Walter Tydecks

 

Kleine Technikgeschichte der Rockmusik

Mit diesem Beitrag möchte ich ein kürzlich aufgeworfenes Thema aufgreifen und noch allgemeiner formulieren: Wie wirken sich technische Änderungen auf die Musikästhetik aus? Das könnte auch eine andere Sichtweise sein, um den vielen Diskussionen über moderne Musik oder E- und U-Musik eine andere Richtung zu geben.

Hatte der Jazz eine eigene Harmonielehre entwickelt und die Improvisationskunst wiederbelebt, lebt die Rockmusik von ihrer Fähigkeit, die technologischen Möglichkeiten des Computer-Zeitalters auszuschöpfen. Dazu ein kurzer Überblick und eine Prognose über die weitere Entwicklung. (Zu allen Begriffen und Musikern liefert Wikipedia weiterführende Informationen, sehr hilfreich auch die Künstlerdatenbank Akuma und natürlich die Musikbeispiele bei YouTube).

Die klassische Musiktradition hat sich aus diesem Sektor bis auf die Übernahme neuer Tonträger-Technologien und Vermarktungs-Methoden fast völlig zurückgezogen. Überraschenderweise werden ausschließlich die extrem technisch orientierten Richtungen zur "ernsten" Musik gezählt, die vom klassischen Verständnis von Musikalität am weitesten entfernt sind (so die Komponisten im Umfeld der westdeutschen Rundfunkstudios, elektroakustischen Instituten wie in Graz oder unabhängigen Insitutionen wie dem Pariser IRCAM, 'Kurzstückmeister' hatte weiter Gruppen wie Merzbow, Ikeda, Schmickler, Fennesz genannt). Einen Sonderfall stellen die Minimalisten dar.

Muddy Waters

Muddy Waters (1913 - 1983) mit E-Gitarre und Verstärker; Quelle

Von daher ergibt sich mein Interesse an diesem Thema, auch wenn dies zunächst kaum mehr als eine Materialsichtung ist: Wie ist zu erklären, dass die neuen technischen Möglichkeiten bisher nicht von den überlieferten Unterscheidungskriterien der musikalischen Ästhetik erfasst werden können und pauschal in die "Unterhaltungsmusik" abgeschoben werden? Werden für die Ästhetik neue Kategorien notwendig, um neue Techniken wie Loops oder Samples, Erfindungsgabe für virtuose Spielgriffe (Tagging, Double Thumbing), Kreation immer neuer Genres (Weltmusik, Cross-Over, alle die Metal Varianten von Heavy Metal bis Nu Metal, oder die Grenzgänger des Artrock wie Björk) angemessen beschreiben und Qualitätskriterien entwickeln zu können (wenn Qualität nicht ausschließlich durch Verkaufszahlen und erworbene Grammys gemessen werden soll)? Die Literatur über die Rockmusik hat eine eigene Sprache entwickelt, eine Mischung aus Engineering, Marketing und Computer Science. Wie sind Begriffe wie Format, Schema, Code, Arrangement in die Ästhetik einzuordnen? Handelt es sich nur um Verkaufsförderung, schrille Fan-Literatur, eine unterentwickelte Musik von Amateuren und ihren laienhaften Hilfsbegriffen, oder zeichnet sich eine Umwälzung der Musikästhetik ab?

Seit dem Beginn der abendländischen Musik in Griechenland hatten feste Tonbeziehungen, Intervalle, Takte und später die Kontrapunktik mehrstimmiger Melodieführung die Elemente der Musikästhetik geliefert. Seit Beginn der Industrialisierung war versucht worden, sie auf mathematische und physikalische Elemente zurückzuführen (Helmholtz) und daraus Tongeneratoren zu erzeugen. Die Ergebnisse der elektroakustischen Musik in den 1950ern sind ernüchternd. Aber sie gaben neben Neuerungen im Instrumentenbau (wie z.B der E-Gitarre) Anregungen für eine künstlerische Entwicklung, die inzwischen weit genug gediehen ist, um sich ihrer eigenen musikästhetischen Elemente bewußt zu werden. Dies gibt Anregung zu mathematischen Fragen: Sind im künstlerischen Spiel der Rückkopplungen, Hall-Effekte und zusammengefügten Musik- und Bildfetzen neue Regeln erkennbar, die eine innere Verwandtschaft zu anderen neuen mathematischen Theorien wie den dynamischen Systemen oder formalen Automaten haben? Ist es sogar denkbar, dass die Mathematik der klassischen Musikästhetik dann als ein Grenzfall zu verstehen ist, so wie die klassische Physik in der modernen Physik aufgehoben ist?

An welchem Punkt der Technikgeschichte hat sich die klassische Musik verabschiedet? Anfangs beteiligten sich Komponisten wie Erik Satie (Parade), Edgar Varese, George Antheil, Artur Honegger (Pacific 231) oder die Maschinenmusik von Mossolow sehr intensiv an experimentellen Versuchen, doch mit dem Einsatz der Elektronik seit den 1940ern hat sich das geändert. Offenbar verträgt die klassische Tradition nicht die grundlegenden Änderungen im Kompositions-Prozeß: Mit der Einführung elektronischer Techniken löst sich die Rolle des klassischen Komponisten (Autors) auf und verteilt sich auf ein Team mit unterschiedlichen Aufgaben (Produzent, Manager, Tontechniker, Starinterpret, Band). Wer ist der "Komponist" der Konzept-Alben der Beatles: John Lennon, George Martin, die ganze Gruppe? Wer ist der Komponist von Remixes, Cover-Versionen oder eines neuen Sound (wie z.B. der Motown-Sound): der ursprüngliche "Erfinder" der Melodie, der DJ, der neue Interpret, die Studiomusiker, die Produzenten und Tontechniker? Oder sind es die Musikmanager (z.B. Brian Epstein, Andrew Oldham) mit ihren Ideen und Gespür, was für ein Sound am besten den Massengeschmack trifft und welche noch im gesellschaftlichen Abseits stehende Hörer-Gruppe das Potential hat, die Zukunft des Massengeschmacks zu erobern? Legendär, wie weit das Publikum der frühen Beatles und Yardbird ihrer Zeit voraus war.

Abbey Road

Tonstudio London Abbey Roads in den 1970ern; Quelle

Besonders schwer einzuordnen sind die Performances. Da gibt es Beispiele wie FM Einheit, die noch in erkennbarer Tradition stehen, was aber ist mit den Auswüchsen vor allem im Metal Sektor und ihrer Sexualisierung und Gewalttätigkeit, ganz zu schweigen von den Orgien, die Backstage stattfinden und zum Starkult gehören? Ist das die unvermeidbare Kehrseite einer Musik, die so sehr von neuer Technik und ihrer massenhaften Verbreitung lebt und damit offenbar die Persönlichkeit der Künstler überfordert? Gehört zur neuen Ästhetik der technik-getriebenen Rock- und Experimental-Musik eine bis dahin in der Musik unbekannte Destruktivität, und haben also die jahrtausendelangen Befürchtungen der Musik-Ästhetik recht, gewisse Maße nicht zu überschreiten? Die von Nietzsche aufgeworfenen Fragen des Apollinischen und Dionysischen stellen sich völlig neu.

Historischer Überblick

Nach einer langen Vorbereitungsphase (Lautsprecher, mechanische Klaviere und Walzen, Schallplatten, Rundfunkübertragungen) überschlägt sich die Technikgeschichte der Rockmusik und zeigt einen bisweilen bis zur Farce getriebenen Produktivitäts-Wahn. Ihre einzelnen Phasen lassen sich am besten analog zu den 10-jährigen Generationen der EDV-Industrie ordnen:

1943 - 1953 Pionierphase. Elektrisch verstärkte Gitarren von Leo Fender (Firmengründung 1946) und Les Paul, der 1941 den ersten Prototypen einer Solid Body Gitarre baute. Musikalisch nutzte als erster Muddy Waters stilprägend die neuen Möglichkeiten. Pierre Schaeffer gründete 1944 als Radioingenieur das RTF Studio in Paris. 1951 folgte die Gründung des Studio für Elektronische Musik beim WDR in Köln durch Herbert Eimert.
1953 - 1963 Durchbruch von Musikrichtungen, die die neue Technik einzusetzen verstehen (Rock'n Roll, Free Jazz, britischer Blues als unmittelbarer Vorläufer der Beatmusik, gewissermaßen kontrapunktisch die Folk-Musik bis zu ihrer Integration in die Rockmusik) (Chuck Berry, Bill Haley, Elvis Presley, Ornette Coleman, Alexis Korner, Bob Dylan)
1963 - 1973 Elektronische Tasteninstrumente und elektrische Verzerrung von Gitarrenmusik durch unterschiedliche Effektgeräte zur Tonbearbeitung (Summer of love, Woodstock, Altamont, Gitarrenheroen: Hendrix, Clapton, Jeff Beck, Keith Richards, Stile von den Beatles bis zu MC5, Velvet Underground, Miles Davis, Keith Emerson, Kraftwerk). Musikmanager wie Oldham (spektakulär das von ihm geschaffene aggressive Bild der Stones und die Verdrängung des Blues-Musikers Brian Jones) und Produzenten wie Tom Wilson, Phil Spector, George Martin oder Quincy Jones geben der Musik ein völlig neues Profil: Konzept-Alben, psychedelische Musik, Sounds. Der Minimalismus (Reich, Glass) nähert sich so weit dem Jazz und Rock an, bis er kaum mehr als E-Musik anerkannt wird, und in der anderen Richtung übernimmt der Progressive Rock immer komplexere Stilmittel aus Klassik und Jazz.
1973 - 1983 Neue extrem schnelle Grifftechniken auf Gitarre und Bass, erste Digitalisierung (Tagging, Digitales Sampling, Loops) (Eddie Van Halen, Enver Izmailov mit osteuropäischen Akzenten, Funk Bass, sehen- und hörenswert Victor Wooton und Marcus Miller, Gitarristen wie Steve Lynch, Steve Vai, Joe Satriani, Jennifer Batten, aber auch in der Tradition von Pierre Schaeffer sehr erfolgreiche Vermarktungen wie Jean-Michel Jarre), als Gegenbewegung die Besinnung auf die Wurzeln des Rock (Reggae, Punk).
1983 - 1993 Digitalisierung und Privatfernsehen (CD, Musikvideos, MTV) (Michael Jackson, Madonna, HipHop, experimentelle Früh-Phase der Techno-Musik etwa durch Prodigy), dominierende Rolle der DJs (das Mischpult löst als stilbildendes "Instrument" die E-Gitarre ab, spätestens hier sind alle Brücken zur klassischen Musik abgebrochen)
1993 - 2003 PC-unterstütztes Komponieren, Software-Synthesizer, Auto-Tune, Musikverteilung über das Netzwerk (Downloads, MP3)
2003 - 2013 Social Network (YouTube, MySpace, Facebook)
2013 - ... weiter miniaturisierte und vernetzte Technologie, vermutlich auch völlig neue Raumeffekte

Myspace

Fox Interactive Media headquarters, 407 North Maple Drive, Beverly Hills, California, zugleich Firmensitz von MySpace. MySpace wurde 2003 gegründet. Von Anfang an lag ein Schwerpunkt auf Musik. Im Juli 2006 meldete sich das 100-millionste Mitglied an. Musiker können mit ihren Profilen und Musikbeispielen nach Namen oder nach Ländern und Stilrichtungen in Musik-Charts gesucht werden. 2007 übernahm für über 500 Mio.§ Medienunternehmer Rupert Murdoch MySpace. Derzeit besteht ein Kooperationsvertrag mit Google, und es gibt ein hauseigenes Musik-Label. Quelle

Offenbar lösen stärker technisch und künstlerisch dominierte Phasen einander ab. Hatte etwa das Jahrzehnt 1953-63 äußerst viele musikalische Ideen gebracht und war ab 1963 geradezu eine Explosion der Stile zu erleben, ist seit 1993 eine gewisse künstlerische Stagnation zu beobachten.

Ich kann mir auch nur schwer vorstellen, dass die künstlerische Entwicklung innerhalb von Konzernen wie MySpace verbleibt und dort nicht ausbricht. Vermutlich ist auch innerhalb des Social Network das Entstehen von Independent Netzwerken notwendig vergleichbar der Independent-Bewegung der 1980er. Das würde der Open Source Initiative im Bereich der Software-Entwicklung entsprechen. Es könnte durchaus noch bis 2013 zu gravierenden Veränderungen innerhalb des Social Network kommen, was mir als eine Voraussetzung erscheint, damit sich das kreative Potential frei entfalten kann.

Und dann könnte dank zahlreicher neuer technischer Entwicklungen die kritische Masse erreicht werden für eine neue künstlerische Richtung. Die Miniaturisierung, die Vernetzungsmöglichkeiten und intelligente Materialien sind inzwischen so weit entwickelt, dass es zu einer neuen Welle von Instrumenten mit ganz neuen Möglichkeiten kommen kann (ein möglicher Vorbote ist das Tenori-on), zu ungeahnten Rückkopplungseffekten nicht nur innerhalb der Verstärkung einzelner Instrumente, sondern auch in gegenseitigen Resonanzeffekten, völlig neuen Light-Shows und Raumeffekten etwa mit dem Einsatz selbstleuchtender Folien, die auf Geräusche reagieren (Christo als Vorläufer). Dank der Miniaturisierung wird es sich wahrscheinlich um allgemein verfügbare Instrumente handeln, die jeder erwerben kann, was die Abhängigkeit von großen Studios und "Hardware"-Lieferanten lockert. Es würde dem weltwirtschaftlichen Trend entsprechen, falls schon ab 2013 oder spätestens 2023 neue Innovationen aus China kommen, das bereits mit der Show zur Olympiade 2008 eine ungewöhnliche Vorstellung geboten hat.

© tydecks.info 2009 - Erstveröffentlichung im Tamino-Klassikforum Juli 2009