Vortrag bei der Tagung des Arbeitskreises zu Hegels Naturphilosophie Evolution und Wandel in der Natur am 10.3.2024 in Kaiserslautern, leicht überarbeitete Version
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1 Zeit voller Überraschungen (natürliche Religion)
2 Werkzeit (Formtätigkeit)
3 Eigenzeit (Begriff als Werkmeister)
4 Lebendige Zeit (lebendiger Geist)
5 Die Zeit des absoluten Wissens
Siglen und Literaturhinweise
Der Ausdruck ‘Werkmeister’ ist in der Philosophie ungewöhnlich. Es kann an die Bauherren der ägyptischen Pyramiden und des Tempel Salomos gedacht werden oder an den Demiurgen von Platon. Seit der Neuzeit wird vom »feineren Atheismus [...] Gott im eigentlichen Verstande als ein Werkmeister und nicht als ein Schöpfer der Welt« gesehen, wie Kant 1763 kritisch bemerkt (Der einzig mögliche Beweisgrund zu einer Demonstration des Daseins Gottes BDG AA 02:122.36-123.02). Hegel wertet dagegen den Werkmeister auf, ohne ausdrücklich kritisch auf Kant Bezug zu nehmen. Er nennt den Werkmeister an einigen zentralen Stellen, widmet ihm in der Phänomenologie des Geistes ein eigenes Kapitel, überlässt es aber dem Leser, sich ein Gesamtbild zu machen, was er unter dem Werkmeister versteht. Der Werkmeister hat mit Teleologie und Evolution zu tun. Um einen Zugang zu finden, wird einleitend Hegels Kritik an der Evolutionstheorie betrachtet, bevor die fünf Zeiten des Werkmeisters in einer Art Erzählung vorgestellt werden.
Hegels Ablehnung der Evolutionstheorie ist deutlich, auch wenn viele in seiner Idee des sich entwickelnden Begriffs eine Nähe zur Evolutionstheorie sehen (Harris, 190; Welsch, 655). In der Einleitung zur Naturphilosophie schreibt er im Kapitel über den Begriff der Natur: »Die Natur ist als ein System von Stufen zu betrachten, deren eine aus der andern notwendig hervorgeht und die nächste Wahrheit derjenigen ist, aus welcher sie resultiert, aber nicht so, daß die eine aus der andern natürlich erzeugt würde, sondern in der inneren, den Grund der Natur ausmachenden Idee.« (Enz § 249, TWA 9.31) Dass damit auch die Evolutionstheorie kritisiert wird, ist im Zusatz ergänzt: »Es ist völlig leer, die Gattungen vorzustellen als sich nach und nach in der Zeit evolvierend; der Zeitunterschied hat ganz und gar kein Interesse für den Gedanken.« (Enz § 249Z, TWA 9.32, meine Hervorhebung)
Hegel konnte nicht ahnen, wie weit die Evolutionstheorie bis in jedes Detail der organischen Welt deren zeitliche Abstammungslinien suchen und oft genug nachweisen würde. Ihr scheinbarer Erfolg schlug jedoch um in ihre eigene Negation: Sie gab offen jeden Versuch auf, mit der Reihenfolge der zeitlichen Ereignisse irgendetwas erklären zu können, und vertrat stattdessen zunehmend offensiv den Gedanken der bloßen Zufälligkeit und der mathematischen Wahrscheinlichkeitstheorie voneinander unabhängiger Ereignisse, beginnend mit den Mendelschen Gesetzen 1864, der Populationsgenetik der Tier- und Pflanzenzucht, den aus der Untersuchung von Massenphänomenen in der Volkswirtschaftslehre, Thermodynamik und Quantenmechanik übernommenen statistischen Methoden (Robert Aylmer Fisher Genetical Theory of Natural Selection, 1930) und der Theorie nicht-kooperativer Spiele nach dem Vorbild des Würfelns und der nur statistisch zu berechnenden Spielzüge des jeweiligen Gegners, wie sie insbesondere vom Mathematiker John von Neumann (1903-1957) seit den 1920ern ausgearbeitet worden war. Die Zeitreihe zerfällt in voneinander unabhängige Einzelereignisse. Sie sind nichts als das, wie Hegel die Dokumente der Evolutionstheorie gesehen hatte: Bloße Fakten. (»Dies dem Geschichtlichen Angehörige muß als Faktum aufgenommen werden; es gehört nicht der Philosophie an.« Enz § 339Z, TWA 9.347)
Auf den ersten Blick haben sich die Evolutionstheorie und Hegel einander angenähert. Wenn die Zeitfolge nichts erklären kann, ist auch für Hegel alles zufällig. Aber wie erklärt sich wiederum die Zufälligkeit? Während für die Evolutionstheorie der Zufall schlicht eine empirische Tatsache ist, die widerstrebend hingenommen werden muss, ergibt er sich für Hegel aus dem Begriff der Natur. Für ihn hat sich die Natur »als die Idee in der Form des Andersseins ergeben« (Enz § 278, TWA 9.24). Und nicht nur ist die Natur der Idee äußerlich, sondern auch innerhalb der Natur »haben die Begriffsbestimmungen den Schein eines gleichgültigen Bestehens und der Vereinzelung gegeneinander; der Begriff ist deswegen als Innerliches. Die Natur zeigt daher in ihrem Dasein keine Freiheit, sondern Notwendigkeit und Zufälligkeit.« Sie kann – noch radikaler gesagt – »auch als der Abfall der Idee von sich selbst ausgesprochen« werden (Enz § 248, TWA 9.27f), womit Hegel auf Gedankengut aus der Gnosis und dem Neuplatonismus anspielt. Auch das sieht die Evolutionstheorie in gewisser Weise ähnlich. Wenn alles bloß zufällig ist, ist auf nichts Verlass. Eine solche Theorie ist dem Nihilismus ausgeliefert, der bisweilen offen von ihr ausgesprochen wird. Monod war einer ihrer wichtigsten Vertreter und schrieb 1975 über Zufall und Notwendigkeit: »Wir sehen heute, wie ein finsterer Abgrund sich vor uns auftut.« (Monod, 149)
Aber für Hegel gibt es jenseits von Zufall und Notwendigkeit eine übergreifende Geschichte, die er in hermetischen Worten beschreibt als den »Bildungsprozess« des »Erdkörper«, der ein »vergangener ist«, an dem nicht weiter ausgeführte »Mächte dieses Prozesses« wie »die Stellung der Erde im Sonnensystem, ihr solarisches, lunarisches und kometarisches Leben, die Neigung ihrer Achse auf die Bahn und die magnetische Achse« mit- und zusammengewirkt haben (Enz § 339, TWA 9.343). »Die Geschichte ist früher in die Erde gefallen, jetzt aber ist sie zur Ruhe gekommen.« (Enz § 339Z, TWA 9.347). Wer handelt in dieser Geschichte, und wie geht die Naturgeschichte in die Weltgeschichte des Menschen über?
Ich möchte die These vorstellen: Die Antwort gibt Hegels Verständnis des Werkmeisters. Hegel entwickelt ihn in fünf Stufen ausgehend von der natürlichen Religion, über die Formtätigkeit der Wirklichkeit, seinen inneren Krisen und seiner lebendigen Zeit, bis mit der Zeit des absoluten Wissens ein Geschichtsverständnis erreicht ist, aus dem sich der ungewöhnliche Gedanke eines Falls der Geschichte in die Erde verstehen lässt.
»Der Geist erscheint also hier als der Werkmeister, und sein Tun, wodurch er sich selbst als Gegenstand hervorbringt, aber den Gedanken seiner noch nicht erfaßt hat, ist ein instinktartiges Arbeiten, wie die Bienen ihre Zellen bauen.« (Phän, Die natürliche Religion, TWA 3.508)
Die natürliche Religion entsteht in Analogie zur frühen Entwicklung des Menschen von der Geburt bis zum Erwachsenwerden. Die größte Überraschung eines jeden Menschen ist zweifellos, wenn er nach der Geburt die Augen aufschlägt und das Tageslicht erblickt, in ihrem bei jeder Geburt einzigartigen Ausdruck. Er sieht sich eins mit den ihn umgebenden Pflanzen und Tieren, spielt mit ihnen, lernt sie zu verstehen. Den höchsten Eindruck hinterlassen Lebewesen wie die Bienen. Alles ist emsig und rührt sich. Der Werkmeister beginnt sie nachzuahmen. Indem er sie nachahmt, beginnt er die Natur von innen zu verstehen. Das weckt an ihm seine eigene Tätigkeit, in der er sich stets mit der Bewegung der ihn umgebenden Natur verbunden und eins weiß. »Der Werkmeister selbst, der ganze Geist, ist noch nicht erschienen, sondern ist das noch innere verborgene Wesen, welches als Ganzes, nur zerlegt in das tätige Selbstbewußtsein und in seinen hervorgebrachten Gegenstand, vorhanden ist.« (TWA 3.509)
Er lernt seine Umgebung zu gestalten, sich wohnlich einzurichten und wird in ihr heimisch. »Die umgebende Behausung also, die äußere Wirklichkeit, die nur erst in die abstrakte Form des Verstandes erhoben ist, arbeitet der Werkmeister zur beseelteren Form aus.« (TWA 3.509f).
Er sorgt sich um Licht und Wärme, »verwendet das Pflanzenleben dazu« (TWA 3.510), und sicher sind auch die Haustiere zu nennen. Diese werden aus ihrer natürlichen Gestalt (ihrer Wildheit) in die Gemeinschaft mit dem Menschen gebracht. Der Werkmeister »nähert seine organischen Formen den strengeren und allgemeineren des Gedankens« (ebd.).
Wird sich der Werkmeister seiner selbst bewusst, dann beginnt er, sich als Künstler und als Ingenieur zu verstehen. Er verlässt die bloße Nachahmung und schafft Werke, in denen er seinen eigenen Geist zum Ausdruck bringt und feiert, »Kristalle der Pyramiden und Obeliske« (TWA 3.508), das bewusste und selbstbewusste Gegenteil der organischen Natur. Er tritt an die Schwelle der Sprache. Die natürliche Religion des Werkmeisters findet die treffenden Worte und wird zur Kunstreligion.
Er lernt, in jeder Situation intuitiv ihren Kardinalpunkt zu treffen und von dort aus zu beginnen. Seine Urteilskraft erwacht. Jeder findet spielerisch sein Lebensthema.
Dennoch ist es einseitig gesehen, wenn Ladha in seinem Beitrag zum Werkmeister ausschließlich die selbstbewusste Gegenüberstellung des Geistes von der Natur hervorhebt (Ladha, 21). Das ist nur die erste Stufe, »die abstrakte des Verstandes, und das Werk [ist] noch nicht an ihm selbst vom Geiste erfüllt« (TWA 3.508). Auf dieser Stufe des Verstandes »empfangen [die Werke. t.] also nur den Geist entweder in sich als einen fremden, abgeschiedenen Geist«, der in seiner Abgeschiedenheit »selbst tot« ist, »oder sie beziehen sich äußerlich auf ihn [den Geist, t.] als auf einen solchen, der selbst äußerlich und nicht als Geist da ist« (TWA 3.509).
»Die Tätigkeit, in ihr Produkt übergegangen, ist die Gestalt und bestimmt als Kristall.« (Enz § 315, TWA 9.217) »Alle Gestaltung hat den Magnetismus in sich; denn sie ist eine völlige Begrenzung im Räume, die vom immanenten Triebe, dem Werkmeister der Form, gesetzt ist.« (Enz § 315Z, TWA 9.218)
Aus dem Spiel und der natürlichen Religion wird Ernst. Die erlebte Zeit des Werkprozesses, seines Verlaufs und ihrer Verlaufsform. Alles läuft. Die Sonne lacht. Der Werkmeister ist voller Energie, schart die anderen um sich, reißt sie mit. Er muss die Pflöcke einschlagen, an denen sich alle orientieren können. Das Hegel gut bekannte und von ihm häufig verwendete Wörterbuch des Bibliothekars Johann Christoph Adelung (1732-1806) bringt es in seinem Eintrag zum Werkmeister in eine militärische und ökonomische Sprache: Er ist »ehedem derjenige, welcher die Krieges-Maschinen und das grobe Geschütz in seiner Aufsicht hat, und damit umzugehen weiß. [...] Bey vielen Handwerkern, wird der erste oder vornehmste Gesell, welcher die Arbeit regieret und anordnet, der Werkmeister genannt.«
Das vorrangige Ziel des Werkmeisters ist nicht das Werk selbst, sondern das Gelingen des Werkprozesses. Seine Aufgabe ist die Formtätigkeit. Er kann keine neuen Rohstoffe schaffen, sondern formt das Gegebene um. Die Formtätigkeit entwickelt sich nicht stufenweise, sondern körperliche und geistige Arbeit bedingen einander: Gegenstände und Materialien werden ebenso in Form gebracht wie das Denken und die Sprache, mithilfe derer der Werkmeister den Werkprozess und dessen Verlauf und Verlaufsform organisiert. Das ist die verwaltete Zeit, getaktet von Uhren und voller Terminpläne. Sowohl der Werkgegenstand wie der Werkprozess nehmen dank der Arbeit des Werkmeisters Gestalt an, der sich in seiner Formtätigkeit wiederum an der Natur orientieren kann, wie er zuvor die Bienen nachgeahmt hat: Für Hegel ist der Magnetismus mit seinen Feldlinien das Paradigma der Gestalt.
Der Werkmeister kennt das richtige Quantum und das rechte Maß, mit denen alles gelingt. Er geht auf im Prozess des Wirkens. Die Gegenwärtigkeit der natürlichen Religion wandelt sich zur Wirklichkeit (energeia).
Der Werkmeister gibt nicht nur den ersten Anstoß und überlässt es im Weiteren sich selbst, sondern er ist ›'(das) unbewegt Bewegende', wie der aristotelische Ausdruck (to) akinêton kinoun übersetzt werden muss statt als 'erster Beweger'. Der Ausdruck »steht im Neutrum, nicht im Maskulinum« (Bordt, 430).
»Das Hervorgehen der unterschiedenen Stufen im Fortschreiten des Gedankens kann nämlich mit dem Bewußtsein der Notwendigkeit, nach der sich jede folgende ableitet und nach der nur diese Bestimmung und Gestalt hervortreten kann, - oder es kann ohne dies Bewußtsein, nach Weise eines natürlichen, zufällig scheinenden Hervorgehens geschehen, so daß innerlich der Begriff (* [am Rand: ] innerer Werkmeister) zwar nach seiner Konsequenz wirkt, aber diese Konsequenz nicht ausgedrückt ist, wie in der Natur in der Stufe der Entwicklung (des Stammes) der Zweige, der Blätter, Blüte, Frucht jedes für sich hervorgeht, aber die innere Idee das Leitende und Bestimmende dieser Aufeinanderfolge ist, oder wie im Kinde nacheinander die körperlichen Vermögen und vornehmlich die geistigen Tätigkeiten zur Erscheinung kommen, einfach und unbefangen, so daß die Eltern, die das erste Mal eine solche Erfahrung machen, wie ein Wunder vor sich sehen, wo das alles herkommt, von innen für sich da [war] und jetzt sich zeigt, und die ganze Folge dieser Erscheinungen nur die Gestalt der Aufeinanderfolge in der Zeit [hat].« (Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie, Teil 3, Beilage: Begriff und Bestimmung der Geschichte der Philosophie. TWA 20.477)
Das ist in einer für Hegel ungewohnten Sprache geschrieben und zeigt, wie nahe ihm das Thema geht. – Der Werkmeister wendet sich vom unmittelbar Gegebenen und der Realität seiner Werkprozesse in das Innere und sucht das dort Verborgene: den Begriff. Das hat er intuitiv von Anfang an getan, jetzt beginnt er sich seiner bewusst zu werden. Er stößt auf Hemmnisse. Andere können ihm kaum mehr folgen, und er muss alle inneren Zweifel überwinden, ob er auf dem richtigen Weg ist. Er muss sich auf sich selbst besinnen, sich sammeln und sein Werk von stets neuen Seiten in Angriff nehmen, bis er die Resonanz der von ihm bearbeiteten Sache spürt und sich darauf einschwingen kann. Das kann bis zum Exzess führen (»excess of negativity«, Žižek, 501), zur Besessenheit und Arbeitswut (workaholic). Es droht die Gefahr, dass er sich zugunsten des Werkes völlig von der Außenwelt zurückzieht, diese allein lässt und die Verantwortung für sie aufgibt. Hegel sieht diese Stufe mit der offenbaren Religion erreicht (TWA 3.562-570). War der Werkmeister zunächst völlig in der Sache aufgegangen, lernt er an sich selbst, wie sein Tun für andere und für ihn selbst zum Bösen wie zum Guten ausschlagen kann. Das sprengt alle seine bisherigen Erfahrungen. Er muss ein neuer Mensch werden.
Im Rückzug in die Innerlichkeit seines Werkprozesses lernt der Werkmeister die Gefährdung des Neu-Entstehenden und Noch-Unfertigen, das in seiner Lichtscheue aus guten Gründen die mit ihm gegebenen Keime vor voreiliger Kritik und einem frühzeitigen Erstickt-Werden schützt. Der Ausdruck Lichtscheue bzw. lichtscheue Macht ist für eine philosophische Abhandlung nicht weniger ungewöhnlich als das Wort Werkmeister. (Siehe bei Hegel in der Phänomenologie des Geistes das Kapitel über die sittliche Handlung, TWA 3.347, und in der Wissenschaft der Logik das Kapitel Absolute Notwendigkeit, TWA 6.216, sowie kommentierend: Scheier, 11-13 und Wamßler, 71-73). Es kann Werkmeister geben, die völlig den Weg der Einsamkeit gehen, sich gegen den Strom stellen und in eine Rolle gelangen, die den Propheten zu vergleichen ist. Sie erkennen und verstehen sich nur noch untereinander, brauchen dafür nicht viel Worte. Im Buddhismus werden sie Pratyeka genannt, Einzel-Erwachte, die trotz ihrer Absonderung eine positive Ausstrahlung auf ihre Umgebung haben können.
»In der eigentümlichen Gestalt äußerlicher Geschichte wird die Entstehung und Entwicklung der Philosophie als Geschichte dieser Wissenschaft vorgestellt. Diese Gestalt gibt den Entwicklungsstufen der Idee die Form von zufälliger Aufeinanderfolge und etwa von bloßer Verschiedenheit der Prinzipien und ihrer Ausführungen in ihren Philosophien. Der Werkmeister aber dieser Arbeit von Jahrtausenden ist der eine lebendige Geist, dessen denkende Natur es ist, das, was er ist, zu seinem Bewußtsein zu bringen und, indem dies so Gegenstand geworden, zugleich schon darüber erhoben und eine höhere Stufe in sich zu sein.« (Enz § 13, TWA 8.58)
»Dies wäre poetisch nur möglich, insofern der innere Werkmeister der Geschichte, die ewige absolute Idee, die sich in der Menschheit realisiert« (Ästhetik Bd. 3, Die individuelle epische Handlung, TWA 15.356)
In der Gegenüberstellung der äußerlichen Geschichte der Philosophie und der Innerlichkeit ihrer Begriffsentwicklung, in der sich der Werkmeister zeigt, ist der Geschichtsbegriff gefunden, um den es Hegel gegenüber der bloßen Zufälligkeit der evolutionären Zeit geht.
Aus dem Weg in die Innerlichkeit und die Eigenzeit findet der Werkmeister zu sich. Ohne den an sich selbst erlebten Durchgang durch innere Zweifel, Skepsis und doppelte Ironie (die sowohl ihren Gegenstand ironisch sieht wie auch sich selbst) wäre das nicht möglich. Er sucht die Idee nicht in einem fernen Reich oder einem realitätsfernen Elfenbeinturm, sondern in der Unmittelbarkeit seines Lebens, in der er sich mit allen anderen eins weiß.
Der Schluss ist abgeschlossen: Aus Position (natürliche Religion), Negation (Werkprozess an der Sache), Negation der Negation (Innerlichkeit) geht eine neue Unmittelbarkeit hervor: die Unmittelbarkeit des Lebendigen. (Siehe weiterführend v.d. Meulen, der im vierten Schritt zur neuen Unmittelbarkeit die Lösung der gebrochenen Mitte bei Hegel sieht.)
»Der Werkmeister selbst, der ganze Geist« wird erst mit dem absoluten Wissen erreicht. Darunter verstehe ich den Werkmeister, der vom Geist erfüllt ist. »Als der Geist, der weiß, was er ist, existiert er früher nicht und sonst nirgends als nach Vollendung der Arbeit [meine Hervorhebung, t.], seine unvollkommene Gestaltung zu bezwingen, sich für sein Bewußtsein die Gestalt seines Wesens zu verschaffen und auf diese Weise sein Selbstbewußtsein mit seinem Bewußtsein auszugleichen.« (TWA 3.583).
Nach all den Mühen, Irrungen und Rückschlägen ist im Ergebnis eine Art Bilanz zu ziehen. Hegel folgend geht es um Versöhnung, Aufopferung und Geschichte.
Versöhnung: Erst und nur wenn der Werkmeister in seiner Eigenzeit zur Innerlichkeit der Religion gefunden hat, wird er fähig, sich mit sich selbst und seiner Umgebung zu versöhnen. Hat er sich von den Überraschungen blenden lassen, in der Versunkenheit im Werk das Leben verpasst, ist er allen anderen unverständlich geworden, und kann er seine Erfahrung der neu gewonnenen Unmittelbarkeit des Lebens mit anderen teilen? Für Hegel gibt die Religion die Kraft, dass er sich mit all seinen Momenten versöhnen kann, an denen er zurecht zweifeln musste, mit dem unglücklichen Bewusstsein, der Beobachtung der Natur des Geistes als Schädelknochen, der schönen Seele usf.
Aufopfern: Das unglückliche Bewusstsein kehrt wieder, der Werkmeister erkennt, dass er sich aufgeopfert hat, aber jetzt kann er sich mit seinem Opfer versöhnen. »Seine Grenze wissen heißt, sich aufzuopfern wissen.« (TWA 3.590) Das gelingt ihm, wenn er erkennt, dass sich zugleich auf der anderen Seite der Grenze das Allgemeine, Ewige, Göttliche geopfert hat, um sich den Sterblichen und Vergänglichen im Medium der Zeit zeigen zu können. Die Zufälligkeit erweist sich als der Zu-Fall einer höheren Macht, die sich in der Zufälligkeit zu erkennen gibt und auffordert, die Zufälligkeit zu ergreifen und nach ihrer Herkunft zu fragen. (Eine Übersicht über Hegels Ausführungen zum Opfer gibt Bertino.)
Geschichte: Wenn sich der Werkmeister und der Geist im Medium der Zeit treffen, wird der Werkmeister handlungsfähig. Aus der linearen, chronologischen Zeit wird die organische Zeit, die Geschichte. »Indem also der Geist den Begriff gewonnen, entfaltet er das Dasein und Bewegung in diesem Äther seines Lebens und ist Wissenschaft [...] als die organische, in sich selbst gegründete Bewegung derselben« (HW 3.589). »Die andere Seite aber seines Werdens, die Geschichte, ist das wissende, sich vermittelnde Werden - der an die Zeit entäußerte Geist.« (TWA 3.590) So schließt sich der Kreis. Als Werkmeister kann sich der Mensch mit dem Geist in einem gemeinsamen Medium treffen. Hegel gebraucht deutlich sowohl eine spekulative wie eine empirische Sprache (die er bewusst von der klassischen Unterscheidung in exoterische und esoterische Sprache etwa in der Deutung der Werke von Platon und Aristoteles unterscheidet, siehe hierzu seine Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie, TWA 19.21f, 76f, 143f). Empirisch spricht er in der Sprache der Wissenschaft, spekulativ übernimmt er Begriffe der hermetischen Tradition und setzt sich damit bis heute der Kritik und dem Spott der Naturwissenschaft und der analytischen Philosophie aus. In der Figur des Werkmeisters hat er die innere Spannung gezeigt, in der er sich sieht und die für ihn für ein philosophisches Denken und seiner Geschichte unumgänglich und auszuhalten ist.
BDG = Immanuel Kant: Der einzig mögliche Beweisgrund zu einer Demonstration des Daseins Gottes
in: Immanuel Kant: Vorkritische Schriften II, Berlin 1905, 63-163
Enz = Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften, TWA Bd. 8 - 10
Phän = Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Phänomenologie des Geises, TWA Bd. 3
TWA = Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Werke in 20 Bänden. Auf der Grundlage der Werke von 1832-1845 neu ediert. Red. E. Moldenhauer und K. M. Michel. Frankfurt/M. 1969-1971; Link
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