Walter Tydecks

 

Camille Saint-Saens: Sonate Nr. 1 d-Moll für Violine und Klavier op. 75

- die kleine Melodie, Zeichen des Glücks (Marcel Proust)

Saint-Saens hat 1835 - 1921 gelebt. Er war nicht nur Komponist und Organist, sondern auch Mathematiker mit Interessen auf unterschiedlichsten Gebieten wie Astronomie, Philosophie, Archäologie oder Biologie. Liszt war von seinem Orgelspiel begeistert. Diese Sonate hat er 1885 geschrieben, nachdem bereits zwei frühere Sonaten entstanden waren, mit denen er selbst jedoch nicht zufrieden war.

Die ersten beiden Sätze sind von starken Gefühlsschwankungen geprägt, mal sehnsüchtig, dann wieder fast wie auf der Flucht, was dem virtuosen Geigenspiel viel Raum gibt. Der dritte Satz führt ganz in die elegante Welt der Pariser Salons, und das Finale - muss einfach so gespielt werden, wie es nur Heifetz gelingt: atemberaubend und einer rhythmischen Kraft, die mehr aus dem 20. denn dem 19. Jahrhundert zu verstehen ist.

Meistens finde ich solche Musik zu langweilig, es sei denn in dieser Aufnahme:

Heifetz

Das ist einfach mein Lieblingsstück mit Heifetz.

Bei dieser Sonate muss Marcel Proust erwähnt werden. Im ersten Teil seiner "Suche nach der verlorenen Zeit" wird eine Liebe von Swann erzählt. Irgendwo hat er flüchtig ein Musikstück gehört, ganz so, wie auf der Straße eine schöne Frau begegnen kann, und dann trifft er beide - das Musikwerk und die Frau - im Salon der Verdurins wieder. Dort verkehren auch der Maler Elstir (eine Mischung aus Claude Monet, Gustave Moreau, James MacNeil, Whistler, Paul Helleu, Alexander Harrisson ...) und der Komponist Vinteuil (in dem Saint-Saens, Faure, d'Indy, Cesar Franck gestaltet sind).

Monet

Claude Monet (1840 - 1926) "Bras de Seine près de Giverny", 1897; Quelle

Proust hat die Sonate von Saint-Saens wahrscheinlich mit Eugene Ysaye gehört, als er Reynaldo Hahn kennen gelernt hat. Der hatte bei Saint-Saens studiert. So könnte dies Stück auch für ihn die Erkennungsmelodie seiner Liebe geworden sein. Später hat er sich allerdings den Wagnerianern angeschlossen und mochte sich nicht mehr zu Saint-Saens bekennen.

Ein paar Zeilen von Proust, die anregen sollen, sowohl dies herrliche Stück zu hören wie Proust weiter zu lesen:

"Im vorhergehenden Jahr hatte er bei einer Abendgesellschaft ein Musikwerk für Geige und Klavier gehört. Zunächst hatte ihn nur der materielle Reiz der von den Instrumenten entsandten Töne entzückt, und es war bereits ein großer Genuß für ihn gewesen, als unter der zarten, aber zäh sich durchsetzenden, lückenlos führenden Geigenstimme auf einmal der Klavierpart sich erhob, mit einem feuchten Plätschern, vielfarbig, in ungebrochenem Fluß, aber rhythmisiert wie das meergraue Wogen der vom Mondschein in eine weichere Tonart transponierte Brandung. Von einem gewissen Augenblick an aber hatte er, ohne dass er, was ihm eigentlich so gefiel, deutlich sich abzeichnen sah oder hätte benennen können, wie verzaubert die Melodie oder Harmonie - er wusste es selbst nicht - festzuhalten versucht, die an sein Ohr drang und ihm die Seele auftat, so wie gewisse Rosendüfte in feuchter Abendluft die Eigentümlichkeit haben, die Nasenlöcher zu weiten. Vielleicht war es, weil er von Musik nichts verstand, dass er einen so unklaren Eindruck haben konnte, einen jener Eindrücke jedoch, die vielleicht die einzigen rein musikalischen sind, da sie an keine Dimension gebunden, da sie ursprünglich sind und nicht auf andere Eindrücke rückführbar. (...) Es hatte ihm auf der Stelle ein Glück geschenkt, von dem er nichts gewusst hatte, bevor er diese Musik hörte, und von dem er auch spürte, dass nichts außer ihr es ihm würde schenken können; so war er denn auch von einer ihm unbekannten Art von Liebe dafür erfüllt." ("In Swanns Welt", Ausgabe Suhrkamp Taschenbuch, Frankfurt am Main 1981, S. 277f)

2 Nachträge. In einem Kommentar wurde dieses Zitat aus dem Band "Die Gefangene" ergänzt, und besser lässt sich die einzigartige Sprache von Proust kaum einfangen:

"An diese verlorene Heimat [das eigentliche Wesen des Komponisten, das seinen individuellen Tonfall und Stil begründet] erinnern die Komponisten sich nicht, doch jeder von ihnen bleibt gewissermaßen ständig im Einklang mit ihr; er jubelt freudig auf, wenn er nach der Weise seiner Heimat singt, er verrät sie manchmal aus Liebe zum Ruhm, dann sucht er zwar den Ruhm, tatsächlich aber flieht er ihn, und er findet ihn nur, wenn er ihn verschmäht und wenn der Komponist, mit welchem Stoff er sich auch beschäftigt, jenen einzigartigen Gesang anstimmt, dessen Monotonie - denn welches auch der behandelte Stoff ist, bleibt er sich selbst gleich - bei dem Komponisten die Beständigkeit der Elemente beweist, aus denen seine Seele zusammengesetzt ist. Ist es nun aber nicht so, daß diese Elemente, dieser wirklich vorhandene Bodensatz, den jeder notgedrungen bei sich behalten muß, da er sogar im Gespräch von Freund zu Freund, vom Meister zum Schüler, vom Liebenden zum Geliebten nicht mitgeteilt werden kann, dieses Unsagbare, das jeweils gerade dem seine besondere Nuancierung verleiht, was jeder von uns empfindet, aber dennoch auf der Schwelle der Äußerungen zurücklassen muß, durch welche er mit anderen nur insoweit in Beziehung zu treten vermag, als er sich auf äußere, allen gemeinsam zugängliche, bedeutungslose Dinge beschränkt, durch die Kunst erfahrbar gemacht wird [...], indem sie in den Farben des Spektrums die innere Struktur jener Welten nach außen hin sichtbar macht, die wir als Individuen bezeichnen und die wir ohne die Kunst nie kennenlernen würden? Flügel und ein von dem unseren verschiedener Atmungsapparat, die uns erlauben würden, den unendlichen Raum zu durchmessen, würden uns nichts nützen. Denn wenn wir Mars oder Venus besuchten und doch die gleichen Sinne behielten, so würden diese allem, was wir sehen könnten, den gleichen Aspekt wie den Dingen der Erde verleihen. Die einzig wahre Reise, der einzige Jungbrunnen wäre für uns, wenn wir nicht neue Landschaften aufsuchten, sondern andere Augen hätten, die Welt mit den Augen eines anderen, von hundert anderen betrachten, die hundert verschiedenen Welten sehen könnten, die jeder einzelne sieht, die jeder von ihnen ist; das aber vermögen wir mit einem Elstir, mit einem Vinteuil und ihresgleichen, wir fliegen dann wirklich von Stern zu Stern." (S. 343f in der Ausgabe Suhrkamp Taschenbuch, Frankfurt am Main 1983)

Gedanken nach einem Musikalisch-Philosophischen Salon in Heidelberg, März 2008: Was ist Glück? Der Bund für Geistesfreiheit stellte philosophische und literarische Texte vor. Ist Glück das bürgerliche Versprechen nach den Jahrhunderten des Christentums, endlich die Ideale der antiken Philosophie verwirklichend? Saint-Saens und Proust haben den kurzen Moment des bürgerlichen Glücks getroffen, als die Bande der kirchlichen Tradition schon gelöst waren und es noch nicht die Massenkultur mit ihrer abstumpfenden Wirkung gab, als also unbeschwert ganz aus dem Diesseits erlebt werden konnte, mit einer Leichtigkeit, die auf deutscher Seite immer Kritik an fehlendem Ernst und verspielter Oberflächlichkeit hervorrief.

Natürlich war das brüchig und diese Gesellschaft bereits im Abgleiten in die Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Wer hat das besser wahrgenommen als Proust? Aber wer möchte umgekehrt auf diese Musik verzichten? Für deutsche Ohren gibt es noch viel zu entdecken. Martin Münch und Elisabeth Ganter spielten Werke für Karinette und Klavier: die Sonate in Es-Dur von Saint-Saens, Andante und Allegro von Chausson, eine Fassung der Habanera von Ravel und die Rhapsodie von Debussy. Besonders gefallen hat mir an diesem Abend allerdings die 3. Gnossienne von Satie, die die Zerbrechlichkeit und Flüchtigkeit des Glücks am besten zeigte.

© tydecks.info 2006 - Erstveröffentlichung im Tamino-Klassikforum, Juli 2005