Walter Tydecks

 

Rhetorische Figuren

- Aristoteles-Kommentare II

Wo liegen die Weichenstellungen der abendländischen Musik, die seither die Grenzen der Musik abstecken? Aristoteles scheint mir die richtige Stelle zu sein. Seine Wiederentdeckung war um 1200 der philosophische Hintergrund, als die neuzeitliche Musik entstand.

Fragen wie "Was ist Musik", "was ist schön", "Gänsehautstellen", Fragen nach dem Reiz der alle Hörgewohnheiten verletzenden Musik des 20. Jahrhunderts oder dem Charisma von überwältigenden Musikern gelangen immer dahin, ob Musik nun eher mit den Sinnen wahrgenommen oder vom Geist verstanden wird.

Wie sind Körper und Geist durch die Seele verbunden? Musik kann "in die Beine gehen", zu Tränen rühren, den Atem stocken lassen, also unmittelbar körperlich erregen, und doch wird das durch etwas hervorgerufen, das rein geistig zu verstehen ist.

Was geschieht, wenn die Schwingungen des Trommelfells im Ohr übersetzt werden in zusammenhängende Melodien, in ein Kunstwerk, dessen Techniken und Aussagen verstanden - oder auch möglicherweise missverstanden - werden, wenn beim Hören innere Bilder, Erinnerungen, Wünsche und Ängste ausgelöst werden? Wie setzt die Wahrnehmung den Klang der Musik zusammen mit anderen Sinneseindrücken, z.B. den Blick in die Partitur oder auf die musizierenden und dirigierenden Künstler?

Es muss ein gemeinsames inneres Maß geben, wodurch diese unterschiedlichsten Eindrücke zusammengefügt und aufbereitet werden können. Und das kann für Aristoteles nur die Mathematik sein.

"Aber jeder Sinn urteilt über die ihm eigenen Objekte und täuscht sich hierüber nicht, dass es z.B. Farbe oder Ton ist, sondern nur darüber, was der Träger der Farbe ist oder wo, oder was das Klingende ist oder wo. Solche Objekte heißen also dem Sinn eigentümliche, gemeinsame aber sind Bewegung, Ruhe, Zahl, Gestalt, Größe. Solche Objekte sind nämlich keinem einzelnen Sinn eigentümlich, sondern allen gemeinsam." (Aristoteles, Über die Seele, 418a)

Kandinsky

"Das Malen ist ein donnernder Zusammenprall verschiedener Welten, die in und aus dem Kampfe miteinander die neue Welt zu schaffen bestimmt sind, die das Werk heisst. Jedes Werk entsteht technisch so, wie der Kosmos entstand - durch Katastrophen, die aus dem chaotischen Gebrüll der Instrumente zum Schluss eine Symphonie bilden, die Sphärenmusik heisst." (Wassily Kandinsky, 1913); Quelle

Das Verständnis der Mathematik schwankt wiederum zwischen zwei Extremen: Ist Mathematik nur das äußerliche Gemeinsame, worin alle unterschiedlichen Sinneseindrücke miteinander verbunden werden können, oder birgt Mathematik im Innern eine geheime, also die wahre Aussage, die durch die verschiedenen Sinne ertönt, aufscheint, zum Fühlen greifbar wird? Bleibt also der Genußhörer bei dem äußersten Schein stehen und mokiert sich über nichts mehr, als was ihm hässlich und unangenehm erscheint, während der philosophische Hörer tiefer hört und etwas Erklingen sieht, was mit dem unmittelbaren Hörreiz nur noch wenig zu tun hat?

Ohne Zweifel ging die Philosophie der griechischen Antike und damit das gesamte europäische Denken in diese Richtung. Es glaubt, in der Mathematik und ihrem axiomatischen Aufbau den Schlüssel gefunden zu haben zu einem ganz neuen Musikverständnis: Sind die Elemente der Musik und ihre Verknüpfungsregeln bekannt, kann daraus Musik komponiert werden, so wie sich mathematische oder physikalische Theorien entwickeln lassen. Das Genie eines Beethoven ist dem Genie eines Newton verwandt. Musik ergreift nicht mehr den Menschen, sondern der Mensch kann sie nach selbst gesetzten Regeln frei entwerfen.

Ohne dass es den meisten Hörern bewusst wurde, erlebte das geistige Verständnis seinen größten Triumph in der klassischen Periode von Rameau und Bach bis zu Wagner und Ravel. Rameaus Lehre der ganz auf die Dur- und Moll-Tonarten gegründeten Harmonien und Bachs "Wohltemperiertes Klavier" waren die Gründungsdokumente einer Musik, die im Innern auf äußerst strengen mathematischen Gesetzmäßigkeiten beruht und dort wieder auseinander fiel, als Wagner in der Enharmonik den blinden Fleck dieser Harmonie erkannte und als erster demonstrierte, wie alle Kompositionsgesetze hierdurch geradezu neutralisiert werden können. Ravel zeigte, wie weit die klassische Musik aus dem Innern bis an die Klänge des frühen 20. Jahrhunderts geführt werden konnte. Er hat zum Beispiel keinen Jazz oder Blues komponiert, sondern mit Mitteln wie Bitonalität Jazz- und Bluesklänge an den Grenzen der Möglichkeiten der klassischen Musik konstruiert.

In den Konzerthäusern und Opern war der absolute Hörraum geschaffen worden, in denen Musik als rein innerlicher Eindruck konsumiert werden kann, am konsequentesten, wo das Orchester ganz im Graben verschwindet. Die Seele fühlt sich der größten Gefühle fähig, vermag gewissermaßen dem Körper immer freier zu entschweben, je mehr dieser in Ruhe gebracht ist und nicht stört.

Vereinzelt musste das immer Spötter hervorrufen, bis dann in einem gewaltigen Generationenkonflikt um 1900 der alte Plüsch durchbrochen wurde und sich das neue Leben, die neuen Ideen in den Bars und Music-Halls abspielten.

Wenn aber Aristoteles mit seiner Lehre von der Seele nur einen Aspekt erfasst hat, in Nietzsches Ausdruck das Apollinische der Musik, welcher Gegenaspekt fehlt dann? Er scheint mir mit dem Dionysischen nicht treffend benannt zu sein. Denn rauschhaft ist auf ihre Art jede Musik, auch die mit äußerster Intensität im Kammermusiksaal aufgeführte. Das Apollinische kann mit dem Dionysischen sehr gut leben, was es dagegen hasst sind alle "bloß" rhetorischen Mittel.

Rhetorik: Gibt es in der Sprache - einschließlich der Sprache der Musik - eine tiefere Struktur, die Vorprägungen enthält, welche der mathematischen Wahrnehmungsfähigkeit entgehen oder diese überspringen? Gibt es Verführungskünste, die bei Paganini und Liszt gerade noch gebändigt, aber im 20. Jahrhundert mit seinen Louis Armstrong und Janet Baker, Jimi Hendrix und den frühen Beatles mit ihrer enthemmenden Wirkung auf eine ganze Generation von Teenies zum ungehinderten Ausdruck kamen?

Konzert der Beatles

Most members of the Beatles' 1964 audience at the Cincinnati Gardens remember hearing only screaming fans who covered up the band's 12 songs; Quelle

Das ist doch keine Musik mehr! Da wird mit billigen Effekten gearbeitet! In der Klassik ist das nur erlaubt, wenn bei den Auftritten eines Stokowski, Furtwängler oder Karajan, also den unvergesslichen Charismatikern, die Schauer über den Rücken laufen, und doch alles gesittet zugeht.

Enthält die Rhetorik solche Aspekte, die in der Mathematik, der aristotelisch verstandenen Seele, der Wahrnehmungsfähigkeit verfehlt werden? Rhetorik wirkt zu großen Teilen so, als würden Sprachfehler, die unter starker unkontrollierter Erregung entstehen, analysiert und dann systematisch als Stilmittel eingesetzt. Das sind seit Baudelaire oft Bilder, die bewusst unter Drogeneinfluss geschaffen wurden. In der Rhetorik wird von Figuren gesprochen: abgerissene Sätze (Ellipse), Sätze mit bewusst falsch angeordneten Worten (Hyperbaton), ungewohnte, in sich widersprüchliche Bilder wie in den Gedichten von Trakl (Oxymoron), überstürzender und umständlicher Einsatz von viel zu vielen Worten (Pleonasmus), Wiederholung in verschiedenen Stimmlagen (Polyptoton), zwanghafte, kreiselnde Wiederholungen (Circulatio), völliger Stillstand in einer Generalpause (Homoioteleuton), zweifelhafte Modulation oder unnatürliche Verlängerung von Rhythmen (Dubitatio), um eine Reihe von Beispielen zu nennen.

Jeder wird viele Beispiele kennen, wie solche rhetorischen Figuren im 19. Jahrhundert schleichend Eingang in die Musik fanden und dann im 20. Jahrhundert für alles das stehen, was von der klassischen Musik aus an der neuen Musik verachtet wird.

Rhetorik hat überhaupt den Ruf, so etwas diene nur Machthabern mit diktatorischen Absichten, um die Künste für ihre Zwecke zu missbrauchen. Daher haben bereits Sokrates und Platon die Sophisten verachtet, von denen viele ihr Geld verdienten, indem sie Nachwuchspolitikern in Athen Rhetorik beibrachten. Aristoteles war immerhin an dem Thema so sehr interessiert, dass er in seiner "Rhetorik" versucht hat, systematisch zu klären, was dabei geschieht. Auch er wollte aber vor allem verstehen, mit welchen Absichten und Methoden der Redner überzeugen will. Wenn ein Künstler solche Stilmittel einsetzt, muss er sich sagen lassen, das sei geisteskrank, machthörig oder nur auf schnellen, zweifelhaften Erfolg berechnet, nichts als Werbung.

Peitho

Peitho, die Göttin der Beredsamkeit - ursprünglich in erotischen Angelegenheiten, sie gilt als Tochter der Aphrodite, dann aber auch in politischer Rhetorik Mehr Informationen; Quelle

So blieb bis heute die Frage offen, wie sich die Wirkungskraft der rhetorischen Mittel erklären lässt, da immer nur gefragt wurde, wer sich mit welchen Zielen ihrer bedient. Während die Wahrnehmungsphysiologie und heute ergänzend die Hirnforschung auf gewissermaßen materieller Ebene zeigen wollen, wie Wahrnehmungen entstehen und verarbeitet werden, zielt die Rhetorik auf die Wahrnehmungsbereitschaft. In rhetorischen Figuren wird der eigene Charakter offen gelegt. Alle rhetorischen Übungen können das nur kurzzeitig überspielen und werden vom Hörer meist schnell durchschaut. Sie sollen und können in der Persönlichkeit des Zuhörers eine Resonanz hervorrufen und werden daher den ansprechen, der auf "gleicher Wellenlänge" liegt.

Rhetorische Figuren können öffnen oder verschließen. Der Redner oder Musiker wird bei ihrem Einsatz polarisieren: den einen gefällt es, die anderen stößt es ab. So wird gegenseitige Sympathie oder Antipathie geweckt, die noch vor den Urteilen der jeweiligen Werke oder Aussagen stehen.

Wer rhetorische Stilmittel beherrscht, sei das nun ein guter Redner oder Komponist, vermag den Hörer zu begeistern und seiner normalen Wahrnehmungsfähigkeit - Selbstkontrolle - zu berauben. Offenbar gibt es in der Wahrnehmungsfähigkeit einen offenen Bereich, der nicht vollständig geschützt ist und sich der mathematischen Kraft des gemeinsamen Maßes entzieht. Rhetorische Figuren sind den Techniken der Hypnose und des Traumes verwandt. (Freud beschrieb den Traum mit rhetorischen Begriffen wie Metapher oder Metonymie.) Und hier schließt sich wieder der Kreis zur Psychologie: Die Seele kann einzelne Wahrnehmungen verarbeiten, aber sie kann auch ihrerseits im Ganzen angeregt und in Schwingung versetzt werden. Durchaus denkbar, dass sich dies wiederum mathematisch beschreiben lässt, aber das ist dann eine andere Mathematik als diejenige, die von kleinsten Elementen ausgeht und diese dann konstruktiv zusammensetzt.

Der gute Rhetoriker weiß immer im richtigen Moment die passenden Metaphern anzubringen, in der Musik die treffenden schönen Stellen, das war auch die wichtigste Beobachtung für Aristoteles. Was sind das für Stellen, welchem Gewebe oder welchem Raum gehören sie an? Aristoteles spricht von Topik, und die ist klar unterschieden von mathematischen und physikalischen Räumen.

Rhetorische Kunst ist oft auch eine intrigante Kunst, spielt mit den Möglichkeiten des Verfangens, wodurch mathematisches Denken und der klassische Geist in Gedankenkreisel getrieben werden können, bei Verlust aller Orientierungsfähigkeit.

Bei Aristoteles scheint die Trennung von Mathematik und Rhetorik mit der Frage zusammenzuhängen, ab wo und wie sich Wirklichkeit und Möglichkeit unterscheiden. Mathematik steht dann für die Eingrenzung auf das, was wirklich sein kann. Rhetorik spielt mit Möglichkeiten.

So weit ein erster Einstieg in das Gebiet der rhetorischen Figuren.

Literaturhinweise

Aristoteles: Über die Seele (De Anima)
in: Philosophische Schriften, Bd. 6, Hamburg 1995

Aristoteles: Rhetorik, Stuttgart 1999

Sandeep Bhagwati: Komponieren im 21. Jahrhundert,
http://iem.at/projekte/publications/bem/bem9/

gedichte.com: Rhetorische Figuren und Tropen
http://www.gedichte.com/showthread.php?t=17519

Martin Heidegger: Grundbegriffe der aristotelischen Philosophie, Frankfurt am Main 2002

Vladimir Karbusicky (Hg.): Sinn und Bedeutung in der Musik, Darmstadt 1990

Platon: Phaidros, Stuttgart 1957

Peter W. Schatt: "Jazz" in der Kunstmusik, Kassel 1995

Günter Schnitzler (Hg.): Musik und Zahl, Bonn 1976

Hans-Heinrich Unger: Die Beziehungen zwischen Musik und Rhetorik im 16. - 18. Jh., Würzburg 1941

Michael Walter (Hg.): Text und Musik, München 1992

Wolfgang Weller: Musikalische Figuren,
http://www.wellermusik.de/Paedagogik/Figuren/figuren.html

© tydecks.info 2006 - Erstveröffentlichung im Tamino-Klassikforum März 2006