Kultur nie über ihre innere Leere hinwegkommen wird, wenn es ihr nicht gelingt, zur Heimat der Indianer einen neuen Zugang zu gewinnen, die Landschaft und ihre Eigenarten wirklich so zu integrieren, wie sie sind.
Wildheit. Die Lebendigkeit, ja Hektik von NY steht sicher in direkter Resonanz zur Wildheit der schier unendlichen amerikanischen Landschaft. Beim Hinflug konnte ich mich gar nicht satt sehen mit Blick auf den endlosen Ozean. Plötzlich tat sich nach dem Blau des Meers eine weiße, glänzende Landschaft aus Schnee und Eis auf, etwas gebirgig und völlig menschenverlassen, das Labradorgebiet. Keine Straße, kein Haus zu sehen, keine Wälder und keine Lebewesen. Langsam wandelte sie sich in eine Art Urstromlandschaft, die aus der Perspektive des Flugzeugs so ähnlich wie eine Schlicklandschaft bei Ebbe aussieht, mit zahlreichen Flüssen und Seen, nur braunes Land und vielleicht etwas Vegetation. Es dauerte fast eine Stunde, bis die ersten Straßen und dann die ersten Orte auftauchten, bis schließlich dichter Nebel über den Großen Seen den Blick auf die Industrielandschaft im Umfeld von Chicago versperrte.
Wildheit in NY aber auch als Schrecken. Vor einigen Jahren wurde in Bensheim in einer Tiefgarage ein Theaterstück gespielt, in dem das Leben der vielleicht 30.000 Menschen gezeigt wurde, die in NY in den zahllosen stillgelegten Schächten unterhalb der Stadt leben und nie ans Tageslicht kommen. Das konnte ich mir schwer vorstellen, aber als ich die U-Bahn betrat und die Menschen darin sah, war diese Vorstellung sofort gegenwärtig. Überall steigt in NY aus den Gulli-Deckeln warmer Dampf aus, manchmal so stark, dass sogar eigene Rohre wie Schornsteine aufgestellt wurden. Der Untergrund ist auf ganz andere Art präsent als in europäischen Städten. Auch die vielen Hochhäuser erwecken die Vorstellung, dass sie irgendwie tief im Boden verwurzelt sein müssen.
Pragmatismus. Im Gegenzug ist in US sehr stark eine praktische, realitätsorientierte, eben pragmatische Haltung verbreitet. Die lernte ich besonders am ersten Tag kennen, als wir zuviert an einem vierstündigen gruppendynamischen Kurs teilnahmen. Vorweg waren im Intranet 130 Fragen zu beantworten. Im wesentlichen waren bei Begriffspaaren die perönlich zutreffendere Seite anzukreuzen (z.B. statement – concept, analyze – sympathize, compassion – foresight). Der Kurs fand in einem kleinen Raum statt (in einem akademie-ähnlichen Gebäude in einer wunderschönen Landschaft bei Minneapolis), entlang den Wänden waren die Nummern 0 bis 10 angeklebt. Die Antworten waren per Programm nach 4 Kriterien bewertet worden (extrovertiert - introvertiert, sensing - intuition, thinking - feeling, judging - perceiving), und jeder stellte sich unter seinen Wert. So ergaben sich sofort "Konstellationen", wo mal alle sehr nahe beieinander standen, oder auch einzelne deutlich am Rande. Ich fiel durch die Theorieorientierung auf. Entscheidend war nun die Aufgabe des Moderators, der die Bedeutung der einzelnen Skalenwerte erläuterte und versuchen mußte, hierüber ein Gruppengespräch in Gang zu bringen. Das ist ihm sehr gut gelungen. Die Geschichte der Konflikte wurde verständlicher und ebenso die unterschiedlichen Einstellungen und Haltungen. Während die einen stark auf Kontinuität und schrittweise, vorsichtige Veränderungen bedacht sind, habe ich große Freude an Neuerungen, konzipiere sie gerne und führe sie mit einem gewissen Grundvertrauen auch auf Gefahr von Verlusten ein. Der Kursleiter wollte vor allem Verständnis wecken, dass alle unterschiedlichen Haltungen wertmäßig gleichberechtigt sind und ihre jeweils eigenen Schwächen und Stärken haben.
Für mich persönlich ergab der Test das Resultat: "Introverted Intuition with Thinking" und der allgemeinen Charakteristik: "INTJs are independent, individualistic, single-minded, and determined individuals who trust their vision of possibilities regardless of universal skepticism" (Wörtlich: INTJs sind unabhängige, individualistische, zielstrebige, entschlossene Individuen, die stark ihrer Vision neuer Möglichkeiten vertrauen, ungeachtet ihres allgemeinen Skeptizismus). Am interessantesten natürlich die Warnungen vor "potential pitfalls" (möglichen Fallgruben), wörtlich übersetzt: Sie können so unnachgiebig wirken, dass andere Angst haben, sich ihnen anzunähern oder sie herauszufordern. Können andere zu stark kritisieren, die ihren eigenen Idealen folgen. Können sich selbst in Schwierigkeiten bringen, wenn sie sich zu sehr auf unpraktischen Ideen versteifen. Können die Wirkung ihrer Ideen oder ihres Stils auf andere ignorieren. Müssen lernen, zunächst weniger wichtige Punkte anzustreben und zu erreichen, um schließlich die große Vision umsetzen zu können.
Diese ganze Art von Psychologie ist sicher anders, als es mir in Europa vertraut war, auch wenn die Grundideen auf die frühen empirischen Arbeiten von C.G. Jung zurückgehen. Aber ein solches Programm zu entwickeln, wo mit sehr genauer Zielvorstellung bestimmte Konflikte in einer recht kurzen Zeit angegangen und wenigstens ansatzweise gelöst werden sollen, ist deutlich amerikanisch. Es gab ein kleines, harmloses "Nachspiel". Für den Abend hatte ich John gefragt, welches Ziel zum Spazierengehen er mir in der Nähe empfehlen könne, und so fuhr ich dann an einen der Seen am Stadtrand von Minneapolis und ging bei untergehender Sonne am Wasser entlang und durch die benachbarte Wohnsiedlung. Da dieser See schon ganz auf der Strecke in die Innenstadt (downtown) von Minneapolis lag, entschied ich mich, dorthin zu fahren. In einem langen Bogen fuhr ich halb um die City herum und fand einen Parkplatz zwischen der 1st und 2nd Avenue. Von dort ein paar Schritte durch die Innenstadt. Auch so etwas habe ich vorher noch nie gesehen. Da, wo ich parkte, standen noch etliche alte Häuser, die stark an Berliner Stadtteile wie Schöneberg oder Wedding erinnerten, aber die Innenstadt war komplett abgerissen und am Reißbrett neu entworfen und aufgebaut. Dennoch fand sich einiges Leben in zahlreichen Restaurants und Bars, wo sich viele der Angestellten aufhielten, die tagsüber in den Hochhäusern gearbeitet hatten. Mich zog es aber zurück zu den älteren Gebäuden. Auch dort zahlreiche Restaurants und Bars, in einer wurde Jazz gespielt. Wäre ich nicht durch den Jet-lag so müde gewesen, wäre ich wohl da hinein gegangen. So ging ich in ein Restaurant, sicherlich auch eher "alternativ", auch wenn selbst dort die obligatorischen Fernseher mit ihren Sportprogrammen liefen. Es gab ein überraschend gutes Essen mit viel Rohkost und einer Artischockencreme zum Dippen zu durchaus angemessenen Preis, nur das Bier war wie immer sehr teuer. Als ich am nächsten Tag davon erzählte, war John regelrecht entsetzt. 1st Avenue, das ist doch "the worst part of the city", und wie ich dann erfuhr, befindet sich direkt anschließend das Rotlichtviertel. Kein Amerikaner hätte ausgerechnet diesen Teil der City besucht, und wenn schon, dann sicher nicht darüber gesprochen.
Am Tag danach war ich den ganzen Abend mit Karl unterwegs, einem deutschen Forscher, der vor 3 Monaten für 3 Jahre nach Minneapolis gegangen war und mir sehr viel über seine bisherigen Erfahrungen in US erzählen und zeigen konnte. Er bestätigte alles über diesen Stadtteil, fuhr mit mir in eins der vielleicht 4 oder 5 europäischen Geschäfte in dieser Stadt von 2,5 Millionen Einwohnern, wo es dunkles Brot gab (und jedes Brot, das irgendwie dunkler als reines Weizenbrot ist, gilt als dunkel), Müsli, französischen Käse und so weiter, also vergleichbar mit Reformhäusern in Deutschland, aber wesentlich größer. Die Amerikaner kaufen dagegen in den großen Malls ein. Er erzählte, wie stark das Leben durch Arbeit und Familie geprägt ist (er selbst lebt als Single in dem einzigen "alternativen" Stadtteil von Minneapolis). Die Wohngegend wird eher nach der Qualität der Schule als nach der landschaftlichen Lage ausgesucht, die Unterschiede zwischen den Schulen sind erheblich. Jeder Personalchef kennt sie, und wer sich in einem anderen Ort bewerben will, muß Referenzen aus seinem Heimatort nennen, wo sich dann der Personalchef erkundigt. Die Forschung (sein eigenes Arbeitsgebiet) ist viel stärker als in Deutschland von der Produktion getrennt, und die amerikanischen Kollegen konnten bei ihren Besuchen in Deutschland kaum glauben, mit wieviel produktionsnahen Aufgaben sich die deutschen Industrieforscher beschäftigen. Die Forschungsabteilungen der großen amerikanischen Firmen unterscheiden sich dagegen kaum von Instituten an Hochschulen. Im Wirtschaftsleben von US stehen zwar sicher die superreichen Finanzmanager am stärksten im Rampenlicht, aber die eigentlichen Erfolgsträger – und als solche auch durchaus anerkannt -, sind die Forscher und Entwickler in den großen Firmen und zahlreichen start-up companies.
Campus. Zurück zu der kurzen Erfahrung in amerikanischer Psychologie. Sicher sind die Verhältnisse in NY wieder anders. Es war schon auffallend, wie oft in allen Stadtteilen Schilder auf psychotherapeutische Beratung und Praxis hinwiesen. Und die sieht bestimmt nicht so aus wie in meinem kurzen Kurs in Minneapolis, sondern steht wohl eher in der Tradition von Freud. Und auf einmal wurde mir klar, wie wenig ich eigentlich weiß, was 1968 in NY los war. Sicher, in NY gab es Warhol und "velvet underground", das Zentrum der Popkultur, die riesigen Konzerte mit den Stones und den Beatles, auch die underground-Literatur stammt bestimmt zu einem guten Teil aus NY. Aber was geschah damals eigentlich an den Universitäten? Immerhin wirkte ja auch z.B. Hannah Arendt lange in NY, wo lehrte eigentlich Riesmann ("Die einsame Masse"), sein Schüler Sennet ist jedenfalls begeisterter Wortführer für NY. Es gab die Aufstände in den Zentren der Schwarzen in den Randbezirken von NY. Gab es auch Bemühungen um die indianische Vorvergangenheit? In der Broome Street wies eine große Ausstellung von Peter Breard in diese Vergangenheit, wo collagenartig Fotos von verendenden Tieren in Afrika, denen Felle abgezogen oder Sexualsymbole abgehackt waren (z.B. Zebras, Nashörner), konfrontiert wurden mit Fotos über die Sexualsymbole der Weißen, z.B. Frauen mit riesigem Busen im Bikini. Die Wirkung war wirklich beeindruckend. Nur wenige Häuser daneben gab es höhlenartige Galerien, wo Räucherstäbchen, Decken, Seifen zu kaufen waren.
Die letzten Stunden in NY war ich in East Village und im Universitätsviertel. East Village, das entpuppte sich als das Studentenviertel und erinnerte ungewöhnlich an das London, das ich 1971 erlebt hatte, viel stärker, als ich es heute in Frankfurt oder München wahrnehme. Zahlreiche Cafés und Musikgeschäfte, kleine Restaurants, viel Betrieb auf den Straßen und in den Läden. Angemalte Häuser, kleine Theater, allerdings keine politischen Parolen.
Das direkt benachbarte Universitätsviertel schreckt zunächst durch öde Blocks ab, in denen sich vielleicht Studentenwohnungen befinden. Aber der Washington Square Place zeigte sich als der eigentliche Campus mit einer Lebendigkeit, wie ich sie auch in Berlin in der Umgebung der FU- oder TU-Mensa so nicht erlebt habe. Wieder war eine ungeheure Menge von Menschen unterwegs. Zwei Schwarze und ein Weißer boten Akrobatenkünste, ein Schwarzer hatte sich über und über mit Klopapier bekleidet auf einen Pfosten gestellt und nahm jedem Geld ab, der auf die Idee kam, ihn zu fotografieren. Das ging so lange gut, bis seine Wirkung durch einen unvorhergesehenen Auftritt regelrecht neutralisiert wurde: eine Studentin ganz in schwarzem Lack mit großen schwarzen Engelsflügeln auf dem Rücken, wie einem Gemälde von Max Ernst entsprungen. Beide würdigten sich keines Blickes. Lange saß ich auf einer Bank und schaute dem Treiben zu, neben mir spielte ein Weißer auf einer elektronischen Klaviertastatur Minimal Music und sang bisweilen dazu. Als die Sonne unterging, kehrte ich zum Broadway zurück, ging dort noch einige hundert Meter bis SoHo und fuhr dann zum Hotel, wo ich meinen Koffer deponiert hatte.
Oktober 1999
Nachtrag: Inzwischen gibt es im Internet unendlich viele New York Fotos. Eine wahre Fundgrube ist die Serie von Privat-Fotos in einem Diskussionsforum.
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