Walter Tydecks

 

Ariadne und die Anfänge der griechischen Mathematik

Einleitung

Wenn es eine multiple Mathematik gibt und ihr ein Trauma vorangegangen ist, weiss davon am meisten die griechische Mythologie zu berichten. Wo liegen die Anfänge der griechischen Mathematik? Sie sind da zu suchen, wo die neue Beweistechnik und axiomatische Methode der Geometrie entstanden sind, die Konstruktionen mit Lineal und Zirkel. Die Anfänge der griechischen Mathematik sind nicht bei den Anfängen der Zahlen zu erwarten, die eher auf den Orient weisen, sondern da, wo die Griechen selbst den "Erfinder" des Zirkels sehen. Das war Talos (mit anderem Namen Kirkinos), ein Freund von Daidalos. Diese Gestalten liegen an der Grenze von Mythologie und Geschichte, jedoch auf der mythologischen Seite. Die ersten Mathematiker, die erfolgreich Lineal und Zirkel "anzuwenden" vermochten, waren dann Thales und Pythagoras, und gehören bereits in die Geschichte.

Wie sich zeigen wird, waren Talos und Daidalos so tief in die Krisen ihrer Zeit verwickelt, dass sie ohne die Anregung und Unterstützung von Ariadne der Mathematik nicht den wesentlichen Anstoß hätten geben können. Um diese Frage soll es daher gehen. Der größere Zusammenhang ist durch die Geschichte der Argonauten, die Geschichte von Medea und Iason gegeben. Dort werden unter den Namen von Göttern und Halbgöttern alle Themen angesprochen, die bis heute an den kritischen Stellen der Mathematik-Geschichte wiederkehren: die Nachtseiten und die entschwindenden Götter, Chiron bzw. sein Verwandter Hiram, draufgängerische Helden wie Prometheus, die reine Kreisgestalt und das verschlungene Labyrinth.

Die Aktualität von Ariadne sollte spätestens seit Nietzsche deutlich sein. Und doch wird sie immer von neuem von Medea in den Schatten gestellt. Wie viele Bearbeitungen des Medea-Stoffes gibt es in der Geschichte der Kunst im Vergleich zum Ariadne-Stoff? Es führt offenbar kein Weg an Medea vorbei, um zu Ariadne zu finden. Daher wird weit entfernt von jeder Frage nach der Mathematik mit dem Medea-Stoff begonnen.

Iasons Weg

Unbekümmert wie ein neuer Tag kam Iason aus den Bergen, um für das Recht seiner Familie einzutreten. Rache und Mord wären das Nächstliegende. Sein Halbonkel Pelias hatte die Macht in Iolkos (Thessalien) an sich gerissen und herrschte als ein verbitterter Tyrann. Als Iason ihm frei und direkt gegenübertrat und auf jeden Hinterhalt und alle Intrige verzichtete, konnte der das nur für Schwäche halten, die es auszunutzen galt, und suchte sofort nach einer Möglichkeit, ihn in eine bösartige Falle zu locken. Iason bemühte sich erst gar nicht, die wahre Absicht zu durchschauen. Ihm war klar: Pelias würde auf eine alte Geschichte zurückgreifen, die so oder so gelöst werden mußte, sollte Iolkos von den drückenden Verhältnissen befreit werden.

Es galt, das Goldene Vlies von Kolchis am anderen Ende des Schwarzen Meers zurückzuholen. Nie zuvor hatten Griechen so weit über das offene Meer zu segeln gewagt. Zur Verblüffung von Pelias gelang es Iason ohne Schwierigkeit, Gleichgesinnte zu finden, die mit ihm nach Osten aufbrechen wollten, darunter seinen eigenen Sohn und einen künftigen Schwiegersohn. Die Vorbereitungen gingen so gut von der Hand, dass alle überzeugt waren, dass die Götter selbst ihren Segen dazu gaben. Auf der Hinfahrt herrschte ein ausgelassener Pioniergeist, immer der aufgehenden Sonne entgegen. Sie waren wie beseelt von der Kraft der Sonne auf ihrer Bahn durch den Tierkreis und die Jahreszeiten. Jeder Posten war ideal besetzt und die Mannschaft kein befehlsgewohntes Heer, sondern eher eine Gruppe von Einzelgängern, von denen jeder wußte, was der andere tat und wo sein eigener Platz war. In seiner besonnenen Art war Iason der anerkannte Kapitän, und ihm zur Seite stand Orpheus, der für gutes Gelingen sorgte. Waffen verstand er nicht zu führen, aber immer traf er den richtigen Ton, um das aufgebrachte Meer zu beruhigen und die bisweilen erhitzten Gemüter. Zu seinem Rhythmus gingen die Ruder gut von der Hand. Das war der Beginn der Fahrt der Argonauten, die Kehrseite des Schicksals von Medea.

Ihre erste Station war die Insel Lemnos, die Wahlheimat von Hephaistos, dem Gott der Vulkane, des Feuers, der Schmiede. Sein Vater Zeus hatte ihn vom Olymp geschleudert, weil er sich für Hera, seine gedemütigte Mutter, eingesetzt hatte, und seither hinkt er. Stimmt das? Es weist auf etwas anderes. Lemnos führt mitten hinein in eine uralte Welt, weit vor Zeus und dem Olymp. Hier entsprangen die ersten menschlichen Wesen aus dem vulkanischen Boden, direkt hervorgebracht von Mutter Gaia. Diese Ur-Männer (die hephaistoi) galten später als kleine, bösartige Feuerwesen, die zu verglühen drohten vor Tatendrang und ungezügelten Trieben, vor Sehnsucht nach Vollendung, wären da nicht die Erd- und Mondgöttinnen, die sich mit ihnen vereinigten und so die Kraft des Lebens weitertrugen. Das kann gut gehen, aber immer drohen die alten Urelemente wieder auseinander zu fallen in ihre ursprüngliche Roheit.

Die Macht der Frauen hatte sich auf Lemnos gehalten und trotz der Ankunft von Hephaistos herrschten matriarchale Zustände. Sie fühlten sich den Männern weit überlegen, die schmutzig und triefend von Schweiß und Dreck in den Bergwerken und Schmieden schufteten. Sie übernahmen die Waffengewalt, verloren all ihr weibliches Wesen und das Band zwischen Mann und Frau geriet aus dem Gleichgewicht. Das war nicht im Sinn Aphrodites, der Göttin der Liebe und Düfte, und wütend schlug sie die Frauen mit unerträglichem Gestank. Die ohnehin niedergedrückten Männer wandten sich voller Ekel ab, vergingen sich an thrakischen Gefangenen und wurden von den Lemnierinnen ermordet. Ein dauerhafter Ausweg war das kaum, und nur ihre Königin, Hypsipyle, hatte sich dem heimlich entzogen und ihren Vater gerettet.

Auf Fürsprache von Hephaistos heilte Aphrodite die Frauen wieder. Da kamen gerade im richtigen Moment die Argonauten vorbei und wurden als neue Männer begrüßt. Orpheus war unter ihnen und es wird zugegangen sein wie zu den wildesten Zeiten mit Dionysos. Iason zeugte mit Hypsipyle die einzigen Kinder, die ihn mit Sicherheit überlebten, Euneus und Thoas, noch bevor er in Kolchis Medea kennen lernte. Er sollte sie nie wieder sehen.

Am anderen Ende des Scharzen Meeres, in Kolchis, hatten sich die Dinge genau entgegengesetzt entwickelt. Hier konnte sich die verborgene Bosheit von Hephaistos und Hekate austoben. Er hatte feuerspeiende Rinder mit ehernen Füßen und einen gewaltigen Pflug geschaffen, die nur der König Aietes einzuspannen vermochte. Daraus bezog dieser seine tyrannische Macht. Über allem lag eine düstere Stimmung. Die Frauen wurden wie üblich beerdigt, die verstorbenen Männer aber den Vögeln zum Fraß an Bäumen aufgehängt. Täglich war der gewaltige Adler zu sehen auf dem Flug zu Prometheus - angekettet an den Felsen des Kaukasus oberhalb von Kolchis -, und dessen schreckliche Schreie drangen bis in die Stadt, als ihm die Leber ausgehackt wurde.

Die Rinder des Hephaistos standen unter dem besonderen Schutz der Mondgöttin Hekate. Beide, Hephaistos und Hekate, schienen regelrecht Freude zu empfinden an dem Leid und der Machtlosigkeit der Menschen in Kolchis. Was war geschehen? Hephaistos und Hekate waren einmal das Paar der Ur-Hochzeit gewesen, als in den thessalischen Sümpfen der erste Mensch und mit ihm überhaupt die Zeugung selbst gezeugt wurde, als die Wege und die Sprache entstanden. Hephaistos kann auch Hermes gewesen sein oder Prometheus oder Kabiros, und Hekate verschwimmt mit Brimo oder Lemnos, nun als Göttin verstanden, oder Rhea. Der Vater dieser Urzeugung kann auch der Sohn gewesen sein, und umgekehrt. Alles blieb offen und gefährdet. Die Charaktere der einzelnen Götter mußten sich erst herausbilden, und so paradox es klingen mag, der Mensch wurde geschaffen, bevor er sich in Generationen differenzierte. Aber Hephaistos und Hekate (oder welche Namen auch immer eingesetzt werden mögen) wurden nicht die von allen verehrten Mutter- und Vaterfiguren, sondern eifersüchtig von anderen Göttern und Göttinnen bedrängt.

Und doch hofften sie auf eine Wende der unseligen Geschichte, dass es einem neuen Paar von Menschen gelingen würde, alles anders zu machen. Hephaistos hatte sich für die Frauen auf Lemnos eingesetzt, und Hekate ein offenes Ohr für Medea, ihre Priesterin in Kolchis.

Iason trat in Verhandlungen mit König Aietes, um auf friedlichem Weg das Goldene Vlies zu erhalten. Der hielt es nicht für nötig, überhaupt näher hinzuschauen, wer da vor ihm stand. Selbstgerecht wie immer tat er die Sache ab und verlangte, erst müsse Iason die Rinder des Hephaistos zügeln und mit ihnen die Drachenzähne einsäen, die übrig geblieben waren von dem Drachen des Ares.

Niemand konnte ahnen, dass ausgerechnet die scheue Medea, die mehr in der Nacht als am Tag lebte, die wegen ihrer Vorliebe für das Licht des Mondes und der Heilwirkungen von Kräutern als geheime Zauberin galt, Iason helfen würde. Aber ein Blick genügte.

Obwohl es in Kolchis kaum Anlaß gab, Hekate zu vertrauen, die doch auf ihre Art die Macht von König Aietes sicherte und immer wieder Menschenopfer verlangte, hatte Medea, die Tochter von Aietes, zu ihr ein eigenes Verhältnis gewonnen. Sie wurde ihre Priesterin, wurde vertraut mit der Nachtseite der Natur, und konnte in Hekate den inneren Zug sehen, der hinter all ihrer verzweifelten Grausamkeit verborgen war. Sie spürte, dass die Befreiung der Menschen keine Befreiung von den Göttern sein konnte, sondern nur möglich ist, wenn auch die Götter befreit werden. »Auch tote Götter regieren« (Christa Wolf, Medea). Das trifft etwas bei Medea, aber ganz anders, als Christa Wolf es meint. Hekate und Hephaistos waren auf ihre Art tot, und doch regierten sie noch. Aber sie waren nicht nur tot in ihrem Reich der Götter, sondern sie stecken in jedem Menschen, sind tot in ihnen und regieren sie verhängnisvoll auf ihre Weise. Sie müssen wieder zum Leben gebracht werden.

Ein weiteres Mal trafen sich die Wege von Iason und Aphrodite. Sie verlieh ihm den richtigen Ton, die bis dahin verschlossen und zurückgezogen lebende Medea anzusprechen und für sich zu gewinnen. Sie sandte Eros - unverfänglich verkleidet in der Gestalt von Kirke, der Schwester von Aietes -, um Medea mit einem Liebespfeil zu treffen.

Alles ging gut. Die Rinder wurden gezähmt, die Drachensaat zusammengehauen, das Goldene Vlies aus der Bewachung eines anderen Drachen entführt. Vielleicht etwas widerwillig hatte die Mondgöttin Hekate Medeas Hilferuf erhört. Aber sie war bereits ihrerseits von Iason eingenommen, seit er ihr in einer seiner tiefen Intuitionen bei der Einfahrt nach Kolchis mit einer Honiggabe geopfert hatte. Und auch für Prometheus kündigte sich die Stunde der Erlösung an. Medea hatte Iason mit Kräutern unverwundbar gemacht, die gewachsen waren, wohin das Blut des Prometheus getropft war, als die Adler mit den herausgerissenen Leberfetzen davonflogen.

Warren Medea

Nancy Warren: Jason and Medea, 1996 Quelle: nancywarren

Aber kaum im Besitz des Goldenen Vlieses war Iason wie umgewandelt. Jetzt fühlte er sich als der große Held und wollte im Triumph nach Griechenland zurück. Medea und ihre Hilfe waren ihm peinlich. Am liebsten hätte er sie in Kolchis zurückgelassen, um den Erfolg allein für sich zu beanspruchen. Oder war es genau umgekehrt: In der Stunde des Erfolgs verließ Medea das Vertrauen zu Iason und voller Angst sah sie eine solche Entwicklung voraus, da sie nun einmal die Männer nicht anders kannte. Oder sollte sie es sogar selbst gewesen sein, die radikal die Brücken zu ihrer Vergangenheit abbrechen wollte und für die Iason nur eine Durchgangsstation war, um zu Anerkennung und Königsehre im fernen Griechenland zu gelangen, aus ihrer Sicht dem Zentrum der Welt. Was in diesem Moment wirklich geschah, ist der Blindfleck dieser Erzählung und lässt allen Deutungen Raum. Jede Version ist aber vergiftet von Mißtrauen. Durch den Sieg über die Urgewalten und den Raub des Goldenen Vlieses war die Macht von Aietes bereits gebrochen, aber der Mord an seinem Sohn Apsyrtos wühlte die Menschen von neuem auf. Mit einem Mal fühlten sich die Argonauten einsam, verlassen und wie Flüchtlinge am Ende der Welt.

Medea war nicht mehr wiederzuerkennen. Statt Aietes, Hekate und Hephaistos aus ihrem Bann zu reißen, hatte sie deren Gesicht angenommen: Von dem fliehenden Schiff streute sie die zerstückelte Leiche ihres Bruders, zum Schrecken der Verfolger wie der Argonauten. Derartiges hatte es auf der Argo bis dahin nicht gegeben. Stimmen wurden laut, Iason solle sich sofort von ihr trennen. Er konnte sie beruhigen. (Ob sie selbst ihren Bruder umgebracht hat, ist umstritten, aber wohl weniger wahrscheinlich. Nicht zu Unrecht fühlte sie sich aber mitschuldig an seinem Tod.)

Auf der Rückfahrt hörte Iason immer stärker auf Medea, vor deren Zauberkünsten er Angst bekam, während seine früheren Freunde ihm fremd wurden. Auch der eigenen Kraft konnte er nicht mehr recht trauen, nachdem er im Blutrausch auf dem Feld in Kolchis außer sich geraten war. Die alte Stimmung war endgültig dahin. Kaum einer der Argonauten kam nach der Rückfahrt wieder zur Ruhe und etliche brachten sich in Eifersuchtsgeschichten gegenseitig um oder wurden von Herakles getötet, der anfangs einer der ihren gewesen war.

Medea hatte Macht über Iason gewonnen, aber offiziell waren sie immer noch kein Paar. Erst durch äußere Umstände kam es zur Heirat. Sie waren in Scheria, dem Land der Phäaken (der Toteninsel, Korfu), und die Kolcher ihnen weiter hinterher. Alkinoos, bei dem sie Aufnahme gefunden hatten, wollte Medea bereits ausliefern. Seine Frau Arete empfand jedoch Mitgefühl für Medea und erreichte, dass sie bei Iason bleiben könne, wenn sie mit ihm die Ehe vollziehe. Noch in der gleichen Nacht führte sie die beiden in die Höhle von Makris, und Medea konnte ein weiteres Mal entkommen.

Für einen Moment schien es eine Chance für einen Neubeginn zu geben. Aber zu tief hatten sich Medea und Iason bereits verstrickt. Und was war aus Hypsipyle und Iasons ersten Kindern geworden? Warum kümmerte er sich nicht um sie, die in größte Schwierigkeiten geraten waren?

Die Welt nach Hestia

Das Schicksal von Iason und Medea zeigt, wie es zugeht in einer Welt, von der sich Hestia abgewandt hatte, die Göttin des häuslichen Herdes. Hekate hatte ihre Nachfolge übernommen. Aber wieviel mehr bedeutete Hestia: Das Feuer des Herdes sicherte Schutz, Geborgenheit und Wärme. Hier wurden die Mahlzeiten zubereitet und Gäste bewirtet. Zu den Gästen zählten immer auch die Ahnen, die in der Nähe des Herdes beerdigt waren und denen bei jeder Mahlzeit ein Teil als Opfer gereicht wurde. Der Herd war ihr Altar. Neben dem Herd lagerte der Hund, das natürliche Wesen der guten Hausgötter. Im Herdfeuer lebt die geistige Verbindung zu den Vorfahren, in das Innere der Natur und der Zeit, in das Reich der Götter. Durch dies Feuer bleibt das Dunkle den Lebenden geöffnet.

In Griechenland war diese Tradition schon lange aufgegeben und hatte sich nur noch in Italien gehalten, wo Hestia als Vesta verehrt wurde. Sie schützte die Lebenden und die Geister der Verstorbenen, die Lemuren. Allmählich wuchs aber auch hier die Unsicherheit über das eigene Verhalten. Was sich im eigenen Leben noch verdrängen ließ, den anderen und sich selbst zur Lüge, äußerte sich um so drückender in der Sorge um das Nachleben. Niemand kann wissen, wie es der Seele nach dem Tod gehen wird. In der alt-italischen Religion entstand die Vorstellung, dass die einen als Laren den Nachfahren als gute Geister beistehen und sie glücklich begleiten, während die anderen als Larven unstet umherirren und keine Ruhe mehr finden.

Wo der Macht der Ahnen immer weniger getraut werden konnte, änderten sich die Beerdigungssitten. Für die Toten wurden zunächst außerhalb des Hauses und später am Rande der Siedlungen eigene Friedhöfe eingerichtet. Schließlich verschwinden sie ganz in ihrem eigenen Reich, dem Hades, der keine Beziehungen mehr zu den Lebenden hat.

Mit den Toten verschwindet Hestia. Nur im Römischen Reich wurde ihr Andenken noch bewahrt, wenn auch fast unkenntlich geworden in der Staatsreligion des brutalen Imperiums. Zur Zeit der Wintersonnenwende wurden erst die Saturnalien und dann die Lararia zu Ehre der Laren gefeiert. Hestia steht in enger Beziehung zu Kronos (in Rom als Vesta zu Saturnus). Kronos wurde vorgeworfen, dass er die eigenen Kinder frißt (unter ihnen Hestia), was so viel heißen soll, dass die Ahnen ihren Nachkommen keine Freiheit lassen. Aber war er nicht wie El in Phönizien der sich entziehende Gott? In den orphischen Lehren von den Weltaltern steht er an der Grenze, wo sich das Göttliche dem Menschen offenbart, jedoch auf der dem Menschen verborgenen Seite.

Und hierin war ihm Hestia verwandt. Es gibt keine Erzählungen von ihren Abenteuern unter den Menschen, wo sie sich wie die anderen olympischen Götter in das Leben der Menschen stürzt und deren Leidenschaften teilt. Wenn die anderen Götter auszogen, blieb sie zurück und hütete die göttliche Stätte. Sie gab den Menschen die innere Sicherheit im Leben. Sie war in kritischen Lebensentscheidungen zur Stelle. Es gibt nur Erzählungen, in denen sie fehlt, und allein aus ihrer Abwesenheit das Scheitern der Helden zu erklären ist.

Losgelassen von Hestias Schutz leben die guten und die bösen Geister weiter. Schon in großem Abstand von der früheren Wirklichkeit ist das, was die guten Geister im Umfeld von Hestia bedeuteten, bis heute am ehesten im Bild der Bienen symbolisiert. Das Goldene Zeitalter unter der Herrschaft von Kronos (und unter dem Schutz von Hestia, wie ergänzt werden sollte) trägt die Farbe des Honigs (und keineswegs des königlichen Erzes, dem Symbol von Reichtum, Macht und Gier).

Bienen sind die Fülle des Segens, der Weisheit, der Unschuld und Gerechtigkeit. Ihre Wetterfühligkeit wurde noch lange in den Ackerbaugesellschaften ausgewertet. Wer sie versteht, kann an ihrem Verhalten erkennen, wie sich das Wetter entwickeln wird. Kein Sturm kann ihnen etwas anhaben. Keineswegs aggressiv, wissen sie dennoch sich hervorragend zu verteidigen und konnten daher zum Vorbild für kriegerische Tugenden werden. Alle Musikalität hat bei ihnen ihr Urbild: ihrem Sinn für Wohllaut und ihrem Rhythmus.

Aus den Zeiten, wo sich keiner vor dem Tod fürchten mußte, ist der Honig das Bild des Todes. Er wiegt in Schlaf und Tod und bringt glückliche Träume. Es war ursprünglich nicht zynisch gemeint, dass der Tod süß und das Leben bitter sei.

Höhlen, in denen wilde Bienen lebten, gefüllt mit Honig, waren die Stätten der Zeugung und Geburt von Göttern, allen voran Zeus, Stätten der Gesundung und Orakelstätten. So gibt es die Erzählung von Epimenides, der eine Generation vor Pythagoras lebte. 57 (d.h. 3 · 19) Jahre schlief er in einer Höhle und träumte von den Göttern. Als er wieder aufwachte, war er nicht gealtert, besaß aber die Gabe der Weissagung. In Italien gab es den Brauch, eine Nacht im Sarg bei den Toten zu verbringen, um ein letztes Mal außerhalb der natürlichen Grenzen von Raum und Zeit bei ihnen zu sein. So bewahren diese Höhlen einen Teil der Mächte, die mit dem Feuer der Hestia verbunden waren.

Wenn im Argonautenepos ein letztes Mal das verlorene Glück aufscheint, ist es mit dem Symbol der Bienen versehen. Appollonios schildert, wie die Frauen auf Lemnos reagierten, als sie von der geplanten Weiterfahrt erfuhren: Sie »liefen zu ihnen, wie wenn Bienen, aus ihrem Nest im Felsen ausgeschwärmt, schöne Lilien umsummen - ringsum lacht die tauige Wiese - und im Flug den süßen Blütenstaub bald hier, bald dort einsammeln: So also strömten jene klagend hinaus, voll Sorge um die Männer, und verabschiedeten einen jeden mit Gesten und Worten; die seligen Götter baten sie, ihnen eine leidlose Heimkehr zu schenken«.

In einem letzten Moment der Hoffnung verbrachten Iason und Medea ihre Hochzeitsnacht in der Höhle der Makris bei den Phäaken. Makris war die Tochter von Aristaios, dem Begründer der Bienenzucht. Auch sie war auf der Flucht zu den Phäaken gelangt, verfolgt von der eifersüchtigen Hera, weil sie eine der Ammen von Dionysos war.

Die Bienen sind ein spätes Bild der guten Geister der Verstorbenen und lebten noch lange Zeit weiter als Melissen, als Dienerinnen der Demeter, der Göttin der Kornfelder und des Ackerbaus. Demeter steht aber bereits für die Zeit, wo sich Gut und Böse getrennt haben. Ihre Tochter Persephone wurde von Zeus in einer der Kulthöhlen geschwängert, was als die erste Zeugung des Dionysos gilt. Dies Bild wurde dann dahin abgewandelt, dass Dionysos sich in einen Stier wandelt, der zerrissen wird. Aus seinem Leichnam entstehen wie aus dem Innern einer Höhle die Bienen als Symbol der Wiedergeburt. Die Mysterien von Eleusis gaben dem Glauben Ausdruck, dass schließlich Demeter selbst den Dionysos ein drittes Mal zur Welt bringen wird, nun als Iakchos, den jubelnden Gott der Erlösung.

Demeter findet keine Ruhe in der Welt, aus der Hestia entschwunden ist. Trauernd sucht sie ihre Tochter Persephone, die in das Reich der Unterwelt entführt wurde, und kann sie nur noch zeitweise zurückholen. Sie kann nicht verhindern, dass die Reiche der Lebenden und der Toten ein für allemal getrennt bleiben. Erfolglos will sie den Menschen die Unsterblichkeit zurückgeben, als sie Demophon in Honig salbt und im Feuer des Herdes reinigt. Dessen Mutter überrascht sie, mißversteht alles und entreißt ihr das Kind. Demophon, das ist der Völkerwürger, und so war der Versuch gescheitert, ihn göttlich zu weihen. Aber es gelang ihr, den Menschen das Getreide zurückzugeben, die jährliche Ernte, wenn auch unter immer neuen Gefährdungen. Unter ihrem Namen haben sich die letzten Kenntnisse vom Bienenweg und vom Stierweg erhalten.

Die Furcht vor den bösen Ängsten wurde immer bedrückender, und deren Göttin wurde Hekate. Am häuslichen Herd hatte sie den Platz von Hestia eingenommen, sagt Euripides in seiner Tragödie Medea. Sie ist anwesend bei der Geburt und beim Tod, wenn Seele und Körper sich vereinen und wieder trennen.

Aber nie hielt es sie hier lange, und ihr eigentlicher Ort ist draußen, in der Nacht, außerhalb des Hauses, an den kritischen Weggabelungen. Sie verkörpert alle dunklen Seiten der Nacht und ist identisch mit Gorgo, Mormo, Lamia, Gello, Empusa, Baubo, Brimo. Sie wird begleitet vom Schwarm der Seelen derer, die nicht richtig bestattet wurden, die mit Gewalt oder zu früh, also 'vor der Zeit' gestorben sind. Solche Seelen finden nach dem Tode keine Ruhe. Mit Hekate fahren sie im Winde daher, begleitet von den Hunden, die den Mond anbellen, deren früherer Segen sich in dämonisches Treiben gewendet hat.

Im Schutz von Hestia war das Dunkle die unendliche Macht, die Unendlichkeit, aus der jede Kreativität schöpfen konnte, und wo das Licht seine unversiegbare Quelle fand. Wenn die Kraft von Hestia erlischt, droht sich die Bewegung umzukehren, und das Dunkle verwandelt sich aus einer Quelle, aus einem Raum der Geborgenheit, Regeneration und Genesung in einen Sog, der alles lähmt und vernichtet, was in seine Nähe kommt. Wenn die Sonne nicht mehr regelmäßig in die Nacht eintauchen und dort in einem Bad des Vergessens und Wieder-Erinnerns neu entstehen kann, wird sie zur sengenden, mörderischen Glut.

Das Gorgonenhaupt ist das Bild dieser tödlichen Macht. Die Angst vor dem Tod und die Unruhe der nicht erlösten Seelen ist der Schmerz über die Fehlentscheidungen im eigenen Leben. Welcher böse Geist stand Pate, als der falsche Weg eingeschlagen wurde? Drohend signalisiert Hekate die Gefahr der Dreiwege. Io, die Mondkuh, verliert die gewohnte Bahn und rast im Wahnsinn über die Kontinente. Hestia bleibt verschwunden, aber es werden neue Göttinnen verehrt, um die Mondkuh zu zügeln, welche am Ende der Nacht neues Licht bringen sollen, die Lichtgöttin Athena Iodamia. Wie Prometheus, der den Menschen das Feuer zurückbrachte, wird sie zur Zeit der Mondfinsternis gefeiert. Die Erzählung von der Geburt aus dem Kopf des Zeus beschreibt den Augenblick, wenn die erste Mondsichel wieder zu sehen ist, wenn das erste Licht des Tages über den Bergen erscheint oder aus den dunklen Wolken hervorbricht und den Mantel der Finsternis zerreißt.

Athene ist die Eule, die auch im Dunkel die Orientierung behält. Sie leitet Leto, um auf der Flucht vor Hera einen sicheren Ort zu finden, wo sie Apollon und Artemis gebären kann. Sie sendet Perseus, der die Gorgo besiegt und ihr deren Haupt bringt, das sie sich an ihr Schild heftet. Unter ihrem persönlichen Schutz wird die Argo gebaut, sie geleitet die Seefahrer durch die Klippen am Eingang zum Schwarzen Meer, wie sie später Odysseus erfolgreich durch alle Abenteuer führt.

Athene verkörpert die innerste Substanz der Natur. Hermes (und später die Philosophen) können nur weissagen bzw. erkennen, was Athene ihnen eingibt. Als Göttin des Morgenlichts ist sie die Weberin, die den Kosmos aus Sonnenfäden zusammensetzt. Creuzer weist auf die Höhle bei Lebadeia in Böotien, wo Trophonios weissagte. Trophonios war eine Gestalt von Hermes, dem hier die Athene-Itonia so beigesellt war, wie in den saitisch-ägyptischen Mythen dem Hermes-Anubis die Isis-Neith.

Wenn es darum geht, zu sich selbst zu finden, die eigene Substanz zu ergreifen und in das Innere der Natur zu schauen, kann nur Athene helfen. Auch ihre Kraft ist jedoch bei weitem kein Ersatz für Hestia. Auch sie bleibt machtlos, als das Vorhaben der Argonauten letzten Endes scheitert. Sie kann eine Generation später nicht verhindern, dass Klein Aias in Troia ausgerechnet in dem ihr geweihten Tempel Kassandra entführt, dass sich bereits vorher den von ihr favorisierten Griechen Memnon, der Sohn der Morgenröte, also im Grunde ihr eigener Sohn, entgegenstellt und fällt. Auf den meisten Statuen zeigt sie ein überaus hartes Gesicht und der Aufzug mit Helm und Schild gibt ihr im Vergleich zu den anderen Göttinnen ein geradezu martialisches Gepräge.

Wovor sie der Panzer schützen soll, zeigt das Schicksal von Ino-Leukothea, ebenfalls eine Göttin des frühen Tageslichts und ursprünglich eine der großen Mondgöttinnen. Die Morgenröte ist wie ein letzter Wiederschein der früheren Göttin Hestia. Seefahrer lasen aus ihrem Farbverlauf das kommende Wetter und vertrauten auf Ino-Leukothea als Schützerin. Sie hat Odysseus im Moment der größten Verlassenheit das Leben gerettet.

Als Schwester der Semele ist sie eine Tante von Dionysos. Semele ging im Feuer auf (wurde wahnsinnig), und Ino hat im Auftrag von Zeus und Hermes den jungen Gott großgezogen. Göttin der Morgenröte, wurde dann aber auch sie von der Kraft des Feuers verzehrt. Es brannte in ihr und schlug ihr entgegen als Eifersucht: Hera war wütend, dass sie das Kind eines Seitensprungs von Zeus aufnahm. Dionysos verzieh ihr nicht, dass sie ihn als Menschen und nicht als Gott behandelte. Sie selbst konnte nicht ertragen, dass ihr Mann Athamas Kinder aus einer früheren Ehe mitbrachte und später mit einer neuen Frau Kinder bekam, als sie bereits für tot galt. Ganz die böse Stiefmutter wäre es ihr fast gelungen, Athamas die eigenen Kinder im Feuer opfern zu lassen. Schließlich ertrug sie dies Leben nicht mehr und sprang mit den eigenen Söhnen in den Tod, wo sie aber von Poseidon gerettet und als Leukothea wiedergeboren wurde.

Mit Ino schließt sich der Bogen: Der Widder mit dem Goldenen Fell rettete ihren Stiefsohn Phrixos, den Athamas fast getötet hatte, und brachte ihn nach Kolchis. Dort hing seitdem das Goldene Vlies. Aber auch Ino wurde in Kolchis, dem Ort, wo die Sonne aufgeht, hoch verehrt, und bisweilen wird in Medea eine Wiederverkörperung von Ino gesehen. Auf dem Peloponnes gab es einen gemeinsamen Tempel von Ino und Pasiphae, der Mutter von Ariadne (und damit Ahnin von Hypsipyle) und zugleich einer nahen Verwandten von Medea. Die beiden Seiten, die von Hestia fortlebten, die Dunkelheit der Nacht und die Morgenröte, die guten und die bösen Geister, waren kurz davor, wieder zusammen zu finden. Aber da wurde in dem Moment, als das Goldene Vlies erobert war, Apsyrtos gemordet, der Bruder von Medea, womit der Mordversuch an Phrixos nicht ausgesöhnt, sondern im Gegenteil vollendet war. Kaum war das geschehen, wußte Medea, dass ihr Schicksal besiegelt war, und sie konnte dem Verhängnis nichts mehr entgegensetzen. Selbst Kirke und der Vermittlungsversuch von Arete blieben aussichtslos. (Für mich ist Leukothea lebendig geworden in den Gesprächen mit Leuko von Cesare Pavese.)

Nachzutragen bleibt, dass Medea bisweilen auch mit Demeter identifiziert wird. Sie war ursprünglich eine herrschende Göttin in Korinth und ihre Vertreibung wird als Unterdrückung der Demeter-Kulte durch die Hellenen erklärt. Wie sie dann Iason hilft und mit ihm über Iolkos nach Korinth zurückkehren will, wiederholt den Versuch Demeters, den Demophon unsterblich zu machen. Aber wie hat sich die Welt verdunkelt: Ihr Vorhaben mißlingt, Iason wendet sich Glauke zu, der neuen Königstochter in dem reich gewordenen Korinth, und Medea wird von einer Welle der Eifersucht ergriffen, wie vor ihr nur Hera oder Ino, und lässt ihre Rivalin in Flammen aufgehen (treibt sie ihn den Wahnsinn).

Chirons enttäuschte Hoffnung

Von Hestia bleibt kaum mehr als eine Ahnung zurück. Ich sehe sie als eine nahe Verwandte von Chiron. Sohn des Kronos und der Baumnymphe Philyra war er auch wirklich ihr Halbbruder. Er lässt sich nirgends einordnen. Halb Mensch und halb Pferd ähnelt er den mißgestalteten Geschöpfen früherer Zeiten und ist doch im Gegensatz zu den anderen Kentauren gerade für seine Weisheit und Freundlichkeit berühmt. Ist er nun ein Mensch, ein Tier, ein Gott oder Heros? Viele Helden gingen durch seine Schule, wie Asklepios oder Achilleus. Bei ihm hatte Alkidike ihren Sohn Iason untergebracht und vor Pelias versteckt, bevor er dann nach Iolkos ging und in das Abenteuer der Argonautenfahrt aufbrach.

Über seinen Namen und seine eigenartige Gestalt als Pferdemensch führen die Ursprünge Chirons in den Orient zurück, und es lohnt sich, ihnen zu folgen. Erst spät (seit 500 v.Chr.) wurde er als Mischgestalt aus Pferd und Mensch angesehen. Vorher war er ein Eselsmann. Die Esel waren seit Jahrtausenden das einzige bekannte Lasttier, lange vor der Zähmung des Pferdes und des Kamels. Die Eselzucht war in Afrika entstanden, dann auf der arabischen Halbinsel in den Bergen entlang des Roten Meers verbreitet und spätestens mit der amuritischen Völkerwanderung 2300 - 2000 v.Chr. nach Kanaan und Phönizien gelangt. Von hier ist sie teils über Kleinasien, vor allem aber von den seefahrenden Phönikern über Kreta und die Küstengebiete des Peloponnes nach Griechenland gekommen.

Die Eseltreiber kamen weit herum und verfügten über erstaunliche Fähigkeiten. Sie kannten sich aus mit Heilkräutern und wußten, wie Tiere (und Menschen) zu operieren sind. Unterwegs erledigten sie kleinere Schmiedearbeiten und haben auf ihren weiten Reisen die verschiedensten Techniken kennengelernt. Wenn sie ansässig wurden, konnte das Schmiedehandwerk ihre Haupteinnahmequelle werden. Aber überwiegend diente ihre Arbeit natürlich dem Transport und Handel. Wenn es damit mal nicht so gut lief, schlugen sie sich als Diebe durch. Mit ihrer Beute entkamen sie leicht in die wilden Berge, ihre natürlichen Rückzugsorte, in denen sich die Esel besonders wohl fühlen.

Und auf die Eseltreiber gehen die Anfänge der Musik zurück. (Chiron lehrte Apollon das Spiel mit der Leier und galt selbst als hervorragender Kithara-Spieler.) Damit nicht genug, kannten die Eseltreiber aus ältesten Zeiten die Vorzüge des Weins, den sie nicht nur zum eigenen Genuß, sondern auch als Hilfsmittel bei der Paarung von Eseln und Pferden für die Maultierzucht und durch Beimischung in die Tränken für die Zähmung wilder Esel zu gebrauchen wußten.

Der Name Chiron soll über Chirom eine Abwandlung von Hiram sein, ein geläufiger Name in Phönizien (so hieß dort der berühmteste König, aber auch der Schmied, der Salomo den Tempel in Jerusalem baute). Und die Bezeichnung Kentaur geht über Kinyras, den sagenhaften König von Zypern, und den König Kuthar von Phönikien (auch Chusor oder Kothar) bis auf die Sprachwurzel ktr im Ugaritischen bzw. knr im Phönizischen zurück, wo sie mal den Gott der Leier oder den Gott des Handwerks und des Geschicks bezeichnet. Schon in der Antike wurden Parallelen zu Hermes und Hephaistos gesehen.

Dank dieser Herkunft verfügte Chiron nicht nur über praktisches Wissen, wie es sich die Eseltreiber in Jahrhunderten angeeignet hatten, und das er dann den griechischen Helden weitergeben konnte, sondern er kannte auch tiefe religiöse Zusammenhänge.

Seit Jahrtausenden gelten die Berge im Osten und im Westen als Rand der Welt. Dort hat die Sonne ihre Wohnung, wo sie morgens aufgeht und abends heimkehrt. Wer in die Unterwelt will, segelt nach Westen. Wer in den Bereich der in der Tiefe verborgenen Weisheit will, dagegen nach Osten. Durch die Morgenröte hindurch führt der Weg in das Reich von Ea, dem ugaritischen El, dem Herrn des Grundwassers. Bei den Griechen entspricht ihm Kronos. Sein Sohn war Koschar, dessen Fähigkeiten in vielen Dingen auf Hephaistos deuten, der aber in Wahrheit eher in Chiron weiterlebt, dem Sohn von Kronos. In der Tiefe berühren sich die Götter des Wassers und der unterirdischen Feuer und Erze. Aus der Tiefe kommt die Fruchtbarkeit und der Lehm, aus dem der Mensch erschaffen ist. Sie steht in Wechselwirkung zum Mond, der die Gezeiten regelt und die Welt in seinem Licht zeigt, wenn die Sonne durch das Grundwasser zieht.

Bei den Babyloniern stand der Stern des Ea im Sternzeichen der Argo, das sicherlich wesentlich älter ist als das mit der Hilfe von Athene gebaute Schiff. Schon Newton fiel auf, dass die Fahrt der Argo eine Reise durch die Tierkreiszeichen ist, und jedem Abenteuer entspricht ein Zeichen. Die Absicht (und die Hoffnung) von Chiron ging aber weiter: Ihm war klar, auf welchen Weg Pelias Iason schicken würde, und er hoffte, dass dieser treu den Spuren seines Lehrers zu einem Neuanfang zurück finden könne, von dem auch Chiron selbst ausgegangen war. Das Reich von Ea war das eigentliche Ziel der Fahrt.

Damit ist noch nicht alles gesagt. Chiron lebte in einer Höhle auf dem Berg Pelion in Thessalien und teilte sich ursprünglich mit seinem Halbbruder Zeus die Welt: In seiner Welthälfte liegt zu Füßen des Pelion der Boibeis-See, in dessen Sümpfen es zur Ur-Zeugung von Hephaisteus (Hermes, Prometheus) und Hekate kam (Bobeis ist ein anderer Name für Brimo und Phoibe). Aber dann waren diese frühesten Götter in den Bann von Zeus geraten und regelrecht entartet. Während Hestia in solch einer Welt nicht mehr leben wollte, bewahrte Chiron Ruhe, Geduld und Lebensfreude und vermied Zorn und kriegerische Ausbrüche. Immer von neuem zog er junge Männer heran, die auf ihre Art das Leben der Menschen umgestalten sollten. Erst als er durch einen Pfeil von Herakles unheilbar verletzt war, gab er ebenso bereitwillig wie Hestia seine Göttervorrechte zurück, verzichtete auf seine Unsterblichkeit und übertrug sie auf Prometheus, um nun diesen anderen Weg zu fördern, den Menschen zu helfen.

So wird verständlich, warum Chiron Iason nach Iolkos zurücksandte, die von Pelias gestellte "Falle" einer Rückeroberung des Goldenen Vlieses voraussah und mit diesem Projekt große Hoffnungen verband. Niemand hatte bessere Beziehungen zur Jugend in Griechenland als er. Besonders wichtig war es ihm, Iason und Orpheus zusammen zu bringen, den er über Apollon kennen gelernt hatte. Zugleich wollte er vorsichtig Orpheus aus der engen und verhängnisvollen Bindung an Dionysos lösen.

Viele sehen in Orpheus den wahren Religionsgründer Griechenlands und glauben, dass über sein intuitives Verständnis das Wissen über die Urzeiten Griechenlands und Europas weitergegeben wurde. Im Gegensatz zu Chiron hatte er keine orientalische Vergangenheit, sondern kam aus dem Einwanderungsgebiet der Indogermanen. Aber er nahm die orientalischen Einflüsse bewußt auf und gilt schließlich als einer der Verfasser des Heiligen Textes, der unabhängig voneinander und doch in der Aussage gleichlautend an allen Enden der Welt geschrieben wurde und den Religionen zugrunde liegt. Nach dieser Überlieferung waren schon lange vor den Griechen Poseidon und Hephaistos mächtige Götter, die aus Zeiten vor der Sintflut und vor Katastrophen wie dem Untergang von Atlantis stammen. Sie stehen für verheerende Vulkanausbrüche und Erdbeben, Feuersbrünste und Landuntergänge und straften damit eine frühere Generation der Menschheit. Sie werden daher auch als Götter des Feuers und des Wassers verehrt, ohne das kein Leben möglich ist und das alles Leben vernichten kann. Auch sie sind Gestalten des Donners (und nicht nur Zeus, wo der Donner über dem Himmel hallt), in dem sich das Göttliche offenbart. Wenn der Donner in Maß gebracht wird, entsteht die Musik, und wehe, wenn das nicht gelingt. Chiron wußte das.

Orpheus war Schüler von Apollon (wenn er nicht dessen Sohn war), sah aber in Dionysos sein großes Vorbild. Seine Musik war im Innern auf rationalen Grundlagen aufgebaut, gab den Naturgewalten das Maß, und ist also "apollinisch". Aber sie bewahrt auch die Gewalt des Donners und treibt in Ekstase, in den Zustand, aus dem alles entstehen kann, ist "dionysisch". Wer sich Dionysos anschließt, wartet nicht darauf, bis ihn der Wahnsinn trifft, sondern nimmt ihn vorweg, will in ihm die Freiheit erleben, muß dafür aber die eigene Individualität opfern.

Chiron war Dionysos gegenüber deutlich zurückhaltender eingestellt. Dionysos war für ihn sicherlich eine widersprüchliche Gestalt: Es konnte ihm nicht passen, mit welcher Selbstverständlichkeit Dionysos den Platz von Hestia am Olymp eingenommen und dadurch die gesamte olympische Ordnung in Schieflage gebracht hatte. Andererseits war nicht zu leugnen, wieviel er Demeter bedeutete und welche religiöse Kraft von der Verbindung "Brot und Wein" ausging, wodurch den Menschen ein Stück weit die Erde und das Leben wieder heimatlich wurden. Dionysos verbreitete Glück und Unglück. In seinem Umfeld war alles möglich, und niemand, der Neues wagen will, kann sich ihm wirklich entziehen. Chiron mußte das anerkennen.

Und Dionysos zog eine besondere Art von Frauen an, die eine eigene weibliche Kreativität zu entfalten vermochten, mit denen Chiron Iason bekannt machen wollte. Dionysos war mit Ariadne zusammen gewesen, einer nahen Verwandten von Medea. Thoas, der Vater von Hypsipyle, war ihr gemeinsamer Sohn, Hypsipyle also die Enkelin von Dionysos und Ariadne. Sie und Medea waren die beiden Frauen, die auf ihre Art das Schicksal von Ariadne neu aufgreifen und vielleicht lösen würden, und Chiron hoffte, dass Iason beiden helfen könnte. (Medea: Der Wortstamm 'med' wird auf das Sanskrit-Wort 'madha' zurückgeführt, was in etwa die Bedeutung 'weibliche Weisheit' hat. Zum Wortstamm 'med' gehört allerdings auch das altgriechische mehr umgangssprachliche 'medea' gleich männliche Schamteile, schwellende Eichel.)

Orpheus ging mit offenen Augen durch Kolchis. Das war für ihn keine barbarische, den Griechen unterlegene Kultur, auch wenn natürlich das wenig angenehme Wesen des Aietes jeden abstoßen mußte. Die olympischen Götter hatten hier weit geringeren Rang, dafür herrschten Helios, der Sonnengott, und dessen Schwestern, die Mondgöttin und die Morgenröte. Sie wurden viel direkter mit den Himmelskörpern identifiziert und standen der orientalischen Tradition näher.

Was ist bloß geschehen, dass auf der Rückfahrt von Kolchis Medea, Iason und Orpheus einander eifersüchtig umschlichen, wo doch von Orpheus heilender Einfluß auf Medea hätte ausgehen können und sie ihn eventuell vor seinem späteren Schicksal hätte bewahren können, als er dann in der anderen Richtung in den Westen mußte, um Eurydike aus der Unterwelt zurückzuholen? Während Orpheus sich von der Kultur und Religion Griechenlands zu entfernen begann und mit den neuen Erfahrungen im Osten eine veränderte Einstellung gewann (und das war wohl genau das, was Chiron gehofft hatte), vergaß Iason unter dem Einfluß der um ihn versammelten "Helden", was er bei Chiron gelernt hatte, und brach Medea vorschnell mit der eigenen Vergangenheit, die auf sie bedrückend und ohne Perspektive wirkte.

Am Ende erlitt Orpheus das Schicksal von Dionysos und wurde von den Mänaden wütend in Stücke gerissen, mit denen er früher so oft durch die Lande gezogen war. Ohne ihn war das orgiastische Treiben fade geworden und wenn er nicht zurückkehren wollte, wurde er eher geopfert. Auch Zeus sah mit wachsendem Mißtrauen, wie sehr er den griechischen Glauben zu untergraben drohte. Wahrscheinlich hat er das vorsichtige Wirken von Chiron, dass hinter all diesen Ansätzen stand, weder wahrgenommen, noch hätte er es verstanden. Das war ihm eine fremde Welt. So aber war er sich mit Dionysos und all den anderen, von ihm dominierten olympischen Göttern einig, dem Unternehmen der Argonautenfahrt eine negative Wende zu geben und so schnell wie möglich dem Wirken von Orpheus ein Ende zu bereiten.

Der hatte bereits begonnen, einen abstrakten Sonnenkult zu predigen (seine Kenntnisse in Kolchis waren offenbar bis zu den ägyptischen Lehren vorgedrungen) und trat für die Abschaffung der Menschenopfer ein. Keine Mondgöttin rettete ihn und auch Medea, die ihm vielleicht hätte helfen können, war fern. Seine Leier und sein abgerissener Kopf trieben über das Meer an Lemnos vorbei zur Insel Lesbos. Unterschwellig überlebt sein Einfluß bis heute. Ungefähr im 7. oder 6. Jahrhundert v. Chr. entstand der Orphismus als eine Unterschichtenreligion bei den Sklaven, die in den Bergen in den Erzgruben arbeiten mußten oder auf den Plantagen die Ernte einbrachten. Bei den Pythagoreern fand er Einfluß auf die Naturphilosophie, wo allerdings die "apollinische" Seite ein klares Übergewicht bekam und in der Gestalt der Mathematik weiterlebte. Aber ausreifen konnte diese Lehre nicht mehr und blieb zurück als ein Torso, auf den sich dann die verschiedensten rationalen und irrationalen Geistesströmungen berufen konnten.

Hera, die Kuh

Sind nicht Hera und Athene die großen Siegerinnen? Was trieb Hera, Iason am Ende in die Depression zu stürzen? Vordergründig heißt es, sie wollte Pelias strafen, weil der die ihr geweihten Opfer vernachlässigte zugunsten seines Vaters Poseidon. Vielleicht war sie also einfach eifersüchtig auf Poseidon. Eigenartig ist aber doch, wie sie Iason auf die Probe stellt. Verkleidet steht sie als alte Frau an seinem Weg. Obwohl er in Eile ist, hilft er ihr, einen Fluß zu überqueren. Hier ist er also noch er selbst. Sie veranlaßt, dass er in Medea die richtige Partnerin findet. Dafür gewinnt sie ohne Schwierigkeiten Aphrodite, die froh ist, einmal mehr die Familie des Helios mit einer tragischen Liebe zu schlagen. Nachdem Iason alles erfüllt hat, was Pelias von ihm gefordert hatte, und nach Iolkos zurückkehrt, hat Pelias bereits Iasons Vater Aison getötet und ist keineswegs bereit, sein Versprechen einzulösen. Da übt Medea Rache: Sie erweckt Aison zum Leben und bewirkt durch eine List den Tod von Pelias. Hera ist zufrieden. Medea hat ausgeführt, wofür sie angeblich Iason bestimmt hatte. Nun lässt sie Iason fallen. Als Medea später einem Liebesantrag Zeus' widersteht (der voller Stolz ist, dass die klügste Frau des Ostens sich seinem Herrschaftsgebiet angeschlossen hat), gewinnt sie endgültig Hera als Schutzpatronin. Von einer Priesterschaft für Hekate ist keine Rede mehr. Ibykos und Simonides brachten es auf den Punkt: Zum Dank wird sie unsterblich wie Achilleus und auf Ewigkeit seine glückliche Frau (»Achilleus, das Vieh«, wie ihn Christa Wolf konsequent in der Erzählung Kassandra bezeichnet hatte).

Zeigt das die verborgene Wahrheit? Im Grunde hat es Hera von Anfang an darauf abgesehen, Medea auf ihre Seite zu ziehen. Dadurch verschoben sich die Gewichte im Kampf der Götter. Als sie Iason prüfte, ging es nicht darum, einen hilfsbereiten Mann zu finden, der fähig ist, Pelias zu morden oder Poseidon zurückzudrängen. Dazu war Iason ja gar nicht fähig. Sondern es mußte der geeignete Mann gefunden werden, der den Lebensweg Medeas kreuzt, in den sie sich verlieben kann, für den sie ihre eigenen Verwandten verrät und verlässt, für den sie mordet, von dem sie sich entfremdet, und der sie am Ende verlässt. Medea war die letzte große Zauberin. Wenn Hera sie umdrehen konnte, war die Macht der Mondgöttin Hekate empfindlich getroffen. Selbst Kirke konnte überspielt werden. Einen Moment lang glaubte sie, ihrer Nichte helfen zu müssen. Aber Dionysos war bereits auf dem Weg zu Ariadne bei ihr gewesen und hatte ihren Zauber gebrochen. Odysseus lernte dann eine weitgehend "zivilisierte" Kirke kennen.

Als Iason Hera über den Fluß trug, war ihr eins klar: Dieser Mann muß aus dem Weg geräumt werden. In der entscheidenden Schlacht vor Troia brauchte sie andere Männer, echte Krieger und keine Unterhändler. Die es nicht wie Iason auf sich nehmen würden, stellvertretend für unermeßliches Blutvergießen in schier aussichtslose Abenteuer zu stürzen. Und die schon gar nicht irdische Frauen gleichberechtigt an ihrer Seite dulden und von ihnen sich helfen und beraten lassen würden. Es wurden Männer gebraucht wie Achilleus, Agamemnon oder Aias, der Sohn des Telamon. Jemand wie Iason könnte nur stören. Auf die Idee, einen Sänger wie Orpheus mitzunehmen, kam von denen keiner mehr. Euneus, der Sohn von Iason und Hypsipyle und König in Lemnos, wurde vor Troia gerade mal als Weinlieferant gebraucht. In einem Akt äußerster Schamlosigkeit wurde ihm ein gefangen genommener Sohn des Königs von Troia als Sklave verkauft.

Am Anfang verstand sich Medea wirklich gut mit Iason. Auch sie hatte einen Traum, eine Utopie für ihr Leben. Sie suchte einen starken Mann, der anders als ihr Vater nicht verschlagen war, der erst als letzten Ausweg zu kriegerischen Mitteln griff und der stark genug war, ihre eigene Stärke vorbehaltlos anzuerkennen und anzunehmen. Sie war nicht nur die Priesterin der Hekate, sondern liebte auch ihren Großvater Helios. Sie teilte dessen hellsehenden Blick und hatte seine strahlenden Augen. Sie war von der Astronomie ebenso fasziniert wie von der Heilkunst und dem Wissen um die Kräfte der Kräuter. Ein Mann wie Iason, der aus der Schule von Chiron kam, war genau richtig. Als sie in der Umgebung Iasons Persönlichkeiten wie Orpheus entdeckte, wurde sie einerseits eifersüchtig, war aber begeistert, mit Neuem konfrontiert zu werden. Aufgewachsen am Rande der Welt hatte sie doch die Weltoffenheit und den freien Blick von Helios geerbt.

Durch ihre Verbindung mit Iason hätten auch die olympischen Götter erlöst werden können, die sich untereinander und den Menschen gegenüber im Grunde immer lächerlicher benahmen und das durch wachsende Brutalität zu überspielen suchten. Hera spielte ein gefährliches Spiel. Hephaistos hatte als erster zu spüren bekommen, welchen Segen ihr Wirken hätte bringen können. Dann aber war eine riesige Chance vertan.

Medea war gegenüber Hera gescheitert. Auch sie wurde von Hera geprüft: Wie weit reicht die Macht ihrer Intuition? Und sie verlor, als sie nicht durchschaute, wie sie nur als Werkzeug gebraucht wurde, um den Tod des Pelias herbeizuführen. Wie hatte Hera Iason geprüft: Er hatte ihr über den Fluß geholfen. Freundlichkeit und Sanftheit zeichneten ihn aus in allen Abenteuern, bis er Medea traf. Allerdings war er bereits dabei, Herakles zu idolisieren und seinen alten Lehrer Chiron zu vergessen. Orpheus erkundete offenbar bereits ohne ihn und auf eigene Faust die Kultur und Religion in Kolchis. Dennoch waren es wohl seine jugendlichen Charakterzüge, die gegenüber Medea neu durchbrachen, und in die sie sich verliebte. Trotz aller Bedenken nahm er ihre Hilfe an und stellte falsche Autoritätsansprüche zurück. Eine erste Warnung gab es, als Medeas Bruder Apsyrtos zu Tode kam. Beide mußten sich durch Kirke reinigen lassen. Immer mehr ging die handelnde Rolle auf Medea über. Das ließ ganz allmählich ihren Hochmut wachsen und die wahren Fähigkeiten Iasons verkennen. Genau hier war ihr Hera überlegen. Die hatte Iason geprüft und seinen Charakter erkannt. Medea dagegen gewöhnte sich an, für Iason zu handeln und auf ihn nicht mehr zu achten. So übernahm sie ohne Rücksprache für ihn die Rache an Pelias. Hatte sie wirklich seine geheimen Wünsche ausgeführt? Mindestens war er in einem inneren Konflikt. Heras Werk war vollendet. Iason stürzte in eine innere Krise, die ihn immer weiter von Medea wegtrieb.

Versehen mit starken Schutzmächten hätte Medea zu diesem Zeitpunkt bestimmt noch die Chance gehabt, ihren Fehler wieder gut zu machen. Aber sie merkte nicht einmal, was sie angerichtet hatte. Niemand half ihr. Zeus kam kein zweites Mal mit der Aufforderung, die Schuld reinigen zu lassen. Das war die Ausgangslage, als sich das Drama in Korinth abspielte.

Aber Hera war ursprünglich selbst in ihrem Gebiet die Mondgöttin. Ihr waren wie Hekate die Rinder und die Pferde geweiht. Ihr Kampf gegen Hekate und deren Priesterin ist im Grunde ein Kampf gegen sich selbst.

Hera, die Kuh. Die innere Zerrissenheit dieser Göttin, die nach außen so überlegen und machtbewußt wirkt, rührt aus einer tiefen Verletzung. Mochte sie auch noch so königlich auftreten, ihre Kuhaugen verrieten sie immer. Im tiefsten Innern war niemand mehr als sie selbst entsetzt über ihre eigenen Erfolge. »Pflege der Kuh bringt Heil«. Das rät das chinesische I Ging dem Feuer, und nur dann kann die Hoffnung eingelöst werden, die mit jeder Morgenröte neu entsteht. Hielten sich Zeus und all die feurigen griechischen Götter daran? Hielt sich Hera selbst daran? Als sie Hephaistos, den Gott des Feuers, zur Welt gebracht hatte, war er so mißgestaltet und häßlich, dass er von der eigenen Mutter verleugnet wurde. Damit hatte sie sich aber selbst verleugnet. Wie oft wurde nicht der Kuh ihre Unbeweglichkeit, ihre grenzenlose Fügsamkeit und Langsamkeit vorgehalten! Als Iason der alten, unscheinbaren Frau über den Fluß half, gab es wohl doch einen kurzen Hoffnungsschimmer, eine Zärtlichkeit, die Hera nicht mehr gewohnt war. Sie schlug andere mit Wahnsinn. Ist es nicht ihr eigener, der sie unfähig gemacht hatte, solche Zuwendung zu ertragen und statt dessen den in den Ruin zu treiben, der ihr geholfen hatte? Mit Medea hatte sich Hera selbst gerichtet.

Achilleus, die Todessehnsucht der ersten blonden Bestie

In Prometheus floß das böse Blut der Kabiren: Bis endlich - dank Chiron - seine Befreiung von einer Seite kam, die er nie erwartet hatte. Denn er träumte von maßloser Rache, von einem neuen Umsturz, einer Revolution gegen Zeus. Nach einer alten Prophezeiung würde die Meeresgöttin Thetis einen Sohn gebären, der seinem Vater überlegen sein und dessen Macht ablösen würde.

Chiron durchkreuzte das. Er half seinem Freund Peleus bei der Brautwerbung um Thetis. Die Hochzeit fand vor seiner Wohnhöhle auf dem Pelion in Thessalien statt. Thetis merkte bald, wie sie durch Chiron überlistet worden war, fühlte sich betrogen und versuchte, ihren Sohn Achilleus wenigstens unsterblich zu machen. Dabei kam ihr unwissend Peleus in die Quere und mit ihrer Ehe war es endgültig aus.

Chiron zog Achilleus groß und bemühte sich, ihm so viel nützliches Wissen wie möglich beizubringen. Ihm verdankt Achilleus seine Fähigkeiten als Arzt und Sänger, sein einziger Trost in den Momenten, wo es ihm gegönnt war, wie ein Mensch, wie ein gewöhnlicher Sterblicher zu leben. Währenddessen war Peleus mit den Argonauten in Richtung Kolchis unterwegs. Erst beide Seiten zusammen ergeben den ganzen Plan: Iason sollte mit Orpheus seinen Weg vollenden, bevor Achilleus getrieben von seinem Dämon (und so weit als möglich zivilisiert) sein Unheilswerk beginnen würde.

Wie recht Chiron gehabt hatte, zeigt das weitere Schicksal von Achilleus. Einmal hineingerissen in die Schlacht vor Troia, wurde er zur ersten »blonden Bestie«, deren Schatten seither die europäische Geschichte verdunkelt. Kein überliefertes Maß konnte ihn halten. Alles, was heilig galt, wurde niedergerissen - kaum auszudenken, was geschehen wäre, wenn Zeus sein Vater gewesen und er über die Kräfte des stärksten Gottes verfügt hätte. Schon so ging seine Macht so weit, Memnon, den ägyptischen Gott des Morgenaufgangs zu morden.

Nur auf den ersten Blick kann der Eindruck entstehen, Chiron habe versagt, als ausgerechnet bei der Hochzeit von Peleus und Thetis vor seiner Wohnhöhle Eris den Zankapfel unter die Göttinnen warf und das Schicksal seinen Lauf nahm. Aber es war doch wohl genau umgekehrt: Chiron hatte die Initiative ergriffen, alle Göttinnen und Götter zu der Hochzeit eingeladen und Eris bewußt provoziert. Die ganze Geschichte mit dem Zankapfel, dem Streit der Göttinnen, dem Raub der Helena hatte nur die Wirkung, Zeit zu gewinnen und die Katastrophe so weit als möglich hinauszuschieben. Die tieferen Ursachen, der lange angestaute Haß unter den Göttern wie den Menschen, ließen sich nicht so schnell bereinigen. Nur die Bedingungen konnten verbessert werden, wenn die Götter sich gegenseitig neutralisierten und schließlich so viel Macht gegen Achilleus versammelt wurde, dass sein Wirken so schnell wie möglich beendet wurde. Am Ende war es Apollon, ein Freund von Chiron, der Achilleus in einer Situation tötete, wo kein Gott widersprechen konnte.

Es kann sicher nicht darum gehen, Zeus und das von ihm dominierte olympische Leben auch nur entfernt zu rechtfertigen und der Anklage des Prometheus in ihren wesentlichen Punkten zu widersprechen. Hestia hatte sich endgültig von den olympischen Göttern abgewandt, als diese gemeinsam gegen Zeus revoltierten. Ihr war eben so klar wie Thetis, dass die Folge nur ein endloses Gemetzel unter den Göttern sein konnte. Sie wollte mit dem allem nichts mehr zu tun haben, während Thetis dem bedrängten Zeus beisprang. Oder war auch Thetis bereits getrieben von Rache und eigensüchtigen Motiven, seine Frau zu werden, mit ihm einen neuen, größeren Gott zu zeugen und so eine ganz andere, erfolgreichere Revolte loszubrechen?

Jedenfalls behielt Zeus solange gegen Prometheus die Oberhand, wie dieser von Wut und Haß beherrscht blieb und auf Rächer vom Schlage eines Herakles oder Achilleus setzte. Wenn ihm jeden Tag neu die Leber herausgerissen wurde und nachwachsen mußte, war das ein Akt barbarischer Strafe, aber auch der Reinigung des Bösen in seinem Leib. Symbolisch nahm Chiron das Gift auf sich, als Herakles ihn mit dem Pfeil unheilbar verletzte. (Herakles und Achilleus entkamen jedoch nicht einem ähnlichen Schicksal, als Herakles im vergifteten Nessos-Hemd verbrannte und Achilleus vom Pfeil des Apollon getroffen wurde.) Denn er konnte diesen Schmerz ertragen und auf seine Unsterblichkeit verzichten zugunsten von Prometheus, der dadurch von seiner Strafe erlöst wurde.

Weiter ist danach von Prometheus nichts mehr zu hören, offenbar konnte diese unerwartete Wende ihn besänftigen. Achilleus ging in den Hades ein oder - verbringt eine Ehe ohne Ende mit Medea auf der Insel Leuke.

Die Labyrinthe von Ariadne

Ariadne, wer kennt sie nicht, etwa am Morgen nach einer Nacht voller Halbträume und labyrinthisch kreisender Gedankengänge. Oder wenn die Luft so klar ist, dass die Wege auf einen zulaufen und der Horizont näher ist als der Boden unter den Füßen.

Sie wird angerufen in den ältesten entzifferten Texten aus Kreta, als Göttin des Honigs, lange vor den olympischen Göttern. Und sie könnte wirklich gelebt haben, gilt nicht nur als die erste Göttin, sondern steht am Anfang der überlieferten Geschichte. So sieht es jedenfalls Plutarch, wenn er Theseus für den historischen Gründer und ersten König von Athen hält. Und dann erscheint sie in neuester Zeit bei Nietzsche lebendig wie über Jahrhunderte keine griechische Göttin mehr, als Fluchtpunkt gegenüber der versinkenden Welt der orientalischen Götter und des europäischen Lebensgefühls.

Wer sie verstehen will, wird wirklich in ein Labyrinth geführt. Helfen Kenntnisse über Verwandtschaftsbeziehungen weiter? Ihr Vater war Minos, König in Kreta, und ihre Mutter war Pasiphae. Pasiphae war die Schwester von Kirke und Aietes. Deren Vater war der Sonnengott Helios, und über ihn ist sie direkt verwandt mit Medea, der Tochter von Aietes. Einer ihrer Brüder war Deukalion, der griechische Noah, eine ihrer Schwestern Phaidra, die spätere Frau von Theseus, lange nachdem er sie verlassen hatte.

Was hat sie von den Katastrophen in ihrer Umgebung wirklich erlebt, was kannte sie nur aus Erzählungen und Alpträumen? Wie war das mit der Sintflut? Überall in Kreta waren die Spuren einer Sintflut zu sehen und sind es noch heute. Wie Noah hatte Deukalion nach Überleben der Sintflut den ersten Wein angebaut. Anders war das nicht zu ertragen. Das Böse einer alten Welt war gestraft worden und untergegangen. Danach war die Welt dennoch nicht besser geworden, aber es kommt eine neue Erfahrung des Göttlichen in der freiwilligen Auslöschung der eigenen Individualität im Weinrausch. Kannte Ariadne ihren Bruder? Hatte sie sein Schicksal geteilt? Hatte sie ihn noch kennen gelernt, als er unfähig war, über das Entsetzen zu sprechen?

Wie ist zu verstehen, dass all ihre anderen Verwandten nach der Sintflut noch lebten und völlig unbeeindruckt davon waren? Waren sie betäubt in einem kollektiven Rausch, gelähmt in perfekter Verdrängung? Ariadne spürte die Gegenwart der Sintflut. Sie spürte sie so nahe wie den eigenen Bruder.

Als sie noch ein Kind war, spielte Daidalos mit ihr und bastelte ihr allerlei Spielzeug, kleine mechanische Puppen und Ähnliches. Er mochte sie. Niemand verstand sie so gut. Später baute er ihr nach ägyptischen Vorbildern labyrinthische Tanzböden, als sie bereits als Göttin verehrt wurde.

Er war auf der Flucht aus Athen gekommen. Als junger Mann hatte er seinen Neffen Talos von der Akropolis in den Tod gestoßen. Jeder wußte das, hatte er doch selbst die Tat bekannt, und er hatte sich ein plausibles Motiv ausgedacht: Eifersucht auf dessen Erfolge. Talos und er waren die ersten Ingenieure und Instrumentenbauer. Gemeinsam hatten sie seit der Kindheit die verschiedensten Experimente ausgeführt, waren unzertrennlich, hatten in der Natur immer neue Entdeckungen gemacht und sich gegenseitig übertroffen in ihrer Erfindungsgabe und Freude an neuen Erkenntnissen. Nach historischer Überlieferung soll Talos die Kreissäge und den Zirkel erfunden haben. Am Ende ihrer Jugendzeit verdüsterte sich plötzlich das Verhältnis. Talos zog sich immer mehr zurück, suchte die Einsamkeit und beteiligte sich nicht mehr an den Spielen mit Daidalos. Und dann lag er tot am Fuß der Akropolis. Daidalos nahm die Schuld auf sich.

In Kreta zeigte er Ariadne, wie die Puppen in Bäumen aufgehängt werden können, wie lustig sie im Wind schaukeln, als wären sie zu Leben erwacht. Von ihm lernte sie den alten Brauch, Puppen als Fruchtbarkeitsgöttinnen in Obstbäumen aufzuhängen, um mit ihrer freien und gleichmäßigen Bewegung eine gute Ernte herbeizuführen.

Aber Ariadne glaubte ihm nur halb. Sie hatte einiges gehört über die bedrückenden Verhältnisse in Kolchis, wo ihr Onkel Aietes herrschte, dass dort die Leichen der gestorbenen Männer ebenfalls in Bäumen aufgehängt wurden. Und sie hatte gehört, dass der Wein, den ihr Bruder Deukalion eingeführt hatte, keineswegs überall mit Begeisterung aufgenommen wurde. Ikarios ging mit seiner Tochter Erigone von Kreta nach Attika. Als er dort den Bauern den ersten Wein zu trinken gegeben hatte, glaubten die sich vergiftet und brachten ihn um. Aus Trauer erhängte sich Erigone in dem Baum, unter dem ihr Vater beerdigt war.

Das ist Ariadne: Fast wie im Spiel erzählte sie diese Geschichten Daidalos und wünschte sich, ihm würde wie so oft etwas Interessantes einfallen, das ihre dunklen Gedanken vertreiben könnte. Aber das Gegenteil geschah. Daidalos wurde so ernst, wie sie ihn nur selten erlebt hatte, sein Gesicht verhärtete sich: Laß mich in Ruhe damit, hörst Du! Erzähl nie wieder so etwas! Ariadne zuckte zurück, und er mußte sich zwingen, weiter ihre Gegenwart auszuhalten. Alles, was er sich über sein Leben zurecht gelegt hatte, war verflogen.

Mit einem Mal sah Ariadne all die Frauen, die sich erhängt hatten, von denen Daidalos wußte, und fühlte sich mit ihnen eins. Sie sah ihr eigenes Schicksal. Sie selbst würde in den Tod durch Erhängen gehen müssen, aus Angst vor göttlicher Rache, weil sie es wagen würde, der Liebe des Dionysos die Liebe zu einem Sterblichen, zu Theseus vorzuziehen. Sonst würde Artemis sie töten, die gleiche Artemis, die Täterin und Opfer in einem war und sich selbst an einem Baum hängte. Und auch Artemis wird sich in einen Sterblichen verlieben, in Hyppolitos, den Sohn von Theseus, und Ariadnes Schwester Phaidra wird dann die Frau von Theseus sein. Ein Labyrinth ohne Ende. Aber Ariadne verliert sich nicht darin, sie wird sich ihrer selbst bewußt.

Vor ihr stand ein gebrochener Mann, Daidalos, und sie erriet seine Wahrheit: Polykaste war doch seine Schwester, die Mutter von Talos, und die erhängte sich, als sie von ihm erfuhr, dass ihr Sohn Talos Selbstmord begangen und von der Akropolis gesprungen war. Daidalos hatte ihr direkt ins Gesicht geschrien, sie sei Schuld an allem wegen ihrer Inzest-Beziehung zu ihrem Sohn. Sie erhängte sich (wie sich auch Iokaste erhängte, als der Inzest mit Oidipus offenbar geworden war), und er hatte seinen besten Freund und seine Schwester verloren. Er schwor sich, die Schuld auf sich zu nehmen und in einem fernen Land ein neues Leben zu beginnen.

Ariadne wußte noch mehr: Die Geschichte konnte kein gutes Ende nehmen. Auf Dauer konnte sich Daidalos nicht in Kreta halten, er war zu sehr in die innersten und peinlichsten Geheimnisse des Herrscherhauses eingeweiht. Hatte er doch Pasiphae, ihrer Mutter, eine künstliche Kuh bauen müssen, in der sie ihren animalischen Liebestrieb ausleben und sich von einem heiligen Stier des Poseidon schwängern lassen konnte. Irgendwo mußte sich die Verdrängung des vergangenen Unheils einen Ausweg schaffen. Er würde fliehen müssen, und ihm blieb kein Weg, als mit seinem Sohn Ikaros mithilfe selbst konstruierter Flügel über die See zu fliegen. Ikaros erhob sich zu weit zur Sonne, die Strahlen des Helios, ihres Großvaters, des Vaters von Pasiphae, trafen ihn, und er stürzte in den Tod.

Alles ging ineinander über, ein schier unentwirrbares Knäuel: Helios wurde Zeus, Ikaros sein eigener Vater Daidalos, Daidalos sah in dem stürzenden Ikaros seinen Jugendfreund Talos, und Daidalos sah sich selbst stürzen, war identisch mit Hephaistos, den Zeus vom Himmel gestoßen hatte. Zeus war Talos, der in anderer Überlieferung als Vater von Hephaistos gilt. Hephaistos kam zusammen mit Hekate zur Urzeugung in den thessalischen Sümpfen. Und sie selbst, Ariadne, war Hekate, so wie sie auf den frühesten kretischen Zeugnissen verehrt wurde, die Mondgöttin von Kreta. Hephaistos und Ariadne zeugten Aphrodite. Auf Zypern, von wo die Kulte der Aphrodite stammen, wurde Ariadne als ihre Mutter verehrt.

Als sich das alles wieder löste, Ariadne aus ihrem Traum herausfand und vor ihr Daidalos stand, der ihre Hand ergriffen hatte, um sie auf die Erde zurückzuholen und zu trösten und sich wie so oft schuldig fühlte, war die Welt anders geworden, ein Labyrinth. Der Funke war auf Daidalos übergesprungen. Ihm war der Plan erschienen für das Labyrinth, um den Minotaurus, den Halbbruder von Ariadne, einzufangen.

Ohne weitere Worte zu verlieren, wußte jeder von ihnen, was im anderen vorgegangen war. Gemeinsam errichteten sie ein Denkmal, eine große Bronzefigur: Talos. Talos (wörtlich: »der, der leidet«) galt als der Bronze-Mann, der wie die Sonne täglich um die Insel Kreta wanderte und alle angreifenden Schiffe zurückschlug. Er sollte die Macht ihres Großvaters Helios bannen. Daidalos schuf ihn als Gestalt aus der Zeit des früheren Weltalters, das durch die Sintflut untergegangen war. Der Riese Talos auf Kreta »war als einziger aus dem ehernen Geschlecht der eschengeborenen Menschen« übrig geblieben (Apollonios). Daidalos und Ariadne wollten den Fluch brechen, der über dem kretischen Volk lag.

Nach der Sintflut fühlten sich über Generationen alle überlebenden Kreter schuldig und empfanden sie als Strafe für den Mord an den Göttern. Sie glaubten, Zeus sei gestorben (Gott ist tot) und in einer der Kulthöhlen in Kreta begraben, in der er auch geboren sein könnte und mit Persephone den Dionysos gezeugt hat. Daher galten sie den Griechen als Lügner. Sie selbst fühlten sich als Lügner. Sie sagten: Wir sind alle Lügner, alles was wir sagen, ist gelogen. Ihr Denken hatte sich in Paradoxien verstrickt, und sie fanden nicht mehr heraus. Sind sie darin nicht bedrückend aktuell? »Kann es wahr sein, wenn ein Kreter sagt: Alle Kreter lügen?« Was später nur noch wie ein spitzfindiger Scherz aussah, war nie harmlos gemeint. Und führte nicht dieser Scherz dann die Logik in ein unausweichliches Labyrinth? Zeigte er nicht, dass es eine "reine Logik" nicht gibt, sondern jede Logik auf einem Labyrinth aufgebaut ist? Dieses scheinbar harmlose logische Paradox ist in präziser Formulierung der Gedanke, der im 20. Jahrhundert die Mathematik in die Grundlagenkrise stürzte.

Talos sollte Versöhnung bringen. Er war ein Schutzgott. Die neue Religion nach der Sintflut kannte nicht nur Wein und Opfer, sondern wollte in Angst vor einer neuen Katastrophe ihre Götter festhalten, bei sich tragen, schützen wie einen Schrein.

Sein anderer Name war Kirkinos, eine männliche Form von Kirke. Mit dem Tod der Götter wurde die Liebe zum Verhängnis. Sie spaltete sich auf in unendlich viele Gestalten, die sich nicht integrieren lassen, nicht nur in die Liebe unter dem Stern von Aphrodite, sondern auch in eine rohe, animalische Form, wodurch die Frauen Huren werden und die Männer Schweine, Tiere ohne Geist, die im und vom Dreck leben (hierfür war Kirke zuständig), oder in ein unerreichbares, fernes Ideal, und dies Schicksal war Ariadne beschieden.

Ariadne (wörtlich: »die sehr Reine« oder »die sehr Heilige«) sehnte sich nach einer Liebe ohne Schmerz und Demütigung. Aus den Zeiten vor der Sintflut tauchte Poseidon wieder auf. Wenn es ihm danach war, ließ er keine Gelegenheit aus, unter die Menschen zu gehen, um eine Frau zu vergewaltigen und sie bedenkenlos in lebenslanges Unglück zu stoßen. So war auch Pelias gezeugt worden, der Halbbruder des Vaters von Iason. Poseidon sandte die Stiere, Verkörperungen seiner Art von roher Liebe. Er hatte Pasiphae, die Mutter von Ariadne, verrückt gemacht und ließ sie den Minotaurus gebären.

Ariadne hoffte auf den Mann, mit dem sie den Minotaurus töten und dem Bann von Helios und Poseidon entfliehen könnte. Sie nahm den Liebespfeil auf sich, den Aphrodite gesandt hatte, sie nahm die Blindheit der Liebe in Kauf, und sie wußte, dass weit in der Ferne Dionysos heranzog, auferstanden aus der Höhle, in der Zeus begraben lag, dass er die Macht der Kirke brach, die Macht des Weines und des Rausches für sich beanspruchte, endgültig am Olymp die Position von Hestia einzunehmen trachtete und Theseus aus dem Weg drängen wollte.

Sie hatte gehofft, die reine Liebe zu erlangen. Aber Theseus verließ sie. Sie verstand ihn nur zu gut. Er machte sich vor, er müsse sie verlassen, weil sie für ihn göttlich und unerreichbar sei. In Wahrheit hatte er einfach Angst vor Dionysos, der Ariadne für sich beanspruchte, und die Angst war berechtigt.

In unendlicher Trauer klagte Ariadne auf der Insel Naxos über ihr Schicksal. Dionysos traf keine Frau an, die sich ihm in die Arme warf. Sie ergab sich ihm. Trotz allem Charme würde es ihm nie möglich sein, ohne die Wirkung des Alkohols einer Frau gegenüber zu treten und sie für sich zu gewinnen.

Zahlreiche Frauen hatten sich ihm angeschlossen. Sie hatten ihm ein herrliches Kultgewand gewebt, auf dem er mit Ariadne zusammen lag. Es war an ihren Sohn Thoas, dann an dessen Tochter Hypsipyle und schließlich an Iason weiter gegeben worden. In der Erzählung von Apollonios gab der es schließlich heuchlerisch als Gastgeschenk an Apsyrtos, den Bruder von Medea, um ihn erst zu täuschen und dann zu morden.

Als Medea mit den Argonauten vor Kreta erschien, war die Stunde der Rache gekommen. Dies ist bei Apollonios, der sonst fast immer Medea gut gewogen ist, die einzige Stelle, wo sie auf solche Weise dargestellt wird: »Da rief sie mit Zaubergesängen beschwörend die lebenverschlingenden Keren an, die schnellen Hunde des Hades, die überall durch die Luft dahineilen und alles Lebende anfallen. Diese rief sie mit dreifachen Zaubergesängen und Formeln flehentlich herbei; sie nahm eine feindselige Haltung an und behexte mit ihrem bösen Blick die Augen des ehernen Talos. Zähneknirschend richtete sie ihren unheilvollen Zorn auf ihn und schlug ihn in ihrem wilden Haß mit schrecklichen Wahnvorstellungen.« Die Wirkung trat sofort ein: »Als er gewaltige Steine heranwälzte, um die Landung zu verhindern, ritzte er sich den Knöchel an einem spitzen Stein; sein göttliches Blut, geschmolzenem Blei gleichend, floß heraus«.

Von außen betrachtet war das so etwas wie der Kampf des Don Quixote gegen die Windmühlenflügel: Medea hatte das alte Denkmal von Ariadne und Daidalos umgestoßen. Das war symbolischer Mord an ihrer entfernten Nichte und mehr noch: die Anmaßung, das Bild der Versöhnung mit den Göttern nach der Sintflut wieder aufzukündigen. Aus ihrer eigenen Sicht war es sicher die Verzweiflung, keine Götter in der Nähe zu spüren. Diese Statue mußte auf sie wie ein Hohn wirken. Wird es mit anderen Augen gesehen, dann hatte sie aber jetzt den Mord an den Göttern wie auch den Selbstmord von Talos auf sich genommen. Sie war allein. Iason wandte sich von ihr ab. Ihr Versuch mußte scheitern, den König von Athen zu umgarnen und mit ihm einen Sohn zu zeugen, der Theseus verdrängen sollte. Geliebt von Ariadne konnte nichts Theseus aufhalten. Alles Weitere ist Geschichte.

1996 - 1999

Literaturhinweise:

Apollonios von Rhodos: Das Argonautenepos, Darmstadt 1996

Johann Jakob Bachofen: Der Mythus von Orient und Occident, München 1926

Georg Friedrich Creuzer: Symbolik und Mythologie der alten Völker besonders der Griechen, 4 Bd. Hildesheim, New York 1973

Johannes R. Gascard: Medea-Morphosen, Berlin 1993

Peter Jensen: Die Kosmologie der Babylonier, Berlin und New York 1974

Karl Kerényi: Töchter der Sonne, Zürich 1944

Karl Kerényi: Hermes der Seelenführer, Zürich 1944

Karl Kerényi: Apollon und Niobe, Wien 1980

Robert Ranke-Graves: Griechische Mythologie, 2 Bd., Reinbek 1960

Erwin Rohde: Psyche, Darmstadt 1961

Friedrich Schelling: Über die Gottheiten von Samothrake, in: Schellings Werke, 4. Hauptband, München 1958

Jochen Schmidt: Hölderlins später Widerruf in den Oden 'Chiron', 'Blödigkeit' und 'Ganymed', Tübingen 1978

Erika Simon: Die Götter der Griechen, Darmstadt 1985

Martin Vogel: Chiron, der Kentaur mit der Kithara, Bonn-Bad Godesberg 1978

Christa Wolf: Medea, 1996

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