Walter Tydecks

Bildungsreform und digitale Herausforderung:
Grenzen der Autonomie und Smartness

smartphone in der schule

Beitrag für den Themenkreis Naturwissenschaft und Technik von 50plus aktiv an der Bergstraße am 11. Juli 2025 in Bensheim

 

Die Lage der jungen Generation gilt vielen als alarmierend. Seit der Verbreitung der Smartphones leiden Jugendliche vermehrt unter Angststörungen, Schlaflosigkeit und Sinnkrisen. Sie verlernen den Zugang zur konkreten Wirklichkeit, führen weniger persönliche Gespräche untereinander, flüchten in virtuelle Welten. Der Psychologe Jonathan Haidt spricht von der Generation Angst. Laut Schulbarometer 2024 der Robert Bosch Stiftung gilt jeder fünfte Schüler als psychisch auffällig oder grenzwertig. Teenager verbringen nach eigener Schätzung täglich 3,5 Stunden am Smartphone. Medizinische Studien bestätigen jedoch keine eindeutigen körperlichen Entzugserscheinungen bei einer Woche Enthaltung. Daher gibt es auch Gegenstimmen: Smartphones gehören zum Fortschritt, so wie Autos oder Fernsehen. Statt eines Handy-Verbots sind Medienkompetenz und ein besseres Verständnis der Stresslage gefordert, die viele zum Smartphone greifen lässt. Jugendliche sind meist sehr aufgeschlossen, die aktuellen Technologien zu verstehen. Darauf kann die Suchtprävention aufbauen.

Walter Tydecks (Diplom-Mathematiker) wird in seinem Vortrag mit einem Rückblick auf die Demokratische Bildungsreform in den 1930ern im New Deal und den 1960ern in Deutschland beginnen. Trotz ihrer demokratischen Ideale wurden viele Schüler mit dem Argument der Autonomie sich selbst überlassen. Davor hat bereits 1958 die Philosophin Hannah Arendt gewarnt, und wurde von allen Seiten heftig kritisiert. Die Smartphone-Apps, Social Media und neuerdings Künstliche Intelligenz haben mit ihrem Versprechen nach allseitiger Verfügbarkeit und Smartness diese Entwicklung nochmals gesteigert. Das stellt die Älteren vor ein Dilemma: Sie sehen sich mit guten Gründen als Gewinner der Bildungsreform, wollen gegenüber dem Neuen nicht "überholt" wirken - spüren aber, dass etwas grundlegend schief läuft.

Schwerpunkt wird sein, wie Technologie-Konzerne mit den Methoden der ebenfalls in den 1950ern entstandenen Verhaltensforschung (Behaviorismus) ihre Produkte entwerfen und verkaufen. Bereits 2014 erschien von Nir Eyal (einem Brancheninsider) der Bestseller Wie Sie Produkte erschaffen, die süchtig machen. Genügt es, mit Medienkompetenz den Umgang mit Smartphones zu lernen, oder bestehen vergleichbare Suchtgefährdungen wie bei Alkohol und Nikotin? Wie verstärken und nutzen die Apps die sozialen Ängste vieler Menschen?

Es besteht ausreichend Zeit zum Gespräch, nicht zuletzt über mögliche Lösungsansätze. Gäste sind herzlich willkommen.

Einleitung

Fragen der (Schul-)Bildung rühren tief an die eigene Identität und führen bei uns Älteren zur Erinnerung, welche Wünsche und Ziele wir mit unserer eigenen Bildung verbunden hatten, was daraus geworden ist und was wir weitergeben können. Was von den Schulen zu hören ist, gibt Anlass zum Nachdenken. Es geht nicht nur um exzessive Smartphone-Nutzung, sondern wie digitale Plattformen Aufmerksamkeit hacken, zersplittern und die Fähigkeit zur konzentrierten Anstrengung untergraben. Zwei aktuelle Beispiele aus den öffentlichen Medien: Vor wenigen Tagen waren bei Lanz (26.6.2025) eine nahezu verzweifelte Grundschullehrerin zu sehen und eine Bildungsministerin, die ihr schlicht die Glaubwürdigkeit ihrer Berichte absprach. In der Grundschule wissen viele Kinder nicht, was eine Hecke oder ein Bach ist, weil sie fast nur zuhause bleiben und sich auf digitale Angebote beschränken. Jeder kann sich ausmalen, wie es aussieht, wenn eine Bildungsministerin zum Besuch einer Schule kommt und was ihr dort präsentiert (schöngeredet) wird. Viele können nach der 4. Klasse weder lesen, noch schreiben oder rechnen. tagesschau.de berichtet am 6.7.2025 von einem Projekt Studdy Buddy an einem Kölner Gymnasium, bei dem eine Lehrerin basierend auf ChatGPT die Schüler im Rechnen unterrichtet. Der Chatbot kann auf das jeweils individuelle Lernniveau reagieren, beantwortet geduldig alle auch noch so oft wiederholten Fragen, und die Schüler brauchen keine Angst zu haben, sich mit dummen Fragen zu blamieren. Das ist unbedingt zu befürworten. Aber enthält es neuartige Gefahren, wenn Programme dieser Art intern Profile ihrer Anwender entwickeln und darüber in die Lage kommen, sie zu erpressen oder von Dritten für Erpressungen genutzt zu werden? Welche Sicherheitsanforderungen sind notwendig, und wie ist sicher zu stellen, dass sie eingehalten werden?

Mit Bildungsreform und digitaler Herausforderung sind umfassend Fragen aus den Bereichen Wirtschaft, Technik, Politik, Pädagogik und Kultur angesprochen. Aus der Fülle der Themen möchte ich zwei herausgreifen: Das Autonomie-Versprechen mit mehr Selbstverwirklichung, mit dem alle 50pluser groß geworden sind, und das Smartness-Versprechen von heute. Geräte sind smart, wenn sie technologisch hochwertig und gut vernetzt sind. Das gleiche gilt für ihre Anwender. Über das Internet und mit dem Smartphone und den darauf installierten Apps hat jeder jederzeit Zugriff auf das Wissen der Welt und ist technisch mit beliebig vielen Menschen verbunden. Alles liegt an der Kompetenz eines jeden Einzelnen, diese Autonomie zu ergreifen und zu nutzen.

Warum gelingt das nicht? Die Bildungsreform hatte Autonomie und Chancengleichheit versprochen. Das Gegenteil ist eingetreten. Mit den smarten Technologien vergrößern sich das Bildungsgefälle und die Polarisierung nochmals weiter. Die einen erwerben Medienkompetenz und vermögen souverän die Möglichkeiten zu ergreifen, bei den anderen breiten sich in einem bisher unbekannten Maß Bildungslücken und psychische Krankheiten bis hin zu Suchtverhalten aus. Die Sendung von Lanz war ein Beispiel, wie wenig es bisher gelingt, offen darüber zu sprechen und einander zuzuhören. Ich möchte versuchen, im kleinen Rahmen eine Anregung zu geben. Es sind vier Teile geplant:

– das Autonomie-Versprechen und Scheitern der Chancengleichheit
– das Smartness-Versprechen und operante Konditionierung
– Statistiken zur Generation Angst
– Lösungsvorschläge

Das Autonomieversprechen und Scheitern der Chancengleichheit

Progressive Education der 1930er Die Bildungsreform ging aus dem Aufklärungs-Gedanken hervor. Bereits im 19. Jahrhundert gab es in den USA philosophische Strömungen wie Ralph Waldo Emerson (1803-1882) für mehr individuelle Autonomie und Selbstbildung, Henry David Thoreau (1817-1862) für ein einfaches, naturverbundenes Leben und Bildung durch Erfahrung in der Natur, William James (1842-1910) für einen Schwerpunkt der Erziehung auf praktische Erfahrung, Pluralismus und Anpassung von Bildung an individuelle Bedürfnisse, und darauf aufbauend John Dewey (1859-1952), der seit 1916 das Programm einer Demokratischen Bildungsreform vertrat, dass Bildung eine demokratische Lebensform fördern solle, in der alle Schüler durch Erfahrung und Teilnahme (Partizipation) lernen. In Deutschland entstanden im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts die Lebensreformbewegung (unter anderem die Waldorf-Schulen) und wenig später Genossenschaftsbewegungen. Beispiele davon haben einige von uns vor wenigen Wochen in Frankfurt bei der Ausstellung Neues Frankfurt über Bauprojekte in den 1920ern besichtigen können. Aber erst die Erfahrungen der moralischen Krise des Bürgertums seit 1900, wie sie z.B. durch die Theaterstücke von Henrik Ibsen dargestellt werden, der unbeschreiblichen Kriegsgräuel des 1. Weltkriegs, zu dem sich in allen aufgeklärten Ländern die bürgerlichen wie Arbeiterparteien als auch Kirchen und Gewerkschaften in ihrer großen Mehrheit begeistert mitreißen ließen, der russischen Revolution und ihrer neuartigen Pädagogik (Makarenko, Krupskaja, innerhalb der Sowjetunion als Außenseiter Wygotski) förderten ein Umdenken. Unter dem Druck der Wirtschaftskrise 1929 verschärfte sich der Handlungsbedarf nochmals enorm. Das Ausmaß der damals herrschenden Verarmung und Verelendung ist heute kaum mehr vorstellbar. Anfangs konnten große Wirtschaftsprojekte wie der Aufbau und die Erneuerung der Infrastruktur nur eingeschränkt begonnen werden, da die Fachkräfte fehlten. So kam es, dass sich zur Zeit der Präsidentschaft 1933-1945 von Franklin D. Roosevelt (1882-1945) mit dem New Deal die Progressive Education durchsetzen konnte.

Über die Erfolge kann kein Zweifel bestehen. Der Anteil der 17-Jährigen mit College-Abschluss stieg stetig von 16,3 Prozent im Jahr 1920 auf 57,4 Prozent im Jahr 1950, wobei es nur während des Krieges einen kurzzeitigen Rückgang gab (Eintrag Education 1929-1941 in encyclopedia.com, abgerufen am 28.12.2024). Bis 1998 schlossen über 80 Prozent ab. Die Bildungsmöglichkeiten für Schwarze und Frauen verbesserten sich signifikant.

Um so überraschender ist, dass sich das alles nun zu wiederholen scheint. Die westlichen Länder haben ihre Industrie weitgehend in Länder wie China verlagert, und eine Re-Industrialisierung ist zur Zeit kaum möglich, da erneut Arbeitskräfte mit der nötigen Fachausbildung fehlen. Statt das Versprechen nach Chancengleichheit zu erfüllen, hat sich seit den 1970ern die amerikanische Gesellschaft zunehmend zwischen Menschen mit und ohne College-Abschluss polarisiert. Menschen ohne Collage-Abschluss waren in den USA historisch die Stammwählerschaft der Demokraten (während Akademiker traditionell die Republikaner gewählt haben) und versprachen sich viel von der Bildungsreform, wandten sich im Weiteren aber enttäuscht ab. So kam es zu einer Umkehrung, die vielen als das bedeutendste politische Ereignis innerhalb der USA nach dem New Deal gilt.

US-Demokraten-Wähler

Noah Smith: How social media divided and broke America, in Asia Times vom 14.6.2025. Smith nennt als Quelle den Artikel Polarisation by education is remaking American politics im Economist vom 13.10.2024, der innerhalb der Grafik wiederum auf Matt Grossmann, David A. Hopkins Polarized by Degrees, Cambridge 2024 verweist.

Dagegen vertreten heute Menschen mit höherem Bildungsabschluss nach den für sie positiven Erfahrungen mit der Globalisierung progressive soziale Ansichten und vertrauen auf Expertenwissen. Sie sind die neuen Stammwähler der Demokraten (und in Deutschland von Parteien wie den Grünen und der sich innerlich gewandelten SPD), während Menschen ohne College-Anschluss das Vertrauen in Institutionen wie den Staat, die Schulen und Universitäten, Kirchen und Vereine, Journalisten und sogar Unternehmen verloren haben und in den USA zu den Republikanern (in Europa zu rechten Parteien wie der AFD, Le Pen in Frankreich oder Melloni in Italien) wechseln, die sie gezielt mit ihrer Programmatik ansprechen. Inzwischen werden in den USA soziologische Studien kaum mehr nach der Klassenzugehörigkeit geordnet, zumal der Anteil der Industrie und mit ihr des klassischen Proletariats auf weit unter 20% gesunken ist, sondern nach den zwei gesellschaftlichen Gruppen, die über einen College-Abschluss verfügen oder eben nicht. "Die Amerikaner" sind nicht einfach dumm oder verrückt geworden, wenn sie mit deutlicher Mehrheit jemanden wie Trump wählen, und es sind nicht nur Politiker wie J.D. Vance oder zeitweise Unterstützer wie Elon Musk, die den Erfolg der Republikaner ausmachen, sondern dies ist das Ergebnis einer jahrzehntelangen Entwicklung, die von vielen bis heute ignoriert wird.

Die wirtschaftliche und politische Entwicklung der westlichen Gesellschaften und allen voran der USA ist mit zahlreichen Fakten belegt (Stichworte: Inflation, Verschuldung, Haushaltsdefizite, immer weniger interessieren sich für Natur- und Ingenieurwissenschaften, immer mehr Jugendliche sind aufgrund gestiegener Mieten gezwungen bei ihren Eltern wohnen zu bleiben, das Heiratsalter steigt von ca. 20 auf über 30 Jahre, die durchschnittliche Anzahl Kinder pro Familie ist von über 6 auf deutlich unter 2 gefallen, der Anteil von alleinerziehenden Müttern und ihrer sozialen Notlage steigt, die Qualität der täglichen Ernährung wird fortlaufend schlechter).

Wie es um die Spaltung der amerikanischen Gesellschaft wirklich bestellt ist, zeigt eine Statistik über die Todesfälle aufgrund von Alkohol, Drogen und Selbstmord bei den 45-54-Jährigen. Es gehört zur Kunst der Statistik, aussagekräftige Zahlen auszuwählen. Heute wird oft mit Durchschnittszahlen gearbeitet, die die Extreme und deren Polarisierung verschleiern. Die Autoren Anna Case und Angus Deaton haben bewusst eine Altersgruppe ausgewählt, in der sich Menschen in der Mitte ihres Lebens fragen, was ihr Leben ihnen gebracht hat und noch bringen kann. Das Ergebnis ist eindeutig:

Case & Deaton 66

"Figure 5.2. Drug, alcohol, and suicide mortality in midlife, 1992-2017, blacks and whites, with and without a college degree. Authors' calculations using Centers for Disease Control and Prevention data, ages 45-54 (age- adjusted)" (Case, Deaton, 66)
BA steht für Batchelor of Arts, Vier-Jahres-Abschluss

Am schlechtesten geht es den Weißen ohne höheren Bildungsabschluss. Die Schwarzen ohne höheren Bildungsabschluss konnten eine Weile von der Bewegung gegen Rassentrennung profitieren, geraten jetzt aber in das gleiche Elend. Es scheint fast niemanden mehr zu geben, an den sie sich wenden können. Die Opioid-Krise hat einen großen Anteil an dieser Entwicklung. Das sind oft im Grunde harmlose Schmerzmittel, die eine gute Wirkung erzielen können, und erst dann zur Gefahr werden, wenn bereits verzweifelte Menschen ihre weitergehende Wirkung spüren und sie übermäßig konsumieren.

In einer Gesellschaft, in der sich die einen immer mehr bereichern, den Konsum ausleben und für die Not der anderen nicht einmal mehr einen Blick haben, kehrt sich die gesamte Wertestruktur um. Auf dem Höhepunkt der Bildungsreform hatte in den 1940ern und 1950ern der amerikanische Psychologe Abraham Maslow (1908-1970) eine Bedürfnishierarchie vertreten, an deren Spitze persönliche Visionen der Selbstverwirklichung stehen, aufbauend auf der Erfüllung der elementaren Lebensbedürfnisse. Diese Wertpyramide hat sich nahezu umgekehrt. Die folgende Grafik ist der materialreichen Seite wtfhappenedin1971.com entnommen, die im Jahr 1971 einen gesellschaftlichen Umbruch sieht, als viele von uns noch überzeugt waren, eine neue Zeit sei im Entstehen. Galt 1970 "Devoloping a meaningful philosophy of life" als höchster Wert – sei dies nun eine humanistische, religiöse oder sonstwie begründete Lebensauffassung mit Experimenten wie Landkommunen u.v.a. –, wogegen finanzielle Sicherheit ("Being very well off financially") als nahezu bedeutungslos galt, sind die finanzielle Sicherheit und der mit ihnen mögliche materielle Konsum an die Spitze getreten, ganz im Gegensatz zu den ursprünglichen Anliegen der Bildungsreform etwa bei Emerson und Dewey in den USA. Immerhin erfreulich ist die zunehmende Bereitschaft, anderen zu helfen ("helping others who are in difficulty").

US-Wertepyramide

Um so wichtiger ist es, auf die Kritik von Hannah Arendt (1906-1975) zurückzukommen, die sie bereits 1958 in Bremen mit dem Titel Die Krise in der Erziehung vorgetragen, sich gegen den Trend ihrer Zeit gestellt und alles Weitere nahezu prophetisch vorhergesehen hatte: Seit den 1930ern gibt es in den USA eine tendenziell anti-autoritäre Erziehung. Aus ihrer Sicht entziehen sich Eltern und Lehrer den Kindern mehr und mehr als klassische Autoritäten, auf die sie sich stützen und an denen sie sich reiben können, und von denen sie in ihrem Weg in die Selbständigkeit und die Welt begleitet werden. Stattdessen werden sie einer künstlich erzeugten Kinderwelt ausgesetzt, sollen ihre Konflikte untereinander austragen und klären (Arendt, 262) "Man hat also die Kinder, als man sie von der Autorität der Erwachsenen emanzipierte, nicht befreit, sondern einer viel schrecklicheren und wirklich tyrannischen Autorität unterstellt, der Tyrannei durch die Majorität." (Arendt, 263)

Kinder werden nicht mehr schrittweise in die Welt der Erwachsenen und der Arbeit einbezogen. Das zerstört den klassischen Auftrag der Bildung (Arendt, 264). Die klare Trennung von Privat und Öffentlich geht verloren. Sie verlieren den Schutz durch Geborgenheit und Verborgenheit der Familie (Arendt, 267).

Hannah Arendt nimmt kein Blatt vor den Mund. Die Erwachsenen geben mit der Autorität die Verantwortung für die Welt auf. "Wer die Verantwortung für die Welt nicht mitübernehmen will, sollte keine Kinder zeugen und darf nicht mithelfen, Kinder zu erziehen." (Arendt, 270). Ihr Schlusswort:

"In der Erziehung entscheidet sich, ob wir die Welt genug lieben, um die Verantwortung für sie zu übernehmen und sie gleichzeitig vor dem Ruin zu retten, der ohne Erneuerung, ohne die Ankunft von Neuen und Jungen, unaufhaltsam wäre. Und in der Erziehung entscheidet sich auch, ob wir unsere Kinder genug lieben, um sie weder aus unserer Welt auszustoßen und sich selbst zu überlassen, noch ihnen ihre Chance, etwas Neues, von uns nicht Erwartetes zu unternehmen, aus der Hand zu schlagen, sondern sie für ihre Aufgabe der Erneuerung einer gemeinsamen Welt vorzubereiten." (Arendt, 276)

In Deutschland wurde die Progressive Education in den 1960ern als Demokratische Bildungsreform nachgeholt und war ein wesentliches Anliegen der Studentenbewegung (Stichwort Bildungskatastrophe von Georg Picht 1964, vorsichtige Einführung von Gruppen- und Projektarbeit). Hannah Arendt war nach meiner Erinnerung in der deutschen Studentenbewegung der 1970er so gut wie unbekannt. Stattdessen dominierten Pädagogen wie Hartmut von Hentig, deren Verwicklung in die Missbräuche an der Odenwald-Schule erst nach 2000 bekannt wurde. Wer an der Schüler- und Studentenbewegung beteiligt war, muss rückblickend einen schmerzhaften Prozess der Selbstbesinnung durchmachen, wie es geschehen konnte, dass die an sich richtigen und wertvollen Ziele in ihr Gegenteil umschlugen und kritische Stimmen wie Hannah Arendt ignoriert wurden.

Das Smartness-Versprechen und operante Konditionierung

In den USA machen sich heute die Eltern weit mehr Sorgen über die Nutzung von Social Media durch ihre Kinder als bei allen anderen Gefahren wie Safer Sex oder Autounfällen (Report on Parenting in America; safehome.org). Dennoch schränken sie deren Nutzung nicht ein und begleiten sie kaum. Selbst gestandene Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens wie Lanz und Precht gestehen, dass sie ihren Kindern viel zu früh Smartphones gegeben haben, weil der soziale Druck auf ihre Kinder zum Mitmachen zu groß ist. Wer kein Smartphone hat, gilt als sozial isoliert und droht von allem ausgeschlossen zu bleiben (Podcast Generation Z: Grund genug für eine Revolution? vom 18.10.2024). Oft werden Handy-Verbote gefordert, aber Eltern und Lehrer leben ihren Kindern und Schülern das Gegenteil vor. Eltern posten bedenkenlos Fotos ihrer Kinder in allen sozialen Medien (am liebsten über Whatsapp), ohne sich zu überlegen, ob das ihren Kindern einmal peinlich sein oder gar von Cyber-Mobbing gegen sie eingesetzt werden könnte (Sharenting, Mama-Blogger, Kinderinfluencer, so der Titel einer Broschüre der Bundeszentrale für Kinder- und Jugendmedienschutz Link; siehe auch klicksafe.de). Mit wenig Mühe lassen sich Zahlen finden, wie viele Eltern Fotos ihrer Kinder posten und sich nichts dabei denken (z.B. nih.gov). Niko Kappe berichtet in seinem Buch Generation TikTok, wie Eltern beim Einkaufen im Supermarkt am Kinderwagen ihres Kleinkindes eine "Tablet-Halterung inklusive Gerät" angebracht haben. "Auf dem Bildschirm lief ein Zeichentrickfilm, und das Kind war so gefesselt, dass es sogar die Quengelware an der Kasse völlig ignorierte. Willkommen in der Zukunft." (Kappe, 86) Obwohl er eigentlich dagegen ist, Kinder in diesem Alter vor den Bildschirm zu setzen, hat er Verständnis, wenn gestresste Eltern auf diese Weise Kinder beruhigen, und letztlich sind "für die Entwicklung unserer Kinder [...] entspannte Eltern, die auf ihre eigene Gesundheit achten, langfristig sicher wichtiger als ein paar Minuten zu viel vor dem Bildschirm" (Kappe, 88).

Wer sich so verhält, gilt als smart. Ein Smartphone ist nicht mehr nur wie ein Handy für das Telefonieren, Schreiben von SMS und als Kamera gedacht, sondern enthält im Innern smarte, d.h. fortgeschrittene und gut vernetzte Technik, so wie auch von Smart Homes zur Steuerung aller elektronischen Geräte im Haushalt oder Smart Cities gesprochen wird. Google antwortet am 26.6.2025 mit einer KI-erzeugten Kurzfassung: "'Smarte Technik' bezieht sich auf Technologien, die durch Vernetzung und intelligente Steuerung den Alltag erleichtern und optimieren können. Dies umfasst Geräte, die miteinander kommunizieren und über Apps oder zentrale Steuerungen bedient werden können, um verschiedene Funktionen im Haushalt, wie Beleuchtung, Heizung, Sicherheit oder Unterhaltungselektronik, zu steuern".

Aber 'smart' umfasst weit mehr. Mit Smart Thinking – so der Titel eines erstmals 1997 von dem australischen Wissenschaftler Matthew Allen (* 1965) veröffentlichten Buches – war ursprünglich kritisches, strukturiertes und logisches Denken gemeint, wie es oft in Logik- und Rhetorik-Kursen angeboten wird. Erst später wurde die geradezu charismatische Wirkung des Ausdrucks 'Smart Thinking' erkannt. Seither wird 'Smart Thinking' völlig anders verstanden. Google antwortet wiederum KI-erzeugt am 25.6.2025 auf die Frage "Wer ist smart": "'Smart' kann sich auf eine Person beziehen, die schnell lernt, einfallsreich ist und gute Lösungen findet. Modisch und elegant: 'Smart' kann auch eine Person beschreiben, die sich modisch kleidet und ein gepflegtes Erscheinungsbild hat." Es gibt kein Buch und keine Studie, die den Ausdruck 'Samrtness' eingeführt hat. Er ist in den Jahren nach 2000 nahezu unterschwellig entstanden und stark geprägt vom Feuilleton, populärwissenschaftlichen Darstellungen und Blog-Einträgen. Nach wie vor lesenswert das Buch von Frank Schirrmacher Ego: das Spiel des Lebens von 2013, der in dieser Zeit als Mitherausgeber der FAZ maßgeblich die Diskussion der neuen IT-Trends und ihrer gesellschaftlichen Bedeutung geprägt hat, auch wenn er den Ausdruck 'smart' nur am Rande gebraucht.

Das Smartness-Versprechen: Wer ein Smartphone kauft und zu benutzen versteht, ist smart. Mit dem Smartphone wird jederzeitige und allseitige Verfügbarkeit zu allen Menschen und allem Wissen dieser Welt versprochen, und wer dessen Apps und Gadgets (spielerische Werkzeuge) nicht zu nutzen versteht, ist selber schuld. Es hilft in allen Lebenslagen, beim Filme-Schauen (Streaming), bei Gesundheitsabfragen und Kochrezepten, im Ausland beim Übersetzen von Texten, dem aktuellen Wetterbericht, dem Navigieren mit dem Auto und mit stark rückläufiger Tendenz bei pornographischen Angeboten. So wie das Autonomie-Versprechen die Gewinner der Bildungsreform (zu denen auch ich mich selbst zähle) blind gemacht hat für das, was nach 1970 wirklich geschah und sie heute hilflos gegenüber dem Anwachsen rechter Parteien zurücklässt, kann das Smartness-Versprechen blind machen gegenüber den Gewinnabsichten der IT-Konzerne und deren Skrupellosigkeit. Diesen Unternehmen und ihren Medien ist es gelungen, ihre Produkte als fortschrittlich, progressiv, jung und dynamisch zu verkaufen, und wer das in Frage stellt oder einfach nicht mitmachen will, gilt als überholt und old-fashioned.

Dass Soziale Netze darauf angelegt sind, ihre Anwender süchtig zu machen, ist seit den 2021 geleakten Facebook files öffentlich bekannt und nachgewiesen, auch wenn Smartphone-Sucht oder Social-Media-Sucht keine anerkannten medizinischen Begriffe sind, über deren Aufnahme Mediziner jedoch diskutieren (Kardefelt-Winther u.a. 2017). Bisher gilt nur "die Glücksspielstörung und ganz aktuell die sogenannte Gaming Disorder (also das exzessiv suchtartige Spielen von Computer- und Internetspielen)" als Sucht (Wegmann, Brand 2018, 239), aber wo sind die Grenzen zu anderen Störungen im Umgang mit Smartphones und Social Media? Wie gehen diese Technologien vor, und wann sind sie entstanden?

Die entscheidende Idee ist, beim Kunden Gewohnheiten zu erzeugen, für die er fortlaufend bereit ist Geld auszugeben. Die Entwickler solcher Programme machen sich die Erkenntnisse des Behaviorismus zunutze, worauf Jonathan Haidt (* 1961) in seinem Buch Generation Angst hinweist und die Quellen nennt, die ein wenig genauer betrachtet werden sollen.

"Natürlich tun Werbefachleute so etwas schon seit Langem, doch Touchscreens und schnelle Internetverbindungen eröffneten ungeahnte neue Möglichkeiten für den Einsatz behavioristischer Techniken, die am besten bei raschen Zyklen oder Loops von Verhalten und Belohnung funktionieren. [...] Nehmen wir den Fall einer Zwölfjährigen, die zu Hause an ihrem Schreibtisch sitzt und versucht , das Prinzip der Fotosynthese zu verstehen, da sie am nächsten Tag einen Test schreiben wird. Wie kann Instagram sie weglocken und dann eine Stunde lang vom Lernen abhalten?" (Haidt, 228)

Haidt geht nach Auswertung der Facebook-Files von einer bewussten Absicht aus: Facebook nutzt Erkenntnisse des Behaviorismus und insbesondere von B.F. Skinner (1904-1990), wenn es die Anwender mit einer Mischung von Interaktion und kleinen, aber nur unregelmäßig angebotenen Belohnungen (wie Likes und sonstigen automatisch erzeugten positiven Rückmeldungen) süchtig machen will. Fachlich gesprochen geht es um Instrumentelle und Operante Konditionierung.

Kaum jemand kann besser darüber berichten als Nir Eyal (* 1980). Er ging bereits 1983 mit seinen Eltern von Israel in die USA, fand Arbeit bei führenden Institutionen wie der Boston Consulting Group und Harvard, frühe Erfahrungen in der professionellen Arbeit mit Facebook, 2014 Bestseller-Erfolg mit seinem Buch Wie Sie Produkte erschaffen, die süchtig machen, 2019 folgte Die Kunst sich nicht ablenken zu lassen.

Eyal stellt die Strategie in vier Phasen dar.

1 Auslöser (Trigger) Auslöser können nicht künstlich geschaffen, sondern müssen vom Marketing erkannt und genutzt werden. Äußere Auslöser sind Werbung, Inserate, Hinweise über Zeitungsartikel und besonders wichtig: Empfehlungen durch Freunde. Innere Auslöser sind beim potentiellen Kunden bereits vorhandene Wünsche und Vorlieben, oder auch negative Situationen der Langeweile. Langeweile kann ein Moment sein, aus dem neuartige, kreative Ideen entstehen, aber auch umgekehrt die Bereitschaft, auf äußere Auslöser zu reagieren und sich von ihnen ablenken und treiben zu lassen. Instagram ist eins der erfolgreichsten Beispiele (Eyal, 45).

2 Handlung Um eine Gewohnheit zu erzeugen, muss der Auslöser beim Kunden eine Handlung veranlassen: "(1) der Anwender muss ausreichend motiviert sein; (2) der Anwender muss die Fähigkeit besitzen, die gewünschte Handlung zu vollenden; und (3) es muss ein Auslöser vorhanden sein, um die Handlung in Gang zu setzen." (Eyal, 49) Schon das Einloggen und die Vergabe von Passworten sind ein oft geschickt kompliziert gestaltetes Verfahren, das beim Anwender das Erfolgserlebnis weckt "Ich bin drin". Fotos erstellen und posten oder anderen auf dem Smartphone zeigen, Inhalte (Content) betrachten, sind weitere einfache Handlungen, die den Einstieg bilden.

3 Variable Belohnung Die Handlung für sich ist zu wenig. "Die Handlung ist die einfachste Verhaltensform in Erwartung einer Belohnung." (Eyal, 72) Das gilt es zu erfüllen und die Belohnung so zu gestalten, dass aus den Handlungen eine Gewohnheit wird. Eyal unterscheidet Belohnungen des Stammes, der Jagd und des Selbst (Eyal, 78), wobei es in allen drei Bereichen variable Belohnungen gibt. Der Stamm belohnt mit Aufnahme und Bestätigung in einer Gruppe. Mit Jagd ist gemeint, dass jemand mit kreativen Ideen, Geschick und Ausdauer lange nach etwas sucht, an der Sache dran bleibt und in dieser Zeit auf vieles andere verzichtet, bis es erreicht ist. Nachdem die Jagd so viel Aufwand und Engagement gefordert hat, wird ihr Erfolg als hoch bewertet. Das nimmt bereits den Grundgedanken der Investition vorweg. Im Ergebnis wird das Selbst belohnt, das sich mit diesen Erfolgen bestätigt sieht.

Werden erfolgreiche Belohnungssysteme gesucht und eingesetzt, müssen sie alle drei Aspekte und bei jedem von ihnen die Variabilität (Unerwartetheit) berücksichtigen. Eine bloße Gratifikation genügt nicht (Eyal, 93). Sie muss beim Kunden zugleich das Gefühl unterstützen, dass er sich weiter autonom und als Herr des Geschehens sieht. Beispiel: Wer abnehmen will, dem wird empfohlen, die Gewohnheit des Kalorienzählens zu entwickeln. Doch das hat auf Dauer die wenigsten überzeugt und ist daher nicht erfolgreich (Eyal, 96). Ähnlich ist es bei anderen Themen der Gesundheit und des Lebensstil. Ein weit höhere Akzeptanz haben die Fitnesscenter erreicht, die ebenfalls zunehmend mit elektronisch unterstützten Anwendungen arbeiten (Ausdauergeräte: Ergometer, Rudergeräte, Laufbänder, Crosstrainer etc), im privaten Umfeld Smartphone-Anwendungen wie Schrittzähler u.ä.

Ein ungewöhnlich erfolgreiches Beispiel ist dagegen das ständige Checken von E-Mails (und später von anderen Einträgen in Sozialen Medien): Warum kommt es zur viel zu häufig ausgeführten Gewohnheit, ständig den E-Mail-Eingang zu checken, oder nach neuen Eingängen in Whatsapp u.a. zu schauen?

"E-Mails beispielsweise nutzen alle drei variablen Belohnungsarten. Was treibt uns unterbewusst dazu, unseren Posteingang zu kontrollieren?
(1) Erstens ist es die Ungewissheit, wer uns eine Nachricht geschickt haben könnte. Wir haben eine soziale Verpflichtung, E-Mails zu beantworten, und den Wunsch, als umgänglich betrachtet zu werden (Belohnungen des Stammes).
(2) Vielleicht sind wir auch neugierig darauf, welche Informationen in der E-Mail enthalten sind. Möglicherweise erwartet uns etwas Berufliches oder Geschäftliches? Das Prüfen von E-Mails informiert uns über Gelegenheiten oder Bedrohungen für unseren materiellen Besitz und unsere Lebensgrundlage (Belohnungen der Jagd).
(3) Schließlich ist die E-Mail selbst eine Aufgabe - sie verlangt von uns, zu sortieren, zu kategorisieren und zu handeln, um ungelesene Nachrichten zu eliminieren. Uns motiviert die ungewisse Beschaffenheit unserer wechselnden Zahl von E-Mails, und wir verspüren den Wunsch, Kontrolle über unseren Posteingang zu erlangen (Belohnungen des Selbst)." (Eyal, 101f)

Entscheidend ist der Wunsch nach Kontrolle. Wenn anderes außer Kontrolle gerät oder zu geraten droht, löst ein Glücksempfinden aus, wenigstens hier bestimmen zu können. Es kann noch allgemeiner gesagt werden: Die Kunden haben das Gefühl, an einer großen Sache beteiligt zu sein und diese mit gestalten und darüber Macht auf sie ausüben zu können. Das scheint das Erfolgskonzept von Twitter und heute X sowie neuerdings der Chatbots (von ChatGPT über Perplexity und Grok bis zu Deepseek) zu sein und nicht weniger bei Modeströmungen wie Instagram und TikTok.

4 Investition Im entscheidenden vierten Schritt beginnt der Kunde, in das Produkt zu investieren. Hat er einmal investiert, dann hat er die Neigung, die Investition fortzuführen und nicht verfallen zu lassen. Es kommt der Stolz auf die eigene Leistung hinzu.

Das ist das Erfolgskonzept von Ikea (Eyal, 106). Wer die Möbel selbst aufgebaut hat, kann mit ihnen seine eigene Leistung präsentieren, selbst wenn sie in der Qualität anderen Möbeln nachstehen. Das Do it yourself (DIY) entstand wie die Progressive Education in den 1920ern, in Europa in den 1960ern und 1970ern. Sie wurde ein bedeutender Wirtschaftszweig und propagiert ein Lebensgefühl der Autonomie mit Übergängen in subkulturelle Kulturen.

Diese Ideen gehen auf B.J. Fogg (* 1963) zurück, Direktor des Stanford Behavior Design Lab, ursprünglich Missionar der Mormonen. Haidt schreibt zu Fogg: "Fogg hielt auch Vorlesungen mit dem Titel Persuasive Technik, in denen er Studenten beibrachte, wie man mit behavioristischen Methoden Tiere abrichten und dies auf Menschen übertragen kann. Viele seiner Studenten gründeten später Social-Media-Unternehmen oder arbeiteten bei ihnen, darunter auch Mike Krieger, ein Mitbegründer von Instagram." (Haidt, 228)

Generation Angst

– Haidts Diagnose und Gegenstimmen (z. B. Niko Kappe Generation TikTok)

Seit spätestens 2010 sind die dramatischen Folgen für die junge Generation unübersehbar. Die vorangegangene Generation der Millenials (Jahrgänge 1981 bis 2005) versteht die nachfolgende Generation nicht mehr, inzwischen überwiegend als Generation Z bezeichnet. Während die Millenials nächtelang eigene Programme schrieben und die neuen Techniken austricksen und für sich nutzen wollten (Hacker, Nerds), konsumiert die nachfolgende Generation aus ihrer Sicht nur noch Social Media und nutzt am Smartphone Spracheingabe statt Texteingabe. Haidt spricht deutlicher von der Generation Angst, weswegen ihm von seinen Kritikern Alarmismus vorgeworfen wird. Niko Kappe (* 1985 in Berlin; Grundschulpädagogik mit Schwerpunkt musisch-ästhetische Erziehung, Berufserfahrungen beim Jüdischen Museum Berlin, Berliner Tagesspiegel, im Digitalstudio der UFA sowie für We Are Era, Auftragsarbeiten für die Bundeszentrale für politische Bildung, die Robert-Bosch-Stiftung oder den WWF, zugleich überzeugter und erfolgreicher Tiktoker) wendet sich gegen die Vorurteile gegen die Generation Z (er selbst sieht sich als Millenial, Generation X). Es gab schon immer Kritik an neuen Medien. Die Kritik an Smartphones ist für ihn fast identisch mit der Kritik an der "Lesesucht" um 1800, oder an Autos, Film, etc (Kappe, 15, 20) und ein gewissermaßen überzeitliches Phänomen, wenn die ältere Generation die nachfolgende Generation bevormunden will und im Grunde nicht versteht. Er bevorzugt daher die Kennzeichnung Generation TikTok, das ist die Generation, die die neuen Angebote von Anwendungen wie TikTok zu nutzen versteht.

Über 40% der Anwender von Social Media nennen als einen Grund "Filling up spare time and general browsing", d.h. auf gut deutsch aus Langeweile (wearesocial.com, aktueller Bericht von 2025). Es ist ihnen unerträglich, mal auch nur für ein paar Minuten offline, d.h. einfach bei sich zu sein. Von Lehrern habe ich gehört, dass der Stoff einer Unterrichtsstunde wie weggeblasen ist, wenn die Schüler in der Pause auf Social Media wechseln. Da ist nicht überraschend, dass YouTube und TikTok die beiden Anwendungen sind, mit denen die meiste Zeit verbracht wird (ebd.).

Es kommt zu neuen, bisher unbekannten Ängsten, die sich direkt aus den Versprechen der Smartness ergeben. Immer mehr haben Angst, nicht mehr mithalten zu können. "FOMO, oder 'Fear of Missing Out', ist die Angst, etwas Wichtiges oder Interessantes zu verpassen, oft im Zusammenhang mit sozialen Medien und Erlebnissen anderer. Es ist das Gefühl, dass andere eine tolle Zeit haben, während man selbst nicht dabei ist oder etwas verpasst." (Google KI-erzeugt am 29.6.2025, siehe auch den Eintrag in Wikipedia) Auslöser: Ständige Verfügbarkeit von Updates (Stories, Posts, Livestreams). Folgen: Zwanghaftes Checken von Social Media. Unzufriedenheit mit dem eigenen Leben ("Alle haben mehr Spaß als ich"). Schlafstörungen durch nächtliche Nutzung.

Die Körperbildstörung (Dysmorphophobie) wird durch Social Media gefördert und ausgenutzt. Retusche und Filter (z. B. Instagram-Facefilter, TikTok-Effekte); Influencer-Kultur (Inszenierte Perfektion); Algorithmen, die extreme Körperbilder priorisieren (z. B. #Fitspiration, – ein Hashtag und Trend auf Social Media –, mit Vorschlägen, die Gesundheit und den körperlichen Zustand zu verbessern, die oft so extrem sind, dass sie in Essstörungen umschlagen können).

Weitere neuartige Ängste: Doomscrolling / Doomsurfing (Zwanghaftes Konsumieren negativer Nachrichten z. B. Krisen, Katastrophen); Phantom Vibration Syndrome (Halluzination, das Smartphone vibriert oder klingelt, Ursache: Konditionierung durch häufige Nutzung, davon sind nach Umfragen bis zu 80% der Anwender betroffen); Nomophobie (No-Mobile-Phobia, Angst, ohne Smartphone zu sein, z. B. Akku leer, kein Netz); Texting Anxiety (Stress durch: Antwortdruck – z. B. "Warum antwortet er/sie nicht?" – Overanalyzing – z. B. "Was bedeutet dieses 'K.'?" – laut dem Meinungsforschungsinstitut Pew Research fühlen sich 45% der Teenager vom Messaging gestresst).

Das Buch Generation Angst wurde sowohl in den USA wie in Deutschland ein Bestseller. Dennoch ist es recht umstritten. In Deutschland ist insbesondere die Stellungnahme eines Teams aus dem Lehrstuhl für Kommunikationspsychologie und Neue Medien der Julius-Maximilians-Universität Würzburg zu nennen (Appel u.a. 2024). Ist es zu objektivistisch geschrieben, beruht zu wenig auf Gesprächen mit den Betroffenen, übersieht die Vorteile und den Nutzen von Social Media für die Jugendlichen, und reduziert das Thema Angst auf die Nutzung von Smartphones? Gibt es nicht auch andere Ursachen von Angst wie die Klimaveränderung, Kriegsgefahr, Pandemien, Sorge um die berufliche Zukunft, Angst Fehler zu machen und abgehängt zu sein? Beschränkt er sich beim Datenmaterial auf Daten seit 2001 und überwiegend aus den USA und übersieht die Vorgeschichte? Appel u.a. warnen: "Angst ist ein schlechter Ratgeber".

Beim Lesen hatte ich nicht diesen Eindruck. Auch wenn offen ist, welches die Ursachen der Ängste sind, spielen die Apps mit ihnen, verstärken sie und nutzen sie aus, um möglichst oft und lange von den Anwendern aufgerufen zu werden. Haidt beginnt mit wahrhaft bedrückenden Statistiken, nicht nur die Zunahme der Depressionen seit 2004 (Haidt, 44) und die psychischen Erkrankungen von Studierenden seit 2008 (Haidt, 47) besonders in der jüngeren Generation (Haidt, 49), sondern auch die Entwicklung der Suizidrate seit 1982 (Haidt, 58), die Verbreitung der Medien seit 1925 vom Radio bis zum Smartphone (Haidt, 61), die auch von seinen Kritikern nicht bestritten werden.

Seine These: Die spielbasierte Kindheit hat sich in eine smartphonebasierte Kindheit verändert. Die Eltern bieten den Kindern weniger Spiele an, und die Kinder spielen weniger miteinander. Seit 1991 nehmen die Treffen von Teenagern mit Gleichaltrigen radikal ab (Haidt, 95). Entdeckungsfreude auf eigene Faust lässt nach, der Konformitätsdruck nimmt zu. Auf Spielplätzen gibt es einen Wandel von gefährlichen zu überbehüteten Geräten. Jeder, der einen Spielplatz besucht, kennt das (Haidt, 136-139). Mütter verbringen seit 1995 deutlich mehr Zeit mit ihren Kindern (Haidt, 146). Er ist skeptisch, wie das zu deuten ist. "Die Kinder verbrachten mehr und mehr Zeit in der Schule und mit anderen (von Erwachsenen überwachten) Aktivitäten und weniger Zeit mit Spielen oder Fernsehen." (Haidt, 146) Kinder dürfen kaum mehr allein auf die Straße gehen und werden von den Eltern reihum untereinander abgegeben und in ergänzenden Unterricht gebracht, um mehr für ihre Ausbildung zu tun, für die Schule, für Sport oder um Instrumente zu lernen. Nicht mal den Schulweg dürfen sie allein gehen, sondern werden selbst bei gutem Wetter mit dem Auto zur Schule gebracht, wo es jeden Morgen zu Staus kommt und die Eltern gegenseitig ihre Kinder gefährden. Die Kindheit wird verlängert. Kinder bleiben länger kindlich und übernehmen und probieren weit weniger erwachsenentypische Tätigkeiten als früher.

Haidt 185

"Der prozentuale Anteil von älteren amerikanischen Highschoolschülerinnen und -schülern, die mindestens eine der aufgeführten erwachsenentypischen Aktivitäten [Alkoholkonsum, bezahlte Arbeit, Führerschein, Geschlechtsverkehr] ausgeübt haben, nimmt seit den 1990er- und den frühen 2000er-Jahren" ab (Haidt, 185).

Immer mehr Teenager kommen nur zu weniger als 7 Stunden Schlaf (Haidt, 216).

Die neuen Medien schaden besonders den Mädchen. Sie nutzen soziale Medien stärker (Haidt, 263). Haidt nennt vier Gründe:

(1) "Mädchen sind stärker von visuellen sozialen Vergleichen und Perfektionismus betroffen." (Haidt, 266) Mit einfachen Schönheitsfiltern können Fotos auf sozialen Medien aufgehübscht werden. Im Ergebnis ist jeder immer weniger mit sich selbst zufrieden.

Haidt 271

"Absturz der Soziometerwerte im Jahr 2012. Prozentualer Anteil von amerikanischen Schülerinnen und Schülern (8., 10. und 12. Klasse), die angaben, mit sich selbst zufrieden zu sein. (Quelle: Monitoring the Future.)" (Haidt, 271)

(2) "Die Aggression von Mädchen ist stärker beziehungsorientiert." (Haidt, 275)

"Da für Mädchen Communion-Motive im Vordergrund stehen, kann ein Mädchen ein anderes besonders dadurch verletzen, dass es dessen Beziehungen untergräbt: Man verbreitet Gerüchte, sorgt dafür, dass sich die Freundinnen von ihm abwenden und unterminiert seinen Wert als Freundin gegenüber anderen Mädchen. Wenn man sich die sogenannte indirekte Aggression anschaut (eine gezielte Schädigung der sozialen Beziehungen anderer Menschen oder ihres Rufs), kommen Mädchen auf höhere Werte als Jungen - aber nur in der späten Kindheit und Adoleszenz. [307] Ein Mädchen, das spürt, dass sein Wert sinkt, ist ein Mädchen, das unter zunehmenden Ängsten leidet." (Haidt, 276)

(3) "Mädchen teilen Gefühle und Störungen leichter miteinander." (Haidt, 279)
(4) "Mädchen sind häufiger Nachstellungen und sexueller Belästigung ausgesetzt." (Haidt, 289)

Dagegen nehmen persönliche Beziehungen ab.

Haidt 294

"Prozentualer Anteil von älteren amerikanischen Highschoolschülerinnen und -schülern, die der Aussage zustimmten: 'Ich habe gewöhnlich ein paar Freunde um mich, mit denen ich mich treffen kann.' Die Raten fielen vor 2012 langsam, anschließend rascher. (Quelle: Monitoring the Future.) [343]" (Haidt, 294)

Bei Jungen ist es dagegen das Gefühl, in ihrer Männlichkeit nicht mehr akzeptiert zu werden (toxische Männlichkeit) und kein erfolgreiches Leben führen zu können (Haidt, 306). Früher wollte jeder Junge mal Lokomotivführer, Raketenbauer oder etwas ähnliches werden. Das ist weitgehend vorbei. Sie verlieren sich in virtuelle Welten, schauen zu viel Pornographie (Haidt, 331), wenden sich mit Videospielen von der Welt ab (Haidt, 334).

Insgesamt sieht Haidt einen "Verlust an Spiritualität" (Kapitel-Überschrift, Haidt, 384).

Das Schulbarometer 2024 der Robert Bosch Stiftung bestätigt das von einer anderen Seite. Ungefähr ein Viertel der Schüler fühlen sich psychisch krank und unwohl in der Schule. Sie bekommen und finden nicht ausreichend Hilfe. Das konzentriert sich in ärmeren Schichten. Erschwerend kommen die Schulschließungen in den Corona-Jahren hinzu, die besonders bei den Ärmeren deutliche Lücken in der Ausbildung gerissen haben, so dass sie sich jetzt unter höherem Leistungsdruck sehen.

Lehrer werden als freundlich empfunden, aber sie kommen nicht auf die Themen, die die Schüler wirklich bewegen. Wahrscheinlich sind sie ihrerseits beruflich überlastet und von den Themen überfordert. Lehrer haben nicht ausreichend Zeit oder Gelegenheit, Schülern positive Rückmeldungen geben zu können.

Das Klima in den Schulklassen wird negativ bewertet (Einschätzung des Klassenklima (Schulbarometer 2024, 45f).

"Mehr als die Hälfte der befragten Kinder und Jugendlichen berichtet von einem tendenziell negativen Klassenklima, in dem Kinder (eher) ausgelacht (57 %) oder geärgert werden (59 %). Gleichzeitig geben über zwei Drittel der befragten Schüler:innen an, dass sich in der Klasse gegenseitig geholfen wird (71 %). Auch stimmen sie eher zu, dass sie einander zuhören (57 %) und dass sie alle gut zusammenhalten (63 %). Allerdings sagen die Schüler:innen auch, dass sich in der Klasse über andere lustig gemacht wird (59 %)." (Schulbarometer 2024, 46)

Inklusion:

"Aufgeschlüsselt nach Schulformen wird deutlich, dass die Zustimmung zu einer inklusiven Beschulung aller Kinder und Jugendlichen signifikant an Gesamtschulen (57 %) am höchsten und umgekehrt an Gymnasien am geringsten (32 %) ist. Fast zwei Drittel der Schüler:innen (62 %), die einen sonderpädagogischen Förderbedarf haben, würden ein gemeinsames Lernen am stärksten bevorzugen. Auch eine Mehrheit der Kinder und Jugendlichen, die als psychisch auffällig eingestuft werden, befürworten (eher) eine sogenannte Schule für alle (57 %). Eine ähnliche Verteilung zeigt sich auch bei Schüler:innen, deren Lebensqualität als gering (54 %; hohe Lebensqualität: 35 %) oder deren schulisches Wohlbefinden als gering (53 %; hohes schulisches Wohlbefinden: 38 %) eingeschätzt werden." (Schulbarometer 2024, 56)

Der Bericht geht jedoch nicht darauf ein, dass der Gedanke der Inklusion positiv ist, aber an den hierfür erforderlichen Ressourcen gespart wird, so dass eine an sich richtige Zielsetzung in der Umsetzung das Gegenteil bewirkt hat.

Lösungsvorschläge

Das größte Problem scheint zu sein, offen über diese Themen reden zu können. Es gibt zu viele Vorurteile und Halbwissen: Zum Beispiel das Festhalten am starren Schulsystem mit verschiedenen Schultypen, fehlende Bereitschaft für neue Unterrichtsformen sei es aus Schulversuchen im eigenen Land (z.B. Projektarbeit), sei es aus den Erfahrungen anderer Länder, und schlicht das Leugnen, was an einem großen Teil der Schulen geschieht. Im Grunde weiß es jeder, wenn versucht wird, die eigenen Kinder auf geeignete Schulen zu schicken und dort zu verhindern, dass Kinder aus anderen Milieus aufgenommen werden. Das Thema Bildung ist viel zu sehr mit dem Festhalten am eigenen Status und Abstiegsängsten verbunden. Und wer möchte sich eingestehen, wie eng die eigenen Handlungsmöglichkeiten sind, und wie unangenehm ist es, von anderen darauf hingewiesen zu werden. Hannah Arendt hat nicht nur die Bildungsreform ihrer Zeit kritisiert, sondern ihre wichtigste Forderung war für ein öffentliches Gespräch. Dazu gehört das Recht, halbfertige Ideen zur Diskussion zu stellen, Fehler zu machen, wenn es mit der Bereitschaft verbunden ist, anderen zuzuhören und die eigene Haltung zu überdenken und zu korrigieren.

Als ein erster Schritt seien einige pragmatische Vorschläge zusammengestellt, die ich in der Literatur gefunden habe.

Für Schüler: Das Schulbarometer 2025 empfiehlt, den Unterricht stärker an die Lebenswelt der Schüler auszurichten und regelmäßiges Feedback zu geben, damit die Schüler lernen, über welche Fähigkeiten sie verfügen (Selbstwirksamkeit) (Schulbarometer 2025, 93). Niko Kappe wird in Generation TikTok etwas konkreter und schlägt Projekte mit Schülern vor, in denen diese kreativ eigene TikTok-Videos erstellen (Kappe, 104). Wenn Kinder das tun, lernen sie ein ganz anderes Verständnis, so wie wir vor Jahrzehnten technische Geräte auseinander genommen und neu zum Laufen zu bringen versucht haben. Aber es wird kaum möglich sein, innerhalb der gegebenen Schultypen und Unterrichtsformen wirkliche Verbesserungen zu erzielen. Statt der Zersplitterung des Unterrichts in viele, voneinander unabhängige Fächer (z.B. morgens zwei Stunden Rechnen, dann eine Stunde Erdkunde, zwei Stunden Sport und nachmittags zwei Stunden Deutsch), sollte ein Epochalunterricht angeboten werden, bei dem über mehrere Woche an einem bestimmten Thema gelernt und hierüber unterschiedliche Fächer miteinander verknüpft werden, wie es sich bei den EDV-Kursen für Unternehmen bewährt hat. Es wäre niemals möglich gewesen, ganze Belegschaften auf die neuen EDV-Anwendungen wie Word oder E-Mails zu schulen, wenn die EDV-Kurse ähnlich zerstückelt gewesen wären wie der Schulunterricht. Stattdessen wurden in oft wochenlangen Kursen die Beschäftigten an Themen trainiert, die ihrem Berufsalltag nahe kamen. Mal wurden Abteilungen bewusst gemeinsam in Schulungen geschickt, mal auch umgekehrt bewusst gemischt, um voneinander zu lernen und sich besser zu vernetzen. In den staatlichen Schulen ist das nie nachvollzogen worden, wobei es leider häufig die Eltern und ihre Vertretungen sind, die das verhindern.

Programme wie Verrückt? Na und! von Irrsinnig Menschlich e.V. fördern die Aufklärung über psychische Gesundheit und zielen auf Entstigmatisierung ab. Sie sollen ermutigen, offen über psychische Probleme zu sprechen.

Mit Inklusionskonzepten Jugendliche mit psychischen Erkrankungen besser einbinden.

Für chronisch kranke Schüler wird Alternativunterricht, etwa im Krankenhaus oder zu Hause empfohlen, um nicht den Anschluss zu verlieren.

Kinder aus ärmeren Verhältnissen sind besonders betroffen, da der sozioökonomische Status den Zugang zu Gesundheitsversorgung erschwert. Schulen könnten als Brücke fungieren, indem sie Kontakte zu Jugendarbeit oder Gesundheitsdiensten vermitteln.

Für Schulen: Der Einsatz von mehr Schulpsychologen und Schulsozialarbeitern, um frühzeitig psychische Auffälligkeiten zu erkennen und individuelle Unterstützung zu bieten. Dies ist besonders wichtig für Kinder aus sozial schwächeren Verhältnissen, die oft weniger Zugang zu externen Therapieangeboten haben. Es kann zugleich die Lehrer entlasten, die heute in einer Person "Sozialpädagogen, Psychologinnen, IT-Technikerinnen, Bürofachkräfte, Krankenpfleger, Reiseveranstalter etc." sein müssen (Kappe, 109). Dennoch stellt sich bei Vorschlägen dieser Art die Frage, ob sie nur an Symptomen etwas verbessern ohne die strukturellen Defizite anzugehen.

Für Lehrer: Umfassende Fortbildung, um Symptome wie Selbstverletzung, Depressionen oder Schulabsentismus richtig zu deuten und angemessen zu reagieren. Schulungen könnten auch die Zusammenarbeit von Lehrkräften mit Psychologen und Sozialarbeitern fördern. Dennoch leiden viele Lehrer (und wiederum besonders an den Grund- und Hauptschulen) an der gesamten Schulsituation. Es ist daher nur auf den ersten Blick überraschend, wenn anders als früher der aktuelle Schulbarometer berichtet: "Schulleitungen sind sowohl mit ihrer Schule als auch ihrer Tätigkeit im Durchschnitt deutlich zufriedener als Lehrkräfte." (Schulbarometer 2025, 11). Vielleicht liegt das einfach daran, dass sie in geringerem Maß der Situation im Alltag im Klassenzimmer ausgesetzt sind.

Für Eltern: Für Eltern wird überraschend wenig vorgeschlagen, obwohl sie besonderem Druck ausgesetzt sind, ein großer Teil der Eltern von den digitalen Herausforderungen schlicht überfordert zu sein scheint und die Elternschaft – sowohl einzelne Eltern wie ihre Vertretungen – oft die größten Bremser von Reformen sind, sei es durch Gleichgültigkeit oder durch aktive Einsprüche. In der Diskussion wurde vom Reformstau gesprochen. In den meisten Fällen sind beide Eltern berufstätig, und viele alleinerziehenden Mütter sind in soziale Notlage geraten. Es gibt Vorschläge, Eltern Veranstaltungen, Kurse und Workshops anzubieten, eventuell auch Lern-Apps. Technikaffine Eltern und ältere Schülern könnten über Mentorengruppen und Elternnetzwerke anderen helfen. – Worüber nur selten offen gesprochen wird: Für mich zeigen zahlreiche persönliche Berichte, wie negativ sich die Spaltung der Elternschaft gemäß ihren eigenen Bildungsgraden auswirkt. Eine kleine Gruppe hoch-ausgebildeter Eltern vermag ihren Kindern hohe Medienkompetenz zu vermitteln und sieht sich in der Lage, über unterschiedliche soziale Kontakte direkt auf die Schulleitungen zugunsten ihrer Kinder einzuwirken. Das ist für die Lehrer zur vielleicht größten Belastung geworden, über die jedoch nur ungern und höchstens im kleinen Kreis gesprochen wird (Schulbarometer 2025, 65f). – Umgekehrt scheint bei den bildungsferneren Schichten das Vertrauen in die Schule weitgehend verloren gegangen zu sein. Oft sind sie einfach nur froh, wenn die Schulen ihnen für einige Zeit die Kinder abnehmen, haben aber keine Erwartungen mehr – wie in den Zeiten der Bildungsreform der 1930er in den USA und der 1960er in Deutschland –, dass die Schulen ihren Kindern ein besseres Leben ermöglichen wird. Dies alles könnte Thema einer Folgeveranstaltung sein.

Literatur

Markus Appel, Silvana Weber, Fabian Hutmacher: Generation Angst: Machen soziale Medien die Jugend psychisch krank?
in: Pressemitteilung der Universität Würzburg vom 12.6.2024; uni-wuerzburg.de

Hannah Arendt: Die Krise in der Erziehung
in: Hannah Arendt: Zwischen Vergangenheit und Zukunft, Übungen im politischen Denken 1, München 1994 [1969/70], 255-276

Anna Case und Angus Deaton: Deaths of Despair and the Future of Capitalism, Princeton und Oxford 2021

Nir Eyal: Wie Sie Produkte erschaffen, die süchtig machen, München 2014

B.J. Fogg: Persuasive Technology: Using Computers to Change What We Think and Do, San Francisco 2003

Jonathan Haidt: Generation Angst, Hamburg 2024

F. Harms: Umfrage: Durchschnittliche Bildschirmzeit am Smartphone pro Tag von Jugendlichen 2023, in: statista.com vom 2.12.2024

Herderschule, Gymnasium der Universitätsstadt Gießen: FAZ vom 17.3.2025 veröffentlicht Leserbriefe der 8d zum Handyverbot; Fileserver der Herderschule

Erik Hoel: What the heck happened in 2012?, in theintrinsicperspective vom 16.8.2023

Niklas Ihssen: How our bodies react when we use social media – and when we stop, in: theconservation vom 4.3.2025

Daniel Kardefelt-Winther u.a.: How can we conceptualize behavioural addiction without pathologizing common behaviours?
in: Society for the Study of Addiction 2017, 1-7

Primack, B. A., u.a.: Social Media Use and Perceived Social Isolation Among Young Adults in the U.S., in: American Journal of Preventive Medicine, 2017 Jul;53(1), 1-8

Robert Bosch Stiftung (Schulbarometer 2024): Deutsches Schulbarometer 2024, Befragung Schüler:innen, Stuttgart 2024; Link

Robert Bosch Stiftung (Schulbarometer 2025): Deutsches Schulbarometer 2025: Befragung Lehrkräfte. Ergebnisse zur aktuellen Lage an allgemein- und berufsbildenden Schulen, Stuttgart 2025; Link

Noah Smith: How social media divided and broke America, in: Asia Times vom 14.6.2025

Peter Turchin: End Times: Elites, Counter-Elites and the Path of Political Disintegration, New York 2023

Michael Wadsley, Niklas Ihssen: The psychophysiology of Instagram – Brief bouts of Instagram use elicit appetitive arousal and attentional immersion followed by aversive arousal when use is stopped, in: sciencedirect Volume 166, May 2025, 108597

Elisa Wegmann und Matthias Brand: Reizreaktivität und Craving bei Verhaltenssüchten mit Fokus auf Internetnutzungsstörungen in: Verhaltenstherapie 2018;28:238-246

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