Walter Tydecks

 

Anton Bruckner: 8. Sinfonie - das Mysterium

Das Werk

Zu meiner Freude mögen in diesem Forum viele Bruckner und auch bei den Skeptikern scheint echtes Interesse zu bestehen. Nun ist jedoch sicher kein neuer Eintrag für einen Konzertführer notwendig, und ich bin auch kein Musikwissenschaftler, der mit neuen Entdeckungen kommen kann. So geht es mir eher um subjektive Höreindrücke und die Frage, wie sich diesem Werk nähern.

Bruckner selbst sagte: "Meine Achte ist ein Mysterium". Bestätigt das wie auch das Unmäßige dieses Werks die üblichen Vorurteile: Bruckner als der nekrophile Kirchturmkletterer, vom Zählzwang heimgesucht, unfähig um eine Frau zu werben, Biertrinker und unersättlich beim Essen? Und das in einem Wien, das sich auf dem Höhepunkt des Reichtums und der öffentlichen Präsentation bewegte (Ring-Architektur, Makart etc.), unmittelbar vor dem Absturz. Oder ist umgekehrt Bruckner ähnlich den ihm geistesverwandten Grillparzer oder Stifter ein Beispiel, wie das imperiale Österreich die eigenständigsten Persönlichkeiten geistig zu ersticken suchte? Bei aller Zurückgezogenheit war Bruckner zu ganz überraschenden Schritten fähig, zum Beispiel seine Reise nach London, um dort vor Tausenden von Zuhörern auf der Orgel im Kristallpalast zu spielen.

Bruckner

Anton Bruckner (1824 - 1896) zwei Jahre vor seinem Tod; Quelle

Wer bei Bruckner die barocke Pracht, das Baden in den Klangmassen und Schwelgen im unendlichen Gesang liebt und genießen will, wird von der 8. Sinfonie sicher enttäuscht. Gleich die ersten Takte des ersten Satzes: Da scheint alles rückwärts zu gehen, sich in sich zu verschließen. Es ist dem Dirigenten offen gelassen: geht die Bewegung eher nach oben oder nach unten, öffnet sich ein dunkler Raum oder beginnt eine Stimme sich durch verschiedene Instrumente hindurch zu finden, leuchten die Bläser auf oder ist es der Widerschein einer jenseitigen Welt? Schweben, hängen oder fliegen die Streicher über den sich steigernden Bläsern?

Der zweite Satz soll den "deutschen Michl" zeigen. Da ist nichts Schlafmütziges, auch das Gewalttätige ist noch kaum zu erkennen, vielmehr große Unsicherheit und Fremdheit in einer Welt, in der der eigene Platz noch nicht gefunden ist.

Was ist übrig geblieben aus der Zeit, als die Menschen ihre Vorfahren und die Verstorbenen um sich spürten und sich ihnen geradezu körperlich verbunden fühlten, ihnen zum Beispiel regelmäßig Gaben zu essen und zu trinken reichten? Einige Jahrhunderte hat es gedauert, das zu vertreiben, und es hat in eine Epoche geführt, in der nun zwei Jahrtausende vergangen sind und "keine neuen Götter" (Nietzsche). Niemand will sich der Frage stellen, was es da heißt, sich auf den Tod vorzubereiten. Der Tod hat jede Süße verloren, jede Geborgenheit, dort wieder bei denen Trost zu finden, die gestorben sind, und endlich aus der Welt der Toten denen Trost zu geben, wo es im Leben nicht möglich war. Wenn von der Todessehnsucht in dieser Sinfonie gesprochen wird, höre ich den dritten Satz so, dass Bruckner hier in dieser Weise in Töne fasst, was sich in Worten nicht sagen lässt, weil heute offenbar nicht die Zeit dazu ist. Mir ist bewusst, wie auch dieser Kommentar sich selbst aufzulösen droht. Das Denken in diese Grenzen zu rücken, das kann diese Sinfonie helfen.

Von dort zurückgekehrt, kann die Welt so erscheinen, wie sie im letzten Satz dargestellt wird. Auch das gehört für mich zu Bruckner, das Übertönende und Riesenhafte in seiner ganzen Gestalt zum Vorschein zu bringen.

Ich rechne mit "das ist zu weit hergeholt" oder "wo lässt sich das an den Noten zeigen". Aber wo, wenn nicht bei Bruckner, sind solche Gedanken aufgehoben? Ein Lektürevorschlag: Peter Gülke "Brahms - Bruckner", Kassel 1989 (Bärenreiter).

Auszüge aus den Antworten

'Antracis', 16.4.2005: Aus dem von mir sehr bewunderten Gesamtwerk des Meisters ragt einsam und allein turmhoch eine Stelle heraus, und es ist dies eben die Coda der Achten Sinfonie, das Ende des 4. Satzes.

Was sich dort - in der Partitur mit dem eher neutralen Begriff Ruhig überschrieben - ereignet, ist für mich nicht mehr und nicht weniger als einer der erschütternsten Momente der gesamten sinfonischen Musik.

Nach diesen drei vorangegangenen gewaltigen Sätzen, insbesondere den grandiosen Auf- und Abschwüngen des Adagios und den teils martialischen Einfällen des Finales erstirbt das Orchester plötzlich, nur das Pochen der Pauke ist noch zu hören....und dann, dann setzen, nachdem in äußerster Anspannung mittels der Generalpause ein Moment der absoluten Stille zu hören ist, plötzlich diese Streicherarpeggien ein, immer begleitet vom Pochen der Pauke. Diesen Moment und das Ihm Folgende sprachlich in seiner emotionalen Gewalt auch nur annährend wiederzugeben, dem ist die menschliche Sprache leider in keinster Weise mächtig.

Man kann nur feststellen, dass plötzlich zwei der Wagnertuben einen tieftraurigen melodischen Einwurf machen, die Instrumentierung langsam aber stetig reicher wird und sich so mit der Pauke das Pochen langsam zur gewaltigen Erschütterungen steigert, bei genauerem Hinhören fällt noch eine wundervolle Variante/Wendung in den sonst uniformen Streicherarpeggien auf. Ein kurzes, die Klanggewalt zurücknehmendes Intermezzo lässt einen kaum Atem schöpfen (hier fühle ich mich immer an die kurze Ruhephase in Bachs Passacaglia erinnert), bis sich dann der letzte Durchbruch in die strahlende C-Dur Apotheose ereignet.

'GiselherHH', 8.9.2005: Bruckners Achte gehört, neben der 7. und 9., zu meinen Lieblingssinfonien, seitdem ich 1991 eine Aufführung der Münchner Philharmoniker unter Celibidache live sehen konnte, die mir wirklich so sehr "unter die Haut" ging, daß mir im 4. Satz unwillkürlich die Tränen kamen (und ich bin nun weiß Gott kein sentimental veranlagter Mensch). Insbesondere der Finalsatz erscheint mir wie das Portrait eines Menschen, der von den Wechselfällen des Lebens heimgesucht wird und äußeren Anfeindungen ausgesetzt ist. Er versucht dem durch einen Rückzug in sich selbst zu entkommen, was zuerst zu gelingen scheint. Dann aber wird er von den Angriffen wieder eingeholt, überwältigt und schließlich stirbt er daran (die verklingenden Paukenschläge vor der Generalpause). Dann trennt sich die Seele vom vergänglichen Leib und wird wie durch einen Tunnel emporgeschleudert an einen Ort, an dem alles zusammenkommt und alle Fragen beantwortet sind.

Interpretationen

Für ein Werk wie Bruckners 8. Sinfonie gibt es für mich keine "beste Aufnahme", solange ein Dirigent etwas Eigenes zu sagen hat und ihm das überzeugend gelingt. Von den bisher genannten Aufnahmen war mir die von Giulini besonders wichtig, und diese Aufnahme kann ich jedem empfehlen, der einen ersten Einstieg oder so etwas wie eine Referenz sucht. Im Radio war Giulini auch mit den Berliner Philharmonikern zu hören, was teilweise noch spannender klang - besonders das Scherzo.

Wie Celibidache den 1. und 3. Satz spielt, zeigt ebenfalls Seiten dieser Sinfonie, die ich bisher so nicht kannte, mit seinem 2. und 4. Satz kann ich dagegen nur wenig anfangen. Wand: keine Frage, das ist unter den Versuchen, eine objektiv gültige, gewissermaßen kosmische, und weniger den subjektiven Gefühlen nachgehende Deutung zu finden, der am weitesten gehende Ansatz und verdient daher alle Anerkennung.

Ich hatte diese Sinfonie mit Carl Schuricht kennen gelernt, eine sehr strenge, intensive Aufnahme. An Jochum kann ich mich nur noch wenig erinnern. Als ich jetzt wieder einmal hineinhörte, war ich überrascht über das zügige Tempo, empfinde aber die Trompeten stark übertrieben.

Am öftesten habe ich diese Sinfonie mit Knappertsbusch gehört, in diesem Fall die Studioaufnahme mit den Münchner Philharmonikern. Sie ist technisch wesentlich besser als zahlreiche andere Knappertsbusch-Einspielungen. Die Streicher sind daher viel klarer zu hören. Beim erneuten Anhören fielen mir besonders auf: die zurückgenommene Pauke in der letzten Steigerung des 1. Satzes, und wie dann die allein stehenden Bläser nicht in einem strahlenden Ton schließen, sondern zurückgenommen werden und überleiten in das todtraurige Finale dieses Satzes. Der Wechsel von Zartheit und Schroffheit zeichnet die Knappertsbusch-Aufnahme aus. Das Feierliche der Coda des 4. Satzes ist sehr gut gelungen.

Jack Ox

Jack Ox (geb. 1948): 3. Thema des Finale der 8. Sinfonie von Bruckner (1990). Ox hat in neunjähriger Arbeit einen 12-teiligen Zyklus zu allen Themen aus Bruckners 8. Sinfonie gemalt. Mit mathematischen Methoden wurden die Takte, chromatischen Übergänge, Instrumentengruppen und die Dynamik in Farben und Figuren übersetzt, so dass es sich eher um Arbeit an der Partitur als um eine Darstellung seelischer Eindrücke handelt, obwohl das Ergebnis sehr ausdrucksstark ist. Sie spricht von "Re-orchestration". Für dieses Thema sind mehrere Alpenreliefs übereinander gelegt und sollen die Architektur der unterschiedlichen Orchestergruppen darstellen. Ausführlichere Informationen auf ihrer Homepage; Quelle

Nun aber zu zwei Aufnahmen, die ich im Moment besonders gern höre: Steinberg und Furtwängler.

Steinberg hat Bruckners 8. Sinfonie mit dem Boston SO gespielt (jetzt verfügbar auf YouTube). Die Live-Aufnahme vom 26. Februar 1972 ist leider technisch recht schlecht, und der Geräuschpegel ist enorm. Aber die über lange Jahre von Charles Münch ausgebildeten Bläser und Pauken ermöglichen eine hervorragende Aufnahme. Die Trompeten verwaschen nie in einem undeutlichen Chor, sondern spielen eine saubere, scharfe Linie und lassen dadurch Melodien und Tonfolgen erkennen, die sonst untergehen. Es ist schwer zu beschreiben, wie etwa die Trompeten und Hörner bisweilen so gespielt werden, als drohe der Klang abzustürzen. Der 1. Satz fängt gar nicht so aufregend an, bis auf einmal in dieser Weise die Musik eine ganz eigene Wendung nimmt. Im langsamen 3. Satz legen die einzelnen Bläsergruppen Schicht für Schicht der Unterwelt frei, die auf die vorsichtigen Fragen des Hörers zu antworten beginnen und ihn in ihr Reich hineinholen.

Im 2. Satz sind sehr schön die schwingende Melodie, aber auch das latent brutale Paukenspiel herausgearbeitet. Die Celli spielen einen sehr scharfen Strich und bereiten so bereits den 4. Satz vor. Und der ist dann unter Steinberg zu hören wie sonst nie, wesentlich schneller, wahrhaft apokalyptisch. Wie schon die Bläser bewegt sich die Pauke ganz knapp außerhalb des festen Rhythmus und erzeugt dadurch eine extreme Spannung. In der zweiten großen Steigerung ist wirklich so etwas wie das Feuerrad des Ixion zu sehen, mit dem er brennend den Himmel entlang rollt (1:00:29). In der abschließenden Coda droht die Pauke erst ganz zu entgleiten (1:13:49), um dann mit um so mehr Effekt in den abschließenden Zusammenklang aller Themen dieser Sinfonie einzufinden.

Völlig anders ist da natürlich Furtwängler. Hier ist es notwendig, das genaue Datum zu beachten. Er hat 1949 an drei aufeinander folgenden Tagen die 8. gespielt. Hier geht es um den 15. März 1949. Das Publikum ist ungewöhnlich nervös und Furtwängler lässt sich dadurch in eine Interpretation treiben, die alle bekannten Maße verlässt.

Insbesondere der langsame Satz ist von einer einzigartigen Intensität: für mich ein Höhepunkt aller Bruckner-Einspielungen, die ich kenne. Wie ich die Aussage von Bruckner verstehe, kommt hier am besten zur Geltung.

Diese Wirkung wird vorbereitet durch den extrem nervösen Charakter des 2. Satzes. Auf der anderen Seite wird der 4. Satz dann direkt martialisch. Die Bewegung des Schicksal-Rades schlägt um in einen Marsch, und zum Abschluss wird die Coda in einem wahren Trommelfeuer geradezu abgebrannt.

Fritz von Uhde "Abendmahl" (1886) mit Bruckner als Apostel

Von den überlieferten Bruckner-Gemälden gefällt mir besonders das "Abendmahl" von 1886, in dem der Münchener Maler Fritz von Uhde (1848 - 1911) Bruckner als Hauptapostel mit Blickkontakt zu Jesus gestaltet hat. Die im Internet verfügbaren Bilder zeigen leider nur recht undeutlich, wie es Uhde gelungen ist, Bruckners Charakter zum Ausdruck zu bringen. Aber genau so stelle ich mir Bruckner vor: Hellwach und aufmerksam, ohne sich in den Vordergrund zu drängen oder sich an bürgerliche Konventionen anzupassen.

Uhde

Fritz von Uhde "Abendmahl"; Quelle

Dies Gemälde entstand, als der 60-jährige Bruckner 1885 in München war. Hermann Levi führte dort die 7. Sinfonie auf. In einem anderen Konzert wurde das Streichquintett gespielt.

"Unter den namhaften Gästen befand sich auch der berühmte Maler Fritz von Uhde, der damals an einem Abendmahl-Gemälde arbeitete. Seiner Idee eines lebensnahen Jesus folgend suchte er für seine Apostel Menschen mitten aus dem Volk. Beim Anblick des unverwechselbaren Profils Anton Bruckners war ihm klar: dieser sollte sein "Hauptapostel" werden."

Wie man sich denken kann, war das Bild nicht unumstritten:

"Im Revolutionsjahr 1848 in Sachsen geboren, kam Uhde vergleichsweise spät zur Malerei; nach anfänglichen Studien in Dresden entschied er sich zugunsten einer Soldatenlaufbahn, war Teilnehmer des Deutsch-Französischen Kriegs von 1870/71 und quittierte erst 1877 den Militärdienst, um sich in München als Künstler zu versuchen. Mit Offizierspatent, aber ohne akademische Ausbildung und bereits 30 Jahre alt, befand sich Uhde unter gehörigem Leistungsdruck, der sich in einer konzentrierten Suche nach ästhetischen Erfolgsformeln niederschlug. Es mußten Bilder gemalt werden, die dem Geschmack der bürgerlichen Käuferschichten entsprachen. Mitte der 80er Jahre schien Uhde das Erfolgsrezept gefunden zu haben: Sein 1884 vollendetes Bild Lasset die Kindlein zu mir kommen, in dem ein sehr realer und doch transzendent erscheinender Christus eine Kinderschar in einem Bauernzimmer empfängt, rührte nicht nur Kaiser Franz Joseph zu Tränen, es verhalf Uhde auch zum Durchbruch. Für die nächsten zehn Jahre waren seine aktualisierten, als "modern" gefeierten Andachtsbilder Garant für finanzielle Unabhängigkeit sowie anhaltende, wenn auch kontroverse Popularität. Wo beispielsweise die einen Gemälde wie das Abendmahl (1886) als begrüßenswert "ehrliche" Neuerung des Christusbildes empfanden, verurteilten die anderen, namentlich der deutsche Kaiser, dasselbe Werk als "Anarchistenfraß". Quelle

Die verschiedenen Versionen

Die Frage nach den unterschiedlichen Versionen der 8. Sinfonie führt in eine der dunkelsten Lebensphasen von Bruckner. Obwohl er nach Jahren der Existenzangst längst materiell bestens abgesichert war und mit der 7. Sinfonie einen großen Erfolg erzielt hatte, fiel ihm die 8. Sinfonie sehr schwer. Offenbar betrat er Neuland innerhalb seiner eigenen Entwicklung und fand unter Schmerzen zu einem persönlicheren Stil als vorher.

Von 1884-1887 arbeitete er an der ersten Fassung. In den Entwürfen sind die unterschiedlichsten Daten eingetragen, die zeigen, wie oft er die Noten umgearbeitet hatte. Dann endlich konnte er am 4.9.1887 dem Dirigenten Hermann Levi schreiben: "Hallelujah! Endlich ist die Achte fertig und mein künstlerischer Vater muss der Erste sein, dem diese Kunde wird."

Doch Levi kann damit nur wenig anfangen und teilt dies über Franz Schalk mit. Schalk antwortet Levi am 18. Oktober über Bruckners verzweifelte Reaktion, der in eine tiefe Depression gestürzt war.

"Er fühlt sich noch immer unglücklich und ist keinem Trosteswort zugänglich. ... Gegenwärtig sollte er freilich lieber nicht arbeiten, da er aufgeregt und verzweifelt über sich selbst ist und sich nichts mehr zutraut."

Bruckner soll es sogar schlechter gegangen sein als 1867, als er 3 Monate in eine Kur gehen musste und die Ärzte ihm schon, wie er seinem Freund Weinwurm schrieb, "Irrsinn" als mögliche Folge angekündigt hatten.

Dennoch fand er in die Umarbeitung hinein und hat offenbar die Kritik als Anregung aufzunehmen vermocht, auch für sich selbst endlich den richtigen Ton zu finden. Schon wenige Monate später bedankt er sich auf seine Weise in einem Brief am 27. Feb. 1888 an Levi: "Freilich habe ich Ursache, mich zu schämen - wenigstens für dieses Mal - wegen der 8. Ich Esel!! Jetzt sieht sie schon anders aus."

1890 war das Werk dann fertig und lag in der Gestalt vor, wie wir alle es schätzen. 1892 kam es zur Uraufführung. Oft wird gesagt, Bruckner hätte seine 9. Sinfonie vollenden können, hätte ihn nicht die 8. Sinfonie so lange aufgehalten. Das glaube ich nicht. Ohne diese lange Arbeit wäre die 9. Sinfonie gar nicht in der Form möglich geworden, wie Bruckner sie dann komponierte.

Im Nationalsozialismus gab es eine eigenartige Nachgeschichte. 1938 wurde die Internationale Brucknergesellschaft aufgelöst zugunsten einer Deutschen Brucknergesellschaft unter dem Präsidenten Furtwängler. Bruckner habe sich von Juden, gemeint sind Levi und Schalk, von seinem deutschen Stil abbringen lassen, und die jüdischen Musikverlage der Erstausgaben hätten das alles dann noch weiter verschlimmert. Daher sei es notwendig, zur Originalfassung zurückzukehren. Aber es wurde keineswegs die erste Version herausgegeben, sondern nur die Handschriften der zweiten Version unter Bereinigung von Abweichungen in der ersten Druckversion. Haas ergänzte einige Passagen aus der ersten Version, so dass es zu einer Mischfassung auf Basis der zweiten Version kam. Dennoch wurde das als neue "Uraufführung" ausgegeben, die Furtwängler im Juli 1939 dirigierte. Allerdings hat Furtwängler dann nochmals eigene Dynamik-Bezeichnungen ergänzt, so dass das ganze nichts als eine Propaganda-Maßnahme war. Nowak gab dann später von beiden Versionen auf Grundlage der Handschriften die Originalfassungen heraus.

Einen sehr guten Überblick über die Thematik gibt der Musikwissenschaftliche Verlag, und dort "Anton Bruckner" und dann "Katalog" auswählen.

Erotik in Bruckners 8. Sinfonie - Beitrag zum Thema "Erotik in der Musik"

Hallo 'Austria', da hast Du ja ein aufregendes Thema angeschlagen, zumal "Erotik in der Musik" in Zeiten von Erotik-Shops, Erotik-Messen (die ich viel peinlicher finde als die Gummihosen, die sich Bruckner nachts überzog) und fast 40 Jahre nach Jane Birkins "Je t'aime moi non plus" ein Beispiel mehr ist, wie schwer es geworden ist, sich noch mit gewohnten Worten zu verständigen. Vielleicht hätte es näher gelegen, in der klassischen Musik den Wendepunkt zu diesem modernen (?) Verständnis der Erotik in Debussys "Nachmittag eines Faun" und dem ihm zugrunde liegenden Gedicht von Mallarmé zu sehen, und eine genauere Betrachtung dieser Werke kann meiner Meinung nach ein guter Beitrag zu deinem Thema sein. Und doch überrascht mich nicht, dass gerade Bruckner bisher so stark diskutiert wurde.

Bruckner. Wenn er sagt, dass er "einem Mädel zu tief in die Augen geblickt" hat, ist das nicht wie heute üblich eine blumige Umschreibung für "wie schön, endlich habe ich mich mal wieder verliebt", um im Liebesleben eine neue Abwechslung zu finden. Er hat wirklich einem Mädel tief in die Augen geblickt. Und wie er blicken konnte, dass hat sehr schön der Maler Uhde in seinem Abendmahl mit Bruckner als Jünger gezeichnet.

Er hat - und jetzt beginne ich, bewusst altertümlich zu formulieren - dem Mädchen in die Seele geschaut. Er hat ihre tiefsten Wünsche für das Leben, die Beziehung zu einem Mann, Kinder und den Wunsch nach einem ruhigen Tod nach einem glücklichen Leben gesehen. All das kann heute kitschig und unglaubwürdig klingen. Und auch das hat Bruckner verstanden. Er war in seinem eigenen Leben in dem Maß unfähig, sich der geliebten Frau zu nähern, wie er ihre Unsicherheit wahrgenommen hat, ihre wahren Gefühle unverstellt äußern zu können.

Hier ist 'Cosimas' Schopenhauer-Zitat über die Frauen bestens angebracht: "Weder für Musik und Poesie noch bildende Künste haben sie wirklich und wahrhaftig Sinn und Empfänglichkeit; sondern bloße Äfferei zum Behuf ihrer Gefallsucht ist es, wenn sie solche affektieren und vorgeben." Wer Schopenhauers Biographie kennt, versteht die Anspielung: Seine Mutter verließ ihn und den Vater, um in Weimar noch in den letzten Lebensjahren Goethes einen Salon zu eröffnen, wo genau diese unechten Gefühle gepflegt wurden - so wie es dann später Nietzsche zu seiner Enttäuschung auch zwischen Richard Wagner und der realen Cosima erleben musste. Schopenhauer hat den tiefen Schmerz darüber nie verwinden können und in einen allgemeinen Frauenhass zu verwandeln versucht, wodurch seine Mutter in gewissem Maß von persönlicher Schuld befreit worden wäre. Auch Nietzsche fand keinen rechten Weg zu den Frauen, suchte aber zeit seines Lebens immer wieder die Nähe überaus starker Frauen. Unfähig, Cosimas wahre Gefühle zu verstehen und sich ihr zu nähern, verklärte er sie später in der mythologischen Figur der Ariadne.

Und ebenso hat Bruckner wahrgenommen, wie die einfachsten Regungen der Liebe ihre Unschuld verloren haben. Er wusste buchstäblich nicht, wie er sich da verhalten sollte und klammerte sich an katholische Lehren und übertriebene Regeln der Reinlichkeit. Darüber zu spotten fällt leicht und mag helfen, vor sich selbst die tiefe eigene Verunsicherung nicht einzugestehen, die die meisten erfolgreich verdrängt haben und durch Bruckner wieder darauf gestoßen zu werden drohen.

Die große Fähigkeit Bruckners war es, dies in Musik ausdrücken zu können. Der lange Atem etwa des Adagio der 8. Sinfonie ist zweifellos nur zu verstehen aus der tiefen Zuneigung eines Mannes zu einer Frau, ganz wörtlich so, wie Bruckner es gesagt hat. Nur weil er so tief in die Seele eines Mädels geblickt hatte, vermochte er solche Musik zu schreiben.

Und es ist nicht einmal ganz verfehlt, Tempo und Dynamik dieses Satzes mit der Bewegung des Sex zu vergleichen. Das war sicher nicht Bruckners Absicht, aber er hat die innere Dynamik der Seele an einem Punkt berührt, wo sie sich verbindet mit den körperlichen Instinkten und ohne sie nur ein Phantom wäre.

Wer sich nicht von den Peinigern Bruckners ablenken lässt, die ihn für lächerlich erklären wollen, der wird gerade auch in diesem Adagio Gefühle angesprochen finden, die längst für überholt und überwunden erklärt sind.

Und ich bin sicher, dass Bruckner seine 9. Sinfonie ganz anders hätte komponieren können, hätte er eine geliebte und ihn liebende Ehefrau gefunden. Was hätte das für ein Gesang werden können! Aber so, wie er sie nun einmal komponiert hat, war das nur möglich unter den Umständen der bitteren Erfahrung nicht erfüllter Liebe. Das spricht nicht im geringsten gegen das vorliegende Werk. Im Gegenteil - und jetzt muss ich sagen: leider - hat er damit als Unzeitgemäßer genau das Zeitgemäße getroffen, dessen sich alle diejenigen am wenigsten bewusst werden wollen, die der Zeit ständig hinterher laufen, voller Angst, vergessen zu werden und verloren zu gehen.

Michel-Mythos

Ben hat den Kosaken-Ritt und damit überhaupt die militärischen Elemente in dieser Sinfonie angesprochen, und das ist das Thema, mit dem ich noch einige Schwierigkeiten habe und es hier daher zur Diskussion stellen will.

Zum besseren Verständnis sei die ganze Passage angeführt. Bruckner hatte in einem Brief an Felix Weingartner seine 8. Sinfonie erläutert:

"Im ersten Satz ist der Trompeten- und Cornisatz aus dem Rhythmus des Themas: die ,Todesverkündigung', die immer sporadisch stärker, endlich sehr stark auftritt, am Schluss die Ergebung. Scherzo: Hauptthema, Deutscher Michel genannt; in der zweiten Abteilung (NB das Trio ist gemeint) will der Kerl schlafen, und träumerisch findet er sein Liebchen nicht; endlich klagend kehrt er selber um. Finale: Unser Kaiser bekam damals den Besuch des Czaren in Olmütz; daher Streicher: Ritt der Kosaken; Blech: Militärmusik; Trompeten: Fanfare, wie sich die Majestäten begegnen. Schließlich alle Themen; wie bei ,Tannhäuser' im zweiten Akt der König kommend, so als der Deutsche Michel von seiner Reise kommt, ist alles schon im Glanze. Im Finale ist auch der Totenmarsch und dann (im Blech) die Verklärung."

Wie wörtlich ist das zu nehmen? Bruckner spart das Adagio ganz aus. Hat sich dort "der Kerl" völlig verloren, während in der wirklichen Welt das Leben weiterging, waffenklirrende kaiserliche Heere sich trafen und er fast den glanzvollen Abschluss verpasst? Ist das alles eine mehr oder weniger willkürliche Kette freier Assoziationen, in denen sich Bruckners Gedanken beim Komponieren, seine Sorge um Deutsch-Österreich und aktuelle Tagesereignisse mischen? Oder macht er sich einen etwas grimmigen Spaß mit uns - aber passt das zu ihm?

Michel

Deutscher Michel is a national symbol reflecting the Germans' conception of their own character. Deutscher Michel started out in the 16th century as a sleepy country person. Over time the image and its meaning have changed to represent political opposition, innocent victims and many other aspects of German social life. The image can in some ways be compared to others such as the British John Bull, the American Uncle Sam and the French Marianne.Now Deutscher Michel is portrayed as a sleepy character with a night cap.; Quelle

Klingt dort schon etwas mit, was dann 1940 in zeitgemäßer politischer Radikalisierung Laux in einem Buch über Bruckner in die Worte fasste:

"Der 'deutsche Michel' und 'Parsifal' sind miteinander zu identifizieren. Der deutsche heldische Mensch tritt uns strahlend aus den Tönen dieser Sinfonie entgegen. .... Im einzelnen könnte man sagen, dass uns im ersten Satz der deutsche Mensch im Kampf, im zweiten Satz der deutsche Mensch in der Natur, im dritten Satz der deutsche Mensch in der mystischen Zwiesprache mit Gott und im letzten Satz der deutsche Mensch als Sieger entgegentritt." (zitiert nach Christa Brüstle: Anton Bruckner und die Nachwelt) So war es ja wohl nicht gemeint ...

Michel kann die Verniedlichung oder Koseform des Erzengels Michael sein. Oft wird diese Figur bei Bruckner gedeutet als eine Mischung aus Angst vor einem erstarkenden Nachbarn (aus österreichischer Sicht) und Sorge vor einem ungeschützten Vaterland, machtlos seinen Nachbarn ausgeliefert. Bruckner soll gesagt haben: "Der deutsche Michel ziagt dö Zipfelhaub'n über die Ohren, halt sie' hin und sagt: 'haut's na zua, i' halt's schon aus!" Wie bei den meisten überlieferten Zitaten ist unsicher, ob ihm das nur nachträglich in den Mund gelegt wurde.

Wenn er das so gesagt hat: Identifiziert er sich, der selbst so viel verbale Prügel von der Wiener Kritik hat einstecken müssen, mit dem Michel? (Nur ein Beispiel: Die 7. Sinfonie war sein ein erster großer Erfolg, aber Hanslick kommentierte: "unnatürlich, aufgeblasen, krankhaft und verderblich erscheint sie mir".) Sieht er seine eigenen persönlichen Schwächen in der politischen Schwäche Deutschlands gespiegelt, dem es damals nicht gelang, mit den weltweiten kolonialen Eroberungen Englands und Frankreichs, dem Eroberungszug Russlands in den Osten Asiens und der USA zur pazifischen Westküste mitzuhalten? Wie kam er auf solche Parallelen? Fühlte er sich ähnlichen persönlichen Intrigen ausgesetzt, wie er Deutschland von politischen Intrigen bedroht sah? Oder sollte nicht ernst genommen und am besten ignoriert werden, wenn Bruckner politische Bilder wählt?

Welche überraschenden Wendungen Bruckners nationale Ideen nehmen konnten, zeigt "Helgoland":

"Den Sieg tragen ... nicht die kampf- und opferbereiten 'Söhne Teutonias' davon, sondern die hilflos preisgegebenen Helgolandeinwohner, die sich in ihrer Not an den 'Allvater' wenden, der - beinahe wie im Alten Testament - die Wogen der See über den herannahenden Schiffen todbringend hereinbrechen läßt." (Brüstle)

Manche wollen im 4. Satz die St. Michael Sage sehen, die auch auf vielen Kriegsdenkmälern angesprochen wurde. Bruckners Freund Weinwurm hatte zum Michel-Lied einen Chorsatz geschrieben:

Michel, horch, der Seewind pfeift,
auf, und spitz die Ohren.
Wer jetzt nicht ans Ruder greift,
hat das Spiel verloren.
Wer jetzt nicht sein Teil gewinnt,
wird es ewig missen.

Sieh die Nachbarn! Meer um Meer
sperren sie mit Ketten.
Michel schärf die alte Wehr,
rette, was zu retten!
Michel, bist du taub und blind?
Hurtig aus den Kissen!.

1892 schrieb Bruckner einen Männerchor Das deutsche Lied, in dem eine ähnliche Aussage vorkommt:

...wie die Meerflut tost an klippigem Strand.

so schalle, so schmett're die Feinde zu schrecken,
die schafferen Brüder vom Schlafe zu wecken,
der deutsche Gesang durchs gefährdete Land.
(zitiert nach Albrecht Riethmüller (Hg.): Bruckner-Probleme)

Wie so häufig ist am Ende wohl jeder Hörer auf seine eigene Intuition angewiesen, Bruckner zu verstehen und für sich zu entscheiden, was Bruckner beim Komponieren inspiriert hat, und was er später gesagt und geschrieben hat, um seinem Werk in einer keineswegs nur freundlich gesinnten Umgebung mehr Anerkennung zu sichern.

© tydecks.info 2006 - Erstveröffentlichung im Tamino-Klassikforum ab April 2005