Walter Tydecks

 

Weisen des Klavierspiels im 20. Jahrhundert

Dieser Artikel ist entstanden als Antwort an Frank Georg Bechyna Panthéon der Pianisten vom 29. August 2008. Manfred Voss ('Zelenka') war in diesem Forum im Juli 2007 mit einem Aufsehen erregenden Beitrag zu Schuberts B-Dur Sonate D 960 hervorgetreten, dem später weitere Beiträge etwa zu Beethovens 4. Klavierkonzert oder Albéniz Iberia in Das Klassikforum folgten. Manfred Voss ist im Alter von 53 Jahren am 12. August 2008 gestorben.

Lieber Frank,

zunächst ein Wort zur Widmung an 'Zelenka', der ich mich mit dieser Antwort anschließen möchte. Es gibt offenbar im Internet noch keine Form, wie Gestorbenen gedacht wird. Die meisten sind so jung, dass niemand ernsthaft an den Tod denkt. Und wer hat nicht hin und wieder darüber nachgedacht, sich für längere Zeit oder ganz aus einem Forum zurückzuziehen? Die Internet-Kommunikation verursacht mit ihrer Mischung aus Anonymität und künstlich wirkender Aufgeregtheit auf Dauer immer ein Gefühl innerer Leere. Andere schreiben unter mehreren Namen und geben vielleicht den einen oder anderen wieder auf. 'Zelenka's Avatar im "Klassikforum" zeigt keinen schwarzen Streifen oder sonstigen Hinweis auf den Tod. Virtuelle Personen kennen weder Leben noch Tod.

Die von Dir gewählte Widmung scheint mir da eine geeignete Form. Leider habe ich 'Zelenka' nicht persönlich kennen lernen können. Die Nachricht von seinem Tod kam völlig überraschend und wie ein Schock. Er hatte eine so direkte, offene und geradezu anregende Sprache, dass es schwer fällt, über seinen Tod hinwegzukommen.

Zusammenstellungen großer Komponisten oder Interpreten sind entweder Marktanalysen, wer sich wie gut verkaufen lässt, "wen man kennen und im CD-Schrank haben muss", oder zeigen eher das subjektive Hörprofil als eine objektive Bewertung. Zweifellos hätte ich die Liste ein wenig anders zusammengestellt. Wir sprachen über Busoni und Gould. Aber ich nehme sie als Anregung, etliche Pianisten und Aufnahmen zu entdecken, die mir bisher unbekannt sind.

Mich interessiert besonders, welche Beziehungen es zwischen den einzelnen Interpreten gab. Ein wichtiger Aspekt sind sicher die Prägungen durch den gemeinsamen Unterricht an den großen Pianistenschulen, in denen Traditionen gebildet werden und Generationen einander kennen lernten und aufbrachen, einen neuen Stil in die Welt zu tragen und durchzusetzen.

Das wichtigste Beispiel ist die russische und später sowjetische Pianistenschule. Adolph von Henselt (1814-1889) ging 1838 nach Russland und lehrte dort mehr als 50 Jahre, unter seinen Schülern waren Glinka, Balakirew, Anton Rubinstein. Als sich in Westeuropa die bis heute herrschende (Un)kultur der Reise-Stars herausbildete, ergriff er die einmalige Chance, in eine Umgebung zu kommen, wo alles reif war, den Boden zu bereiten für einen neuen kulturellen Ausdruck, und diesen von Grund auf zu gestalten.

Zu seinen Schülern und Mitstreitern zählte Theodor Leszetycki (1830 - 1915), der aus Wien gekommen war und dort bereits bei Czerny und Sechter gelernt hatte. Zu dessen Schülern gehörten A. Schnabel, I. Paderewski, E. Ney, I. Friedmann. Rachmaninov und Skrjabin waren wiederum "Enkelschüler" von Henselt. Alle diese Namen sprechen für sich. Vergegenwärtigt man sich weiter, welche Musik in dieser Zeit Strawinsky und Prokofjew in Russland komponierten, ist die einzigartige Mischung von deutschen, österreichischen und archaisch russischen Einflüssen erkennbar.

Entgegen manchen Erwartungen erlebte diese Schule nach der Oktoberrevolution einen weiteren Aufschwung. Im Mittelpunkt stand Heinrich Neuhaus (1888-1964), in Jelisawetgrad geboren (mit Vorfahren aus dem Rheinland, Kalkar). Er war in Wien Meisterschüler bei Leopold Godowski und folgte 1922 einer Berufung nach Moskau, wo er bis zu seinem Tode am Tschaikowski-Konservatorium lehrte und in vier Jahrzehnten den weltweiten Ruf der sowjetischen Pianistenschule begründete. Igor Schukow hat bei seinen Meisterkonzerten in Heidelberg immer ein Transparent von Neuhaus aufgehängt. Er galt als der Jüngste seiner großen Schüler. Nach wie vor ist geradezu unvorstellbar, welche unerschöpfliche Fülle von großen Künstlern hier aufgewachsen ist, trotz Stalinismus und weitgehend abgeschnitten von westlichen Einflüssen. Welcher westeuropäische oder amerikanische Schüler ging nach Moskau oder Leningrad? So hat sich diese Schule bis zum Tod von Neuhaus ihre Einzigartigkeit bewahrt.

Neuhaus

Heinrich Neuhaus in den 1930ern, Quelle

Da verblasst ein wenig die deutsche Pianistenschule im Berlin der Zwischenkriegsjahre mit den maßgeblichen Lehrern Busoni und Edwin Fischer (Claudio Arrau, Wilhelm Backhaus, Eduard Erdmann, Walter Gieseking, Arthur Schnabel, u.a.).

Ein echtes Gegengewicht war aber der neue französische Stil, der von zahlreichen Abtrünnigen des Pariser Conservatoire um 1910 geschaffen wurde, auch wenn sie später ihrerseits das Conservatoire dominierten. Sie hatten etwas völlig Neues zu sagen und konnten sich auf die Kraft und den Zusammenhalt einer großen Gemeinschaft verlassen, die von überall aus Frankreich in Paris zusammengeströmt war und ständig neue Bereicherung aus ganz Europa erfuhr.

Nur wenige Jahre und doch zugleich Welten trennen Lazare Lévy (1882 - 1964) und Alfred Cortot (1877 - 1962). Cortot war begeistert von Wagner, pflegte wie sein Vorbild sehr eigenwillige Interpretationen fern von strenger Werktreue und ließ sich während der deutschen Besatzung auf Kollaboration mit dem Vichy-Regime ein. Lazare Lévy war schon zu Studienzeiten mit Ravel und Casella befreundet, entdeckt Schubert und Scriabin für Frankreich, und musste während der deutschen Besatzung untertauchen (sein Sohn war in der Resistance und wurde in Auschwitz ermordet). Er hat nicht nur eine ganze Generation zwischen den Weltkriegen geprägt. Nach 1945 zählte auch John Cage zu seinen Schülern.

Long

Marguerite Long (1874 - 1964), CD-Cover, Quelle

Halb Europa war wie magisch angezogen, insbesondere Italiener und Spanier, und zunehmend Amerikaner (die Generation von Edgar Varese und Aaron Copland hat sich in Paris entscheidende Anregungen geholt). Auffallend die große Zahl von Pianistinnen in Frankreich, nicht nur Marguerite Long, Nadja Boulanger, Monique Haas, Clara Haskil, Youra Guller, Marcelle Meyer. Bei Tahra ist kürzlich eine Doppel-CD erschienen, die auch Aimèe-Marie Roger-Miclos, Marie Panthes, Madeleine von Valmalette und Agnelle Bundervoet vorstellt. Sie gaben den musikalischen Salons einen besonderen Glanz. Zugleich spürten sie stärker als andere die Zerbrechlichkeit dieser Kultur. Viele von ihnen litten unter langen Phasen der Selbstzweifel und verschiedener Krankheiten.

Welche vergleichbaren Entwicklungen gibt es seit 1945? Ich sehe im Moment zum einen eine Reihe von Pianisten, die sich den avantgardistischen Werken von Cage, Nancarrow, Ligeti oder der Serialisten verschrieben haben, groß geworden in den Zentren und Festivals der Neuen Musik wie Köln, Paris, Darmstadt, und diesen Stil auch in eine neue Interpretation der klassischen Werke hineintragen wollten. Sie wurden überwiegend bei Wergo veröffentlicht (Alfons und Aloys Kontarsky, Volker Banfield, Herbert Henck, Siegfried Mauser, u.a.). In diese Gruppe würde ich im weiteren Sinn auch Gould und Bruno Canino zählen. Lassen wir auch das Cembalo gelten, dann gehört Elisabeth Chojnacka hierher. Zum anderen Pianisten, die sich den Einflüssen aus dem Jazz und anderer Richtungen der Unterhaltungsmusik öffnen, so z.B. Samson Francais, Weissenberg, Gulda und in neuerer Zeit Fazil Say. Wer allerdings hört, wie bereits Prokofjew seine eigene Toccata und Auszüge aus den "Bildern einer Ausstellung" spielte, dem klingt vieles davon wie kalter Kaffee.

Was mir noch fehlt ist eine Richtung, die Musik in der Weise neu fließen und aufklingen zu lassen, wie es etwa den Dirigenten Celibidache und Marthé gelingt, oder unter den Komponisten Arvo Pärt. Wahrscheinlich würden sie auch den ganzen Kanon der Klaviermusik neu durchdenken. Immer wenn ich neue Pianisten höre, hoffe ich, dass so etwas begonnen wird. Immerhin hätten sie in Sofronitsky ein großes Vorbild, der bisher aber recht isoliert im Panthéon der Pianisten bleibt. Ein wenig von solchen möglichen Klängen war von Anna Vinnitskaya zu hören, etwa ihre Interpretation des "Le Gibet" aus Ravels "Gaspard de la nuit".

© tydecks.info 2008 - Erstveröffentlichung im KlassikAkzente Forum, Sept. 2008