Walter Tydecks

Das nomadische Subjekt

nach Gilles Deleuze und Rosi Braidotti
 

Kunst der Schamamen Sibiriens
Kunst der Schamanen Sibiriens

 

Beitrag für das Philosophische Colloquium der Akademie 55plus Darmstadt am 22. Juni 2015

 

Einleitung

Der franzöische Philosoph Gilles Deleuze (1925-1995) gab in den 1960ern zusammen mit Michel Foucault eine Gesamtausgabe der Werke Nietzsches heraus und war 1964-69 Professor in Lyon. In dieser Zeit wurde er mit Differenz und Wiederholung und der Logik des Sinns bekannt und ging 1969 zurück nach Paris. Dort entstanden gemeinsam mit dem Psychiater Félix Guattari (1930-1992) die wichtigsten Arbeiten. Eins ihrer bekanntesten Werke handelt vom Rhizom, in dem sie eine Alternative zum klassischen philosophischen Denken sehen, das an Klarheit und Systematik orientiert ist. Es kann als Philosophie der unorthodoxen Graswurzelbewegung und neoanarchistischer Strömungen gelten. Obwohl er weniger bekannt war als etwa Foucault oder Derrida, hat sein Werk großen Einfluss auf neomarxistische Strömungen (Jameson, Negri, Zizek) und die Frauenbewegung ausgeübt, darunter auch Rosi Braidotti (* 1954), eine Schülerin von Luce Irigaray (* 1930, Psychoanalytikern, Zusammenarbeit mit Lacan). Von ihr gibt es mehrere Bücher über das nomadische Subjekt, in denen sie sich neben Irigaray vor allem auf Deleuze beruft. Heute wird kritisch gefragt, ob das von Deleuze gemeinte Nomadentum Ideal einer alternativen Lebensweise oder Privileg einer gutsituierten Schicht von Akademikern ist, die ihre Variante einer Jetset-Lebensweise als Nomadentum beschönigen (UP-gallery).

Kleine Literatur am Beispiel Kafka

Bei Deleuze fließen die Ausdrücke »kleine Wissenschaft«, »molekulare« oder »nomadische Wissenschaft« ineinander, auch wenn manche Autoren ihre Differenz hervorheben (so z.B. Gerald Raunig). Das Nomadische entwickelt sich wie ein wucherndes, nicht auszurottendes und nur teilweise sichtbares Wurzelwerk unterhalb der sichtbaren molaren Ordnungen in den Poren des Molekularen. Es entwickelt sich quer zu den üblichen Einteilungen der Geisteswissenschaft in Künste, Philosophie, Psychologie etc. Literatur und Kino sind für Deleuze besonders wichtige Beispiele.

Kleine Literatur entsteht aus einer Minderheiten- und / oder Randposition. Eine Minderheit mit einer eigenen Sprache fühlt sich unwohl in der offiziellen Sprache. Kafka war in Prag eingezwängt zwischen hebräischer, jiddischer, deutscher und tschechischer Sprache. Als Deutschsprachiger gehörte er gegenüber den Tschechen zu einer Minderheit, die jedoch gesellschaftlich und ökonomisch dominierte. Innerhalb des Deutschen nahm er wiederum als Jude eine Randposition ein. Er befand sich damit zwischen »Mutter-Sprache«, »Weltsprache«, »Kultur« und »'mythischer' Sprache« in einer ungesicherten Lage (Deleuze Kafka, S. 34), woraus er einen eigenen »Brei aus Sprachen« schuf (ebd., S. 35). »In der eigenen Sprache wie ein Fremder leben« (ebd.), das macht seine »kleine Literatur« aus, mit der alle anderen Sprachen in ihrer Monstrosität entlarvt werden. Immer mehr Menschen erleben das heute, die es in eine fremde Sprache verschlagen hat oder die die Überfremdung und Verformung ihrer Muttersprache erleben müssen. Aus heutiger Sicht erscheint nicht mehr ganz nachvollziehbar, wenn Deleuze dies seinerzeit als Urbild des »Pop« sah, der inzwischen aus einer Minderheitenkultur zur allgegenwärtigen Unterhaltungsform aufgestiegen ist.

Die kleine Literatur entdeckt das »molekulare Toben und Tanzen« in der großen (ebd., S. 17). Deleuze zitiert aus Kafkas Ein Bericht für eine Akademie: »Die Affennatur raste, sich überkugelnd, aus mir heraus und weg.« Sie läßt sich nicht in Schubladen packen (»Territorialisierung«), sondern sucht nach Fluchtlinien. Ihr fehlt die Geschlossenheit der großen Literatur. Sie ist fragmentiert und ordnet ihre Bruchstücke in unterschiedliche Serien, die sich nicht aufeinander zurückführen lassen. Den Serien entsprechen jeweils eigene Zeiten, besser: Zeitempfinden. Jeder lebt gebrochen in den verschiedenen Zeiten zugleich.

Es gibt Vermittler zwischen den Serien, das sind bei Kafka vor allem Frauen: die Schwester, die Dienstmädchen, Huren. Den Frauen erscheint die Gleichförmigkeit der jeweiligen Serie lächerlich, sie öffnen den Männern die Augen und helfen ihnen, einen größeren Horizont zu sehen. Konkret: Die Schwester zerbricht das ödipale System (so in der Erzählung Die Verwandlung), die Dienstmädchen lassen sich nicht in die bürokratischen Ordnungen zwängen, die Huren rauben den Männern vollends ihre gewohnte Orientierung (diese letzte These erscheint etwas gewagt, Deleuze bezieht sich auf das Verhältnis von K. zu Frieda im Schloß). Die Frauen bewirken, dass die Serien in ein amorphes Wuchern ausarten, dass alle Vorhaben endlos verschleppt werden und auf ewig liegen bleiben. Unter ihrem Einfluss verwandeln die Männer ihren Charakter. Sie verlieren alles Ästhetentum, verlieren das Interesse an Metaphern (und damit wohl an allen rhetorischen Formen), werden Junggesellen in einem Milieu der Mittelmäßigkeit, entwickeln künstlerische Züge.

Abstrakte Maschinen

Mit Kafka kann übergeleitet werden zu den abstrakten Maschinen. Das ist ein ungewohnter Begriff, der für mein Sprachempfinden besser als vor- oder unbewußte Denk- und Verhaltensmuster zu bezeichnen wäre.

»Die abstrakte Maschine beginnt dann zu arbeiten, wenn man es nicht erwartet, beim Einschlafen, in einem Dämmerzustand, bei einer Halluzination, bei einer angenehmen körperlichen Betätigung … In Kafkas Novelle Blumfeld kehrt der Junggeselle am Abend heim und findet zwei kleine Zelluloidbälle, die von selber gegen die 'Wand' springen, die in diesem Fall der Fußboden ist; sie hüpfen überall herum und versuchen sogar, ihm ins Gesicht zu springen« (Deleuze, Guattari, Plateaus, S. 231).

Abstrakte Maschinen organisieren Wiederholungen. Eine endlose Wiederholung kann Zeichen einer festgefahrenen Situation sein, in der sich im Grunde nichts mehr bewegt. Eine Wiederholung kann aber auch der Versuch sein, durch ständiges Wiederholen etwas zu verstehen, dessen Identität sich nicht gleich erschließt. Etwas kann so lange wiederholt werden, bis es in seiner Gleichmäßigkeit nicht mehr wahrgenommen wird und stattdessen ein trance-artiges Gefühl eines Rauschens, einer Stimmung oder auch einer Zwangsvorstellung wie im Beispiel der Springbälle Blumfelds entsteht. Ein Pianist kann beim Üben ein Stück oder eine Stelle daraus solange wiederholen, bis er im Wiederholen den inneren Ton der Bewegung herauszuhören und zu gestalten vermag.

»Die Wiederholung verweist in ihrem Wesen auf eine einzigartige Macht (frz. puissance, d.h. Potenz, Macht, Fähigkeit, im Sinne von lat. potentia, Anm. d. Ü.), deren Natur von der Allgemeinheit abweicht« (Deleuze, Differenz und Wiederholung, S. 18).

Die Wiederholung ist der elementarste Versuch, sich einer Bewegung anzuschließen. Es ist eine Anpassung, Mimesis. Ich wiederhole etwas solange immer wieder von vorn, bis mir aufgeht, was hier eigentlich geschieht. In diesem Moment hat sich die abstrakte Maschine gezeigt, die bisher im Verborgenen gewirkt hat.

Wichtig ist für Deleuze, dass die abstrakte Maschine innerhalb der Bewegung liegt und nicht wie ein transzendenter Plan, der alles von außen steuert.

Deleuze sucht sowohl nach Wegen, in eine Bewegung hineinzukommen, sich einzuschwingen und einen Moment lang zur Orientierung innerhalb der Bewegung treiben zu lassen, um dann aus der Bewegung heraus ihr inneres Momentum zu verstehen, wie er sich zermürbenden, endlosen Sysiphos-Arbeiten unterzieht, wenn es herauszuspüren gilt, welche inneren Blockaden und äußeren Widerstände sich dem entgegenstellen. Abstrakte Maschine kann daher beides bedeuten: Aus der Bewegung heraus die abstrakte Maschine als ihren inneren Motor verstehen, der in der Regel von außen nicht wahrnehmbar ist. Und die abstrakte Maschine kann eine starre Ordnung sein, die alle freien Bewegungen einfängt, in einen festen Rhythmus überführt und erstarren läßt. Ja, es war für Deleuze und Guattari wohl schon eine abstrakte Maschine, die sich gewissermaßen selbst geschaffen hat, als am Beginn der menschlichen Kultur die frühesten Formen des Staates entstanden.

Wird in dieser Weise nach einer abstrakten Maschine gefragt, dann liegt es nahe, sie letztlich in einem wiederholenden Zählen zu sehen. Zahlen werden zunächst als Zeichen der Bürokratie und der starren Ordnung angesehen. Deleuze und Guattari erinnern daran, wie in den Konzentrationslagern die Gefangenen auf Nummern reduziert wurden. Und dennoch wollen sie innerhalb der Zahlen eine innere Kraft des Zählens bloßlegen. Warum auch nicht? Vielleicht ist sich die technokratische Macht bewußt, welchen Schatz sie hier birgt, und will ihn bis zur Unkenntlichkeit verzerren, damit niemand auf die Idee kommt, sich diese Macht anzueignen. Die Nomaden halten sich nicht an die Vorgaben eines Ordnungssystems, sondern greifen es, wenden es hin und her, lassen es in alle Richtungen laufen, spielen damit, bis sie eine verborgene Kraft darin entdecken. Sie zählen so lange, bis sie sich in die Position der Zahlen versetzen können, mit denen sie zählen. So wie sich jemand bei den Atemübungen des Yoga bis dahin zu steigern vermag, dass er sich selbst als den Atem spürt, der durch ihn hindurchfließt, kann das Zählen bis dahin repetiert werden, dass der Zählende im Zählprozess aufzugehen meint. Aus dieser Position heraus können die Nomaden die starre Ordnung der Zahlen unterlaufen und von innen her aufbrechen.

Dann wendet sich der Charakter der Zahl und des Raums, in dem sich die Zahlen befinden. Die Zahlen werden nicht mehr wahrgenommen als ein festes Raster wie auf einem Kerbholz, sondern sie laufen frei auf einer Fläche entlang, erkunden verborgene Eigenschaften in ihr, die sich aller sinnlichen Qualität wie Farbe oder Rauhheit entziehen und in der bloßen Zahlhaftigkeit zeigen. Dann ist nicht eine leere Abstraktion erreicht, sondern ein Abstraktionsprozess, der sich in eine innere Ebene begibt, die sich der sinnlichen Wahrnehmung entzieht. So wird das Zählen zum Modell einer abstrakten Maschine. Ihre Abstraktion ist kein verallgemeinertes Schema, sondern eine flüssige Ordnung, die sich unterhalb der fixierten Strukturen befindet. Deleuze und Guattari bezeichnen sie als glatten Raum, um sie dem gekerbten Raum gegenüberstellen zu können.

»Die Zahl wird zum Subjekt. Die Unabhängigkeit der Zahl gegenüber dem Raum beruht nicht auf der Abstraktion, sondern auf der Konkretheit des glatten Raumes, der besetzt wird, ohne selber mitgezählt zu werden. Die Zahl dient nicht mehr zum Zählen und Messen, sondern zum Verschieben; sie selber verschiebt sich in einem glatten Raum. Der glatte Raum hat gewiß seine eigene Geometrie, aber es handelt sich dabei, wie wir gesehen haben, um eine untergeordnete, operative und skizzenhafte Geometrie. Genaugenommen ist die Zahl um so unabhängiger vom Raum, wie der Raum von einer Metrik unabhängig ist. [...] Die Zahl wird immer dann zum Prinzip, wenn sie einen glatten Raum okkupiert und sich dort als Subjekt ausbreitet, anstatt einen eingekerbten Raum auszumessen« (Deleuze, Guattari, Tausend Plateaus, S. 538).

Die abstrakte Maschine begibt sich in das Innere des Werdens. Deuleuze und Guattari suchen nach einer Art Super-Diagramm, um das darzustellen, und wollen damit die von der Strukturmathematik (Bourbaki) und den Chaos- und Katastrophentheorien entworfenen Diagramme fortführen. Ein solches Diagramm müsste folgende Schritte zeigen: Das Werden – die abstrakten Maschinen innerhalb des Werdens – das Zählen als die abstrakte Maschine innerhalb der abstrakten Maschinen – die zählende Zahl als Werden innerhalb des Zählens – die Hervorhebung eines besonderen Zahlenkörpers innerhalb der Zahlen, in dem die treibenden Momente des Zählens, die mit dem Zählen verbundenen Keime des Werdens versammelt sind – Darstellung dieses letzten Ergebnisses, d.h. des Zahlkörpers, durch ein Diagramm, und Darstellung der ganzen Entwicklung durch ein Diagramm. Ist diese Entwicklung im Ganzen wiederum eine Meta-abstrakte Maschine, die den Ablauf aller abstrakten Maschinen steuert? Droht hier der Gedanke der abstrakten Maschine auszuufern, und wo kann er inneren Halt gewinnen?

Abstrakte Maschinen steuern von innen die Kontextabhängigkeit. Sie nähern sich den molekularen Strukturen im biologischen Sinn an, den Erbinformationen und Virus-Ansteckungen. Vorbild für Deleuze und Guattari scheinen die Makromoleküle zu sein, die wie verdrillte Lochstreifen aussehen und alle Abläufe innerhalb der biologischen Zellen steuern. Sie stellen gegenüber jedem Satz und jeder Aussage die Frage: »In welchem Zeichenregime ist der Satz enthalten«, sie lassen nach »der Übersetzung und Transformation in anderes Regime suchen« und regen an, »neue Aussagen zu schaffen, die für diesen Satz noch nicht bekannt sind« (ebd., S. 202).

Abstrakte Maschinen und Algorithmen, Pseudo-Code, Programmierung. Formale Automaten.

Auch wenn Deleuze als Anti-Hegelianer bezeichnet wird, dem das immer gleiche Geklapper des dialektischen Dreischritts und der uferlose Aufbau von Kreisen aus Kreisen zuwider war, ging offenbar doch zugleich eine Faszinationskraft von Hegels ständigen Wiederholungen auf ihn aus. Und Hegel hat am Anfang seiner groß angelegten Wissenschaft der Logik den von Deleuze und Guattari entwickelten Gedanken einer abstrakten Maschine bereits in gewisser Weise vorweggenommen. Er stellt dort provozierend den Satz auf: »Das reine Sein und das reine Nichts ist also dasselbe« (HW 5.83). Es geht jetzt nicht um die Deutung oder Rechtfertigung dieses Satzes, sondern was Hegel daraus macht:

»So ist also hier ein Satz gesetzt, der, näher betrachtet, die Bewegung hat, durch sich selbst zu verschwinden. Damit aber geschieht an ihm selbst das, was seinen eigentlichen Inhalt ausmachen soll, nämlich das Werden« (HW 5.93).

Wenn sich das Denken in den genannten Satz hineinversetzt, dann erkennt es, dass in diesem Satz Sache und Gedanke in Übereinstimmung kommen: Der Gedanke des Werdens wird in einem Satz ausgesprochen, der sich in der Bewegung des Werdens befindet (wenn Verschwinden und Entstehen als Momente des Werdens verstanden werden). Urs Richli hat gezeigt, wie sich in dieser Weise auch im weiteren die Grundbegriffe der Hegelschen Logik verstehen lassen. Was Hegel hier über die innere Bewegung des spekulativen Satzes schreibt, entspricht nach meiner Überzeugung dem Grundgedanken der abstrakten Maschine von Deleuze und Guattari. Wenn sie den gekerbten und glatten Raum unterscheiden, die normierende und die zählende Zahl, kommt das Hegels Verständnis der Zahl sehr nahe. Auch für ihn entsteht der Begriff der Zahl nicht als die Gesamtheit der natürlichen Zahlen oder als Axiomensystem der Zahlen, ist nicht der Sack Kartoffeln, in dem die Zahlen abgefüllt und aufbewahrt sind, sondern der Vorgang, in dem sich die Vielen und Unter-einander-Gleichen voneinander abstoßen und zugleich eine innere Einheit bilden, aus der sich dann sowohl die diskreten wie die kontinuierlichen Zahlen herausbilden. Intuitiv hat Hegel den Standort innerhalb der Zahlen eingenommen, um den es Deleuze und Guattari geht.

Bei Virginia Woolf sehen Deleuze und Guattari beide Aspeke zusammenkommen, die kleine Literatur und die abstrakte Maschine. Als sie gefragt wurde, in welcher Weise sie als Frau anders schreibt, hat sie geantwortet:

»Das Schreiben solle vielmehr ein Frau-Werden produzieren: Atome von Weiblichkeit, die fähig sind, einen ganzen gesellschaftlichen Bereich zu durchlaufen und zu erfüllen, die Männer anzustecken und sie in dieses Werden hineinzuziehen. Ganz sanfte Partikel, die aber auch sehr hart und hartnäckig, irreduzibel und unbezähmbar sind« (zitiert in Deleuze, Guattari, Plateaus, S. 376).

1837 – Ritornell

Abstrakte Maschinen werden von Deleuze und Guattari häufig als Kriegsmaschinen bezeichnet. Aber sie bieten in ihren verschlungenen Tausend Plateaus auch eine Alternative: Das Ritornell. Das Ritornell ist eine kleine Melodie-Phrase, die in einem Rondo immer neu wiederkehrt und in dieser Art von Wiederholung Freiheit und Lebensfreude zeigt. Deleuze und Guattari deuten es als die besondere Fähigkeit, wie Minoritäten sich in einer chaotischen, bedrohlichen Umgebung einzurichten und vorsichtig neue Bewegungsfreiheit zu gewinnen vermögen. Das Ritornell hilft dem Kind und den Frauen, wenn sie angesichts drohenden Chaos leise singen und sich damit zu beruhigen vermögen. Das Kind baut sich eine Butze und wagt sich dann vorsichtig aus diesem Schutz wieder hervor.

»Das Ritornell ist par excellence klanglich, aber es entfaltet seine Kraft sowohl in einem kitschigen Chanson als auch in einem ganz reinen Motiv oder in dem kleinen Thema (petite phrase) von Vinteuil. Und manchmal findet sich das eine im anderen, wenn zum Beispiel Beethoven zu einer 'Erkennungsmelodie' wird« (ebd., S. 475).

»Das Ritornell erzeugt Zeit. [...] Die Zeit ist hier keine apriorische Form, sondern das Ritornell ist die apriorische From der Zeit, die jedesmal unterschiedliche Tempi erzeugt« (ebd., S. 476f).

Wenn das Nomadentum von Deuleuze und Guattari als Kriegsmaschine bezeichnet wird, droht mit diesem Ausdruck das Missverständnis, als würden die Nomaden frontal gegen den Staat anrennen, ihn von außen attackieren und dank ihrer größeren Geschwindigkeit und Durchschlagskraft besiegen, jedoch um den Preis, dass sie sich in diesem Kampf ihrem Gegner als Maschine gleichmachen und dadurch letztlich innerlich von ihm vereinnahmt werden und nach ihrem Erfolg so geworden sind, wie dasjenige war, was sie überwinden wollten. Ein solches Missverständnis wird mit dem Ausdruck Ritornell vermieden. Das Ritornell zieht sich vorsichtig zurück, baut sich seinen Rückzugsort und wagt von dort aus Ausflüge. Es verläuft entlang der Fluchtlinie eines Außenseiters, der in einem zentralistischen System verfolgt und in eine starre Konfrontation zum Despoten gebracht wurde, sich aber diesem Bann entziehen und ausbrechen kann. Historisches Vorbild ist für Deleuze und Guattari der Exodus der Juden aus Ägypten durch das Rote Meer und die Wüste.

Es gibt einen sehr lesenswerten, leider jedoch nicht mehr verfügbaren Kommentar von Marcus Dick zu diesem Thema. Nirgends sagen Deleuze und Guattari ausdrücklich, welches Ereignis sie mit 1837 verbinden. Für Dick ist 1837 das Jahr, als sich Robert und Clara Schumann nach langen Jahren des Wartens die Liebe erklären, Schumann die Davidsbündler Tänze komponiert, und als er erstmals gegenüber Clara seine Gemütskrankheit erwähnt. Schumann ist für Deleuze und Guattari der Meister des Ritornells.

»Die Musik ist von Kindheits- und Weiblichkeitsblöcken durchdrungen. Die Musik ist von allen Minderheiten durchdrungen und stellt dennoch eine ungeheure Macht dar. Ritornelle von Kindern, Frauen, Ethnien, Territorien, von Liebe und Zerstörung: die Geburt des Rhythmus. Schumanns Werk besteht aus Ritornellen, aus Kindheitsblöcken, mit denen er auf ganz besondere Weise umgeht: sein eigenes Kind-Werden, sein eigenes Frau-Werden, Clara. Man könnte einen Katalog der diagonalen und transversalen Verwendung des Ritornells in der Musikgeschichte zusammenstellen, alle Kinderspiele und Kinderszenen« (ebd., S. 409).

Daraus ergibt sich für Deleuze und Guattari eine umfassende Epochenbeschreibung der bürgerlichen Musik: (1) Klassik schafft aus einem Chaos ein Milieu. Eine Vogelstimme sucht und findet Antwort. (2) Die Romantik läßt die Erde klingen, vermag aber keine eigene liedliche Zwiesprache mehr zu gestalten. Ihr Höhepunkt ist Mahlers Lied der Erde. Ihr fehlt die Resonanz, das Volk. Schumann befand sich am kritischen Umschlag von Klassik zu Romantik. (3) Im 20. Jahrhundert entsteht die Moderne. Jetzt wird die molekulare Ebene erreicht. Keine Melodie, keine klingende Erde. Gründer war Debussy, dem mit dem molekularisierten Stück La mer gelungen ist, etwas hörbar zu machen, was bis dahin nicht sinnlich wahrnehmbar war. Daraus entwickelte sich dann die völlig molekularisierte Musik des 20. Jahrhunderts. Vor allem Boulez wird erwähnt, aber auch Stockhausen und Cage.

1832 – Nomadische Mathematik

Nomaden in der Mathematik sind für Deleuze solche Mathematiker, die sich um keinerlei geltende Axiome scheren, sondern im Zweifel alle Gebote und Verbote durchbrechen und darauf vertrauen, dass sie mit ihren Erkenntnissen einen neuen Rahmen der Mathematik öffnen. Das galt spektakulär für die Differentialrechnung, die auf ihre Weise durch Null teilt, wenn im Grenzübergang die Differentiale dx und dy gegen Null konvergieren. Kreative Mathematik überspringt alle Regeln, geht über alles hinaus, ist »nomadisch« und »wild«. Deleuze nennt sie die »minor mathematics«. Nach ihren Entdeckungen muss »das Haus wieder in Ordnung gebracht werden« (Dieudonné, zitiert nach Smith, S. 16), und es folgt eine Phase der Sicherung. Beide Richtungen sind gleichwertig.

Gibt es auch inhaltlich innerhalb der Mathematik etwas, das wie ein Keim eine Bewegung aus sich heraus erzeugt und als Modell für eine abstrakte Maschine dienen kann? Deleuze denkt hier an eine Mathematik, die nicht mehr einfach für eine bestimmte Aufgabenstellung eine Lösung findet, also nicht mehr eine vorgegebene Aufgabe ausrechnet, sondern für eine Aufgabenstellung den umfassenden Lösungsraum findet und dessen geometrische Eigenschaften untersucht. An ihnen soll erkannt werden, ob es eine Lösung gibt, und es können im weiteren je nach Aufgabenstellung eine einzelne Lösung oder ganze Klassen von Lösungen gefunden werden.

Der Klassiker für diese Vorgehensweise ist die im 18. Jahrhundert entstandene Variationsrechnung. Als zum Beispiel gefragt wurde, entlang welcher Bahn eine Kugel am schnellsten von einem höheren Ort zu einem bestimmten tiefer gelegenen Ort rollt, wurde die Gesamtheit aller möglichen Wege betrachtet und innerhalb dieser Gesamtheit das Optimum errechnet.

Brachistochrone

Brachistochrone
Quelle: National Curve Bank. Eine gute Einführung mit vielen weiteren Beispielen findet sich auch bei Matroids Matheplanet.

Wesentlich weiter ging 1832 der 20-jährige französische Mathematiker Evariste Galois. Seit der Antike wurde gefragt, ob es ein geometrisches Verfahren gibt, mit dem ein beliebiger Winkel in drei gleiche Teile geteilt werden kann, wobei als Hilfsmittel nur Lineal und Zirkel erlaubt sind. Galois fand einen Weg, den Raum aller Lösungswege zu entwerfen, die mithilfe von Lineal und Zirkel möglich sind. Mit diesem Ansatz konnte er zeigen, dass es in diesem Raum unmöglich ist, für alle Winkel einen Lösungsweg zu finden. Für Deleuze war diese neue Herangehensweise von größerer Bedeutung als die kopernikanische Wende.

Lässt sich diese Methode dahin erweitern, eine mathematische Lehre des Werdens zu schreiben? Das ist eine Lehre, die Lösungskeime entwirft, ihre Eigenschaften studiert und zeigt, welche Eigenschaften von ihnen bei einer Lösung erhalten bleiben oder verloren gehen. Vorbild ist die Embryonalentwicklung. In jedem Moment gibt es für den Embryo unendlich viele Entwicklungsmöglichkeiten, und es kann gefragt werden, durch welche Eigenschaften sich die Entwicklungswege, die zu einem lebensfähigen Individuum führen, von denen unterscheiden, die mit Missbildungen und Mängeln verbunden sind. Die Biologie liefert ein kaum überschaubares Daten- und Anschauungsmaterial, das bis heute nur in ersten Ansätzen ausgewertet ist. Biologisch sind die erfolgreichen Entwicklungswege zu identifizieren. Für diese ist dann zunächst in den einzelnen Fällen eine geeignete mathematische Beschreibung zu finden, und für diese mathematischen Modelle ist im weiteren der übergreifende mathematische Raum zu konstruieren, innerhalb dessen diese Modelle dargestellt und miteinander verglichen werden können. Wenn das gefunden ist, kann weiter gefragt werden, ob es innerhalb eines solchen mathematischen Raums der embryonalen Entwicklungen Regeln gibt, denen die Embryogenese folgt. Das wäre ein Beispiel für die von Deleuze gemeinten abstrakten Maschinen. Ansatzpunkte werden von der Biologie geliefert, wenn diese die komplexen Makromoleküle und ihre Replikationen sowie die räumlichen Eigenschaften innerhalb der Zellen untersucht.

Zebrafisch Entwicklung

Embryonalentwicklung des Zebrafisches
Quelle: Sandeep Bhat.

Deleuze und seine Nachfolger wie Manuel DeLanda werden an dieser Stelle sehr genau. An jedem Punkt einer Entwicklung gibt es eine Vielfalt von Verzweigungsmöglichkeiten. Mathematisch handelt es sich an jeder einzelnen Verzweigungsstelle um einen Tangentialraum, in den hinein die möglichen Entwicklungsrichtungen fortgeschrieben werden können, und bei der Gesamtheit aller Tangentialräume entlang einer Entwicklungslinie um das Tagentialbündel, dessen mathematische Eigenschaften seit den 1950ern intensiv untersucht werden.

DeLanda bezeichnet den Entwicklungsraum als »Pre-actualization« und gibt damit einem aus der Quantentheorie stammenden Begriff eine philosophische Verallgemeinerung. In der Quantentheorie wird von Pre-quantisation gesprochen. Damit ist gemeint, dass für eine Bewegung das Bündel miteinander verbundener Zustandsräume konstruiert wird, in denen alle Zustände dargestellt sind, die die Bewegung durchlaufen könnte. Das wäre im Beispiel der Bahn der Kugel das Bündel aller Orte, die auf unterschiedlichen Bahnen durchlaufen werden können. Innerhalb dieses Bündels kommt es zu einer Polarisation, mit der aus der übergroßen Menge an Möglichkeiten eine Auswahl getroffen wird, um die konkrete vorliegende Fragestellung beantworten zu können. Zum Beispiel wird für die Bewegungsbahnen der Kugel vorausgesetzt, dass es keine Sprünge geben darf. Der tatsächlich beobachtete Vorgang wird als Schnitt bezeichnet, DeLanda nennt ihn »Counter actualization«, mit der aus der Vielfalt der möglichen Prozesse eine im wirklich beobachteten Prozess ausgezeichnet wird.

Theorien dieser Art bewegen sich in einem unsicheren Gelände, in dem es zu einer eigentümlichen Mischung von Anschauung und halb-fertigen Prozeduren kommt. Zahlreiche Begriffe drohen bei unzulässiger Verallgemeinerung in begriffliche Paradoxien zu laufen (wie sie seit der von Cantor entwickelten Mengenlehre bekannt sind). Die Mathematik muss daher in dieser Phase auf ein zum Teil ungesichertes Wissen und ein möglicherweise in die Irre gehendes metaphorisches Denken vertrauen. Den Mut auf solche Weise vorzugehen und sich dabei von einer letztlich ungeklärten Intuition leiten zu lassen, das ist die nomadische Mathematik.

An dieser kritischen Stelle berührt sich die nomadische Mathematik mit den algorithmischen Methoden im Sinne von Big Data. Abstrakte Maschinen und Algorithmen haben eine gewisse Gemeinsamkeit. Big Data vertraut jedoch darauf, dass sich aus dem Datenmaterial die Algorithmen maschinell ableiten lassen. Das entspricht der klassischen Methode der Aufgabenlösung. Deleuze ist dagegen überzeugt, dass an dieser Stelle eine nomadische Wissenschaft erforderlich ist, die über die genannte Freiheit verfügt, Regeln in kreativer Weise brechen und überschreiten zu können.

Braidotti über das nomadische Subjekt

Während Deleuze und Guattari verstehen wollen, was eine nomadische Wissenschaft und was abstrakte Maschinen sind, fragt Braidotti nach dem nomadischen Subjekt. Die Globalisierung erzeugt auf widersprüchliche Weise Bewegungen. Auf der einen Seite entwurzelt sie Millionen von Menschen und treibt sie gegen ihren Willen in die Migration. Auf der anderen Seite ermöglicht sie den Besitzenden und beruflich Erfolgreichen ein hohes Maß an Mobilität. Sie drängt die einen nach verzweifelten Auswegen zum Überleben, und löst bei den anderen alle überlieferten stabilen Formen von Familie, Partnerschaft und Beziehung auf. Das betrifft auch die Geschlechterrollen, um die es Braidotti vor allem geht. War früher die persönliche Identität orientiert am Ideal des weißen Mannes mit seiner Verantwortung für Beruf, Arbeit und Einkommen, Heterosexualität mit klaren ehelichen und außerehelichen Regeln, Bändigung und Nutzung von Naturkräften auf einer schier unaufhaltsamen Bahn des Fortschritts, seinem Privatbesitz und den seit Descartes geltenden Regeln eines rationalen Denkens der Klarheit und Universalität, so ist das alles heute in Frage gestellt. Die männliche Identität ist umfassend relativiert: Mit dem Niedergang der Industrie gilt nicht mehr die selbstbewußte Parole des Proletariats »Wenn unser starker Arm es will, stehen alle Räder still«, und auch die Ingenieure haben ihre zentrale Stellung im Wirtschaftsleben verloren, wie es noch die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts prägte. Stattdessen gewinnen im Berufs- und Privatleben andere Fähigkeiten größere Bedeutung, die klassisch den Frauen zugeschrieben werden, die soziale und emotionale Kompetenz. Der Fortschrittsglaube ist erschüttert, und Großforschungseinrichtungen wie den Teilchenbeschleunigern und Raumfahrtunternehmen fällt es zusehends schwerer, ihre steigenden Kosten mit nachweisbaren ökonomischen Erfolgen zu rechtfertigen.

Das stürzt die meisten Menschen in persönliche Krisen, in denen jeder für sich seinen eigenen Weg finden muß. »These are strange times, and strange things are happening. [...] Unless one likes complexity one cannot feel at home in the twenty-first century« (Braidotti, Metamorphoses, S. 1). Auch innerhalb der Frauenbewegung sieht sie eine Neigung zu resignierenden Gefühlen von »loss, failure, melancholia and the ontological lack« (ebd., S. 57). Sie fragt jedoch nicht, welche materiellen Voraussetzungen gegeben sein müssen, um sich in dieser Lage erfolgreich bewegen zu können, und scheint die Privilegien ihrer eigenen Situation als Professorin in den Niederlanden mit zahlreichen Auslandsaufenthalten nicht zu hinterfragen.

Modernes Nomadentum gilt als schick und Zeichen des Erfolges. Dagegen richtet sich zum einen im Umfeld der Globalisierungs-Gegner die Kritik, dass »unter dem Begriff des Nomadismus die Bewegungen von reisenden Intellektuellen und politischen Flüchtlingen vermischt werden«, während »das Agieren in prekären Kontexten Bedingung des Nomadischen (ist)« (Raunig), und zum anderen entstehen mit der Globalisierung neue universale Ethiken, die übergreifend für alle gelten sollen, die zuvor als Fremde und Nomaden ausgeschlossen waren. Mit ihnen setzt sich Braidotti kritisch auseinander. Hatte es früher eine klare Trennung gegeben zwischen dem männlichen Subjekt und allem anderen, was ihm gegenüber anders war, so droht mit dem Zerfall der männlichen Identität auch die Spannung zum Anderen verloren zu gehen (Braidotti Transposition des Lebens, S. 124). Wenn es keine klare männliche, weiße Identität mehr gibt, fällt es schwerer, ihm gegenüber die Vision eines Anderen zu entwickeln, das sich davon unterscheidet und eine eigene Perspektive zu finden vermag.

Aus ihrer Sicht ist es keine Lösung, wenn die überlieferte Ethik, die von den Bedürfnissen des weißen Mannes ausgegangen war, ersetzt wird durch eine universale Ethik, die gleichermaßen für alle Geschlechter, Rassen und sogar übergreifend für die Natur und das Verhältnis zu den Tieren gelten soll. Sie kritisiert daher sowohl die Ansätze zu einer erweiterten Tierrechtsethik durch Peter Singer wie auch die von Martha Nussbaum vertretene universale Ethik. Nach ihrer Meinung wiederholt sich hier lediglich auf einer abstrakteren Ebene die frühere Ethik, und bringt die Frauen, die anderen Völker und den Umgang mit der Natur nur dazu, sich unbemerkt und auf einer anderen Ebene dem Ideal des weißen Mannes anzupassen. Das will sie entlang der »neue(n) Beziehung zur Frau, zum Eingeborenen, zur Natur« (ebd., S. 113) näher ausführen.

racialization: Die Toleranz gegenüber anderen Kuluren scheint überall zuzunehmen. Alle Großunternehmen werben mit ihrem globalen Auftritt und präsentieren sich weltoffen mit Teams, die aus Menschen mit allen Hautfarben und Geschlechtern zusammengesetzt sind. Doch pervertiert das die ursprünglichen Ziele, siehe Leitfiguren wie Condoleeza Rice oder Naomi Campbell. Menschen aller Rassen werden einem bestimmten Schema unterworfen, das sich in ihrem Gesichtsausdruck, Körperhaltung und Auftreten zeigt. Zwar spielt die Hautfarbe keine Rolle mehr, aber es setzt sich eine normierte Präsentation durch, in der alles Fremde verloren geht. Der Massentourismus ist interessiert an allen Kulturen, nimmt sie aber nur oberflächlich und aus einer kolonialistischen Perspektive wahr. Die Mobilität hat sich extrem vergrößert, doch in polarisierter Art und Weise: Während die einen um die Welt jetten und mehrere Wohnungen auf verschiedenen Erdteilen halten können, werden die anderen vertrieben und sammeln sich in ausufernden Flüchtlingssiedlungen und Slums

Am Rande der Gedanke über zweierlei Arten von Widerstand, durch Stimme (voice) oder Ausstieg (exit) (Braidotti, transpositions, S. 88f). Wem etwas nicht gefällt, der kann Neinsagen, oder er kann stumm seine Koffer packen und weggehen. Diese Fluchtbewegung wird stärker. Sie erspart unendliche Diskussionen. Siehe die Ehepartner, die einander verlassen. Einerseits besteht Interesse an der Abwechslung, andererseits löst das Fremde, das in anderen Menschen entdeckt wird, Angst und Hass aus, dem sich niemand gewachsen fühlt. Das führt zu Trennung und zuende gedacht zu ethnischer Säuberung und Ghettoisierung. – Auch hier scheint Braidotti diejenigen gleichzusetzen, die nicht anders können als auszuwandern, und diejenigen, für die es in jeder Beziehung mehrere Alternativen gibt, so dass sie jederzeit eine bestehende Partnerschaft durch eine andere ersetzen können. Bedenkenswert ist die Beobachtung, dass sich heute die unterschiedlichen Schichten stärker als je zuvor voneinander absondern. So werden zum Beispiel immer weniger Partnerschaften eingegangen, bei denen es einen großen Bildungsunterschied zwischen den Partnern gibt. Gebildete Menschen bevorzugen andere gebildete Menschen, mit denen sie gebildet sprechen können, und kaum mehr Menschen aus völlig anderen Milieus.

naturalization: Frauen galten schon immer der Natur stärker verbunden und empfanden eine natürliche innere Beziehung zu Eingeborenen ('native others') und Tieren (ebd., S. 104). Das wird von Philosophen wie Peter Singer aufgegriffen, die eine an Kant orientierte Ethik der Normen auf Tiere ausweiten wollen. Darin sieht sie jedoch eine rein formal oder rational orientierte Haltung und plädiert für eine einfühlende Hinwendung zu den Tieren (ebd., S. 108). Sie möchte nicht eine übergreifende für Mensch und Natur geltende Ethik entwerfen, sondern zurückgehen auf die im Menschen und seinem Leben wirkende Wildheit der Natur. Das Nomadentum hat etwas Unbezähmbares, das der menschlichen Vernunft prinzipiell fremd bleibt. »Das Leben, das uns bewohnt, ist nicht unseres: wir haben es lediglich eine Weile geliehen bekommen. Das Leben ist halb tierisch, Zoë (Zoologie, Zoophilie, Zoo), und halb diskursiv, Bios (Bio-logie)« (Braidotti, Transposition des Lebens, S. 125).

sexualization: In diesem Kapitel geht es im Grunde übergreifend um Körperlichkeit, die in der Sexualität in besonderem Maß wahrgenommen werden kann und den Menschen überwältigt. Deleuze und Guattari zitieren in dem Kapitel, auf das sich Braidotti an dieser Stelle bezieht, Henry Miller:

»Ihr Fleisch suchte gierig nach einem Halt, einer festen, greifbaren Stütze, etwas, in dem sie sich für ein paar Augenblicke erholen und ausruhen konnte. (...) Zuerst hielt ich es fälschlicherweise für Leidenschaft, für die Ekstase. (...) Ich glaubte einen lebenden Vulkan, einen weiblichen Vesuv gefunden zu haben. Nie kam mir der Gedanke, daß es ein in einem Ozean der Verzweiflung, einem Sargassomeer der Hilflosigkeit untergehendes menschliches Schiff sein könnte« (Miller Wendekreis des Steinbocks, zitiert bei Deleuze, Guattari Tausend Plateaus, S. 256).

Braidotti sieht in der Körperlichkeit eine eigene Kraft, die sich von innen meldet und im Zweifel den Verstand und die Vernunft überrennt. Wer nicht weiß, wo die Grenzen liegen, dem wird es der Körper sagen. »Your body will thus tell you if and when you have reached a threshold or a limit« (Braidotti, transpositions, S. 158f) Daher befassten sich Deleuze und Guattari mit neuen Krankheiten, mit denen sich der Körper meldet: Schizophrenie, Masochismus, Anorexie, Suchtverhalten, entfesselte Gewalt.

Körperlichkeit äußert sich ebenso im Suchtverhalten (addiction). Es ist für sie kein Zufall, dass besonders im weißen Amerika eine extreme Kampagne gegen Suchtverhalten läuft, ein Drogen-Krieg u.ä. In der Sucht zeigt sich ein körperlicher Widerstand, der das Bewußtsein unterläuft. Wenn das Bewußtsein gebrochen werden soll, reagiert dennoch der Körper und soll im Kampf gegen die Süchte ebenfalls gebrochen werden, weil das Suchtverhalten dazu führen könnte, dass sich der Süchtige der Gründe für seine Sucht bewusst wird und sein Verhalten ändert. Auch Deleuze war zumindest in jungen Jahren alkoholsüchtig (ebd., S. 210).

Während Deleuze und Guattari mit der nomadischen Wissenschaft versuchen, bestimmte Inhalte zu bestimmen, an denen weiter gearbeitet werden kann, bleibt die Position von Braidotti weniger fassbar. Wenn ich sie richtig verstehe, will sie sagen, dass sich niemand der inneren Vitalität verschließen, sondern die mit ihr verbundene Kraft wie auch ihre Schmerzen aushalten sollte. Recht undeutlich spricht sie vom »‘Zwischen’ inmitten zahlreicher Quellen und Kräfte«, die »in ein Feld ständigen Fließens und unablässiger Transformation« eingelassen sind (Braidotti, Transposition des Lebens, S. 129). Sie sieht hier eine eigene »verleiblichte Zeitlichkeit« (ebd., S. 130). Beispiele nennt sie vor allem aus der Kunst, so die Filme von David Cronenberg, Literatur von Clarice Lispector, Science Fiction Literatur und die Technomusik. Als weiterführende Literatur nennt sie Judith Halberstam, Ira Livingston (ed.) Posthuman bodies, Bloomington 1995 und Arthur und Marilouise Kroker Body Invaders: Panic sex in America, New York 1987.

Literaturhinweise

Rosi Braidotti: metamorphoses, Cambridge, UK 2002

Rosi Braidotti: Transpositions, Cambridge, UK 2006

Rosi Braidotti: Zur Transposition des Lebens im Zeitalter des genetischen Biokapitalismus
in: Martin G. Weiß (Hg.): Bios und Zoë, Frankfurt am Main 2009

Manuel DeLanda: Intensive Science and Virtual Philosophy, London, New York 2002

Gilles Deleuze: Differenz und Wiederholung, München 1992 [1968]

Gilles Deleuze: Kafka – für eine kleine Literatur, Frankfurt 1976 [1975]

Gilles Deleuze, Félix Guattari: Tausend Plateaus, Berlin 1992 [1980]

Simon Duffy (Hg.): Virtual Mathematics, Manchester 2006

Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Werke in 20 Bänden. Auf der Grundlage der Werke von 1832-1845 neu ediert. Red. E. Moldenhauer und K. M. Michel. Frankfurt/M. 1969-1971 (zitiert als HW)

Zofia Nierodzinska, Veronika Albrandt: Nomadentum – Wer kann es sich leisten?, Berlin 2014; Link

Gerald Raunig: kriegsmaschine gegen das empire, o.O. 2002; Link

Urs Richli: Form und Inhalt in G.W.F. Hegels »Wissenschaft der Logik«, Wien, München 1982

Daniel W. Smith: Mathematics and the Theory of Multiplicities: Badiou and Deleuze Revisited
Manuskript-Version eines Artikels in: Southern Journal of Philosophy Bd. 41 Nr. 3 2003, S. 411-449

Bildnachweis: openPR, Sonderausstellung – Schamanen Sibiriens – Magier, Mittler, Heiler (13. Dezember 2008 bis 28. Juni 2009), Linden-Museum Stuttgart in Zusammenarbeit mit dem Russischen Ethnografischen Museum St. Petersburg


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