Walter Tydecks

 

Das unglückliche Bewusstsein als Selbstbewusstsein 2. Stufe

– ein Kommentar zur 18. Vorlesung von Fink über Hegel

Titel: Die 'ontologische' Dimension des unglücklichen Bewußtseins (gegen existentielle und historistische Interpretation des 'unglücklichen Bewußtseins' und der Endlichkeit). Übergang zur Vernunft: die Opferung des endlichen Bewußtseins

Vorgestellt, diskutiert und ergänzt in einem Philosophiekreis in Darmstadt, geleitet von Ulrike v. Uffel, am 30. Mai und 27. Juni 2023.

Die Vorlesung handelt vom 2. Teil des Kapitels IV der Phänomenologie des Geistes von Hegel über das Selbstbewusstsein und lässt sich in 4 Teile und einen Anhang gliedern:

– Als erstes ist Schluss zu machen mit einer verharmlosenden Sicht auf das eigene Unglück. Solange das Unglück als Zufall oder als von außen kommendes Geschick erscheint, erscheint dem absurden Denken der Nihilismus als Ausweg, d.h. die Vernichtung aller von außen kommenden das Unglück erzeugenden Mächte.

– In ihrem Unglück wenden sich das Bewusstsein und das Selbstbewusstsein ihrer eigenen Geschichte zu: Wie ist das moderne Subjekt entstanden, das in diese Krise geraten ist?

– Aus dieser Geschichte wird das ontologische Unglück verständlich.

– Seine ersten Fluchtbewegungen scheitern wiederum, aber an ihnen lernt es ex negativo die Grundzüge des philosophischen Denkens.

– Die sich entziehende Vernunft.

(I) Es geht nicht um ontisches Unglück, (190-192). Fink wiederholt ausführlich, dass es beim unglücklichen Bewusstsein nicht um ein ontisches Unglück geht, nicht einmal um das von manchen Existenzialisten vertretene "Unglück, Mensch zu sein" (191), weder um die Wendung des Christentums gegen den Körper (das Unglück, an die fleischlichen Triebe gebunden zu sein) noch um die Trauer der Romantik, "das naive Zutrauen zu den Dingen verloren" zu haben (191), "kein Ereignis, kein Vorkommnis", "etwas, was einem zustößt", nicht ein angeborener "Hang zur Grausamkeit" oder zum Trunk, "eine unglückliche Veranlagung" oder persönliche "Seinsart" (192), nicht das Unglück, zum falschen Zeitpunkt in die Welt gekommen zu sein. Wer dabei stehen bleibt, hat noch nicht die Tiefe des Unglücks erfahren und kann darauf hoffen, zu einer anderen Zeit an einem anderen Ort unter anderen Menschen hätte alles besser werden können. Sondern es ist ein "ontologischer Begriff", es geht um "eine Weise des legein, des Ansprechens des on [...], eine Weise des Seinsverstehens", "eine Weise, wie wir das Sein verstehen" (192). Es wird sich zeigen: Das Unglück liegt in der Sprachfähigkeit des Menschen. Solange der Mensch glaubt, die Sprache sei sein Eigentum, mit der er wissenschaftliche Kalküle oder mitfühlende Worte der Hermeneutik finden und das ihm Gegebene von außen ansprechen kann, wird er im Unglück verharren.

(II) Das Entstehen der subjektiven Verfassung des Menschen, (193-194). Offenbar liegt die Schwierigkeit im Selbstverständnis des Menschen als eines autonomen Subjekts. Mit diesem Gedanken entfernt sich Fink vom Text Hegels über das unglückliche Bewusstsein, findet darüber aber einen Zugang, ihn verständlicher zu machen. Fink gibt nicht Wort für Wort eine analytische Auslegung, sondern geschult von Husserl und Heidegger eine phänomenologische Deutung. Er findet bei Hegel dessen verborgenes Thema: Was ist die ontologische Verfassung des Subjekts von Bewusstsein und Selbstbewusstsein, die in dieses Unglück geführt hat? Daher schaltet er einen Exkurs ein: Wie konnte es dazu kommen, dass sich das Subjekt in dieser Weise gegenüber der Welt, in der es lebt, zum Mittelpunkt macht und zugleich darunter leidet?

Das Verständnis von Subjekt und Objekt hat sich im Laufe der Geschichte genau umgekehrt. In der Antike war das subjectum (von sub-iaceo, wörtlich ‘unten liegen, unter od. bei etw. liegen, unter etw. gehören, einer Sache unterworfen-, ausgesetzt-, preisgegeben sein, jmdm. usw. untergeordnet sein, in jmds. Hand od. Gewalt stehen’ von griechisch hypokeimai), das Unveränderliche, das unterhalb des Veränderlichen liegt. Es ist dasjenige, das bei allen Änderungen erhalten bleibt. Subjekt und Substanz sind synonym (193) (siehe substantia ‘Wesen, Bestand’ von sub-sto, ‘unter etwas stehen und erhalten bleiben, wenn sich dieses ändert‘, griechisch in der mit Aristoteles weiter gefassten Bedeutung ousia, ‘das Wesen, das wahrhafte Sein, auch die Wirklichkeit’). Das gab dem Menschen Sicherheit. Er konnte sich darauf verlassen, auch wenn es bedrohliche Mächte waren. Dies war ursprünglich die uns umgebende Natur, die sinnliche Welt.

Mit der Geschichte des Christentums und der neuzeitlichen Vernunft hat sich die Bedeutung des Subjekts genau umgedreht. Entscheidend hierfür ist das Sprachvermögen des Menschen. Vorrang hat nicht mehr das von Natur Gegebene (das heute im Gegensatz zum Subjekt als das Objektive gilt), sondern das Wort und der Name, den der Mensch als Subjekt bildet (konstruiert). Als Subjekt gilt nicht mehr der zugrundeliegende Sachverhalt, sondern der Mensch, der einem Sachverhalt auf unendlich vielfältige Weise in unterschiedlichste Perspektiven (der Erinnerung, der Planung in die Zukunft, Wechselbeziehung zu anderen Sachverhalten usf.) stellen und entsprechende Namen vergeben kann. Heidegger wird so weit gehen, sogar das Wort ‘Dasein’ umzukehren: Es ist für ihn nicht mehr das äußerlich Gegebene, auf das mit dem Ausdruck ‘da’ hingewiesen wird, d.h. die sinnliche Gewissheit von etwas von außen Gegebenen, Da-Seiendem, sondern umgekehrt der Mensch, der auf ein Da hinweisen kann. "Dieses Seiende, das wir selbst je sind und das unter anderem die Seinsmöglichkeit des Fragens hat, fassen wir terminologisch als Dasein." (Heidegger, SuZ, 7)

Es ist nicht einfach, die Ebenen klar zu unterscheiden, was mit dem Ausdruck ‘Subjekt’ gemeint ist, denn es gibt eine Selbstreflexivität, auf die Fink nicht aufmerksam macht: Das sprechende Subjekt spricht über den Ausdruck ‘Subjekt’. Mit Subjekt ist zunächst das handelnde Subjekt gemeint, zu dessen Handlungen auch das Sprechen gehört, und dann im Weiteren, wie es den Ausdruck ‘Subjekt’ versteht. Wenn Fink vom "logischen Subjekt" spricht, zeigt sich darin die Doppeldeutigkeit: Wird logos als ‘das Sprechen u. der Inhalt des Sprechens’ verstanden, dann ist das logische Subjekt sowohl das sprechende Subjekt wie auch das Satz-Subjekt innerhalb des gesprochenen Satzes. Diese Doppeldeutigkeit erscheint mir wichtig, um die Selbst-Täuschung des neuzeitlichen Subjekts zu verstehen. Dieses versteht sich einerseits als subjektiv (gemäß den eigenen Wünschen und Fähigkeiten handelnd und sprechend) und zugleich im korrekten Gebrauch der Sprache als objektiv (kein Satz kann ohne ein Satz-Subjekt gebildet werden, der auf ein dem sprechenden Subjekt gegenüberstehendes Objekt - im Sinne von Fink auf ein ontologisches Subjekt - verweist). Die Einzigartigkeit des autonomen, handelnden Subjekts kann sich selbstreflexiv damit rechtfertigen, dass sie in der gleichen Stellung gegenüber der Welt steht wie innerhalb des Satzes das logische Satz-Subjekt zu den Prädikaten, die ihm zugeschrieben werden. Das Dominanzverhalten des handelnden Subjekts scheint selbstreflexiv in der Struktur der von ihm gesprochenen Sprache angelegt zu sein. – Ohne dieser Frage weiter nachzugehen, unterscheidet Fink drei Subjekte. Mir ist wichtig, daran zu erkennen, wie sich die Stellung des logischen Subjekts auflockert. Es wird sich zeigen, dass nicht nur das Dominanzverhalten des handelnden Subjekts aufzugeben ist, sondern auch die dominante Stellung des logischen Subjekt als Satz-Subjekt nicht aufrecht erhalten werden kann. Oder anders gesagt: Das ontologische Unglück des Selbstbewusstseins ist nicht nur in seinem dominanten Auftreten gegenüber allem Seienden begründet, sondern auch in der Syntax der von ihm gebrauchten Sprache, solange dort im Zentrum ein klar identifizierbares und alles auf sich beziehendes Satz-Subjekt steht.

(i) Das ontologische Subjekt, von dem gewöhnlich kaum mehr gesprochen wird, auch wenn es im Sprachgebrauch überlebt als die Sache, um die es geht, und das Worüber, wovon gesprochen wird. Das ontologische Subjekt liegt seinen Akzidentien zugrunde. "Der Terminus Subjekt betrifft also primär das Sein des Seienden und ist anfänglich ein ontologischer Begriff." (193) Fink will mit Heidegger das ontologische Subjekt rehabilitieren. Es wird sich zeigen, dass der Verlust der Sicherheit, was das ontologische Subjekt ist, die ontologische Dimension des unglücklichen Bewusstseins ausmacht.

(ii) Das logische Subjekt ist innerhalb des Sprechens die Bezugsgröße, auf die sich der Sprecher in seinem Sprechen jeweils bezieht, und um die sich das Aussagen sammelt. Das logische Subjekt eines Satzes ergibt sich aus der Sicht (Perspektive) des Sprechers (d.h. des handelnden Subjekts), worin und wie er das Objekt sieht, über das er sprechen möchte. Die Ausdrücke ‘Subjekt’ und ‘Objekt’ beginnen durcheinander zu gehen. Frege hat hierfür das Beispiel von Abend- und Morgenstern gewählt: Der Beobachter sieht von seinem subjektiven Standort auf der Erde den Abend- oder den Morgenstern, die jedoch beide auf die gleiche Sache verweisen: die Venus. Diese Sache ist jedoch als solche nicht zu sehen, sondern ergibt sich aus einer Theorie des Verstandes, der den Abend- und den Morgenstern als identischen Planeten annimmt (so wie angenommen wird, dass morgens die gleiche Sonne aufgeht, die abends untergegangen ist). Daraus ergibt sich die Verallgemeinerung, dass das logische Subjekt eines Satzes nicht objektiv durch die Sinne gegeben ist, sondern subjektiv sowohl von dem jeweiligen Beobachterstandort des Sprechers abhängt wie den von ihm meist nur implizit angenommenen Erklärungsmodellen des Verstandes. Wird von allen jeweiligen Inhalten abstrahiert, so ist das logische Subjekt eine syntaktische Bestimmung, um zu verstehen, wie die Sprache gebaut ist. Das logische Subjekt ist eine Position innerhalb eines Satzes, eine Leerstelle (ein Platzhalter), die mit dem jeweiligen Inhalt gesättigt werden kann.

Das logische Subjekt kann sich systematisch vom ontologischen Subjekt unterscheiden. Während dem ontologischen Subjekt seine Eigenschaften zugeordnet werden, ist es sprachlich möglich, auch über die Eigenschaften für sich unabhängig von dem ontologischen Subjekt zu sprechen, dessen Eigenschaften sie sind. Dadurch werden die Eigenschaften in den Sätzen, in denen über sie gesprochen wird, ihrerseits zum logischen Subjekt. "Das Subjekt als Substanz wird in der Aussage zum Subjekt des Satzes; 'Subjekt' wird somit ein logischer Begriff; das logische Subjekt aber macht sich in gewisser Weise selbständig; es spiegelt nicht nur in der Satzsphäre das ontologische Subjekt, die Substanz wieder; wir können auch Aussagen machen über Accidenzen und dann tritt die Accidenz selber als logisches Subjekt auf." (193) Weitergehend ist es möglich, über Sachverhalte zu sprechen und sie damit zu logischen Subjekten zu machen, für die es keine ontologischen Subjekte gibt. Mit der Sprache wird es möglich, über rein fiktive Vorstellungswelten von Träumen, Märchen oder Mythen und ihre Figuren zu sprechen (das Einhorn, das geflügelte Pferd Pegasus, die Kentauren usf.) oder über die komplexen Gegebenheiten und ihre Gegebenheitsarten, von denen Husserl sprach (Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie von 1913, wobei er mit den "originären Gegenheiten" einen Ausdruck sucht, mit dem unter den logischen Subjekten das ontologische Subjekt sprachlich gefasst und hervorgehoben werden kann). Die Sprache entwickelt mit der 1. übersinnlichen Welt ihre eigene Freiheit, unterschiedlichste logische Subjekte zu bestimmen und Kalküle zu entwerfen, wie (mit welcher Syntax) über sie gesprochen wird.

(iii) Fink unterscheidet weiter das grammatische Subjekt vom logischen Subjekt. "Der Satz aber enthält in sich noch die syntaktischen Möglichkeiten, daß wir grammatische Subjekte bilden, die sich nicht mit dem logischen Satzsubjekt decken." (193) Vermutlich meint er die Unterscheidung von konkreten Inhalten, die mit logischen Subjekten angesprochen werden, und die Position des logischen Subjekts innerhalb der Grammatik. Die bloße Position ist das grammatische Subjekt. Für mich geht sein Hinweis auf "die grammatischen Möglichkeiten" noch darüber hinaus. Es ist möglich, unvollständige Sätze zu bilden, die keinerlei logisches Subjekt enthalten. Der Satz kann als Ganzer Ausdruck einer in Worte gebrachten Empfindung sein, deren logisches Subjekt (der Inhalt der Empfindung) für sich nicht benannt, sondern nur mit dem Satz umschrieben werden kann. Das können emotionale Ausrufe sein, die auf einen Anlass hinweisen, den sie noch nicht für sich benennen können. Die Literatur hat hierfür viele Techniken entwickelt, angefangen mit den bewusst mehrdeutig gehaltenen Inhalten der frühen Orakel, der Gedichte von Hölderlin, und im 20. Jahrhundert insbesondere die 1922 von Joyce im Ulysses eingeführten vielfältigen Erzählweisen, bei denen oft bewusst offen bleibt, um welches logische oder ontologische Subjekt es gerade geht. Solche Sätze lassen sich nicht aus sich heraus verstehen, sondern es bedarf hermeneutischer Fähigkeiten, sie zu deuten (von hermeneuo, wörtlich ‘auslegen, erklären, verkünden, seine Gedanken durch Worte ausdrücken, dollmetschen’). Hegel hat sich nirgends zu seinen Gesprächen mit seinem Jugendfreund Hölderlin geäußert, und es kann nur vermutet werden, welchen Eindruck sie bei ihm hinterlassen haben. Es wird sich zeigen, dass der von ihm eingeführte spekulative Satz nur in dieser Weise von einem unbestimmbaren logischen Subjekt handelt. Fink wird darauf indirekt in der Schlussbemerkung über die Namenlosigkeit der Vernunft zurückkommen.

Die Wende lag beim Christentum und bei Descartes. Seit dem Christentum wird die äußere Welt nicht mehr in ihrer autonomen Substantialität gesehen, an deren Naturgesetze sich auch die Götter halten müssen, sondern als "ens creatum", das von einem fremden Wesen geschaffen ist (194). Für Descartes kann das Denken auf nichts Äußeres, im Außen Gegebenes vertrauen, sondern nur auf sich selbst, dass es ein Ich gibt, das gemäß seiner eigenen Regeln denkt. Selbst wenn alles bezweifelt wird, bleibt es für Descartes gewiss, dass es ein Subjekt gibt, das zweifelt. Das ist die Wende zum modernen Subjektivismus. "Das denkende Subjekt gewinnt in steigendem Maße den Charakter des prototypischen Subjekts. Subjekt, im Sinne des allem Zweifel entzogenen Ich, wird zum methodischen Subjekt. Das Ich ist das methodische Zugrundeliegende; es wird so zum Prinzip der neuzeitlichen Philosophie." (194). Während für die Antike die Sachen das Unwandelbare waren gegenüber den sich wandelnden bloß-subjektiven Eindrücken, wie sie von unterschiedlichen Menschen aufgenommen und über sie gesprochen wird, ist in der Neuzeit das Subjekt mit seinen Methoden das Unwandelbare, während die Sachen zu austauschbaren Gegenständen der unwandelbaren Methoden und Gesetze des Denkens und der Wissenschaft absinken.

(III) Das Unglück der subjektiven Verfassung des Menschen, (195-197). Die Romantik spricht ein Unbehagen aus, das mit der Neuzeit entstanden ist. Haben wir mit den Fortschritten der Wissenschaft die Bodenhaftung verloren? Aus dieser Perspektive ergibt sich für Fink eine überraschende neue Sicht auf die großen Fragen der Philosophie, aus deren Antinomien Kant seine Vorsicht gegenüber der Vernunft und ihren überfliegenden Ideen begründet hatte. Diese Antinomien sind für Fink nicht Fehler im Denken, Kategorienfehler oder ein fehlerhafter Gebrauch des Verstandes, der sich seiner Grenzen nicht bewusst ist und sie willkürlich überschreitet, sondern Symptome des unglücklichen Bewusstseins. Daraus erklärt sich, warum die Antinomien in der gewöhnlichen Philosophie unlösbar bleiben. Eine Lösung ist erst zu finden, wenn mit Hegels Verständnis des unglücklichen Bewusstseins der weitergehende Horizont erfasst wird, aus dem sich ihr Unglück ergibt. Fink nennt im Einzelnen: Das Allgemeine und das Einzelne. Das Allgemeine und die Faktizität. Existentia und essentia. Daß-sein und Was-sein. Nie kann aus dem Gedanken des Reichtums der reale Reichtum entstehen. Wie kann der Mensch in seiner Endlichkeit das Unendliche denken. Zu ergänzen sind die klassischen Paradoxien, das antinomische und dialektische Denken von Kant, Nietzsches und Heideggers Beobachtung eines Siegeszuges des Nihilismus.

"Das Unglück des Bewußtseins ist das Nichtzusammenbringen von Selbst und Welt; das Selbstbewußtsein kann sich nicht einen aus seiner gedoppelten Gestalt, weil es einmal die Welt flieht und sie negiert, andererseits aber an ihr hängt, sie bearbeitet und an sie gefesselt ist." (195)

Hegel radikalisiert und polarisiert: Im Denken des Allgemeinen und seiner Gesetzmäßigkeiten erfährt das Denken seine Freiheit, aber gegenüber der Faktizität (Geworfenheit) ist es passiv, abhängig, knechtisch. "In seinem Faktum scheint das Seiende undurchdringlich, scheine ich an es gefesselt zu sein und verdammt zu sein, mich immer hinnehmend zu ihm verhalten zu müssen. D. h. das Bewußtsein ist darin immer knechtisch." (196)

Ich greife in Finks Vorlesung vor. Hegel findet gegenüber Kant einen neuen Zugang und versteht dessen Vernunftbegriff nicht als Beschreibung des Unglücks der Vernunft, sondern seinerseits als Ausdruck des unglücklichen Bewusstseins von Kant. "Bei Hegel ist alles umgekehrt; für Hegel steht Kants Vernunftbegriff noch auf dem Boden des unglücklichen Bewußtseins." (200) Noch Kant und Fichte vertrauen auf das autonome Ich, das Selbstbewusstsein und die Vernunft als "eines vorhandenen Vermögen" und einer "Ausstattung des Menschen" (200). Die Romantik hat dies Vertrauen verloren und leidet darunter.

(IV) Wende zur Vernunft: Achtsamkeit, Andacht, Arbeit, Selbstopferung, (197-199). Wie gelingt die Wende? Sie kann nicht von außen kommen, sondern aus der eigenen Bewegung des Selbstbewusstseins heraus, wenn dieses sich seiner selbst bewusst wird. Einleitend formuliert Fink programmatisch:

"Die Vernunft ist für Hegel nichts anderes als das wirkliche, das gelingende, das glückende Selbstbewußtsein. Im unglücklichen Bewußtsein gelingt nicht, mißglückt, was dem Selbstbewußtsein rein durch sich selbst aufgegeben ist: sich im Anderen zu finden und dort selbst anzuerkennen. [...] Das Ich, dem das gegenständlich Seiende zum Begriff geworden ist, soll sich einen mit dem Ich, dem der Gegenstand noch das Fremde, Selbständige ist, an dem es sich abmüht, d. h. arbeitet." (197)

Es kommt zur Wende, wenn es dem Selbstbewusstsein gelingt, sich auf sich selbst zu beziehen und an sich selbst seinen Dominanzanspruch zu erkennen und zu überwinden. "Das unglückliche Bewußtsein ist gleichsam die äußerste Wachheit, in der die Spannung des Problems in existentieller Schärfe auftritt." (198) So wie das Selbstbewusstsein am Bewusstsein dessen inneres Gefühl und Triebkräfte erkennt, die unabhängig von allen jeweiligen Inhalten des Bewusstseins gelten, dessen Begierde nach stets neuen Entdeckungen und seine Suche nach Lust und Vermeiden von Unlust, die es nicht zuletzt im Rausch an der eigenen wissenschaftlichen Arbeit und im Gebrauch der von ihm entwickelten Technik erlebt, so beginnt das Selbstbewusstsein an sich selbst sein eigenes inneres Gefühl zu empfinden: sein Unglücklich-Sein. Das führt zum Selbstbewusstsein 2. Stufe. Der Umschlag erfolgt von der Erkenntnis des reinen, statisch gedachten Ich (des Ego) bei Descartes, wenn mit Kant das Selbstbewusstsein den Prozess des eigenen Denkens in seiner Dynamik und die in ihm auftretenden Gemütsregungen zu untersuchen beginnt. Dadurch verändert sich die Blickrichtung, bis es nach der Wendung vom Bewusstsein zum Selbstbewusstsein zur zweiten Wendung des Selbstbewusstsein zur Vernunft kommt.

Das Selbstbewusstsein versucht, aus sich heraus ein Einssein mit dem Unwandelbaren (dem Absoluten, Göttlichen) zu erreichen. Das muss scheitern und vertieft das Unglück. Hegel sieht eine "dreifache" Bewegung, "nach dem dreifachen Verhältnisse, welches es zu seinem gestalteten Jenseits haben wird" (HW 3.167). Es geht bei allen drei Stufen darum, wie das Selbstbewusstsein aus sich heraus das Jenseits gestalten will, bis es im Unglück über das Misslingen dieser Versuche erkennen wird, dass es sich als Bewusstsein des Einzelnen aufgeben und zur Vernunft kommen muss, an der es teilhat, aber die es nicht aus sich heraus übergreifend gestalten kann.

Das unglückliche Bewusstsein lässt sich nur in doppeltem Sinn ironisch darstellen, wobei sich zugleich die doppelte Ironie als Hegels typische Denkfigur zeigt: Hegel macht sich lustig über die mehr oder weniger gewollten Selbsttäuschungen, durch Andacht, Arbeit und Selbstopferung indirekt (negativ) das Jenseits gestalten zu wollen, und sieht doch in jedem dieser Schritte zugleich den Fortschritt, den er aufgreifen und aus der Selbsttäuschung befreien will. Der Weg zur Vernunft gelingt nicht, indem gegenüber dem Selbstbewusstsein von außen an die Vernunft appelliert wird, sondern indem es an sich selbst erkennt, wie es trotz seiner Selbsttäuschungen bereits an der Vernunft teilhat. Es gibt eine doppelte Selbsttäuschung: Das Selbstbewusstsein täuscht sich etwas vor, wenn es seine Handlungen als etwas ausgibt, was sie nicht sind (worüber Nietzsche als das "Menschlich-Allzumenschliche" gespottet hatte, wenn die größten Moralapostel stets in ihrem eigenen Leben die von ihnen gegenüber Anderen aufgestellten moralischen Forderungen verletzen). Aber es ist ebenso eine Selbsttäuschung, im Gegenzug alles aufzugeben, was das Selbstbewusstsein begonnen hat, und nicht zu erkennen, wie sich darin bereits die Vernunft zeigt. Viele Autoren lesen Hegel einseitig und überbewerten entweder die "ernste" Seite ohne die Ironie zu sehen (dahin neigt z.B. Fink), oder sie sehen nur das Ironische (so z.B. Stekeler in seinem Phänomenologie-Kommentar, der zwar zurecht Hegels Kritik gegen "die christliche Philosophie des unglücklichen Bewusstseins von Augustinus bis Luther" sieht [Bd., 1, 774], aber zu übersehen scheint, dass die Vernunft nur aus der Erfahrung des Unglücks entstehen kann, so dass sich bei ihm im Ergebnis eine Rückwendung von Hegel zu Kant und darüber zum unglücklichen Bewusstsein ergibt).

Fink zieht die ersten beiden Schritte in einem Absatz auf Seite 198 zusammen und beschreibt den dritten Schritt in dem Absatz von Seite 198 unten bis Seite 199 unten.

– Erster Schritt: Andacht. Das Selbstbewusstsein 2. Stufe beginnt als Andacht. Das Selbstbewusstsein will aus seiner Sehnsucht nach dem Allgemeinen (Göttlichen) dieses "in seiner Einzelheit" denken, d.h. aus sich heraus einen Zugang und eine Vorstellung finden. Das kann nicht in Worten (begrifflich) gelingen, sondern ist nur musikalisch auszudrücken. Aus dem diskursiven Denken wird das musikalische Denken. Der Mensch wird andächtig und lässt sich vom Erhabenen ergreifen. Er gibt sich etwas Größerem hin, das ihn übersteigt. Ein typisches Beispiel ist das 1808-1810 entstandene Gemälde Der Mönch am Meer von Caspar David Friedrich. Auch wenn das misslingt und es leicht fällt, die unfreiwillige Komik dieser Versuche zu durchschauen ("Sein Denken als solche [Andacht] bleibt das gestaltlose Sausen des Glockengeläutes oder eine warme Nebelerfüllung, ein musikalisches Denken, das nicht zum Begriffe ... kommt" [HW 3.168, zitiert 198]), ist das musikalische Denken die Grundfigur des spekulativen Denkens (siehe die Vorrede, in der Hegel "allein" in dem dem Musikalischen verwandten "Rhythmus des organischen Ganzen [...] das Spekulative" sieht [HW 3.55]). Die Andacht ist die erste Stufe auf dem Weg aus dem unglücklichen Bewusstsein heraus und kann nicht übersprungen werden. Wenn es heutzutage Mode ist, jede Art von Andacht zynisch zu zersetzen und für unmodern zu erklären, zeigt das nur das tiefe Unglück, in dem die zynische Vernunft gefangen bleibt. Und dennoch bleibt die Andacht nur vorläufig. Sie ist eine subjektive Verhaltensweise, mit der der jeweils einzelne Mensch in seiner Andacht glaubt, das Absolute fassen zu können. Er glaubt, es liegt an ihm und seiner Verhaltensweise, dass sich ihm die Erhabenheit zeigt. Er versucht, die Andacht einzuüben und erkennt, dass es im weitesten Sinn seine Arbeit ist, die zur Andacht führt. Wer sich dessen bewusst wird, wird den nächsten Schritt gehen und sich nicht mehr auf die unbestimmte Andacht verlassen, sondern die großen Ideen mit seiner Begriffsarbeit zu erfassen versuchen.

– Zweiter Schritt: Die Begriffsarbeit und ihre Gebrochenheit. Wenn das Selbstbewusstsein einsehen muss, dass es keinen Begriff Gottes fassen kann, möchte es im Tun seiner Begriffsarbeit das Göttliche erkennen. Während die Andacht statisch bleibt (Andacht vor etwas Größerem), wird die Begriffsarbeit dynamisch (darauf weist Matejcková hin, 136-138). So wie die Andacht im Keim bereits das spekulative Denken enthält, ist an der Begriffsarbeit des unglücklichen Bewusstseins angelegt, worin Hegel im Weiteren die Aufgabe und Leistung seines eigenen Denkens sehen wird. Aber wiederum bleibt auf dieser frühen Stufe das Selbstbewusstsein noch dabei stehen, dass es als seine Arbeit und seinen Genuss ansieht, worin sich das Göttliche zeigt. (Wer möchte, kann in der leerlaufenden Begriffsarbeit vieler philosophischer Diskussionen und Diskurse nicht zuletzt unter Hegelianern das unglückliche Bewusstsein dieser Stufe wiedererkennen.) Solange es sich noch nicht eins weiß in einer umfassenden Vernunft, bleiben jede Arbeit und jeder Genuss vergänglich und erzeugen nur die Sucht, stets mehr zu arbeiten und zu genießen, ohne je das Unendliche (den erfüllenden Augenblick) zu erreichen. "Das unglückliche Bewußtsein aber findet sich nur als begehrend und arbeitend. [...] die Bewährung, welche es durch Arbeit und Genuß erhalten würde, ist darum eine ebensolche gebrochene." (HW 3.170) Matejcková denkt an das Arbeitsethos von Max Weber, "das Bewusstsein verwandle den alltäglichen Beruf in religiöse Berufung" (Matejkchová, 137). Für mich scheint das eine Kritik an der Position von Kant zu sein. Kant hat eingesehen, dass Begriffe wie Gott nur negativ bestimmt werden können, aber er glaubt, dass im Wirken seiner von ihrem Gegenstand getrennten und ihm überlegenen Vernunft das Göttliche präsent ist. In den knappen Worten von Fink: "Es erfährt sich im Denken als wirkliches und wirkendes Bewußtsein und erfährt sich bestätigt in seiner Einzelheit." (198)

– Dritter Schritt: Aufopferung. "Und hier bringt Hegel nun seine grandiose Interpretation des wahrhaften Selbstbewußtseins und der wahrhaften Wirklichkeit des Bewußtseins." (198) Am tiefsten Punkt seines Unglücks "sehen wir nur eine auf sich und ihr kleines Tun beschränkte und sich bebrütende, ebenso unglückliche als ärmliche Persönlichkeit" (HW 3.174). Wer das erlebt, möchte im Boden versinken, nur noch davonlaufen und sich selbst aufopfern. Das kann Züge von Selbstgerechtigkeit tragen (siehe den Tartuffe von Moliére). Beispiele des Rückzugs in das asketische Klosterleben etwa in buddhistische Klöster in Südfrankreich oder Indien sind seit 1968 wieder verstärkt bekannt, nicht zuletzt auch unter Akademikern, die mit ihrem früheren Leben brechen wollen und den üblichen philosophischen Diskurs für sinnlos halten. Matejcková beschreibt, wie Hegel trotz aller Bedenken gegen ein selbstgerechtes Selbstopfer dennoch am Gedanken des Opfers festhält (Matejcková, 140-141). Fink will zeigen, wie das unglückliche Bewusstsein an diesem Grund nicht sich selbst, sondern seine bisherige überhebliche Haltung abwerfen kann und dadurch zur Vernunft kommt. Die Aufopferung ist nicht als Askese gemeint und auch nicht als büßerischer Selbstbetrug christlicher Autoren, indem das Bewusstsein sich aus der Welt zurückzieht und zu arbeiten (zu denken) aufhört oder sich an seiner Fähigkeit des Selbstentzugs erbaut, sondern das Selbstbewusstsein muss sich aus seiner subjektivistischen Kammer befreien und öffnen.

"Das denkende Bewußtsein, welches das Allgemeine des Seienden denkt, soll sich nicht als das Einzelne gegen das in ihm gedachte Allgemeine behaupten, als ein einzelnes Seiendes neben anderen Dingen; es soll auf seine selbständige Einzelwirklichkeit Verzicht tun, soll sich 'aufopfern'." (199)

Diesen Schritt verfehlt Kant. Wenn Hegel vom unglücklichen Bewusstsein auf die Vernunft schließt, wendet er sich vom Vernunftbegriff Kants ab und meint das griechische nous. Kant sieht die Vernunft getrennt von der Welt.

"Mit den Vernunftbegriffen und dem durch sie mitgeführten Schein beschäftigt sich die 'transcendentale Dialektik'. Entscheidend wird dabei für Kant, daß die reinen Vernunftbegriffe, die Ideen, keine objektive Bedeutung beanspruchen können; sie sind Begriffe, welche die Natur des menschlichen Erkenntnisvermögens zwar immer mit sich führt und in denen auch das unbedingte Ganze aller Erscheinungen gedacht wird; aber dieses Ganze ist 'nur' Idee, ihr entspricht keine objektive Wirklichkeit. Das in den Ideen Gedachte: das Weltganze, die unbedingte Einheit des denkenden Subjekts (Seele) und der unbedingte Weltgrund, all das sind keine Gegenstände möglicher Erfahrung, sind Gedankendinge, deren Wirklichkeit nicht erwiesen werden kann." (200)

"Für Hegel steht Kants Vernunftbegriff noch auf dem Boden des unglücklichen Bewußtseins." (200) Ich vermute, dass sich für Fink aus dem unglücklichen Bewusstsein auch erklärt, wie es möglich war, dass so viele an der Philosophie Kants gebildete Philosophen dem Nationalsozialismus verfallen konnten. Nicht ein ontisches Unglück kann dafür der Grund sein (ein Hang zum Bösen, wie Schelling in der Freiheitsschrift sagt und wie es Heidegger zu teilen scheint), sondern das ontologische Unglück des Selbstbewusstseins. Es muss seine Selbstsucht aufgeben und zur Vernunft kommen.

Zusammenfassung:

"Das denkende Bewußtsein weiß sich nur als die Bewegung der Seinsgedanken, - es hat in der Aufopferung seine besondere Einzelwirklichkeit neben anderen Wirklichkeiten vernichtet und sich so zum wahrhaften reinen Denken gemacht. Vorher, in der Gestalt des unglücklichen Bewußtseins, ging es ihm um seine Selbständigkeit und Freiheit - auf Kosten der Welt; es hatte sich neben die Welt, neben das Seiende gestellt und in dieser Nebenstellung zu behaupten versucht." (201)

(V) Das Namenlose, (201). Der Satz, mit dem Fink diese Vorlesung abschließt, klingt eigenartig. In der Phänomenologie des Geistes folgt den Abchnitten A über das Bewusstsein und B über das Selbstbewusstsein ein Abschnitt C. Fink schreibt über diesen "dritten und größten Abschnitt des Werkes":

"Dieser Abschnitt selbst ist nicht mehr überschrieben; er zerfällt in vier überschriebene Unterabschnitte 'Vernunft', 'Der Geist', 'Die Religion', 'Das absolute Wissen'. Daß er im Ganzen keine Überschrift trägt, hat seine tiefe Bedeutung; in dem Einheitlichen, was Vernunft, Geist, Religion und absolutes Wissen eint, - und das hier keinen Namen hat, liegt der wahre Schwerpunkt des Werkes." (201)

Hier ist ein grundlegender Gedanke von Hegel angedeutet: Er geht über das lineare Schließen hinaus und entwirft Begriffe, die sich durch zirkulär angeordnete Schlüsse wechselseitig bedingen. Die Vierheit (Tetrade) von Vernunft, Geist, Religion und absolutem Wissen ist ein Beispiel. Das wird er später fortführen, wenn zum Abschluss der Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften in den Paragraphen 575-577 mit drei gleichberechtigten Schlüssen Logik, Natur und Geist wechselweise auseinander erschlossen werden. Werden diese Schlüsse in graphischer Darstellung als zirkulierendes Dreieck gesehen, befindet sich in der Mitte des Dreiecks dasjenige, das diesen Schlüssen im Ganzen unverborgen ist. Das wird von Fink als das Namenlose angesprochen. Es ist das sich entziehende Göttliche.

Drei Schlüsse Enzyklopädie

Siglenverzeichnis

HW = Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Phänomenologie des Geistes
in: Werke in 20 Bänden. Auf der Grundlage der Werke von 1832-1845 neu ediert. Red. E. Moldenhauer und K. M. Michel. Frankfurt/M. 1969-1971; Link

Literaturhinweise

Eugen Fink: Hegel, Frankfurt am Main 2012 [1977]; PDF bei kupdf

Tereza Matejcková: Gibt es eine Welt in Hegels Phänomenologie des Geistes?, Tübingen 2018

2023


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