Walter Tydecks

 

Der Geist der Aufklärung und der Französischen Revolution 1789

In vielen Themen des Forums wird über die Frage der modernen Musik diskutiert, und so wurde ein eigener Thread mit dem Titel "Was ist eigentlich modern" eingerichtet. Dort gab es Definitionsversuche wie: "Modern sein heißt, seine Ideale jetzt zu leben" (Daniel), "Ob ein Musikstück 'modern' ist, liegt zu einem guten Teil im subjektiven Empfinden des Hörenden. Ich bezeichne z.B. Lulu als modern, für andere mag sie bereits zur klassischen Moderne gehören, ich empfinde die Gesualdo Madrigale im Zusammenhang mit anderen Kunstwerken aus dieser Zeit als 'modern' im Sinne von, für die Epoche, kühnen Kompositionen, die ihrer Zeit sicher vorraus waren. D.h. man muss die eigene Empfindung beim Hören berücksichtigen, aber auch die Epoche, das Umfeld, bei der Entstehung eines Musikstückes, um letztlich wieder subjektiv dieses für sich selbst als 'modern' zu bezeichnen." (Erna), "Etwas ist für seine Zeit modern. und Etwas gehört zur Epoche der Moderne. ... Die Epoche der Moderne beginnt spätestens 1909 mit dem Verlust der Tonalität" ('Kurzstückmeister').

Was unterscheidet die "Epoche der Moderne" von früheren Epochen, wo es ebenfalls jeweils "moderne Stücke" gab, die über ihre Zeit hinausgingen und Grenzen öffneten? Früher gab es eine Geschichte der Musik, die sich stetig fortentwickelte. Was Musik im Unterschied zu Literatur oder Malerei war, wurde nicht infrage gestellt. Jetzt ist das alles offen. Edwin Baumgartner: "Ich würde mit aller gebotenen Vorsicht weder Schwitters noch Russolo zur Musik rechnen. Schwitters ist visuelle Poesie, Russolo (von dem keine einzige Note existiert!) arbeitete in einem Grenzbereich, den ich als Klanginstallation bezeichnen würde."

Die Schwierigkeit, hier noch Grenzen ziehen zu können, zeigt den bis an die Beliebigkeit gehenden Pluralismus der Musik des 20. Jahrhunderts. Die einen sehen das als Befreiung von jeder Form von Totalitarismus, es kann aber auch ein Zeichen dafür sein, dass sich die modernen Komponisten zwar in einer Umbruchsituation fühlen, aber noch niemand gefunden hat, "wofür die Zeit jetzt reif sein soll. Wenn ich mir ansehe, wieviele Kompositionstechniken und -stile seit Schönberg entwickelt worden sind, ohne daß je eine den Durchbruch geschafft hätte, ohne daß Komponisten, Musiker und Zuhörer gesagt hätten, jawohl, so und nicht anders, dann drängt sich diese Schlußfolgerung auf" (Robert Stuhr).

Robert Stuhr sieht die Ursache im "Verschwinden des Bürgertums" als ein Ergebnis der Französischen Revolution. Auf diese Diskussion bezieht sich der folgende Beitrag.

Was ist der Geist der Aufklärung und der Französischen Revolution? Es gibt inzwischen eine ganze Tradition, die der Kunst, die aus diesem Geist hervorgegangen ist, vorwirft, dass sie auf ihre Art unmenschlich ist, eine Kunst des Todes, so bereits Dostojewski in seiner Kritik am Kristallpalast ("Aufzeichnungen aus dem Kellerloch").

Newton-Denkmal

Boullée, Cénotaphe a Newton 1784 - Symbol für die Revolutionsarchitektur, siehe Hans Sedlmayer " Verlust der Mitte " ; Quelle

So verstehe ich auch Robert. Totalitarismus wird erklärt aus dem Streben nach Vereinfachung, das auf die Aufklärung und ihre Systembildungen zurückgeht. Der Eindruck, alles könnte nach 200 Jahren durchgespielt sein und die sich selbst als anspruchsvoll definierende Musik bewege sich nur noch auf leeren Kreisen, die für niemandem mehr von Interesse und Gewinn an Lebensfreude sind außer den kleinen Zirkeln der unmittelbar Beteiligten, ist nur so zu erklären, dass die Kunst das Gefühl hat, sich seit der Aufklärung in inneren Grenzen zu bewegen, die sie nicht verlassen kann, weil sie es nicht einmal vermag, sie von innen heraus zu verstehen. Denn natürlich ist die Innovationsfähigkeit des Menschen im Prinzip unerschöpflich, aber was hilft das, wenn eine vorgeprägte Selbstbeschränkung sie daran hindert?

So verstehe ich den Aufbruch um 1900, als eine ganze Generation das Gefühl hatte, dass ihre Eltern behäbig geworden und in eine Sackgasse geraten waren. Da wurde an den Grenzen der Sprache ebenso gerüttelt wie denen der Musik. Ich denke z.B. an Hofmannsthals "Brief des Lord Chandos".

Nur entstand dann im Laufe des 20. Jahrhunderts die Angst, dass auch dieser Widerstandsgeist selbst noch getragen sein könnte von dem Geist der Französischen Revolution, gegen den er zu revoltieren meinte.

So entsteht die schwierige Situation, nicht mehr zurück zu wollen in einen Zustand, der von der Aufklärung durchbrochen wurde, und zugleich auch nicht mehr die nötige Kraft mobilisieren zu können, da heraus zu kommen. Was liegt da näher als zu versuchen, genau diese Situation so gut wie möglich zu beschreiben? Das sehe ich erstmals bei Georg Büchner gelungen, und daher sind für mich seine Stücke bis heute so modern wie keine anderen mehr, um zur Ausgangsfrage dieses Threads mit dem Titel "Was ist eigentlich modern" zurück zu kommen.

© tydecks.info 2006 - Erstveröffentlichung im Tamino-Klassikforum