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Personen und Zeiten |
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Usedom Gleich an einem der ersten Tage erschien am Horizont eine Art Totenschiff, ein Dreimaster, der sich nicht von der Stelle bewegte, keine Segel gespannt hatte und auf dem keine Lichter zu sehen waren, bis er nach drei Tagen wieder verschwunden war. Als die Sonne auf dem Festland schon untergegangen war, strahlte das Schiff im vollen Glanz auf. Wolin / Wollin im Hintergrund schien wie aus einer anderen Welt, nicht auszumalen, was dahinter geschehen mochte.
Eine Scheu hatte mich lange abgehalten nach Pommern zu fahren. Hiddensee war wie ein Traum, aber das Herz von Pommern, das Stettiner Haff, ist wie ein kleiner Vogel, der Schutz sucht unter der schnell hingeworfenen Decke eines luftigen Waldes.
Doch soll nun kein falscher Eindruck entstehen. Auf Usedom lässt sich herrlich entspannen und erholen: breite Strände mit einem sehr feinen Sand, eine kilometerlange Promenade entlang den Villen aus der Kaiserzeit, zahlreiche Ausflugsziele, z.B. nur wenige Kilometer entfernt zum Achterwasser, viele Cafés und Restaurants in den Seestädten, gute Luft und weit besseres Wetter als im Hinterland. Selbst Anfang Oktober ist das Wasser noch warm genug zum Baden, aber vor allem lädt das Meer zu immer neuen Spaziergängen ein. Die Preise sind in der Zwischensaison vertretbar. Im Grunde war ich überrascht, wie voll es auf Usedom zu dieser Zeit noch war.
Szczecin / Stettin Täglich fährt ein Schiff von Kamminke an der äußersten Südostecke von Usedom nach Stettin, außer sonntags, wenn dort die Geschäfte geschlossen sind. Obwohl Kamminke weitab von allen Touristen-Attraktionen auf Usedom liegt, war der Parkplatz gut gefüllt. Die meisten wollen die günstigen Preise in Polen nutzen, außerdem gibt es auf dem Schiff steuerfreie Alkoholika und Zigaretten. Die Zeiten von Heimkehrer-Reisen sind längst vorbei. Alles ist entsprechend gut durchorganisiert. Weit über die Hälfte fährt überhaupt nur bis an die polnische Grenze und gleich postwendend wieder zurück, vielleicht noch verbunden mit einem Mittagessen an Bord.
Erst saßen wir oben auf dem Deck mit herrlicher Sicht auf die polnische Ecke von Usedom und dann auf Wollin und den Swine-Strom. Weiter auf dem Stettiner Haff waren am Ostufer endlose Schwärme von Zugvögeln zu sehen. Schließlich wurde uns zu kalt und wir gingen in den Salon. Dort war es kaum möglich, einen Platz zu finden. Die meisten waren direkt dorthin gegangen und studierten die Verkaufskarte, ob dort Neuerungen zu finden sind. Es war eine gemütliche Kneipen-Atmosphäre. Wenn jemand neu hinzukam, rückten die anderen bereitwillig zusammen. Viele lasen Zeitung oder unterhielten sich über private Angelegenheiten. Eine Treppe tiefer war der kleine Shop. Ganz ohne Gedränge gingen dort nach und nach alle Passagiere hin und kamen mit prall gefüllten Plastiktüten zurück. Die Fahrt dauerte 2 Stunden, so dass wirklich keine Hektik angesagt war, und wir ärgerten uns etwas, nichts zum Lesen mitgenommen zu haben. Die Zeit ging dann aber doch recht schnell um.
Die pommersche Küste bei Trzebiez / Ziegenort sah aus wie ein verwunschener Urwald, aus dem in jedem Moment ein Bär hätte hervorkommen können. Schließlich waren der kleine, stämmige Kirchturm und ein paar Häuser zu sehen. Die Pass-Kontrolle ging sehr schnell, für einen Moment war unklar, in welchen Bus wir einsteigen müssten. Ich fragte den Busbegleiter, ob und wie wir in Stettin früher aussteigen können.
Während der Busfahrt gestaltete der Begleiter regelrecht eine kleine Show. Unterbrochen von zahlreichen Witzen, die oft genug anzüglich waren wie im Fernsehen üblich, erzählte er über Stettin und wie schlecht dort die ökonomische Situation ist. Die Arbeitslosigkeit ist sehr hoch, da fast alle großen Unternehmen dicht gemacht haben. Nur auf der Hinfahrt sahen wir eine sehr heruntergekommen wirkende Chemie-Fabrik, wo Kunstdünger hergestellt wird und alles nach Schwefel stank. Den Rentnern in Polen geht es sehr schlecht, sie verdienen vielleicht 100 Euro im Monat "und können nicht verreisen (wie Ihr)". Orts- und Straßennamen nannte er grundsätzlich in polnisch und deutsch. Er suchte nach einer persönlichen Identität mit Stettin, seinem Heimatort. Es ist nun die viergrößte Stadt in Polen, aber sicher nicht die schönste (verglichen etwa mit Gdansk / Danzig oder Krakow / Krakau). Über die Frage der Nationalität ging er eher indirekt hinweg, als er die slawische, brandenburgische, schwedische, deutsche und jetzt polnische Geschichte betonte und dadurch die 1000 Jahre deutscher Zivilisation stark relativierte. Aber vielleicht hat er auch recht, gerade was den schwedischen Einfluss betrifft.
Schon nach einer knappen halben Stunde waren wir in Stettin und hielten zuerst an einem Platz an, wo zwei häßliche Denkmale mit drei Adlern aus der sozialistischen Zeit und mit dem Papst aus der neueren Zeit zu sehen waren. Immer noch war es sehr kalt. Dann fuhr der Bus kreuz und quer durch die Stadt und ich verlor etwas die Orientierung, da wir immer wieder an bestimmten markanten Punkten wie dem einzigen modernen Hochhaus vorbeizukommen schienen. Der nächste Halt war die Jacobi-Kirche und da ging ich mit Hanna allein los.
Einen Moment hatte ich das Gefühl, ihr wäre es lieber gewesen, getrennte Wege zu gehen: sie einkaufen und ich zum Haus meiner Mutter, d.h. natürlich zum Haus, das meine Großeltern Pirling in den 1920er Jahren im Vorort Nemetz von Stettin gebaut und 1945 auf der Flucht verlassen hatten. Aber schon mir fiel es in der Innenstadt ziemlich schwer, mich in den Neubauten zu orientieren, und ich hatte nur eine Karte, so dass das dann keine Frage mehr war. Entlang einem auf der Karte eingetragenen früheren Weg meiner Mutter gingen wir durch den besser erhaltenen Stadtteil rund um den Grunewald-Platz (früher Kaiser-Wilhelm-Platz), der - wie ich schon vorher in Burgdorf gelesen hatte - wirklich sehr an Berlin erinnerte, an Schöneberg oder Prenzlauer Berg. Hier war auch ihr Gymnasium gewesen.
Erst dachte ich, wir wären überraschend schnell bei dem Haus meiner Großeltern, und ich machte begeistert einige Fotos von den verschiedenen Straßenecken. Meine Stimmung hellte sich auf und ich kam mit Hanna ins Gespräch über ihre Situation in der Schule und ihre Berufswünsche. Ihr ist klar, dass das Berufsziel Bibliothekar oder so etwas Ähnliches nicht gerade das ist, was alle werden wollen. Die meisten bewerben sich schon jetzt bei Firmen wie Wella, BASF oder SAP um Trainees und streben eine frühe Berufslaufbahn an, möglichst ohne Studium. Cliquen lösen sich in den letzten Schuljahren eher etwas auf. Alles klingt ein wenig so, als seien die meisten Schüler schon jetzt reifer als ihre Eltern.
Dann hatte ich mich aber in der Karte geirrt und wußte einen Moment nicht weiter. Fast habe ich schon meine Mutter angerufen, obwohl die zu der Zeit in der Regel Mittagsschlaf macht, bis ich den Eintrag auf der Karte wieder entdeckte, wo das Haus steht. Nun zog sich der Weg an einem Park (Friedhof) aber doch ganz schön lang und es wurde auch wärmer und wir kamen etwas ins Schwitzen.
Ich geriet wie in einen Traum. Alle Gebäude und Schulen schaute ich an, als sähe ich sie aus den Augen meiner Mutter von vor 60 Jahren. Alle die langen Wanderungen durch Berlin und andere Städte mischten sich ein. Was hatte ich da gesucht, welche Art zu gehen und zu sehen eingeübt? Es kam mir so vor, als würde ich nach langer Zeit an den Stätten meiner eigenen Kindheit vorbeigehen, als wäre ich selbst auf die Straßenbahnzüge an den Haltestellen aufgesprungen, könnte mich noch erinnern, wie gerade eben Kinder aus der Nachbarschaft um die Ecke gebogen sind, oder Lehrer stumm grüßend vorbei gekommen.
Die Eisenbahnbrücke war für mich der nächste Orientierungspunkt und wir kamen in die frühere Eckerbergerstraße (jetzt "Arkonska"), wo in Nr. 47 Mutter im "Landhaus Johanna" geboren worden war. Der Straßenname "Bulgarsk" ließ sich auf der Karte gut erkennen und schon waren wir eine Straße weiter da - in der früheren Johannnistalstraße (jetzt "Sorbska"). Sah dieses Viertel nicht ein wenig so aus wie die Straßen in Burgdorf entlang der Aue, aber durch die Straßenbahn großstädtischer? In der kleinen Seitenstraße standen 5 oder 6 Taxen.
Das Haus war für mich sofort zu erkennen, eher etwas größer als ich erwartet hatte. Das Wetter hatte sich in einen wunderschönen "Goldenen Oktober" - Tag verwandelt. Die nicht asphaltierte Straße führte auf einen kleinen Park, links eins der häßlichen neuen Häuser, und alles machte den Eindruck, als wäre es in eine Laubenkolonie hineingebaut. Neben dem verwitterten und offenbar nie neu verputztem oder gestrichenem Haus ein schöneres neues Haus, und im Garten ein weiteres, kleineres. Ich war mir unsicher, welches von diesen beiden Häusern nun das Haus von Walter Pirling sein sollte. Der Lage nach das im Garten (wie mir später auch bestätigt wurde), aber das erschien mir nun doch sehr klein.
Menschen waren nicht zu sehen, und ich wollte auch nicht auf das Grundstück gehen. Durch die Sonne machte alles einen sehr friedlichen Eindruck. Ich konnte mir sehr gut vorstellen, wie es innen eingerichtet sein musste und hatte das Gefühl, als wäre ich zufällig bei nahen Freunden vorbeigekommen, die im Moment aber nicht da sind, und die ich später noch einmal besuchen kommen würde.
Da der Gang recht lange gedauert hatte und ich noch ganz gern einen Blick auf die Oder werfen wollte, verständigten wir uns mit den Taxi-Fahrern und fuhren für 5 Euro zurück an den Platz, wo der Bus warten sollte. Der stand auch wirklich dort (Pl. Lotnikow) und mit einem guten Gefühl gingen wir aufs geradewohl in Richtung Oder. Hier war die Stadt nun sehr zerstört und für mich schwer verständlich neu aufgebaut: riesige Straßen führten über riesige Plätze, an denen ganz vereinzelt wieder aufgebaute alte Häuser standen. Offenbar war nur eine Straße mit ein paar Seitenstraßen mit Geschäften wieder aufgebaut worden und ansonsten machte alles einen sehr lieblosen Eindruck. Die Stadt wirkte nicht unbedingt verwahrlost und sicher nicht dreckig. Darauf hatte schon der Reisebegleiter zurecht hingewiesen. Auch keine Bettler. Aber alles war irgendwie zugig, bot nirgends einen Halt zum Stehenbleiben und Umschauen, und hier auf dem Gebiet der früheren Innenstadt kam es mir so vor, als wäre eine Stadt an einem falschen Platz in der Natur gebaut worden, und nun stehen sich Stadt und ihr Standort wie entfremdet einander gegenüber. Die riesige Jacobi-Kirche sah aus wie etwas aus vergangenen Zeiten übrig Gebliebenes, keiner weiß mehr, warum und wofür.
Von einer schloßartigen Anlage aus bot sich dann aber doch ein schöner Blick über die Oder auf den großen Speicher, der dort thront wie ein Gegenpol zur Jacobi-Kirche. Aber auch hier war alles durchschnitten von Schnellstraßen und es sah so aus, als sei alles nur sporadisch eingerichtet.
Fast hätten wir den Bus verpaßt. Ich war nach den Erfahrungen der Fahrten in Litauen davon ausgegangen, dass die meisten sich die Stadt anschauen und viele zu spät kommen würden, und daher keine besondere Eile notwendig sei. Als wir aber nur höchstens 5 Minuten zu spät um die Ecke zum Platz bogen, wo der Bus stand, kam er uns schon entgegengefahren. Winkend liefen wir darauf zu, und er stoppte nochmal kurz. Keinerlei Bemerkung von den anderen Reisenden und eine sehr stumme Fahrt zurück nach Ziegenort.
Dort waren wir etwas zu früh, mussten in der Kälte warten und durften noch nicht einmal aus dem für die Schiffspassagiere abgegrenzten Bereich in die Sonne hinaus, bis das Schiff kam. Im Salon aß ich Kuchen mit Kaffee. Noch von der Hinfahrt lagen Zeitungen dort, die Hanna und ich lasen. Uns gegenüber saßen wieder die gleichen Reisenden wie schon vorher, wir nickten uns freundlich zu. Langsam strömte die Anspannung ab.
Draußen war es kalt, aber ein goldener Sonnenschein. Als die Sonne sich neigte, ging ich raus und setzte mich auf das Oberdeck, um den Sonnenuntergang über das Stettiner Haff zu genießen. Stumme Tränen. Die Bruckner-Sinfonie kehrte zurück, die ich mit Mutter in Burgdorf gehört hatte. Ein herrliches Abendrot. Vieles schien unterzugehen. Hanna kam nicht nach. Sie wirkte schon vorher sehr müde.
Und noch ein zweites Mal kam ich nach Stettin. Auf der Rückfahrt von Berlin fuhr ich die Autobahn einfach weiter, über die polnische Grenze, und vorbei an Stettin zur Insel Wollin. Lange war von Stettin nichts zu sehen, bis plötzlich zur Linken der Höhenzug an der Oder mit den wenigen erhaltenen alten Gebäuden zu sehen war. Von hier aus sah es doch wie eine Stadt aus, eher noch wie eine Festung, die drohend nach Osten schaute. Zurück von Wollin steuerte ich dann direkt auf Stettin zu. Durch den zweispurigen dichten Verkehr war kein Anhalten möglich, und die Stadt tauchte nur gelegentlich in den Augenwinkeln auf, so weit es die Konzentration auf den Verkehr zuließ. Eine Baustelle drängte mich weiter ab, aber irgendwie landete ich dann doch auf der großen Straße vor dem Schloß, dann auf dem Grunewald-Platz, bis ich etwas die Orientierung verlor. Die Verkehrsschilder waren kaum eine Hilfe, ständig schien es so, als würden alle Straßen in Richtung Gdansk weisen, und nur einmal war Pasewalk erwähnt.
Die Falkenwalder Straße (Al. Woljska Polskiego) war jedoch die Achse, die ich immer wieder erreichte und von der aus ich mich neu orientieren konnte. So war es mit dem Auto auch verblüffend einfach, den ehemaligen Botanischen Garten von Großvater Pirling zu finden. Ein verregneter Abend und nur einige wenige Spaziergänger mit großen Hunden, die sie frei laufen ließen. Der Park sah schon eher aus wie der Übergang in die freie Natur. Als ich mich in Richtung des Großeltern-Hauses wendete, wurde er aber dichter, und nach wenigen Schritten stand ich nun am anderen Ende der Straße. Jetzt sah es so aus wie eine Insel der Ruhe am Rande einer hektischen Großstadt. Diesmal war alles schon viel vertrauter, und doch fühlte ich mich jetzt einsamer und ging zügig durch den Park zurück, zumal es auch begann Abend zu werden und ich nach Usedom wollte. Die Grenze nach Deutschland kam sehr schnell, doch dann zog es sich immer mehr in die Länge über Pasewalk und Anklam und schließlich die Insel Usedom. Die Hotel-Besitzerin hatte schon auf dem Handy angerufen, ob ich überhaupt kommen würde, weil das Wetter so schlecht geworden war. Die nächsten Tage wurde es dann aber doch wieder sehr schön.
Pflaumen, Kartoffeln, Kürbis, Dorsch, dazu Steinpilze, Beerengrütze und ein Korn, das sind der Geschmack und die Farben von Pommern. Dunkelrot und dunkle Olivtöne kreuzen sich mit dunklem Gelb bis schwarzem Braun. Aber ist dies eine untergehende Welt? In Bansin, Heringsdorf und Ahlbeck gab es jede Menge Lokale mit Fisch- und Fleischgerichten, natürlich einige Italiener, und sogar ein großes Restaurant mit bayrischen Spezialitäten, das von außen ganz schrecklich aussah, aber im Innern verblüffend gemütlich. Dagegen fand ich nur eine einzige Hotel-Villa, wo ausdrücklich pommersche Küche angeboten wurde. Der Speiseraum hatte keine schöne Aussicht und wirkte eher wie eine Kantine aus DDR-Zeiten, auch wenn er neu renoviert war. Nur relativ wenig Gäste. Das Essen schmeckte aber gut.
Polen, Schweden, Preußen Was haben die Pommern gegen Polen? Polen stehen für Armut und dass jeder Versuch aufgegeben wurde, sich irgendwie in den gegebenen, bedrängten Verhältnissen dennoch schön einzurichten. Stattdessen wird die Häßlichkeit geradezu provokativ nach außen gekehrt: Seht her, wie es uns geht, aber wir überleben, wir sind nicht totzukriegen. Da schwingt auch die Angst mit, dass in Wahrheit die Polen über eine überlegene Eleganz verfügen könnten, einen freieren Geist, der sich eben dann, wenn er sich nicht entfalten kann, ganz zurückzieht, statt sich mit gedrückten Verhältnissen zu arrangieren. Die Gleichgültigkeit der Polen gegenüber Machtsymbolen. Was wird ihnen vorgehalten: Sie können nicht bauen, haben keinen Sinn für ausgreifende Architektonik. Sie stellen ihre Armut offen zur Schau (zum Beispiel all die Frauen im besten Arbeitsalter, die entlang der Straße von Stettin nach Wollin kleine Körbe mit Waldpilzen anbieten).
Ganz konkret die Angst, die Polen könnten spätestens mit Eintritt in die Europäische Union nach Westen drängen und zu Niedriglöhnen den Ostdeutschen die letzten Arbeitsstellen wegnehmen. Gern wird dabei verdrängt, dass die Polen dies keineswegs aus einer Unterschichten-Mentalität tun, sondern weil sie im Gegensatz zu Deutschland über viel weniger materielle Sicherungen im Sozialsystem verfügen. Das Schlimme ist, wie sich hier Ängste um die eigene Zukunft mit jahrhundertealten Vorurteilen mischen.
Aber die Schweden und die Preußen, denen schlossen sich die Pommern gern an. Im dreißigjährigen Krieg trugen die schwedischen Armeen sicher auch ihren Teil dazu bei, Pommern zu verwüsten. Aber am Ende waren die Katholiken zurückgedrängt und damit auch die Polen. Und seitdem sind die Schweden die positive Orientierungsgröße für das, was den Pommern weltoffen erscheint: genaue Kalkulation ihrer eigenen Kräfte, maßvolle Bündnisse, und durchaus entschlossenes Auftreten, das aber im richtigen Moment Halt zu machen versteht. Das Helle in Pommern ist das helle Licht, das vom Norden kommt (vom "Nordischen", wie gern gesagt wurde). Usedom ist stolz darauf, in Deutschland das Gebiet mit den meisten Sonnenstunden zu sein.
Die Küste ist überwiegend nicht nach Westen hin offen zum Meer, wie in Litauen, sondern nach Norden. Sonnenaufgänge sind in der Grauzone von Küstenlandschaften zu sehen, Sonnenuntergänge über dem Land. Die spezifischen Farben sind daher die, die kurz nachher bzw. vorher aufscheinen: ein goldenes oder rosa Licht am Himmel. Landschaft und Häuser sind dann weniger in das Licht getaucht, das von der Sonne kommt, sondern vom indirekten Widerschein von den Wolken.
Fatal die Begeisterung für militärische Größe. So begann die Geschichte, als die ersten Bischöfe etwa in Stettin Kirchen wie Burgen bauten und von dort aus das Land unterwarfen. Nicht nur die Polen werden verachtet, sondern auch die Mecklenburger und ihr unterwürfiges Verhalten gegenüber dem lokalen Fürsten in Schwerin. Demgegenüber fühlen sich die Pommern selbstbewußter und kräftiger. Über die Brandenburger wird nicht so geredet, aber wohl kaum anders gedacht. Die Preußen dagegen wurden akzeptiert, als sie mindestens in Worten von Freiheit sprachen am Ende der wenigen Jahre der Abhängigkeit von Napoleon. Aus Sicht der Pommern wurde die Wende an der Oder herbeigeführt, wo der Widerstandsgeist erwachte, den dann etwa ein Fichte in Berlin in Reden faßte. Seither sahen sich die Pommern als die besten Preußen und in Folge der Preußen als der wahre Kern des Deutschtums, auf den sich der Nationalsozialismus verlassen konnte. Bei den Wahlen im März 1933 erhielt die NSDAP in Pommern deutlich mehr Stimmen als sonst in Deutschland. Wahre innere Verwandtschaft wurde eher zu Schweden, Dänen, Norwegern und Deutsch-Balten gesehen, während die Süddeutschen als etwas halbherzige Volksgenossen galten, ganz zu schweigen von Österreichern oder Italienern.
Ein nicht gelöstes Problem ist der Konflikt mit England. England und in gewisser Weise auch die Niederlande wurden ebenso als die natürlichen Verbündeten eines nordischen Lebensgefühls gesehen wie sicher auch die kosmopolitischen Teile des Adels und des Bürgertums etwa in St. Petersburg. Solange wird das Lebensgefühl der Pommern nicht mehr mit sich ins reine kommen, wie unverstanden bleibt, was da eigentlich geschehen ist. Stattdessen verrennt sich der Blick in die Vergangenheit in die Irre: Warum wurden die "Wunderwaffen" von Usedom gegen London eingesetzt und nicht etwa gegen katholische Lande im Süden oder die "Horden" im Osten? Hat nicht irgendwie Hitler alles vermasselt mit seiner Politik, mal sogar mit den Sowjets zu paktieren, Bündnispartner in Italien und Österreich zu suchen, und dann ausgerechnet in dem Moment den Überfall gen Osten zu starten, als nach Norden und Westen alle "natürlichen Freunde" bereits an die Seite des Gegners im Osten getrieben waren? Er war eben kein Bismarck. - So findet das Politisieren keinen Boden mehr und der gebrochene Stolz nach dem Verlust militärischer Größe verbittert und kann überall neu hervorbrechen wie in dem absurden Haß auf die Polen. Es muss sehr weit ausgeholt werden, um einen neuen Horizont zu finden, innerhalb dessen für das Positive und Tragfähige der pommerschen Gefühle und Werte wieder Raum gewonnen werden kann.
Wolgast gefiel mir am besten: eine kleine Stadt mit schönen Gassen umgeben von Wasser am Peene-Strom. Einige kleine Cafés, und viele Überraschungen beim Gang in die Backstein-Kirche, die einen originellen Totentanz-Reigen, sehr schöne Deckenmalereien, einen herrlichen Blick vom Kirchturm und einfach eine freie Atmosphäre im Innern zu bieten hat. In der Außenmauer ist demonstrativ ein kultischer Stein aus der früheren Zeit der Verehrung slawischer Götter eingelassen. Aber wie so oft hat sich der Zauber der Landschaft erhalten, den intuitiv die früheren, heidnischen Völker trafen. So hat trotz allem die Kirche ihr Maß behalten und steht jetzt fast ein wenig abseits vom gemächlichen Treiben in der kleinen, selbstbewußt wirkenden Stadt.
Am anderen Ende dieser Seen- und Uferlandschaft liegt Kamien Pomorski / Cammin . Überhaupt ist es ja schwierig, sich in dem Labyrinth von Inseln, Haffs, Binnenseen und Strömen zurecht zu finden, in die sich die Oder aufteilt. Cammin liegt an einem eigenen Haff schon wieder auf dem Festland im Osten der Doppelinsel, die im Ganzen auf der Karte wie ein Schmetterling im Flußdelta der Oder aussieht. Auch hier eine Kirche, die einfach zu groß geraten wirkt. Es scheint so, als seien Kirchen gebaut worden, die auf gewaltigen Bevölkerungszuwachs gesetzt haben. Aber herrlich die Lage der Stadt am Haff. Wie mit untergründigen Fäden scheinen die verschiedenen Orte in dieser Landschaft miteinander verbunden zu sein. Es bleibt nur noch, Wolin / Wollin hinzuzuzählen und seine Sage von Vineta, der reichen Hafenstadt einer längst vergangenen Zeit, Gegenstück zu nicht weniger als Venedig oder Amsterdam. Heute ist Wollin ein wieder aufgebautes Dorf, und wie überall haben die Polen die alte Kirche renoviert. Wollin muss aber wie Cammin nahezu völlig zerstört gewesen sein und es wirkt, als seien die erbitterten Schlachten gegen die von unbändiger Rache getriebene Rote Armee erst gestern geführt worden. Ein kleiner Wochenendmarkt, als ducke er sich weg, um nicht gleich wieder von hungrigen Soldaten geplündert zu werden. So paradox es klingen mag, auf Wollin schien es mir so, als haben die dort aus dem Osten angesiedelten Polen für Deutschland die Last der Schuld zu tragen übernommen für deren Eroberungszüge. Die wieder aufgebauten Kirchen wirken wie eine Geste zur Versöhnung, die bis jetzt aber von den nach Westen geflohenen Pommern nicht erwidert wird. Natürlich sind sie jetzt katholisch, aber ihr Charakter ist völlig erhalten.
Wie ein Fremdkörper liegt mittendrin Swinoujscie / Swinemünde, und fast scheint es, als sei dieser Ort sogar gern den verhaßten Polen überlassen worden. Ursprünglich ist Swinemünde wohl um ein Bollwerk gebaut, das gegenüber dem Hafen an der Swine liegt und den Schiffsverkehr überwacht. Ansonsten paßt nichts zusammen. Hinter der Promenade und ihren üblichen Einrichtungen für den Massentourismus schließt sich das "Kurviertel" an, wo sich die preußischen Marineoffiziere im Stil des Berliner Westens ihr Ghetto eingerichtet hatten, eigentlich, um dort unter sich zu bleiben. Dann folgt eine parkähnliche Anlage mit Tennisplätzen usw, bis schließlich der im Krieg fast völlig zerstörte Stadtkern erreicht wird. Im Gegensatz zu Wolgast oder Cammin geht er offenbar nicht auf eine uralte Siedlung zurück, sondern wirkt wie ein künstliches Gebilde, wo alle Dienstleister angesiedelt wurden, die für den Betrieb in einer kleinen Militärstadt gebraucht wurden. Eine prachtvolle, noch heute kaiserlich wirkende Chaussee führt nach Ahlbeck und weiter auf die Insel Usedom. Nirgends ist es heute in diesem doch etwas abgelegenem Gebiet so lebendig wie hier. Täglich strömen Hunderte um nicht zu sagen Tausende von Deutschen an den Polenmarkt, der entlang dieser Chaussee gleich hinter der Grenze aufgeschlagen wurde. Alle diejenigen, die sonst nur Abwertendes über Polen zu sagen wissen, sind sich doch nicht zu schade, um hier ihre Schnäppchen zu machen. Hätte ich es nicht selbst gesehen, hätte ich es nicht glauben wollen.
Noch heute dröhnt eine schreckliche Heulboje von der Mole in Swinemünde über das ganze Badegebiet in Usedom. Nie habe ich herausgefunden, wann und warum sie an- und abgeschaltet wird. Ihr Klang verleiht der ganzen Gegend etwas Düsteres, das an die dunklen Seiten Preußens und der kaum vergangenen Vergangenheit gemahnt, aber ohne Trauer und ohne Abschiednehmen, wie ein Leichnam, dem bis heute niemand die letzte Ruhe zu geben vermochte. Muß noch ergänzt werden, wie viele düster in grau gestrichene Kriegsschiffe im Hafen von Swinemünde lagen? Nach diesem dunklen Eindruck habe ich mir Peenemünde erst gar nicht mehr angeschaut.
Die Stadt Dresden als die Utopie der Sehnsüchte der Pommern. Dorthin ging mit den Romantikern der Maler Caspar David Friedrich aus Greifswald. Wie vom Schicksal verwöhnt liegt die Stadt in der Elbweitung. Alles, was in Stettin nicht glückte, hat sich hier wie von allein gefügt: Kirchen nicht drohend nach Osten auf einem Höhenzug entlang des Tales, sondern als Ausdruck reiner Lebensfreude und Dankbarkeit für göttliche Gunst mitten im Tal am Rande des Flusses. Auen entlang des Flusses zum Flanieren mit weiten Blicken in alle Richtungen, wo in Stettin Kräne und ein riesiger Speicher stehen. An manchen Stellen wie am Grunebergplatz blitzt das gleiche Lebensgefühl auch in Stettin auf. Beide Städte teilten das Schicksal völliger Zerstörung durch englische und amerikanische Bomber am Ende des Zweiten Weltkriegs. Warum diese sinnlose Zerstörung, als Deutschland bereits geschlagen war und die neue Frontlinie gegen die Sowjets sich bereits deutlich abzeichnete? Deutsche Armeen sind sicher nicht weniger brutal in den von ihnen eroberten Gebieten vorgegangen. Sollte nun im Gegenzug "die Kultur" in Deutschland begraben werden?
Wie geht es weiter? Wie kann Pommern einen Platz in der sich wandelnden gegenwärtigen Welt innerhalb eines in der EU aufgehenden Deutschlands finden? Wird es entlang der Küstenregion von Zingst über Rügen bis Usedom und vielleicht später ergänzt durch Wollin eine Monokultur, die nur noch vom Tourismus lebt und ein wenig Landwirtschaft auf den endlosen Kartoffel-Feldern im schmal gewordenen Hinterland? Ist der Stolz auf das "Nordische" aufgegangen in der Bäderarchitektur, und ist vom Reformwillen auf Gütern wie denen von Ernst Moritz Arndt und später auf manchen Produktionsgenossenschaften nichts übrig geblieben als die Hoffnung auf ein paar zugeteilte Mengen von Agrarprodukten, die die Landwirtschaft im Rahmen der EU liefern darf, hoffnungslos unterlegen gegen die Billiglohn-Konkurrenz aus dem Osten?
Zwei kulturelle Veranstaltungen am ersten und letzten Ferientag. In der Kirche von Koserow spielte der russische Geiger Vladimir Spivakov begleitet von Sergej Bezrodny
Sonaten von Brahms, Schnittke, Pärt, Franck und zahlreiche Zugaben. Die kleine Kirche war bis auf den letzten Platz gefüllt. An der Wand ein merkwürdiges Kruzifix, von dem ich dann erfuhr, dass es aus dem Meer angestrandet war und mit viel Phantasie als Erbmasse aus der versunkenen Stadt Vineta angesehen wurde. Wahrscheinlich war es ein Stück aus Schweden, das in einem untergegangenen Schiff für eine Kirche unterwegs war. Immer wieder unglaublich, wie Schnittke Gefühle des Schmerzes zu gestalten wußte. Und Spivakov traf einen Nerv, den keiner zu berühren gewagt hatte. Die Zuhörer waren in einer Weise mitgerissen, wie ich es nur selten bei einem Konzert klassischer Musik und schon gar nicht in einer Kirche erlebt hatte. Vom ersten Geigenstrich an war zu spüren, wie sich die Musik hinwegschwang. Die Pause wurde fallen gelassen, "weil es so kalt ist". Spivakov war wie besessen von einer wahren Mission, hier auf Usedom die Weite der russischen Seele, ihre tiefe Verletzung im 20. Jahrhundert zum Ausdruck zu bringen. "Ich freue mich, wie viel zeitgenössische Musik aus Rußland bei diesem Festival aufgeführt werden kann. Aber Sie dürfen nicht den falschen Eindruck bekommen, dass die Komponisten nicht auch zu Scherz und Freude fähig seien. Sie hören jetzt als weitere Zugabe die Polka von Schnittke." Und der Geigenbogen sprang und flog nur so über die Saiten.
Am letzten Abend eine Vorstellung in der "Villa Irmgard" von zwei Mitgliedern des Vorpommern Theater aus Greifswald zum Thema "Humor". Vordergründig ging es um das nicht enden wollende Wechselspiel von Zuneigung und Kränkung zwischen Mann und Frau, aber bald zeigte sich, dass es eher ein Versuch war, etwas Bleibendes aus der DDR-Vergangenheit festzuhalten. Die Frauen hatten für sich eine wesentlich größere Autorität und weit mehr Gleichberechtigung erobert als im Westen üblich, und die Männer schienen sich wohl zu fühlen dabei. Das war mir vom ersten Tag an auch bei den Spaziergängen am Strand und in den kleinen Orten aufgefallen. Zu dieser Jahreszeit waren sehr viele Bewohner aus der ehemaligen DDR auf Usedom und schienen es zu genießen, nach der Hauptsaison nun die Insel noch einmal für sich zu haben.
Die "Villa Irmgard" war auch der richtige Ort. Hierhin hatte sich 1922 Maxim Gorki zurückgezogen, um mit sich über die problematische Entwicklung der russischen Revolution ins reine zu kommen und an "Meine Universitäten" weiter zu schreiben. Im Erdgeschoß sind die von ihm eingerichteten Räume erhalten und zeigen eine Datscha auf Usedom. Im Obergeschoß eine Ausstellung und ein kleiner Veranstaltungsraum. Nur wenig Publikum war gekommen, genauer gesagt 12 Personen und zusätzlich 2, die etwas zu spät waren. In einem Nebenraum konnte sich jeder mit Wein oder Wasser bedienen. Zwischen den Stühlen kleine Tischchen mit Kerzen. Also gewissermaßen die "real sozialistische" Alternative zu den mondänen Salons in Berlin, und das ist wirklich nicht ironisch gemeint. Welche Tradition gibt es? Es ging um 3 Jahrhunderte, angefangen mit Lessing, augenzwinkernd Gedichte einer frühen "Sexwelle des 18. Jahrhunderts", nur wenig aus dem 19. Jahrhundert und dann vor allem Erich Kästner, Kurt Tucholsky und einige mir unbekannte Autoren aus DDR-Zeiten. Vorbereitend für einen Abend des Literatur-Kreises in Alt-Ötting las ich Gedichte von Heine. Auch in Westdeutschland hatte es unmittelbar vor der 68er-Bewegung Ansätze für eine ähnliche Kultur gegeben, die dann aber unter dem Ansturm der von Amerika ausgehenden Pop-Kultur regelrecht weggefegt wurde. Viele Lebenswege gingen gerade auch von Pommern aus nach London und New York und strandeten dort, exemplarisch sei nur Uwe Johnson genannt.
Besuche In Berlin traf ich nach 25 Jahren Annette und Matthias wieder, Studienkollegen aus der ersten Studienzeit in Marburg, und zur gleichen Zeit war Biggi mit ihren Eltern und ihrer Tochter nach Heringsdorf gefahren. Gespräche über die Lebenswege in einer ganz von der Nachkriegszeit geprägten Lebenszeit von nunmehr 50 Jahren.
Fahrten nach Greifswald und Stralsund. Stralsund: Freundlicher Empfang bei Johann, dem ältesten Sohn von Onkel Walter und seiner Frau Hannelore, am Ende ein wenig getrübt durch Diskussionen über politische Fragen. Langer Stadtrundgang durch Stralsund. Er zeigte mir das Franziskaner-Kloster mit dem Räucher-Boden, dessen Wiederaufbau seit DDR-Zeit er mit Interesse verfolgt hatte und die große Kirche am Alten Markt, wo er im Bach-Chor mitgesungen, geheiratet und seine Kinder getauft hat. Nach der fast abgeschlossenen Restauration ist sie etwas vollgepfropft mit zahlreichen Einrichtungen, in denen sich die verschiedensten Herrscher in Stralsund verewigten. Immer wieder neu hat mir die helle Bemalung der Kirchen aus der Backstein-Gotik gefallen, die von außen so klobig und fast ein wenig erschlagend wirken. Johann zeigte mir auch das Kino, in dem er in den 50er Jahren Filme wie Jacques Tati gesehen hat, und das Lieblings-Café am Markt. Fast ein brüderliches Verhältnis. Halt beim Grab von Onkel Walter, der vor genau 50 Jahren gestorben ist. Allerdings hätte ich von ihnen gern mehr über ihre Kindheit in Stettin erfahren. Aber ihnen standen - sichtbar und verständlich - im Moment die Sorgen ihrer eigenen Kinder näher. Immerhin ließ ich mir auf der Stettin-Karte zeigen, wo der "Lindenhof" lag, in dem Großvater Pirling so gern einkehrte.
Aristoteles und Heidegger Als Lektüre für die frühen Morgenstunden hatte ich mir Aristoteles und die Kommentare von Heidegger besorgt. Heidegger war auf halbem Wege in die umgekehrte Richtung gegangen. Er war aus den dörflichen, katholischen Verhältnissen in Süddeutschland aufgebrochen, 1924 nach Marburg gekommen und las als erstes über Aristoteles. Marburg: Ausgangspunkt der Eroberungszüge der Orden in den deutschen Osten, Begegnung von Luther und Zwingli, um 1920 Hochburg des Neukantianismus, später Sammlungspunkt für die aus den Ostgebieten vertriebenen Adligen und ihre Geschichtsforschung. Heidegger war auf der Suche nach den Denkern und Magiern "des Nordens" - Kant, Herder und Hamann, und traf auf Hannah Arendt, die gerade zum Studieren aus Königsberg gekommen war. Und Aristoteles? Er war aus dem alten Kolonialgebiet im Norden Griechenlands in die Metropole Athen gegangen, hatte dort Zugang zur Geisteselite gefunden, und war doch immer ein Fremder geblieben. Sein Schüler Alexander sollte zum Idol aller Diktatoren bis hin zu Hitler werden und Aristoteles empfahl ihm eher noch härteres Vorgehen. Von Aristoteles kommt die Vorstellung, die Asiaten gleich den Sklaven nur als Tiere zu sehen. Nach Alexanders frühen Tod mußte Aristoteles unter dem Druck des Fremdenhasses Athen endgültig verlassen und starb nur wenig später. Auch Heidegger fand keine Ruhe, weder bei den Größen des Nordens, noch im persönlichen Abenteuer mit Arendt. Nichts konnte ihn mehr aufhalten auf dem Weg zur "Bewegung" des Nationalsozialismus.
Aber dies ist nicht im mindesten so einfach, wie es scheint. Die Elite im Umfeld Platons wie das kirchlich institutionalisierte Christentum gehen aus von der Macht der Ideen. Sie fühlen sich im Besitz und als Verwalter der Ideen und leiten daraus ihren eigenen Herrschaftsanspruch ab. Die Ideen kommen aus einer Welt des Jenseits und suchen nach einer Verkörperung in dieser Welt. Es geht darum, sie richtig zu interpretieren und ihnen damit diesen Weg zu öffnen. Aristoteles und ihm folgend Heidegger kehren die Blickrichtung um. Nun wird ausgegangen von dieser Welt und es geht darum, die richtigen, treffenden Worte zu finden. Schlüsselbegriff bei Aristoteles ist daher nicht mehr die Verkörperung der Ideen, sondern umgekehrt die Körperlichkeit (die Bodenständigkeit) der Worte. Heidegger interpretiert den aristotelischen Begriff ousia (Sein, Wesen), angewandt auf die Worte, den logos, also auf sich selbst als Begriff:
Jedes Wort bezieht sich anfangs auf eine natürliche, körperlich existierende Sache, hat eine "wörtliche Bedeutung". Worte entstehen als Bezeichnungen. Im Zweifel ist das mit etymologischen Untersuchungen zu klären.
Aber ein Wort trifft mehr als nur diese eine Sache, es trifft gewissermaßen die Seele der natürlichen Sache. Das ist das, was dann leicht als Abstraktion missverstanden werden kann. Das Wort "Baum" trifft weder das Baumhafte noch die Baumheit, noch auch die Abstraktion aller einzelnen Bäume (ihren statistischen Durchschnitt oder die mathematische Menge aller Bäume), sondern das, was einen Baum als Baum ausmacht.
Mit dem Wort erfolgt eine Reinigung und Klärung. Es zieht eine Grenze zwischen der natürlichen Sache und all dem, was diese nicht ist. Mehr noch: Es grenzt die Sache ab von allen dunklen Einflüssen und Kräften. Die Sache steht durch das Wort schließlich idealerweise so klar da wie eine Zahl. Es gibt keine Dämonen mehr.
In diesem Moment größter Nähe zur Sache kommt es zur Krisis. Meist wird diese Bedeutung des Wesens als So-Sein übersetzt, Heidegger übersetzt deutlicher So-Sein-wie-es-geworden-ist. Die Sache ist so nahe bei sich, dass sie sich selbst nicht mehr gewärtig ist. Die Dunkelheit im Außen hat sich gewandelt zum blinden Fleck im Innern. Sie verknäult sich. Es wächst im Innern etwas, das nie und nirgends ausgesprochen wird. So-Sein-wie-es-geworden-ist kann passiv und aktiv gemeint sein. Passiv ist es das Sich-Abfinden mit dem Gegebenen. Aktiv weist es auf die Ursprünge, auf die Bewegung, in der das So-Sein immer noch steht, die aber erst aus einer gewissen Ferne erkennbar ist. Durch die Bewegung enthält es Erinnerung und die Möglichkeiten zur Weiterentwicklung. Freiheit, die passiv bleibt, droht umzuschlagen in Gleichgültigkeit und stumme Anpassung an die Macht der Verhältnisse. Da hilft nur Distanz. So muss das Wort das Unausgesprochene treffen, was an einer Sache erst aus dem Abstand erkennbar wird. Der Schmerz steckt verstreut im Alltäglichen, im Selbstverständlichen, das sich schließlich als eine eigene Macht zeigt, die sich aktiv sträubt gegen Aufrüttelung. Das Wort droht mitgerissen zu werden in das Geschwätz. Es muss der Sache fremd werden und sie aus der Fremdheit neu verstehen.
Dann schließlich mag es gelingen, die Sache in Vollendung zu treffen. Das Unausgesprochene wird direkt angesprochen und ins Gespräch gebracht, die Sache spricht an (antwortet, tritt in Wechselwirkung), und damit erfüllt sich der höchste Anspruch der Philosophie, ohne den Momente des Glücks nicht zu erleben sind.
An Herbsttagen auf Usedom verstehen sich solche Ideen wie von selbst, mit der gleichen Gleichmütigkeit wie Wind und Wellengang, Salzluft und die Verfärbung der Natur.
Walter Tydecks, November 2002
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