Walter Tydecks

 

Parisi: Ansteckende Architektur

– Ein philosophischer Beitrag zum Verständnis der KI

Heydar Aliyev Center in Baku, Aserbaidschan, Auditorium
Urheber: By Khalilov _ Own work, CC BY-SA 4.0, commons.wikimedia

Beitrag für das Philosophische Colloquium der Akademie 55plus Darmstadt am 16. März 2026

Vorwort

Auf der Suche nach philosophischen Beiträgen, die Künstliche Intelligenz nicht nur von außen interpretieren, sondern umgekehrt fragen, welche Herausforderungen und Neuerungen sich für die Philosophie durch die Künstliche Intelligenz ergeben, bin ich auf Luciana Parisi gestoßen.

Die Philosophie muss sich dieser Entwicklung stellen. Viele eigentlich an Philosophie Interessierte beginnen erst gar nicht das Philosophie-Studium oder wenden sich nach wenigen Semestern enttäuscht wieder ab. Sie gehen stattdessen direkt in Forschungseinrichtungen für Künstliche Intelligenz und Kognitionswissenschaft, oder aber sie suchen für ihre Fragen außerhalb der Philosophie in den Kultur- und Medienwissenschaften Antworten. Innerhalb der Philosophie ist es seit den 1990ern zu einer Verengung gekommen. Wer nicht an der analytischen Philosophie teilnimmt, hat im akademischen Betrieb kaum eine Chance. An einer weltweiten Umfrage unter den geschätzt 7685 Philosophen, die an öffentlichen philosophischen Instituten angestellt sind, haben 1785 geantwortet. Von ihnen sehen sich 1430 in der analytischen und 113 in der kontinentalen Tradition (Bourget & Chalmers 2023, 5, 18).

Auch Parisi hat für ihr philosophisches Projekt nicht bei den Philosophen, sondern außerhalb der Philosophie in der Literaturwissenschaft eine Professur erhalten. Sie sieht die Algorithmen der Künstlichen Intelligenz nicht als den endgültigen Triumph der Analytischen Philosophie, sondern umgekehrt als einen Paradigmenwechsel: Der Mensch schreibt nicht einfach Algorithmen, sondern er begibt sich in Algorithmen. Der Mensch tritt nicht mehr von außen an die Gegenstände der Natur heran und gibt ihnen aus seiner Perspektive eine Form, sondern mit den Algorithmen kommt es zu einem gleichberechtigten Wechselgespräch von Natur, Technik und Mensch, wie es jeder beim Chatten erleben kann.

Um zu verstehen, was hier gegenüber dem üblichen Werkzeug-Gebrauch geschieht (für Heidegger das Zuhandene), ist überhaupt erst einmal die geeignete philosophische Frage zu finden. Parisi wagt diesen Versuch. Das Gespräch am 16.3.2026 hat gezeigt, wie radikal sie sich dabei von den derzeit vorherrschenden Vorstellungen entfernt und auf wie viel Widerstand ein solcher Versuch stoßen kann. Die folgenden Überlegungen sind der Versuch, ihren Ansatz verständlich zu machen und die Diskussion daran weiterzuführen.

I Thema

Für Parisi kann in der Philosophie mit der Einführung der Algorithmen die klassische Dualität von Natur und Geist durchbrochen werden. Algorithmen haben einen eigenen ontologischen Status jenseits von Natur und Geist. Sie sind nicht bloß Werkzeuge des Menschen, aber auch nicht einfach Naturphänomene. KI baut nicht nur auf den in kooperativen Lebensprozessen entstehenden Informationen auf, deren Muster sie erkennt und entsprechend zu antworten lernt, sondern sie kann ihrerseits als ein Lebensprozess verstanden werden, in dem sich wie in einem menschlichen Gehirn die Gewichte und Aktivierungen der neuronalen Netze fortlaufend anpassen.

Das zeigt sich grundlegend schon in der Doppelbedeutung, was unter einem Algorithmus zu verstehen ist: Es kann sowohl ein Kochrezept wie auch der Prozess des Kochens selbst sein. Ein Kochrezept liegt als Text vor, den ich in einem Kochbuch lesen kann. Beim Kochen führe ich einen bestimmten Algorithmus aus. Er umfasst jedoch über das schriftliche Rezept hinaus die unendliche Vielfalt von Umständen, die auf das Kochen Einfluss haben. Niemals wird zweimal der gleiche Kuchen gebacken. Bin ich aufmerksam, gibt es jedes mal kleine Überraschungen. Nicht anders ist es beim Schwimmen: Es ist immer der gleiche eingeübte Algorithmus, aber "Man kann nicht zweimal in denselben Fluß steigen" (Heraklit, Fr. 91) und so wird jedes Schwimmen anders sein. Noch deutlicher wird es bei der Bewegung von Proteinen: Sie werden heute mit Algorithmen beschrieben und vorausgesagt (Monod 1975, 70-79; AlphaFold), aber sie benutzen offensichtlich keinen vorab geschriebenen Code. Was also ist der Algorithmus? Die theoretische Anleitung, oder der Prozess selbst?

Die klassische Definition würde sagen: Ein Prozess gilt dann als Algorithmus, wenn er bestimmte Eigenschaften hat. Er setzt sich aus einer Folge deutlich abgrenzbarer und möglichst fest vorgegebener Arbeitsschritte zusammen, mit denen in endlicher Zeit und mit begrenzten Ressourcen eine genau definierte Aufgabe ausgeführt wird. Und es wird erwartet, dass ein Algorithmus unter gleichen Umständen stets dasselbe Ergebnis liefert.

Parisi will sich genau von diesem engen Verständnis lösen. Sie sucht einen Ausweg aus den festgefahrenen, polarisierten Haltungen und möglicherweise Vorurteilen, die sich zwischen Enthusiasmus bis hin zu Heilserwartungen (Transhumanismus) auf der einen Seite und und im anderen Extrem apokalyptischen Ängsten bewegen. Ebenso wenig will sie Algorithmen nur als Programmcode sehen, der ausschließlich unser Produkt ist und sich nie unserer Kontrolle entziehen, selbständig entwickeln oder möglicherweise sogar gegen uns stellen kann.

Indem Parisi Algorithmen als eigenständige, ontologische Entitäten begreift, werden sie für sie zu einem legitimen Objekt philosophischer Forschung. Die Frage verschiebt sich von "Sind Algorithmen gut oder böse?" zu "Was für eine Art von Welt, von Denken und Gemeinschaft wird durch die operativen Logiken der Algorithmen mit-erzeugt?" Für sie ist die Frage nach den Algorithmen eine Chance, aus den verkrusteten Traditionen der Philosophie auszubrechen.

Dass diese Frage keine bloß akademische Spielerei ist, zeigt ein Blick in die Medien, in denen buchstäblich auf allen Kanälen, Formaten und Diskussionsforen kein Thema so große Aufmerksamkeit findet wie KI. Es geht nicht nur um Fragen, wie für die KI-Rechenzentren ausreichend Energie und Kühlwasser bereitgestellt werden kann und ob alle traditionellen Berufe gefährdet sind, sondern kaum ein Bereich der Kultur kann sich mehr der Herausforderung durch Algorithmen entziehen, bis hinein in die Religion. Die katholische Kirche hat vor einiger Zeit unter dem Namen katholisch.ai einen eigenen Chatbot eingeführt, der ihr Angebot an traditionellen Medien wie Archive, Zeitungen, Radio und Fernsehen ergänzt. Hier werden der Glaube und die Stellungnahmen der Katholischen Kirche algorithmisch vermittelt, mit allen Ungewissheiten, die sich daraus ergeben: Was geschieht mit einem Gespräch, wenn es nicht mehr von Mensch zu Mensch, sondern von Mensch zu Maschine geführt wird? Kann eine Maschine trösten? Kann man ihr etwas beichten? Oder verändert sie das, was Glauben überhaupt heißt?

Werden die inzwischen nahezu unendlich vielen Chats ausgewertet, dann sind das die Fragen, um die es den Anwendern vor allem geht. Markus Gabriel hat am 12.3.2026 bei RTL+ in einem Gespräch mit Scobel Warum der Westen KI völlig falsch versteht eine ähnliche Beobachtung vorgetragen: Die Anbieter von Chatbots wie ChatGPT haben schnell erkannt, dass es den Anwendern weniger um Sachthemen wie bei Anfragen an Wikipedia, sondern um ihre ethischen Einstellungen geht. Chatbots erkennen, mit welchen ethischen Anliegen Fragen gestellt werden und versuchen entsprechend darauf zu antworten.

Auf der anderen Seite des politischen Spektrums baut Elon Musk unter dem Namen X seine eigenen digitalen Angebote auf. Er versteht sie als Alternative zu Wikipedia, Meta, Google und anderen Plattformen, die er dem linksliberalen Lager zurechnet. Auch hier geht es nicht mehr nur um Technik, sondern um die Frage: Wer gestaltet die algorithmischen Infrastrukturen, durch die wir die Welt wahrnehmen? Welche Weltbilder und welche Vorstellungen von Wahrheit und Gemeinschaft sind in sie eingeschrieben?

Die Gefahr ist groß, dass diese neue technologische Entwicklung für politische und weltanschauliche Zwecke oder ökonomische Eigeninteressen instrumentalisiert wird. Um so wichtiger ist es, ihre philosophische Brisanz zu erkennen. Parisi gibt dafür wichtige Anregungen: die Frage nach der ontologischen Dimension der Algorithmen. Es zu wenig zu fragen "Was können wir mit ihnen machen?", sondern "Was für eine Welt wird durch sie mit-erzeugt?" Erst wenn das geklärt wird, kann über Gut und Böse, Nutzen und Missbrauch geurteilt werden.

II Zur Biographie

Luciana Parisi (* 1971) hat 1997 über das Mount Holyoke College of Massachusetts, – einem sehr selektiven, privaten Frauen-Kolleg –, die Biologin Lynn Margulis (1938-2011) kennen gelernt (Endosymbiontentheorie, 1970 Gaia-Hypothese gemeinsam mit Lovelock) und mit ihr zusammengearbeitet. Sie studierte in den 1990ern an der University of Warwick (in der Nähe von Birmingham), beteiligt am Cybernetic Culture Research Unit (das Deleuze in UK bekannt machte), dort 1999 Dissertation im Bereich Philosophie sowie Women and Gender Studies. 2000-2005 Lecture und Senior Lecturer an der University of East London, 2005-2019 akademische Karriere an der Goldsmiths University of London. Dort Zusammenarbeit mit dem aus Hongkong stammenden Philosophen Yuk Hui, der nach den unterschiedlichen Wegen der Technikphilosophie im Westen und im Osten fragt (und den ich bei Gelegenheit als nächsten Philosophen vorstellen möchte, der auf KI philosophische Antworten gibt). Nach einer Gastprofessur 2017-18 in Berkeley ist sie seit 2020 Literaturprofessorin an der privaten Duke University in North Carolina, in den USA eine der anerkanntesten Stellen für poststrukturalistisches und kulturtheoretisches Denken, jedoch jetzt unter massivem Druck durch die Trump-Regierung. Aus ihren Danksagungen geht hervor, dass sie sich in Kreisen von Künstlern und Philosophen aus der Punk-Tradition, Frauenbewegung bis hin zu Grenzbereichen des Denkens wie Transhumanismus und Okkultismus bewegt und in der Tradition von Autoren des Poststrukturalismus und der Autonomen wie Foucault, Deleuze und Negri sieht. Leider hat sie deren sprachlichen Stil übernommen und ist nur sehr schwer zu lesen. 2004 hat sie das Buch Abstract Sex: Philosophy, Bio-Technology and the Mutations of Desire veröffentlicht und 2013 Contagious Architecture. Aktuelle Veröffentlichungen betreffen die möglichen Schattenseiten der KI-Technologie. Sie fragt nach den impliziten Ontologien, den unbewussten Vorurteilen und den neuen Formen der Kontrolle, die in den scheinbar objektiven Architekturen des maschinellen Lernens eingeschrieben sind. Mit Ezekiel Dixon-Román (lehrt derzeit an der Columbia University) hat sie den Ausdruck rekursiver Kolonialismus geprägt.

III Rückblick auf Abstract Sex

Um ihren Ansatz zu verstehen, ist auf ihr erstes Buch von 2004 zurückzukommen, das den provozierenden Titel Abstract Sex: Philosophy, Bio-Technology and the Mutations of Desire trägt. Damit ist weder die platonische Liebe gemeint, noch ein virtueller Cyber-Sex oder ein Sex frei von der Unterscheidung in die beiden Geschlechter Mann und Frau mit ihrer biologischen Bedeutung als männliche Spermien und weibliche Eizellen für die Erhaltung der Gattung, – obwohl dies alles mit abstract Sex mit gemeint ist –, sondern eine abstraktes Verständnis von Sex, mit dem Parisi Deleuze und Guattari (und insbesondere deren Theorie abstrakter Maschinen) folgend die biologische Unterscheidung in Mann und Frau erweitert in eine geradezu metaphysische Abgrenzung einer molekularen und einer molaren Ebene und Denkweise. Erst mit der philosophisch (ontologisch) bestimmten Fragestellung "Was ist abstrakter Sex" lassen sich für sie die ihr wichtigen Eigenarten männlicher und weiblicher Sexualität erkennen, die kaum mehr etwas damit zu tun hat, wie Ratgeber beschreiben, was Männer und Frauen beim Sex fühlen und wünschen. Ihr geht es um zwei grundsätzlich verschiedene Arten der Sexualität, die zwar an einem jeweils eigenen Verständnis der Fortpflanzung orientiert bleiben, aber weit darüber hinausgehen und unsere Art prägen, wie wir denken und Wissenschaft und Philosophie betreiben.

Die Biologie kennt neben der binären sexuellen Fortpflanzung von Mann und Frau die asexuelle Fortpflanzung (z.B. über Teilung und Knospenbildung), die generative Vermehrung (z.B. über Samen bei Pflanzen) und die vegetative Vermehrung (z.B. bei Pflanzen über Ableger). Alle biologischen Fortpflanzungsarten sind für Parisi gleichberechtigt. Hier folgt sie Gregory Bateson, der seit den 1960ern die hierarchische Vorstellung einer Höherentwicklung von den Einzellern bis zum Menschen als Krone der Schöpfung aufgegeben hat (Bateson 1972). Für Parisi bleibt der männlich bestimmte Sex an die Heterosexualität gebunden, während der weibliche mikro-feminine Sex alle Arten der Fortpflanzung umfasst und zu einer anderen Art des Denkens und Handelns führt, deren Paradigma die Gaia-Hypothese von Margulis und Lovelock ist. So hatte bereits Bachofen in seinen Arbeiten zum Mutterrecht die Sexualität des Matriarchats mit dem wilden Wuchern und der "Sumpfzeugung" des Schilfgrases beschrieben (Bachofen 1975, xxvi, 39).

Was sind ein Mol und das molare Denken? Mol kommt vom lateinischen moles (Mühe, Last, Masse, Schwere, Wucht, Größe) und wurde 1893 von dem Chemiker Ostwald als Fachbegriff für eine Stoffmenge eingeführt, die dem Molekulargewicht in Gramm entspricht. In der Chemie und den Naturwissenschaften wird immer dann von einem Mol gesprochen, wenn die Bewegung der einzelnen winzigen Atome oder Moleküle unvorhersehbar ist, aber im Ganzen feste Gesetze gelten. Nicht einmal die genaue Anzahl der Moleküle eines Mols kann gezählt werden. Wird z.B. gesagt, dass zwei Mol Wasserstoff und ein Mol Sauerstoff ein Mol Wasser ergeben, dann genügt es entsprechend den Atomgewichten in einer Rezeptur zu sagen, nimm 4 Gramm Wasserstoff H₂ und 32 Gramm Sauerstoff O₂ und lasse sie reagieren, bis gemäß der Formel ›2 H₂ plus 1 O₂ ergibt 2 H₂O‹ daraus 36 Gramm Wasser wird, auch wenn offen bleibt, wie viele Moleküle beteiligt sind und wie die einzelnen Moleküle reagieren. Im Einzelnen bleibt die Reaktion unberechenbar und einzelne Moleküle können anders reagieren als erwartet, aber diese Abweichungen sind gegenüber der Reaktion im Ganzen vernachlässigbar. So denken auch die Quantenmechanik und alle mit statistischen Methoden arbeitenden Wissenschaften von der Volkswirtschaftslehre bis zu auf Umfragen beruhenden Marktanalysen. – Nur Leibniz hat das Molekulare aufgewertet, wenn seine Differentiale als das Molekulare verstanden werden (im Sinne von Deleuze minor mathematics, oder einer nomadischen Mathematik, wobei die Aktivität ausdrücklich nicht nur auf Seite des zählenden Menschen liegt, sondern auch auch bei der "autonomen arithmetischen Organisierung" der "zählenden[n] Zahl; Deleuze & Guattari 1992, 537).

Auf der molekularen Ebene wird dagegen beschrieben, wie und warum sich einzelne Moleküle verhalten. Welche Freiheiten haben sie, und können sie möglicherweise in nicht-linearen Prozessen zu völlig anderen Ergebnissen führen? Das molare Denken ist vertikal. Jedes Element ist nichts als ein von den anderen ununterscheidbares Element. Jedes ist ausschließlich dadurch bestimmt, wie es vertikal nach oben auf die Gesamtmenge verweist, der es angehört. Das molekulare Denken hält dagegen für möglich, dass es zwischen den einzelnen Molekülen zu einer Art Ansteckung kommt, die sich horizontal fortpflanzt und die vertikale Aggregation in Gesamtheiten unterläuft. – Genau das haben die Hacker versucht, die seit den 1980ern klassische IT-System zu unterwandern begonnen haben, indem sie von ihren vernetzten Heimcomputern aus in große Systeme eingedrungen sind und diese "umfunktioniert" haben. In der Quantenmechanik ist es selbstverständlich geworden, wenn von Tunneleffekten gesprochen wird, mit denen molekulare Prozesse Tunnel überwinden können, was aus Perspektive der klassischen Physik für unmöglich galt.

Für Parisi ist die männliche Sexualität an die bisexuelle Reproduktion gebunden. Eine Generation folgt der nächsten (Filiation). Väter haben sowohl gegenüber ihren Frauen wie ihren Kindern das Sagen. Das prägt das Denken und zeigt sich in all den Systemen, die auf asymmetrischen Zweiteilungen beruhen. Das Verhältnis von Frau und Mann wird oft als Verhältnis von Stoff (Materie, das Mütterliche) und Form (der den Stoff in Form bringende männliche Geist) verglichen, wobei in der westlichen Tradition die mit dem Männlichen verbundene Form und deren Energie als das Produktive, Kreative und letztlich Göttliche gelten, dem das Weibliche (Erde oder Gaia) als zu ordnender Stoff untergeordnet ist. Das Materielle wurde als die unterste Stufe einer hierarchischen Schöpfungsgeschichte gesehen, die von der bloßen Materie über die Pflanzen und Tiere schließlich zum Menschen und dessen Geist führt, dessen wesentliche Eigenschaften als männlich gesehen wurden, dem sich die Frauen bestenfalls assimilieren können. Dieses Verständnis ist seit den Erkenntnissen der Biologie im frühen 20. Jahrhundert erschüttert und wurde von Bateson ausdrücklich in Frage gestellt. Die scheinbar dem Geist am fernsten stehenden untersten Stufen wie die Viren erweisen sich als nicht weniger intelligent im Vergleich zu den höheren Lebewesen und sind ihnen wahrscheinlich im Fall von Katastrophen wie einem Meteoreinschlag oder auch nuklearer Kriege überlegen und haben größere Überlebenschancen.

Während der männliche Sex vertikal verläuft – Informationen werden in vertikalen Stammbäumen streng von Eltern an Kinder weitergegeben, das Individuum bleibt eine geschlossene Einheit; Vermischung findet nur in einem kontrollierten Rahmen statt; Ziel der Reproduktion ist der Erhalt der Art und der stabilen Identität – stellt sie dem den weiblichen bakteriellen Sex gegenüber, den sie als mikro-feminin begreift, der sich viral durch Ansteckung und Ozeanität verbreitet: Das ist für Parisi eine flüssige, grenzenlose Form der Existenz (oft assoziiert mit dem "ozeanischen Gefühl" oder dem Ur-Meer, aus dem alles Leben stammt), in der sich Identitäten auflösen. Die weibliche Sexualität geschieht durch einen horizontalen Gentransfer: Bakterien tauschen Informationen quer durch alle Arten aus, wie eine Ansteckung. Es gibt kein "Vorher" und "Nachher" in einer Ahnenreihe, sondern ein ständiges, netzwerkartiges Werden. Das hatte sie bei Margulis gelernt. Endosymbionten sind Lebewesen, die innerhalb (endo) anderer Lebewesen leben und dort in einer für beide Seiten vorteilhaften Beziehung (Symbiose) existieren. Margulis konnte zeigen, dass die Symbiose so eng wurde, dass die Endosymbionten ihre Eigenständigkeit verloren und zu Zellorganellen wurden, also zu festen Bestandteilen der Zelle.

Parisi lässt sich jedoch nicht auf den üblichen feministischen Diskurs ein, der das Weibliche dem Männlichen gegenüberstellt, sondern sie sieht eine überraschende Verbindung des Weiblichen mit dem Technischen: Daten und Algorithmen vermehren sich wie Viren oder Bakterien. Sie brauchen keinen "Sex", sie infizieren andere Systeme und mutieren. So wie bisher das Männliche als Paradigma des Menschen gesehen wurde, kehrt sie das um und versteht das Weibliche als Paradigma einer dritten Stufe, die über die Polarität von Mann und Frau hinausgeht.

Wird das Weibliche mit dem heute möglichen Technischen verbunden, dann erscheint aus dieser Perspektive der traditionelle Humanismus in Wahrheit als ein rein männliches Denken, das Mann und Mensch gleichgesetzt hat. Von diesem Humanismus möchte sich Parisi lösen und wendet sich einem posthumanistischen Denken zu, das die Grenze zwischen Mensch und Nicht-Mensch grundsätzlich infrage stellt, nicht um den Menschen in eine unsterbliche Super-Maschine (longevity) zu verbessern, wie es der Transhumanismus von Ray Kurzweil, Nick Bostrom u.a. wünscht, sondern um ihn als alleiniges Maß der Dinge zu verabschieden. Mit Deleuze und Guattari gab es jedoch für sie Männer, die bereits an der Grenze standen und deren philosophische Arbeit sie fortführen kann. Deleuze und Guattari sprachen von abstrakten Maschinen und meinten damit eine eigenständige ontologische Ebene, die Parisi mit den Algorithmen näher bestimmen und sich hier auf die aktuellen Entwicklungen der Informatik stützen will. Damit unterscheidet sie sich von Donna Haraway, deren Cyborg-Manifest von 1985 zwar ebenfalls die Grenzen zwischen Natur, Mensch und Technik infrage stellte, mit ihrer Kritik an der scheinbaren Natürlichkeit von Geschlechterverhältnissen aber noch im Rahmen der Unterscheidung von Natur und Kultur blieb. Parisi sucht dagegen eine Ebene, die dieser Unterscheidung vorausgeht: die molekulare Logik der abstrakten Maschine, die sich in bakterieller Vermehrung, viralem Gentransfer und eben auch in Algorithmen zeigt. – Jedoch war für sie im Weiteren die Vorstellung einer abstrakten Maschine zu eng gefasst. Das führt zum Thema ihres zweiten Buchs: Ansteckende Architekturen.

IV Ansteckende Architektur

Mit diesem Buch möchte Parisi aus der Fixierung auf männlich versus weiblich wieder herausfinden. Wenn das Weibliche als Synthese des Männlichen und des Weiblichen gedacht wird, ist das ebenso kurzschlüssig und formal ein Kategorienfehler, wie es zuvor das Männliche war, das sich als das Humane schlechthin und damit das Weibliche mitumgreifend gedacht hatte. Sie sucht nach einer Ebene, die der Unterscheidung in weiblich und männlich vorausgeht und findet sie in der Prozessphilosophie von Alfred North Whitehead (1861-1947) und dessen spätem Werk Process and Reality (1929), aus dem sie den Begriff und die Vorstellung der prehension übernimmt. Aus der horizontalen Bewegung wird die prehension. Es gibt keine klare, eindeutige Übersetzung ins Deutsche. prehension stammt vom lateinischen prehendo (fassen, anfassen, angreifen, ergreifen) und wurde in der Anatomie und Biomechanik ein Fachbegriff in der Bedeutung "das Greifen, Fassen oder Festhalten von Objekten mit der Hand (oder anderen Gliedmaßen)". Die philosophische Bedeutung bei Whitehead geht viel weiter. Es kann sowohl bedeuten, wie etwas mit einer Handbewegung ergriffen wird, wie auch, einen Sachverhalt zu begreifen, d.h. ihn zu verstehen. Anfassen und Erfassen sind zwei Momente eines Vorgangs. Ich kann nur begreifen, was ich zumindest in der Vorstellung in die Hand nehmen und abwägen kann, und jedes Abwägen setzt voraus, dass ich bereits ein Maß habe, nach dem etwas gewogen wird. In diesem Wechselspiel wiederholt sich das Verhältnis von horizontaler und vertikaler Bewegung, jedoch unlösbar miteinander verbunden: In einer horizontalen Bewegung taste ich die mich umgebenden Dinge ab und gewinne hierbei ein Verständnis, um was es sich handelt. Wer in einen unbekannten Raum gerät und anfangs nicht weiß, ob alles um in herum eine Art Schaum, eine Flüssigkeit, ein Spiegelkabinett oder ein verwirrendes Farbspiel ist, wird horizontal darin herumrudern bis er fühlt, was eigentlich los ist.

So wie mit Bateson die vertikale Hierarchie von den Einzellern zum vernunftbegabten Menschen aufgegeben wurde, wird die traditionelle philosophische Hierarchie von einfachen psychischen Tätigkeiten wie Empfinden und Wahrnehmen zu Begreifen und Denken aufgegeben. Sie können nur in ihrer gleichberechtigten Kooperation Erfolg haben. Obwohl Chomsky gegenüber Bateson von einer entgegengesetzen Auffassung der Rationalität ausging und seine Ergebnisse umstritten sind, kam er letztlich auf eine vergleichbare Annahme: Kinder können nur sprechen lernen, weil sie über eine angeborene Universal-Grammatik verfügen. Grammatik und Lernerfahrung müssen von Beginn an kooperieren.

So versetzt sie sich gleichsam in die Situation von Algorithmen. Diese haben keine Lebenserfahrung und keinen Leib, wie wir es vom Menschen kennen. Sie sind bloße Technik, aber an dieser Technik lässt sich unabhängig vom Menschen und anthropomorpher Vorurteile die Eigenlogik der prehension erkennen. Sie werden mit einer Menge von Informationen gefüttert (trainiert) und müssen aus sich heraus mit ihnen etwas anfangen. Wir kennen nur die Technik, wie neuronale Netze aufgebaut sind. Sie verstärken erfolgreiche Verbindungen, schwächen weniger erfolgreiche Verbindungen, können zunächst nur raten, bis sie einen Punkt erreichen, vernünftige Antworten zu geben, womit Antworten gemeint sind, die dem Menschen verständlich sind und von ihm geprüft werden können.

Parisi vermutet, dass sich hier in der Technik der neuronalen Netze eine Fähigkeit zeigt, die unser traditionelles Denken erschüttert. Geht es möglicherweise den Viren und weiter gedacht sogar den Steinen ähnlich, wenn sie auf Widerstände stoßen, von außen bewegt werden und in dem allem ihren Bewegungsverlauf finden?

IV.1. prehension

Dieser Paradigmen-Wechsel hat sich mit der Entdeckung der einfachsten Strukturen des Lebens vollzogen. Das klassische Beispiel sind die Proteine. Sie sind seit ungefähr 1789 bekannt und wurden damals Albuminide (Albumine) genannt, von Albumin für Eiweiß, und werden seit 1838 als Proteine bezeichnet. Ihre Struktur ist aber erst 1949-53 entschlüsselt worden. Seither werden sie wie abstrakte Maschinen gesehen. Sie können sich in ihrer jeweiligen Umgebung bewegen und optimal anpassen. Bei näherem Hinsehen erfüllen die verschiedenen Proteine jeweils bestimmte Aufgaben, die aufeinander angewiesen und nur in einer Kooperation möglich sind. Proteine gelten als Übersetzung der DNA-Sprache: Die DNA ist der geschriebene Text, das Protein ist die ausgeführte Bedeutung. Aber es gibt niemanden, der den Proteinen sagt, was und wie sie sich bewegen sollen. Offenbar hat sich in der Entwicklung der Proteine bewährt, dass bestimmte Bausteine modularisiert sind, Sequenzen bilden und sich wiederholen. Im Grunde bleibt jedoch offen, ob es nur eine von Menschen herangetragene Metapher ist, hier von Sprache zu sprechen. Wir nutzen die Sprache der Mathematik und Informatik, um Proteine zu verstehen, aber vielleicht ist es eher umgekehrt: die Natur hat die Prinzipien der Informatik (Modularität, Redundanz, Logikgatter) erfunden, lange bevor es uns gab.

Whitehead verließ das hierarchische, vertikale Denken. Für ihn sind die Elemente auf allen hierarchischen Stufen gleichwertig. Sie sind nicht dadurch bestimmt, wie viel etwas oder jemand unter sich hat oder wem er zugehört und an wen er berichtet, was er von oben überschaut oder woran er sich nach oben orientiert, sondern durch ihre Fähigkeit, mit ihrer Umgebung in alle Richtungen Kontakt aufzunehmen. Im deutschen Sprachgebrauch ist jedoch kein Wort wie Prähension oder prähendieren üblich.

Für prehensions gibt es keine vorbereiteten Strategien oder Pläne, sondern es geht um Ereignisse und Gelegenheiten (Whitehead spricht von occasions), die Umgebung zu erfassen. Daher kann auch nicht vorausgesagt werden, welche Ergebnisse Algorithmen liefern werden. Sie verhalten sich selbsttätig und reagieren spontan auf das, worauf sie stoßen.

"Einerseits sind Algorithmen Muster physikalischer Variablen, die sich aus der Luftzirkulation, Gravitationskräften, der Gewichtsverteilung, dem Volumen, der geologischen Beschaffenheit des Bodens usw. ergeben; andererseits sind sie konzeptuelle Erfassungen (conceptual prehensions): Operatoren von Potenzialitäten, nicht bloß Wahrscheinlichkeitsrechner." (Parisi 2013, 107, eigene Übersetzung)

Machen prehensions immer so weiter, wenn sie unendlich fortlaufend auf immer neue Nachbarn stoßen und diese erfassen und ergreifen, so wie immer weiter gezählt werden kann? Als Beispiel nennt sie formale Automaten von Conway, die durch Regeln bestimmt sind, wie die Zellen ihre Nachbarn verändern (Parisi 2013, 108). Oder zeigt sich in ihnen eine höhere Unendlichkeit, d.h. eine übergreifende Gemeinschaft? Sie vergleicht das mit den Super-Omegas von Gregory Chaitin (* 1947) (Parisi 2013, 111). Diese sind ähnlich konstruiert wie die über-abzählbaren Zahlen von Cantor, beziehen sich aber auf die Ebene des Meta-Wissens: Wenn Ω ein Buch ist, das alle Antworten auf noch so komplexe und bisher ungelöste mathematische Fragen enthält, dann ist Ω' ein Buch, das alle Antworten auf Fragen über das Buch Ω enthält. Das Buch Ω beantwortet Fragen wie: Gibt es eine gerade Zahl, die nicht die Summe zweier Primzahlen ist? Das Buch Ω' beantwortet Fragen nach den Lösungswegen, mit denen Buch Ω arbeitet. Diese Idee geht wiederum auf den französischen Mathematiker Galois zurück. Er hat in einfachen Worten gesprochen gesagt, dass das Scheitern einer Lösung (die Unlösbarkeit) selbst ein mathematisches Objekt mit einer wunderschönen Struktur ist.

Um Grenzfragen dieser Art erfassen zu können, sind eine spekulative Ästhetik und mit ihr ein spekulatives Denken erforderlich. Mit Ästhetik ist gemeint, nicht nur die empirisch gegebenen Muster zu sehen, sondern zu erkennen, welches Anliegen und welche Erkenntnis über die Umgebung sich darin äußert. Für mich ist das klassische Beispiel: Woran erkenne ich, dass ein scheinbar wirres Gekritzel eine verwitterte Schrift und nicht ein verwitterter Stein ist? Und wie schließe ich aus dieser Erkenntnis, dass es etwas wie Verwitterung gibt, mit der benachbarte Elemente aus sich heraus eine Struktur bilden?

Im Grunde wiederholen diese Beispiele der Proteine, der formalen Automaten und Verwitterungsspuren stets das gleiche Thema, um das es Parisi geht: Horizontal und vertikal nicht voneinander zu trennen, sondern als Einheit zu sehen.

IV.2 Soft Thought

Das setzt ein Umdenken voraus. Wir suchen heute nach harten Fakten, an denen wir uns orientieren können. Das können Gegenstände der Natur sein, die wie Orientierungspunkte im Raum stehen, aber auch von Menschen geschaffene Fakten wie z.B. ein Programmiercode oder auf lange Lebensdauer berechnete Gebäude. Sie sind in der Datenflut die Stützpfeiler und Anker, an denen sich alles andere befestigen kann. Für Parisi geht dagegen das weiche Denken (Soft Thought) davon aus, das Unerwartete und Unberechenbare zu akzeptieren. Es passt sich fließend seiner Umgebung an.

Wiederum sind die neuronalen Netze das beste Beispiel: Gewichte und Aktivierungen entziehen sich dem menschlichen Verständnis. Sie verlaufen in einem imaginären Raum (wörtlich: einem Raum der Vorstellungen), aber sie kehren aus uns unbekannten Gründen zurück, geben lesbare und verständliche Antworten und können unsere Vorstellungen (Imaginationen) anregen. Aus mathematischer Sicht besteht die Hoffnung, am Weg der Algorithmen und ihrer Veränderungen deren Bewegungsgesetze zu verstehen, entsprechend der Algebra der imaginären Zahlen und ihren Vertauschungsregeln für reelle und imaginäre Achsen. Die Algorithmen beginnen mit realen Fragen, verarbeiten sie in einem imaginären Bereich und kehren nach einer Eigendrehung mit real überprüfbaren Ergebnissen zurück.

Softes Denken erfolgt auf verschlungenen Wegen. Wege liegen nebeneinander und können sich durch Resonanzen beeinflussen. Algorithmen entwickeln sich entlang der Wege. Um das beschreiben zu können, gibt es Operatoren, die den Abstand und die Turbulenz der Algorithmen entlang ihrer Entwicklungswege beschreiben. Vergleiche Liouville- und Turbulenz-Operator.

Mit Operatoren werden Algorithmen transformiert. Das führt zu Entwicklungspfaden der Algorithmen in epigenetischen Landschaften. Dies näher auszuführen führt in ein eigenes Thema (siehe Monod und Waddington). Ich habe die Hoffnung, dass sich die Lern-Pfade der sich in Chats verändernden Gewichte und Aktivierungen neuronaler Netze als Trajektorien (Bewegungsverläufe, Verlaufsformen von Prozessen) durch ein Bündel semantischer Netze verstehen lassen, die mathematisch nach dem Vorbild von Faserbündeln der Quantenfeldtheorien gebildet und in die Linguistik übertragen sind. Wenn das gelingt, wird die Ebene der bloßen Wahrscheinlichkeiten verlassen, mit denen Chatbots ihren Antworten berechnen, und die Topologie des Denkens erreicht. Mit ihr könnte sich mathematisch das Co-Denken von Natur, Mensch und Maschine darstellen lassen, um das es Parisi geht.

"Soft thought" ist kein deterministischer Prozess. Er arbeitet mit Datenströmen, die unvollständig oder verrauscht sein können. Ein Algorithmus "denkt" weich, indem er Muster in der Unordnung sucht, ohne den Anspruch zu haben, eine endgültige, ewige Wahrheit zu finden. Es ist ein Denken im Modus des Vielleicht. Für Parisi ist der "weiche Gedanke" die Fähigkeit eines Systems, das Unberechenbare (the incomputable) nicht als Fehler auszuschließen, sondern als Material aufzunehmen.

IV.3 Architektur und Ästhetik

Mit Architektur sind nicht feste Bauwerke gemeint, sondern die innere, operative Struktur von Algorithmen, besonders neuronaler Netze, also die Art und Weise, wie sie Informationen verarbeiten und Muster erzeugen. Es ist eine abstrakte Architektur, so wie Kant in der Methodenlehre der Kritik der reinen Vernunft von der Architektonik sprach. Und doch ist es zugleich auch eine konkrete Architektur: Jedes architektonische Bauen hat das Anliegen, etwas wohnlich zu machen.

Parisi unterscheidet eine traditionelle Raster-Achitektur (gridlike architecture) und eine sich in fließenden, floralen Formen bewegende blob architecture (von 'blob': ein englischer Begriff für einen Klecks, Tropfen oder eine amorphe, formlose Masse). Diese ist ein Architekturstil, der durch organische, amöbenartige und fließende Formen geprägt ist.

Architektur soll so gestaltet sein, dass sie die prehensions in ihrer zweifachen Bedeutung als Anfassen und Erfassen unterstützt. Das zu verstehen erfordert ein spekulatives Denken, das in der Lage ist, mehrere Seiten zugleich zu erfassen, die gewöhnlich in sequentiellen und hierarchischen Schritten voneinander getrennt und geordnet sind.

Spekulatives Denken kann nicht wie ein gewöhnlicher Unterrichtsstoff gelernt werden, sondern es ist ästhetisch zu sehen: An einer Sache fallen gleichermaßen die schönen Muster auf wie auch ihr "Witz" oder ihr "Dreh", der kognitiv erfasst wird. Der Witz einer Sache ist nicht im traditionellen Sinn ihr Wesen, sondern welcher Gedanke sich in ihr zeigt. Die Schönheit eines solchen Gedankens zu erfassen ist das, was mit Parisi als Ästhetik verstanden werden kann.

Die von ihr gewählten Beispiele beschreiben in erster Linie Situationen, in denen es anfangs schwer fällt, sich zu orientieren, und bei denen Unvorhergesehenes geschieht. Beispiele sind die bewusst unübersichtlich gestalteten Arbeiten des französischen Architekturbüros R&Sie(n) (ausgesprochen wie das französische Wort hérésie für 'Häresie'; siehe Google Bilder). Sie liegen bewusst jenseits der gängigen Vorstellung von Algorithmen als bloßen Rechenwerkzeugen. Das sind Algorithmen, die eine eigene, generative und oft unberechenbare Logik entfalten und eine neue Art von Raum und Wirklichkeit konstituieren. So erzeugen die in der Natur auftretenden Seltsamen Attraktoren unerwartete Muster. Und so können in neuartigen Architekturen ganze Gebäudekomplexe dank eingebauter Sensoren und Regelelemente auf die Konsumprozesse und Umwelteinflüsse reagieren und eine Gestalt annehmen, die sich von den ursprünglichen Entwürfen entfernt. Viel diskutiert werden die Bee'ah Headquarters in den Vereinigten Arabischen Emiraten (fertiggestellt 2022) und das Edge-Gebäude in Amsterdam (mit 28.000 Sensoren). Licht, Temperatur, Energie, Wasser und Abwasser werden kybernetisch geregelt und sollen ein besonders innovatives Ambiente erzeugen. Ich habe das kürzlich beim Besuch des EUMETSAT-Gebäudes in Darmstadt erlebt und auch das Ökohaus Frankfurt Arche (noch zu KBW-Zeiten gebaut) ist ähnlich eingerichtet. Weitere Beispiele sind die Alnatura-Zentrale in Darmstadt und das PRISMA-Gebäude in Nürnberg. Erfahrungen, ob und wie sich diese Gebäude selbsttätig von den ursprünglichen Entwürfen entfernen, liegen noch nicht vor, aber es gibt eine eigene Forschungsrichtung: Post-Occupancy Evaluation (POE) Studien (in der deutschen, bürokratisch klingenden Sprache: Nachnutzungsbewertung), wobei dieser Ausdruck zu kurz greift: Es geht nicht nur um die nachträgliche Bewertung der Gebäude, sondern um deren eigenständige Fortentwicklung. Sie untersuchen bisher vor allem das Nutzerverhalten der Bewohner, Fehler bei den Algorithmen, aber noch nicht, ob und wie sich die Gebäude von sich aus verändern.

Nicht anders ist es bei den Chatbots. Wer einige Zeit mit ihnen kommuniziert, kann erleben, wie schnell sich die Algorithmen ändern. Es sind nicht mehr wie in der traditionellen IT wie ein Text codierte, statische Algorithmen, die alle paar Jahre in aufwändigen Release-Wechseln auf neue Versionen portiert werden müssen, sondern abstrakte Maschinen, die aus den Anfragen und Rückmeldungen der Konsumtionsprozesse lernen und sich fortlaufend selbst ändern. Es gibt zwar noch einen klassischen Programmier-Code, mit dem die Chatbots betrieben werden, aber sie können im Innern ein neuronales Netz gestalten, das nicht mehr wie ein Code vorliegt und daher nicht mehr wie ein schriftlicher Text gelesen und interpretiert werden kann, sondern auf einem für die menschliche Intelligenz fremden "Weight & Activation Space" (Wissensraum und Prozessraum) beruht. Mit KI zu chatten ist nicht wie ein Gespräch mit einem Menschen, sondern mit einer uns fremden "Lebensform" (Wittgenstein). Es greift zu kurz, KI auf einen stochastischen Papagei zu reduzieren oder umgekehrt wie einen verständnisvollen Menschen zu sehen (Anthropomorphismus).

Literaturhinweise

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