Walter Tydecks

 

Gustav Mahler

Gustav Mahler: 5. Sinfonie cis-Moll

Sicher ist kein anderes Werk von Mahler so häufig im Konzert und im Radio zu hören wie dieses, und die Auswahl an Aufnahmen ist kaum übersehbar. Neben Bruno Walter und Erich Leinsdorf hat für mich Hermann Scherchen 1965 mit dem Orchestre National de l' ORTF die gültige Interpretation geliefert.

Gleich mit den ersten Beckenschlägen im ersten Satz wird eine Intensität erzeugt, die ich in anderen Aufnahmen vermisse. Und ihm gelingt es, das Wienerische zu treffen, gerade da, wo es eigentlich nicht passt, und wo Mahler sich schmerzlich bewusst war, wie es sich gegen seinen Willen eindrängte, so etwa in den Melodien, die in den Bläsern, Streichern und Bässen in den Orchester-Tutti im ersten Satz buchstäblich hinzugeflogen kommen und die Trauerstimmung stören.

Trauerstimmung: Das war eher ein Gefühl des Entsetzens, ausgelöst durch die Lebenskrise, als er 1901 nach einer schweren Darmblutung nur knapp dem Tod entkommen war.

Das Adagietto wird wirklich "sehr langsam" gespielt, genau gesagt 13:07 Minuten. Die Todesstimmung steht hier bei Scherchen nicht so im Vordergrund, sondern die unsicheren Gefühle eines 41-jährigen Mannes, der sich in eine fast 20 Jahre jüngere Frau verliebt hat. Da mischen sich die Sehnsucht, nochmals wie ein Kind von der Geborgenheit der Mutter getragen werden zu können mit väterlichen Gefühlen für die Geliebte, die altersmäßig die eigene Tochter sein könnte; Verdrängung der Einsicht, sie könne in ihm einen Vaterersatz sehen (Almas Vater war bereits 1892 gestorben); berechtigte Angst, dass eine solche Liebe keine Zukunft haben kann; Stolz, sich gegen wesentlich jüngere Männer behaupten zu können, und das Gefühl, den rechten Platz im Leben verpasst zu haben, als die Sorge um die Geschwister und die Karriere die frühere Gründung einer eigenen Familie verhindert hatten. Das alles gepackt in einen Ausdruck, der leicht als schwüle Erotik verstanden werden kann und so in der Verfilmung von "Tod und Venedig" eingesetzt wurde. Scherchen trifft jedoch den richtigen Ton, das Adagietto rückt in große Nähe zu Schönbergs "Verklärte Nacht", die bereits 1899 entstanden war.

Alma

Alma Mahler Gropius Werfel (1879 - 1964) Jugendfoto; Quelle

Um so deutlicher ist der langsame Satz dann vom abschließenden Rondo-Finale abgesetzt, das Scherchen äußerst energisch angeht. Bei der Auskomponierung der Fugen-Abschnitte soll Alma Mahler geholfen haben. Dies Finale ist nicht so eindeutig der sieghafte Triumph, wie diese Sinfonie meistens interpretiert wird. Scherchen zeigt die ganze Anspannung, die in diesem Satz steckt. Mahler hat die Sinfonie bekanntlich immer wieder neu instrumentiert und sah sich vor unerwarteten Schwierigkeiten, mit diesem Werk zurecht zu kommen.

Scherchen stellt die Coda ganz in die Nähe der 7. Sinfonie, deren Finale ja dann ebenfalls von einigen als Triumph-Musik über die Nacht missverstanden wurde. Besonders die Bläser klingen sehr gepresst, und dieser Effekt scheint mir gewollt zu sein. Den gleichen Effekt setzte er bereits im 2. Satz ein, wo der Choral äußerst gequält klingt, geradezu zerrissen, und sich nicht durchzusetzen vermag.

Damit ist ein weiteres Thema angesprochen: Mahlers Konflikt mit dem Christentum. In den 1890er Jahren hatte in Wien der Antisemitismus stark zugenommen, und auch von Alma Mahler ist aus späteren Zeiten - trotz ihre Heirat mit Mahler und dann Werfel - bekannt, dass sie sich dieser Haltung nicht entziehen konnte.

Gustav Mahler: 7. Sinfonie e-Moll - Lied der Nacht

Wie in einer Windstille entstand die 7. Sinfonie. Mahler war auf dem Höhepunkt seines Erfolgs, im vollen Rampenlicht. Die 5. war gerade 1904 uraufgeführt worden, die 6. Sinfonie noch nicht ganz abgeschlossen, die von ihr vorausgeahnten 3 Schicksalsschläge hingen wie eine Drohung am Horizont und trafen unerbittlich zwei Jahre später (Tod der Tochter, Herzkrankheit festgestellt, Bruch mit der Wiener Hofoper).

Einen oder zwei Sommer lang hoffte Mahler 1904-05 im Urlaub am Wörthersee, Zuflucht bei der Nacht zu finden, vor dem blendenden Licht des Tages und des Lebens und ihren Prophezeiungen geschützt zu sein. Es ist schwer, hierfür ein Bild zu finden, am nächsten kommt vielleicht Anselm Kiefer:

Kiefer Johannis Nacht

Anselm Kiefer: Johannis Nacht, 1978; Quelle

Wen nicht bereits die ersten Takte in ihren Bann ziehen, der wird auch kaum mehr im weiteren einen Zugang zu diesem Werk finden. Bisweilen wird es aufgrund seiner kammermusikalischen Züge in der Nähe der 4. Sinfonie gesehen, aber der erste Satz ist wie eine Umprägung der 3. Sinfonie. Ging es dort über dem Attersee voller Lebenskraft in die Steilwand des Höllengebirges hinein, bis er glatt "wegkomponiert" war, um den Weg zu finden zu den Blumen und den Tieren und schließlich dem, was dem Menschen gesagt wird:

"O Mensch! Gib acht! Was spricht die tiefe Mitternacht? 'Ich schlief, ich schlief - aus tiefem Traum bin ich erwacht: Die Welt ist tief, und tiefer als der Tag gedacht."

so geht hier umgekehrt der Weg aus dem Tag und dem Leben in die Nacht. Da ist kein Aufwachen, sondern tiefe Sehnsucht schlafen zu können. Kein Aufwachen, um die Mitternacht sprechen zu hören, sondern er legt sich nieder und möchte das Lied der Nacht hören, die nicht über den Menschen spricht, sondern sich in immer weitere Einsamkeit zurückzieht und abwendet. In ihren Gesang einstimmen und nie wieder zurückkehren müssen.

Wie viele schlaflose Nächte möchten vorangegangen sein, in denen der Kopf hin und her geschlagen war im Rhythmus eines Trauermarsch. Auch hier wählt Mahler einen Trauermarsch. Doch wie langsam sind die Schritte geworden. Die Steigerungen des Orchester klingen wie Erinnerungen an vergangene innere Kämpfe, von deren Anstrengungen er nur noch die Müdigkeit zurückzubekommen hofft, um mit ihr endlich Schlaf zu finden.

Nacht nicht mehr als Fahrt durch das dunkle Meer, wie die Sonne hinter dem untergegangenen Horizont, ein zeitlich befristeter Tod, an dessen Ende ein neuer Tag aufbrechen wird, sondern als die andere Heimat, nachdem alle Heimat im Leben verloren gegangen ist.

Während in den Verzweiflungsmomenten der vorangegangenen Sinfonien Anklänge an Choräle zu hören waren, eine letzte Hoffnung auf religiöse Gefühle und von ihnen ergriffen zu werden, gibt es in dieser Sinfonie nirgends mehr auch nur eine Andeutung von Hintergründigkeit. Das Horn schallt herein, Kuhglocken stellen allen Fortschritt der Zivilisation - hier verstanden als Kultivierung der Instrumente - infrage: Hier vermögen sie mehr auszudrücken als die entwickeltsten Techniken der Musikgeschichte. Die Nachtmusiken und das Scherzo der drei mittleren Sätze sind erkennbar die letzte verbliebene Schicht des Komponisten, das Lied der Nacht noch in halbwegs erkennbare und gestaltete Melodien und Töne zu bringen.

Da sein Gestaltungswille nie zur Ruhe zu kommen vermag, kann auch hier die innere Bewegtheit schließlich nicht besänftigt werden. Die Tragödie dieser Sinfonie liegt im Verfehlen des Liedes der Nacht. Machtlos wird sie erschlagen vom "Triumph" des Finale, ein nicht enden wollendes "Allegro ordinario", bis es sich selbst verbrennt im gleißenden Licht des vollen Schlag- und Glockenklangs.

Selbst bei Mahler-Freunden blieb diese Musik umstritten. Während es über die Fünfte, Sechste, Erste, Zweite oder Neunte oder die Lieder viel zu lesen gibt, kam die Siebte nicht recht aus einem Schatten-Dasein heraus. Für mich ist jedoch nirgends wie hier die persönliche Stimme von Mahler zu hören.

Der Klassiker der Protestgeneration

Ich möchte auf einen anderen Aspekt hinaus: Mahler hat irgendwie mit der Protestgeneration zu tun - und Alfred Schmidt (Herausgeber des Tamino-Forums) liebt ja solche Themen. Von heute ist vielleicht schwer zu verstehen und zu fassen, wie es möglich wurde, dass er seinerzeit von den gleichen "zornigen jungen Männern" geliebt und populär gemacht wurde, die sonst von Jazz und Existenzialismus begeistert waren, auf Lederjacken und starke Zigaretten standen, lieber Alexis Korner als Mick Jagger hörten. (Und steckt dieser Zug nicht auch im frühen Leonard Bernstein?)

Schon immer hatte Mahler Philosophen und Dirigenten fasziniert, die sich im weitesten Sinn der Linken zugehörig fühlten, so Scherchen, Klemperer, Ernst Bloch, Adorno, den Anthroposophen Bruno Walter, auch wenn es natürlich Gegenbeispiele wie Mengelberg gibt. Aber sein unerbittlicher Kampf gegen den Schlendrian im Wiener Musikbetrieb und erst recht seine Flucht vor den Wiener Intrigen machten ihn allen sympathisch, die gegen das gleiche "Establishment" eingestellt waren.

Mahler 18 Jahre

Gustav Mahler im Alter von 18 Jahren; Quelle

Wer den Eindruck hatte, dass sich das Bürgertum hinter der Musik der Wiener Klassik wie in einer Burg verschanzt hatte, und doch in der klassischen Musik eine Aussage spürte voller Freiheitswillen und Kraft, der konnte über Mahler einen eigenen Zugang finden.

Und auch rebellische Geister haben eine schwache Seite. Wo ließe sich besser dazu stehen als in der Musik von Mahler? Unvergesslich Viscontis Verfilmung des "Tod in Venedig" mit Dirk Bogarde und dem Adagietto aus der 5. Sinfonie (das "sehr langsam" gespielt werden soll, und wie gut das geht, zeigt Scherchen in seiner Aufnahme von 13 Minuten Dauer), ein echter Hit, dem sich niemand aus der Protestbewegung entziehen konnte.

Aber dann schlug der "Marsch durch die Institutionen" um, die Protestierenden passten sich an, und von der Mahler-Begeisterung blieb nur die äußere Hülle zurück. Früh hat das Woody Allen gespürt und 1979 in "Manhattan" einen Intellektuellen gespielt, der sich um so stärker äußerlich bemühte, mit dem Profil von Mahler auftreten zu können, je mehr die früheren Lebensideale verloren gingen.

Woody Allen

Woody Allen; Quelle

Nach meinem Eindruck ist die Präsenz von Mahler in den letzten Jahren fast inflationär geworden und soll eine Identität festhalten, die nicht mehr besteht. Mahler droht das gleiche Schicksal zu erleiden wie in einer früheren Generation Vivaldi oder Mozart.

© tydecks.info 2008 - Erstveröffentlichung im Tamino-Klassikforum, mehrere Beiträge 2005 - 2007