Walter Tydecks

 

Kant zum Prinzip der Affinität

– Fußnote / Zusatz zum Beitrag Sphäre des Begriffs und Logik der Sphäre

Kant hat seine Position zum Affinitäts-Prinzip radikal geändert, wie an den beiden Auflagen der Kritik der reinen Vernunft zu erkennen ist. Aus einer verwandtschaftlichen Vorprägung des Mannigfaltigen,  bevor  es vom Verstand aufgenommen wird, ist eine nachbarliche Beziehung  innerhalb  der vom Verstand gebildeten Sphäre des Begriffs geworden. Aus meiner Sicht lassen sich für seine Meinungsänderung zwei Gründe erkennen:

(1) Kant will sich in der zweiten Auflage stärker von Hume unterscheiden. In der ersten Auflage sprach er noch von der »Assoziation des Mannigfaltigen«, mit der das »Gewühle von Erscheinungen« (KrV, A 111) vermieden wird. Der Verstand kann zwischen Erscheinungen nur dann einen Zusammenhang finden, wenn die Erscheinungen bereits von sich aus assoziiert sind und nicht in bloßes »Gewühle« versinken. Das setzt wiederum voraus, dass es in den Erscheinungen etwas gibt, das dies ermöglicht.

»Der Grund der Möglichkeit der Assoziation des Mannigfaltigen, sofern es im Objekte liegt, heißt die  Affinität  des Mannigfaltigen.« (KrV, A 113)

Hier wird die Affinität nicht innerhalb der Sphäre des Begriffs begründet, sondern liegt bereits beim Mannigfaltigen, für das die treffenden Begriffe gesucht werden. Bereits dort muss es eine Affinität geben, wenn es unter verschiedenen Begriffen eine Verwandtschaft geben soll. (In diesem Sinne spricht auch Hegel konsequent von der chemischen Sphäre, deren Wahlverwandtschaften der von Kant gemeinten Affinität entsprechen.) Der Verstand kann Zusammenhänge nicht von sich aus erzeugen, sondern es muss in der Mannigfaltigkeit Zusammenhänge geben, worauf sich der Verstand beziehen kann.

Diese Position wird jedoch in der zweiten Auflage völlig fallen gelassen. Dort ändert sich sowohl der Bedeutungsinhalt von Affinität wie von Assoziation. Affinität bedeutet nicht mehr die Verwandtschaft innerhalb der Mannigfaltigkeit, die der Sphäre des Begriffs vorausgeht, sondern wird synonym mit Kontinuität, dem fließenden Übergang der Begriffe innerhalb der Sphäre des Begriffs.

Und Assoziation wird nicht mehr wie in der ersten Auflage positiv gebraucht und als eine Leistung des Verstandes gewürdigt, der auf die Affinität aufbaut, sondern nur noch kritisch verstanden insbesondere gegenüber David Hume.

Kant sieht Hume in eine hilflose Position geraten, wenn dieser sich die innere Einheit der Verstandesbegriffe daraus erklärt, dass der Verstand mit ihnen nur nachvollzieht, was bereits in der Erfahrung regelmäßig miteinander assoziiert war:

»David Hume [...] leitete sie [die Begriffe], durch Not gedrungen, von der Erfahrung ab (nämlich von einer durch öftere Assoziation in der Erfahrung entsprungenen subjektiven Notwendigkeit, welche zuletzt fälschlich für objektiv gehalten wird, d.i. der  Gewohnheit)« (KrV, B 127).

Im weiteren Verlauf der Deduktion wiederholt Kant, dass der Verstand sich zu unterscheiden habe von der bloß empirischen Assoziation: »Daher die empirische Einheit des Bewußtseins, durch Assoziation der Vorstellungen, selbst eine Erscheinung betrifft, und ganz zufällig ist.« (KrV, B 139).

»Nach den letzteren (den Gesetzen der Assoziation, t.) würde ich nur sagen können: Wenn ich einen Körper trage, so fühle ich einen Druck der Schwere; aber nicht: er, der Körper,  ist  schwer; welches so viel sagen will, als, diese beide Vorstellungen sind im Objekt, d.i. ohne Unterschied des Zustandes des Subjekts, verbunden, und nicht bloß in der Wahrnehmung (so oft sie auch wiederholt sein mag) beisammen.« (KrV, B 142)

Und nochmals spricht Kant in § 24 von »lediglich empirischen Gesetzen, nämlich denen der Assoziation« (KrV, B 152).

In der Methodenlehre kommt er auf die Kritik an Hume zurück und stellt Assoziation und Affinität deutlich einander gegenüber. Da dieser Teil bereits in der ersten Auflage enthalten war, ist Kant offenbar aufgefallen, daß er selbst sich anfangs noch nicht völlig von der Position Humes getrennt hatte. Das kann die Änderungen in der zweiten Auflage erklären.

»... machte er aber aus einem Prinzip der Affinität, welches im Verstande seinen Sitz hat, und notwendige Verknüpfung aussagt, eine Regel der Assoziation, die bloß in der nachbildenden Einbildungskraft angetroffen wird, und nur zufällige, gar nicht objektive Verbindungen darstellen kann« (KrV, B 794).

Siehe schließlich die »Disziplin der reinen Vernunft in Ansehung ihrer Beweise«, wenn Kant vor dem »Hang der verborgenen Assoziation« warnt (KrV, B 811).

(2) Kant warnt im Kapitel über den regulativen Gebrauch der Ideen der reinen Vernunft vor einem Verständnis der Verwandtschaft, das sich zu stark vom oberflächlichen Schein der sinnlichen Erfahrung leiten lässt.

»Wenn wir die jetzt angeführten Prinzipien ihrer Ordnung nach versetzen, um sie dem Erfahrungsgebrauch gemäß zu stellen, so würden die Prinzipien der systematischen Einheit etwa so stehen: Mannigfaltigkeit, Verwandtschaft und Einheit, jede derselben aber als Ideen im höchsten Grade ihrer Vollständigkeit genommen. Die Vernunft setzt die Verstandeserkenntnisse voraus, die zunächst auf Erfahrung angewandt werden, und sucht ihre Einheit nach Ideen, die viel weiter geht, als Erfahrung reichen kann. Die Verwandtschaft des Mannigfaltigen, unbeschadet seiner Verschiedenheit, unter einem Prinzip der Einheit, betrifft nicht bloß die Dinge, sondern weit mehr noch die bloßen Eigenschaften und Kräfte der Dinge. Daher, wenn uns z.B. durch eine (noch nicht völlig berichtigte) Erfahrung der Lauf der Planeten als kreisförmig gegeben ist, und wir finden Verschiedenheiten, so vermuten wir sie in demjenigen, was den Zirkel nach einem beständigen Gesetze durch alle unendliche Zwischengrade, zu einer dieser abweichenden Umläufe abändern kann, d.i. die Bewegungen der Planeten, die nicht Zirkel sind, werden etwa dessen Eigenschaften mehr oder weniger nahe kommen, und fallen auf die Ellipse. Die Kometen zeigen eine noch größere Verschiedenheit ihrer Bahnen, da sie (so weit Beobachtung reicht) nicht einmal im Kreise zurückkehren; allein wir raten auf einen parabolischen Lauf, der doch mit der Ellipsis verwandt ist, und, wenn die lange Achse der letzteren sehr weit gestreckt ist, in allen unseren Beobachtungen von ihr nicht unterschieden werden kann. So kommen wir, nach Anleitung jener Prinzipien, auf Einheit der Gattungen dieser Bahnen in ihrer Gestalt, dadurch aber weiter auf Einheit der Ursache aller Gesetze ihrer Bewegung (die Gravitation), von da wir nachher unsere Eroberungen ausdehnen, und auch alle Varietäten und scheinbare Abweichungen von jenen Regeln aus demselben Prinzip zu erklären suchen, endlich gar mehr hinzufügen, als Erfahrung jemals bestätigen kann, nämlich, uns nach den Regeln der Verwandtschaft selbst hyperbolische Kometenbahnen zu denken, in welchen diese Körper ganz und gar unsere Sonnenwelt verlassen, und, indem sie von Sonne zu Sonne gehen, die entfernteren Teile eines für uns unbegrenzten Weltsystems, das durch eine und dieselbe bewegende Kraft zusammenhängt, in ihrem Laufe vereinigen.« (KrV, B 689f)

Kant geht davon aus, dass die Vernunft nach höheren Verwandtschaften sucht als es dem Verstand möglich ist. Wenn mit der Sphäre des Begriffs gemeint ist, eine Sphäre zu bilden, die dem Verstand zugänglich ist, dann beschränkt Kant dort die Affinität darauf, dass verschiedene Begriffe kontinuierlich ineinander übergehen und dass sie innerhalb einer begrifflichen Hierarchie miteinander verknüpft sind.

Zusammenfassend ist zu erkennen, wie Kant seit der zweiten Auflage sowohl der Mannigfaltigkeit abspricht, dass es dort bereits eine Affinität gibt, wie auch dem Verstand, dass er weiter reichende Affinitäten erkennen kann. Nach meinem Eindruck lehnt Kant das Prinzip der Affinität ab, da die Affinität innerhalb der Mannigfaltigkeit sich der Sphäre des Begriffs auf ähnliche Weise entzieht wie das Sein. Innerhalb der Sphäre des Begriffs können nur solche Relationen entstehen, die vom Verstand hergestellt worden waren. Der Verstand kann für Kant dagegen nie mit Sicherheit sagen, ob diese Relationen innerhalb der Sphäre des Begriffs eine Entsprechung in Affinitäten innerhalb der Mannigfaltigkeit haben.

Hegel kehrt dagegen zu der ursprünglichen Auffassung von Kant zurück. Er rehabilitiert das Prinzip der Affinität und gibt ihm den Namen der Wahlverwandtschaft. Er ergänzt daher in seiner Wissenschaft der Logik im Abschnitt über das Maß die chemische Sphäre, innerhalb derer sich die Wahlverwandtschaften befinden. Hier führt er innerhalb der Wissenschaft der Logik zahlreiche Beispiele aus der Realwissenschaft ein, die ansonsten vermieden oder bestenfalls in Anmerkungen ausgelagert werden.

Literatur

Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Werke in 20 Bänden. Auf der Grundlage der Werke von 1832-1845 neu ediert. Red. E. Moldenhauer und K. M. Michel. Frankfurt/M. 1969-1971 (zitiert als HW); Link

Immanuel Kant: Kritik der reinen Vernunft (1781, 1787) (zitiert als KrV)

2014

 


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