Walter Tydecks

 

Chemismus als Scheidekunst der Logik

Einleitung

Was ist der Stoff der Logik (hyle noete)? In gewisser Weise alles, was gedacht und in Worte gefasst werden kann, also sowohl alle sinnlichen Empfindungen, derer sich das Denken bewusst werden kann, als auch alle Vorstellungen und Ideen, die das Denken aus sich heraus entwickeln oder durch Offenbarungen empfangen und in seine Sprache bringen kann. Genauer ist zu fragen, über welchen eigenen Stoff die Logik verfügt, mithilfe dessen sie denken kann. Das ist üblicherweise kein Thema. Die Logik legt einfach los und operiert in der westlichen Tradition mit Buchstaben (A, B, C, …; p, q, r, s, …; α, β, γ, …; ℵ, ב; ג, …; ᚠ,ᚡ, ᚢ …; u.v.a.), die für logische Operanden stehen, und mit Symbolen für Operatoren (wie ∧, ∨, =, →, ¬, den Klammer-Zeichen und zahlreichen weiteren Symbolen, die seit Boole, Frege, Peirce, der neueren formalen Logik Mathematik sowie Philosophen wie Claus-Artur Scheier vorgeschlagen und eingeführt wurden). Eine solche Logik sieht aus wie ein schriftlicher Text, ein Gedicht oder eine mathematische Beweisführung. Er besteht aus voneinander unabhängigen Zeichen, die in der Regel sequentiell von einem Anfang bis zu einem Ende gelesen werden.

Hegel nimmt das als Ausgangspunkt und ist zugleich radikal darüber hinaus gegangen. Wer die Symbole einer Logik entwirft, sucht nach solchen Symbolen und ihrer Ordnung, mit denen sich möglichst einfach arbeiten lässt. Wie im Einzelnen die Symbole aussehen, scheint bloße Konvention zu sein, abhängig vom jeweiligen Kulturkreis. Hegel erkennt, dass mit der scheinbar selbstverständlichen Einführung logischer Symbole bereits eine implizite Vorentscheidung getroffen wird: Wie auch immer sie aussehen, die Symbole sind voneinander unabhängig, und sie können auf eine Weise miteinander verknüpft werden, wie es von mechanischen Partikeln bekannt ist. Das gilt auch, wenn mit Gödel erkannt wird, dass ein Zahlzeichen sowohl als Operator wie als Operand dienen kann, und wenn mit Spencer-Brown das Grundzeichen cross entworfen wird, das allen anderen Zeichen zugrunde liegt, oder wenn ägyptische Hieroglyphen und Zeichen aus der magischen Tradition rehabilitiert werden (wie z.B. die Zeichen für Planeten und für Metalle, von denen Hegel einige in seinem Fragment vom göttlichen Dreieck aufgenommen hat, das im Weiteren vorgestellt und gedeutet werden wird). Es sind Buchstaben auf einem Zeichenblatt, Perlen in einem Glasperlenspiel oder in einer moderneren Darstellung die Abschnitte auf dem unendlichen Band einer Turing-Maschine. Es sind die Elemente (stoicheia) eines Alphabet, Zahlen- oder Notensystem, die Sequenzen eines Proteins, usf.

Demgegenüber führt Hegel den Chemismus als ein Teilgebiet der Wissenschaft der Logik ein. Er entwirft eine Logik, die nicht mehr auf Texten beruht, sondern deren logische Prozesse als wechselwirkende, chemische Prozesse zu verstehen sind. Logische Zeichen des Chemismus verhalten sich ähnlich wie es von chemischen Stoffen bekannt ist, die einander anziehen oder abstoßen, neue Stoffe bilden oder auflösen. Diese logischen Zeichen sind nicht mehr bloße Werkzeuge eines Menschen, der mit ihnen operiert, sondern sie sind selbsttätig. Und nicht nur das: Als chemische Elemente sind sie für Hegel in der Lage, sich (i) für ihre Selbsttätigkeit das erforderliche und geeignete Medium zu schaffen, und (ii) sowohl aus der Umgebung wie aus ihrem eigenen Innern mit einer zweiten Scheidung die dort gebundene Energie freizusetzen, mit der der Prozess ihrer Selbsttätigkeit initiiert und aufrecht erhalten werden kann. Sie stehen an der Grenze zwischen anorganischen Elementen und einem zielorientierten, organischen Handeln, das für Hegel aus dem Chemismus hervorgeht. Hegel führt alchemistische und wissenschaftliche Traditionen zusammen, um mit ihnen sein philosophisches Verständnis begründen zu können.

So zu denken entfernt sich derart weit von der üblichen Philosophie- und Logik-Geschichte, dass die größte Schwierigkeit darin besteht, Hegel aus einer neuen Perspektive lesen zu lernen: Er will nicht an den von der Chemie untersuchten chemischen Prozessen von außen deren innere Logik aufzeigen, sondern in Analogie zu den realen chemischen Prozessen die Logik ihrerseits als einen chemischen, selbsttätigen Prozess verstehen, der sich mit der Sprache sein eigenes Medium erzeugt und gestaltet und aus sich selbst heraus die erforderliche Energie gewinnt. In diesem Sinn kann der Chemismus gegenüber der traditionellen Logik als eine eigene Denkungsart verstanden werden, so wie Kant in der Vorrede zur Kritik der reinen Vernunft mit Blick auf den Beginn der griechischen Mathematik und der neuzeitlichen Naturwissenschaft von der »Revolution« und »Umänderung der Denkart« gesprochen hatte (KrV, B xi).

– Wurzeln und Etymologie der ‘Chemie’

Um das zu verstehen, ist auf die ursprüngliche Bedeutung der Chemie als Scheidekunst zurückzugehen und einleitend zu betrachten, wie Hegel sich in einer völlig anderen Tradition als die übliche Logik sieht. Sie führt vom Alten Ägypten über das antike Griechenland und die mittelalterliche Alchemie bis zu Goethe und der Romantik, in deren Umfeld Hegel zu sehen ist.

Die Wurzeln des Chemismus liegen im Alten Ägypten. Kemet ist das lautsprachlich ausgesprochene, aus vier Hieroglyphen zusammengestellte Zeichen Kemet, aus dem später das Wort ‘Chemie’ wurde. Mit Kemet ist sowohl das Schwarze Land entlang des Nil gemeint, das in seiner Fruchtbarkeit vom Roten Land der umgebenden Wüste unterschieden wird, wie auch die Kunst, den jährlich auftretenden, fruchtbaren Nilschlamm für die Landwirtschaft zu nutzen. Die vier Bestandteile von Kemet sind gemäß der Gardiner-Liste: (i) das Zeichen I6 Hieroglyphe I6 für die Krokodilhaut (aus der Gruppe der Zeichen für Amphibien und Reptilien); (ii) das Zeichen G17 Hieroglyphe G17 für die Schleiereule (aus der Gruppe der Zeichen für Vögel); (iii) das Zeichen X1 Hieroglyphe X1 für den der Brotlaib und (iv) das Zeichen O49 Hieroglyphe O49 für den Dorfgrundriss mit Kreuzung, möglicherweise in erweiterter Sicht ein architektonisches Element, mit dem alles zusammengefügt und stabilisiert werden kann.

Im Ganzen zeigt das Zeichen für Kemet die Wahlverwandtschaft (das Molekül) derjenigen Hieroglyphen, die einander gesucht und in diesem Zeichen gefunden haben. Der Sache nach ist Kemet als Vorläufer von Alchemie, Chemie und Chemismus das Medium, die ägyptische Sprache, die aus dem Strom der Worte und Rufe die agilen Elemente geschieden und als Hieroglyphen versinnbildlicht hat, die sich zu den Worten eines bewusst eingesetzten Mediums (der Sprache) zusammenfinden. Sie ist nach dem Vorbild entstanden, wie die ägyptische Landwirtschaft den jährlichen Strom des Nilschlamms zu scheiden und zu nutzen wusste.

Der griechische Wortstamm chéo geht darauf zurück und bedeutet nach dem online verfügbaren Liddell, Scott, Jones Ancient Greek Lexicon ‘ausgießen, strömen / regnen lassen, hinstreuen, schütten, schleudern’. Mit dieser Art von Scheidung wird nicht wie im formalen Denken etwas von außen zerschnitten und in Etwas und Anderes, Innen- und Außenseite aufgetrennt und differenziert, und auch nicht wie im Mechanismus in Zentrum und Peripherie und untereinander homologe mechanische Partikel aufgeteilt, sondern etwas wird aus dem Fluss seiner eigenen Bewegung in agile, miteinander reaktionsfähige, chemische Objekte (Basen) geschieden, wobei zugleich aus der Umgebung die erforderlichen Prozess-Ressourcen gewonnen, aufgenommen und wieder abgegeben werden, wie es aus den Prozessen der chemischen Labore und der chemischen Industrie bekannt ist. Die voneinander geschiedenen Basen (Basen als gemeinsamer Oberbegriff von Säure-Base-Konzepten) scheiden und verbinden sich neu und bilden selbstreflexiv aus ihrer Mitte das Medium, in dem ihre Reaktionen ablaufen.

Daraus ging die Alchemie hervor, die ihre Elemente in solcher Weise in innere Bestandteile scheiden wollte, dass aus ihnen Gold entsteht. Auf materieller Ebene ist mit Gold gemeint, aus gegebenen Stoffen das Metall Gold werden zu lassen, und auf geistiger Ebene, aus gegebenen Zeichen und Worten ein neues Wort entstehen zu sehen, das für eine höhere Idee steht und diese unmittelbar an sich verkörpert, wie es paradigmatisch im Wort ‘Kemet’ gelungen war.

Chemische Prozesse beruhen auf den in den beteiligten Elementen enthaltenen Kräften, die aus sich heraus zu neuen Ergebnissen führen. Leibniz und Kant sprachen von appetitus und Affinität (Leibniz Monadologie § 15; Kant Kritik der reinen Vernunft B 685-686 und hierzu Tydecks 2014a) und bereiteten das Verständnis der chemischen Denkungsart vor, das von Hegel im Kapitel über den Chemismus denkbar knapp und in geradezu hermetischer Verschlüsselung ausgesprochen wurde. Mit der Unterscheidung des chemischen Prozesses von der formalen Logik und dem frühindustriellen Mechanismus wird zugleich ein Gedanke von Scheier aufgenommen, der für die Epochen der Vormoderne, industriellen Moderne und medialen Moderne nach den jeweils zugrunde liegenden Logiken gefragt und mit ihnen eine neue Sicht auf die Geschichte der Logik geöffnet hatte.

Der Ausdruck ‘Scheidekunst’ war ursprünglich das deutsche Wort für Chemie, siehe den entsprechenden Eintrag im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache. Grimms Wörterbuch zitiert im Eintrag zu chemie Paracelsus: »die chimia ist nichts anders dann ein schmæltz, gieß, fließ oder scheidkunst« (Grimms Wörterbuch). Das von Hegel regelmäßig genutzte Wörterbuch von Adelung schreibt zum Eintrag Scheidekunst: »die Kunst, die natürlichen Körper durch Hülfe des Feuers oder anderer Auflösungsmittel von einander zu scheiden, sie in ihre Bestandtheile aufzulösen, und sie mit einander zu verbinden; die Chymie, oder wie andere lieber wollen, die Chemie. Allein Scheidekünstler für Chymicus ist noch nicht so üblich, noch weniger aber das unschickliche scheidekünstlerisch für chymisch.« (Adelung)

Niemals kann eine selbsttätige Sprache am Reißbrett entworfen werden (wie es nur für die logisch-formalen Kalküle und Programmiersprachen des linearen Denkens möglich ist), sondern die Scheidekunst der Logik liegt darin, an sich selbst die in ihr enthaltene Sprache freizusetzen und tätig werden zu lassen.

Schelling und Hegel haben sich intensiv mit der Geschichte der Alchemie beschäftigt und sich hierin zweifellos mit Goethe verstanden. Das Studium des Okkultismus musste jedoch seinerseits (und im Grunde bis heute) weitgehend im Verborgenen bleiben. Das gilt nicht nur für Newton, dessen alchemistische Experimente erst im 20. Jahrhundert bekannt geworden sind (Golinski über Newton Das geheime Leben eines Alchemisten), und ebenso für Leibniz und dessen enge Verbindungen zu Vertretern der alchemistischen Tradition (Coudert Leibniz and the Kabbalah). Hegel hat sich nirgends ausdrücklich dazu geäußert. Magee hat in seiner Arbeit Hegel and the Hermetic Tradition die Zeugnisse und Hinweise zusammengetragen. Am wichtigsten ist eine aus Hegels Nachlass veröffentlichte Figur, die wie eine Mischung von Hieroglyphen und alchemistischen Zeichen aussieht. Es ist offen, wann Hegel sie gezeichnet hat, und ob er sie selbst entworfen oder von einer unbekannten Quelle übernommen hat. Wenn es irgendwo in seinem Werk einen Hinweis geben könnte, ob und wie er dies in sein Denken aufgenommen hat, dann sicher im Kapitel über den Chemismus. Das könnte erklären, warum dieser Text ungewöhnlich dicht und schwer lesbar geschrieben ist.

Hegel - göttliche Figur

Figur 1: Hegels Fragment vom göttlichen Dreieck mit unsicherer Datierung, 1804(?),Magee, 111, vgl. auch TWA 2.535 und Schneider, der diese Figur 1973 in den Hegel-Studien vorgestellt und kommentiert hat

Dieses Diagramm enthält astrologische Zeichen des Tierkreises, der Planeten und einiger Stoffe. Es ist nicht überliefert, welche Bedeutung Hegel gemeint hat. Einige Zeichen sind direkt zu erkennen. Wichtig ist sicherlich das Zeichen des Antimon: Es ist das oben rechts neben dem Jupiter eingetragene Zeichen Hegel Antimon, das wie das Kreuz eines Ordens-Zeichens ✙ aussieht (Magee, 112). Auf der rechten Seite sind zwei Zeichen zu sehen, die für die Astronomie Hegel Astronomie und für Urania Hegel Urania, das Symbol der Astrologie stehen können. Die vier Pfeile könnten die Rektaszension, Deklination (die beiden objektiven Polarkoordinaten der Himmelskörper), sowie Azimut und Höhe darstellen (die beiden auf einen Beobachterstandort bezogenen Winkel, mit denen ein Beobachter nach rechts oder links zur Seite und nach oben oder unten in die Höhe schauen muss, um am Himmel ein Objekt ins Auge fassen zu können). Die Astronomie zeigt nach außen (die objektive, empirische Betrachtung) und die Astrologie nach innen (die subjektive, innerliche Betrachtung). (Diese Deutungen verdanke ich Gesprächen mit Manuel Bachmann.)

Aus dem dreifach genannten Spiritus wird der Geist, der nicht mehr tautologisch wiederholt, sondern in die Figur der wechselseitigen Schlüsse aufgenommen wird. Aus dem Bild der miteinander verschränkten Trinität und Quaternität, dessen drei Ecken aus Dreiecken bestehen, die zugleich im Innern ein viertes Dreieck zeigen, wird die »Triplizität«, die auch als »Quadruplizität« gesehen werden kann, der »Kreis von Kreisen« der Methode der absoluten Idee (TWA 6.564, 571). Der Kreis im Innern ist ein Zentrum, das den einzelnen Schlüssen verborgen ist. Ich verstehe es als die Idee Gottes, die Hegel in der Gesamtentwicklung seines Systems dargestellt sieht. Mit ihr entscheidet sich, ob die gesamte Entwicklung eine Höherentwicklung ist oder umgekehrt im Sinne des gnostischen Denkens eine Negativentwicklung, eine Negative Dialektik, wie es z.B. Adorno in den Schaustücken von Beckett dargestellt sieht.

Der Prozess (der chemische Prozess)

Im Mittelpunkt des Chemismus steht Der chemische Prozess. In früheren Ausgaben der Wissenschaft der Logik gab Hegel diesem Abschnitt den Titel »der Prozess« ohne Einschränkung auf den chemischen Prozess (so auch in der neuen textkritischen Werkausgabe Gesammelte Werke, Hamburg 1981, Band 12, 149). Der mechanische Prozess ist nur ein Vorläufer. Erst mit dem Chemismus wird der Prozess erreicht.

Dieses Kapitel ist keineswegs eine anschaulich einfach zu verstehende Übertragung realer chemischer Prozesse auf die Logik. Chemische Summenformeln wie H₂SO₄ + 2 NaOH → 2 H₂O + Na₂SO₄ (1 Mol Schwefelsäure und 2 Mol Natronlauge ergibt 2 Mol Wasser und 1 Mol Natriumsulfat) können nicht einfach für die Verhältnisse zwischen logischen Operanden übernommen werden (siehe zu den Summenformeln und ihren Regeln Hegels Ausführungen im Kapitel Das reale Maß der Wissenschaft der Logik und dort insbesondere die Anmerkung zum Unterkapitel Wahlverwandtschaft, und kommentierend Ruschig sowie Tydecks 2014b). Es gibt nicht einfach eine Analogie vom realen chemischen Prozess auf den Chemismus, sondern mit dem chemischen Prozess wird ein neuartiger Prozess begründet, der sich sowohl vom Prozess des Folgerns und Schließens der formalen Logik wie auch vom mechanischen Prozess radikal unterscheidet.

Im mechanischen Prozess tauschen die beteiligten Elemente instantan Mitteilungen aus: Das geschieht durch unmittelbare Berührung beim Stoß (Nahewirkung), wenn ein Partikel einem anderen Partikel einen Impuls mitteilt und dadurch beide ihren Bewegungszustand ändern, und ebenso, wenn im Absoluten Mechanismus die verschiedenen Partikel eines um ein Zentrum verteilten Systems einander durch die Gravitation mitteilen, wo sie ihren Ort zu finden haben, damit das System im Ganzen stabil bleibt (Fernwirkung). Anschauliche Beispiele sind die Bewegungen der Kugeln im Billardspiel und die Ordnung der Planeten um die Sonne. Dagegen ist für den chemischen Prozess ein Meta-Prozess erforderlich, der den Prozess vorbereitet, ermöglicht und ausführt. Bevor es zur Reaktion kommt, werden alle Möglichkeiten erkundet und das Medium geschaffen, in dem der chemische Prozess erfolgen kann. Aus den beteiligten Stoffen werden die Elemente freigelegt, die zunächst in den Stoffen gebunden sind und zu den Agentien des Prozesses werden. Der Meta-Prozess ist seinerseits ein chemischer Prozess: Der Prozess ist nur dank des Meta-Prozesses möglich, und dieser wiederum erfolgt nicht außerhalb und unabhängig von chemischen Prozessen, auf die er nachträglich angewendet wird, sondern im Verlauf des Prozesses. Der Meta-Prozess und der Prozess bedingen sich wechselseitig, und erst auf einer dritten Ebene kann ihre Gegenläufigkeit erkannt werden, wobei auch diese Ebene wiederum nicht unabhängig von den beiden ersten Ebenen ist, sondern ihrerseits mit ihnen wechselwirkt.

Wird der chemische Prozess in seiner Einheit gesehen, schafft er seine eigenen Voraussetzungen. Die für das formale und mechanische Denken übliche Sequentialität wird aufgehoben. Der chemische Prozess erweist sich als ein organischer Lebensprozess, der aus ihm hervorgeht.

Erster Schluss, Schluss von den chemischen Basen über ihr Streben zueinander auf das Medium (E-B-A)

Die Voraussetzungen des ersten Schlusses sind »die gespannten Objekte« und »das Streben [...], die Einseitigkeit des anderen aufzuheben« (TWA 6.430). Mit »gespannten Objekte« ist gemeint, dass sich die mechanischen Partikel geschieden haben in chemische Objekte, die jeweils unvollständig sind. Das »Streben« ist die mit ihnen gegebene Neigung (Appetit, Affinität), sich mit anderen Objekten zu neuen Einheiten zusammenzuschließen und in der Gemeinsamkeit Eigenschaften zu erhalten, die isoliert voneinander nicht möglich wären. Mit dem ersten Schluss wird über das Streben geschlossen (das Streben ist die Mitte des Schlusses), aber das Resultat ist noch nicht das gewünschte Ergebnis, sondern der erste Schritt dahin. Der Mangel, das eigentliche Resultat noch nicht erreicht zu haben, wird erhalten bleiben und im Weiteren dazu führen, dass der dritte Schluss sich zum ersten Schluss zurückwendet und erst in der Gesamtheit der drei Schlüsse das Resultat erreicht wird. Mit diesem Aufschub und der aus ihm hervorgehenden Rückkehr wird sich am Chemismus die in ihm bereits enthaltene Teleologie zeigen: Die Fähigkeit, über mehrere voneinander unabhängige Schritte hinweg an einem Ziel festhalten, die erforderlichen Mittel bereit zu stellen und mit ihnen in einer Rückkehr zur Ausgangssituation den Mangel zu beheben.

Hegel nennt das unmittelbare Resultat des ersten Prozesses »ein neutrales, d.h. ein solches, in welchem die Ingredienzien, die nicht mehr Objekte genannt werden können, ihre Spannung und damit die Eigenschaften nicht mehr haben, die ihnen als gespannten zukamen, worin sich aber die Fähigkeit ihrer vorigen Selbständigkeit und Spannung erhalten hat.« (TWA 6.431f) Das Produkt des ersten Schlusses sind noch keine Reaktionen der chemischen Objekte mit Auflösung der Ausgangsstoffe und erst recht noch keine neuen Objekte, die mit solchen Reaktionen erzeugt werden, sondern in diesem ersten Schluss wird zunächst das Medium gebildet, in dem sie reagieren können werden. Die Reaktion ist weder begonnen noch vollendet, sondern es ist nur das Medium gefunden, in dem sie sich ereignen kann. Sie beginnen sich ihrer Reaktionsfähigkeit, ihres Aufblühen-Könnens bewusst zu werden. – Das gilt nicht nur für die Chemie im engeren Sinn, sondern auch für die Wahlverwandtschaften unter den Menschen. Marcel Proust hat mit dem Roman Im Schatten junger Mädchenblüte das Lebensalter beschrieben, in dem sich Jungen und Mädchen ihrer wechselseitigen Anziehung bewusst werden und den Moment genießen, in dem in großer Freiheit und Gleichberechtigung Gruppen und Formen des Zusammenseins entstehen, in denen alle miteinander bekannt werden, ohne sich bereits festzulegen und eine dauerhafte Paarbeziehung einzugehen. An diesem Punkt kommt es mit dem Entstehen des neutralen Mediums zu einem vorläufigen Stillstand.

Das lässt sich am Beispiel des Wassers veranschaulichen. Das Wasser ist nicht einfach ein durchlässiges, transparentes Medium wie die Luft, sondern es ist genauer betrachtet eine wässrige Lösung, die nicht nur aus dem Molekül H₂O, sondern zahlreichen Beimischungen besteht. Die Alchemie sprach vom quecksilbrigen, hermetischen Wasser. Hegel hat das entsprechende Zeichen Hegel: Wasser in seine göttliche Figur aufgenommen, in der es innerhalb der Gruppe Hegel: quecksilbriges Wasser (Figur 1, dort links oben) zwischen zwei Dreiecken für die Erde, einem Stern und abschließend dem angedeuteten Zeichen für Merkur (Hermes) Hegel: Hermes steht. Die wässrige Lösung hat eine eigene Gestalt mit Schlieren, gel-artigen Substanzen usf, wodurch die chemischen Prozesse im und vom Wasser zwar befördert, aber zugleich auch gebremst und in ihrer Langsamkeit vor überhasteten Kurzschlüssen geschützt werden. Im Wasser werden unterschiedliche Stoffe aufgelöst und beginnen, sich dort frei zu bewegen, schwimmen aneinander und umeinander herum, doch sie reagieren nur in seltenen Fällen miteinander. (Wenn das dennoch geschieht, muss die wässrige Lösung verbessert werden, um das zu vermeiden.) Dieser Zustand erinnert an die Ordnung der Planeten im Absoluten Mechanismus, die ebenfalls ein harmonisches Gleichgewicht und insofern Neutralität herstellen, aber nicht direkt miteinander reagieren, sondern in diesem Zustand bleiben. Doch geht das Medium des Chemismus darüber hinaus. Das chemische Medium ist nicht einfach ein neutraler Raum, sondern besteht als wässrige Lösung aus chemischen Objekten mit der Eigenschaft, Prozesse vorzubereiten und zu unterstützen. Mit dem gekrümmten Raum wurde eine Übergangsstufe zwischen Mechanismus und Chemismus gefunden. Der gekrümmte Raum ist noch ein Raum, aber mit der Krümmung sind bereits die Eigenschaften eines Mediums angelegt, das Einfluss auf die in ihm stattfindenden Bewegungen nimmt.

Das Wasser ermöglicht die Reaktion im Medium, aber es verhindert zugleich, dass gewissermaßen der erstbeste Partner gefunden und gewählt wird. Vielmehr kommt es zu einer dreistufigen, verzögerten Entwicklung, die über die drei Schlüsse des chemischen Prozesses erfolgt. Wird an die chemischen Prozesse im Zellinnern gedacht, so ist dort die Zellflüssigkeit ein Medium, das den chemischen Prozessen der Proteine die optimalen Bedingungen bietet. Es wird im Verlaufe der Entwicklungsgeschichte fortwährend optimiert. Ähnliches gilt für die Arbeit der Alchemisten und der industriellen Chemie, deren Kunst darin besteht, für die jeweiligen chemischen Reaktionen das am besten geeignete Medium zu finden, in dem sich die Eingangsstoffe verteilen können. Die chemischen Prozesse nutzen nicht nur die Gestalt des Wassers, sondern gestalten es weiter. Hier ist mit der Materialwissenschaft systematisch zu untersuchen, in welcher Weise es innerhalb des Wassers zu zahlreichen Aggregatzuständen kommt, von denen wir meist nur die drei Stufen Eis, Flüssigkeit und Gas wahrnehmen. – Das flüssige Wasser ist eine lockere Verbindung, die weder zu fest noch zu flüchtig ist und sich in vielen Binnenstufen weiter ausgestaltet. Es ist  lose gekoppelt. Luhmann schreibt dazu mit Bezug auf Fritz Heider Ding und Medium:

»In dieser gleichsam präsystemtheoretischen Unterscheidung von Medium und Form sagt man, dass es zunächst einmal massenhaft Elemente gibt, die ihren Status als Element nicht einer bestimmten Kopplung verdanken, jedoch das Material bieten, aus dem Kopplungen hergestellt werden können. Heider hatte die Wahrnehmungsmedien vor Augen, aber man kann sich auch die Sprache als einen Wortschatz und eine Menge von Sätzen vorstellen. Das ist auch der Grund, weshalb ich von 'Medium und Ding' auf 'Medium und Form' umstelle: um auch Sprache einzubeziehen.« (Luhmann 2004, 227)

Wenn dies als logischer Prozess verstanden wird, ist zu beachten, dass das neutrale Medium in einer vielfachen Bedeutung die Mitte ist: Zum einen gibt es innerhalb des ersten Schlusses des chemischen Prozesses wie in jedem Schluss eine Mitte (terminus medius), – das ist in diesem Schluss das Streben der Objekte zueinander –, und zum anderen gibt es als Ergebnis des Schlusses ein Medium, das ebenfalls als Mitte bezeichnet werden kann. Es ist die Mitte zwischen den entgegengesetzten Objekten, die mit diesem ersten Schluss bestimmt wird. Diese Mitte ist nicht mehr wie im Absoluten Mechanismus eine punktartige Zentralität, sondern ihrerseits ein chemisches Objekt.

»Die Mitte, wodurch nun diese Extreme zusammengeschlossen werden, ist erstlich die ansichseiende Natur beider, der ganze, beide in sich haltende Begriff. Aber zweitens, da sie in der Existenz gegeneinanderstehen, so ist ihre absolute Einheit auch ein unterschieden von ihnen existierendes, noch formales Element – das Element der Mitteilung, worin sie in äußerliche Gemeinschaft miteinander treten. Da der reale Unterschied den Extremen angehört, so ist diese Mitte nur die abstrakte Neutralität, die reale Möglichkeit derselben, – gleichsam das theoretische Element der Existenz von den chemischen Objekten, ihres Prozesses und seines Resultats; – im Körperlichen hat das Wasser die Funktion dieses Mediums; im Geistigen, insofern in ihm das Analogen eines solchen Verhältnisses stattfindet, ist das Zeichen überhaupt und näher die Sprache dafür anzusehen.« (TWA 6.431)

Darin liegt die zweite Doppeldeutigkeit: Das Medium ist zum einen die Mitte zwischen zwei chemischen Objekten, und zum anderen ist es seinerseits ein chemisches Objekt. Das wird deutlich am Beispiel des Wassers: Das Wasser ist ebenso ein chemisches Objekt wie die Basen, die im Wasser neutralisiert werden und im Wasser miteinander reagieren können.

Wie ist das Beispiel der Sprache zu verstehen, die von Hegel ebenfalls als Medium verstanden wird: Es geht nochmals um eine Doppeldeutigkeit, nämlich um die Doppeldeutigkeit der Mitteilung. Die Mitteilung erfolgt in einer Sprache. Insofern ist die Sprache das Medium der Mitteilung. Zugleich ist die Sprache (genauer: die Sprachfähigkeit) ihrerseits der Inhalt einer Mitteilung, wenn etwas mitteilt, dass es sprechen und hören kann, sprachfähig ist, und Partner sucht, mit denen es gemeinsam sprechen und im Gespräch zu neuen Einsichten und oft genug sogar zur Bildung neuer Worte kommen kann. Hegel führt das nicht weiter aus und gibt nur den Hinweis auf die Zeichen. Es gibt Zeichen, die wie chemische Objekte einander suchen oder abstoßen. Wird nach dem Medium gefragt, in dem die Zeichenprozesse erfolgen, kann dies wiederum nur ein Zeichen sein, so wie das Wasser ein chemisches Objekt ist, in dem chemische Objekte miteinander reagieren können. Das ist die Frage nach den Spuren. Die Spuren sind ein Zeichen, wobei die Schwierigkeit darin besteht, sie überhaupt als Zeichen zu erkennen. Die Spur muss zweierlei zeigen: Dass sie ein Zeichen ist, und was mit diesem Zeichen mitgeteilt wird. Es muss das Medium gefunden werden, um eine Spur lesen zu können, bevor sie tatsächlich gelesen wird. Um die Hieroglyphen lesen zu können, musste mit dem 1799 entdeckten Stein von Rosette ein Medium gefunden werden, über das die Hieroglyphen in eine bekannte Sprache übersetzt werden konnten.

Der erste Schluss kann als eine Reduktion und Neutralisierung verstanden werden. Sie führen zu einem Medium, in dem »die realen Unterschiede der Objekte zu seiner Einheit reduziert werden« (TWA 6.431). Wenn unterschiedliche Stoffe im Wasser gelöst sind, verteilen sie sich dank der elektrischen Ladungsverteilung der Wassermoleküle (Dipol) entsprechend ihrer eigenen Ladungsverteilung und bleiben dennoch beweglich. Ihre sonstigen Eigenschaften werden auf ihre Ladungsverteilung reduziert, so dass sie sich im Wasser in einer Weise verteilen, dass die Stoffe, die in ihrer Ladungsverteilung komplementär aufeinander bezogen sind, einander am besten finden.

Formal kann geschrieben werden:

    a + b → {a, b}

Hier stehen a und b für zwei chemische Basen, die miteinander reagieren können. Das Plus-Zeichen + zeigt ihr Streben nach einer chemischen Reaktion, der Pfeil → den ersten Schluss, der dazu führt, dass beide zu einer äußeren Gemeinschaft {a, b} finden. Die geschweiften Klammern bezeichnen ihr gemeinsames Medium. Ihre äußerliche Einheit {a, b} ist zunächst noch neutral. Geladene Elemente werden erst erreicht, wenn im dritten Prozess die chemischen Basen a und b jeweils in ihre inneren Ionen zerlegt werden, die miteinander neue Verbindungen eingehen.

Es ist die erste Figur einer chemischen Reaktionsgleichung, die jedoch zunächst nur zu einem Medium und noch zu keiner chemischen Reaktion im engeren Sinn (Umwandlung von Stoffen) führt. Mathematisch gesprochen ändert sich lediglich der Ordnungstyp: Zwei Elemente a und b werden zu einer gemeinsamen Menge zusammengefasst. Werden mehr als zwei Basen a und b betrachtet, ergibt sich für die Ordnungsmöglichkeiten der Elemente in ihrer gemeinsamen Menge eine größere Vielfalt. Sie müssen nicht nebeneinander nebeneinander liegen (Beginn einer sequentiellen Ordnung), sondern können sich räumlich hinter- und übereinander ordnen.

Der erste Schluss hat die Figur E-B-A: Von den Einzelnen (den Basen) wird über ihre Besonderheit (ihr Streben zueinander) auf das Allgemeine (ihr gemeinsames Medium) geschlossen.

Zweiter Schluss (Schluss vom Prozess über das Medium auf die Neubestimmung der Basen) (B-A-E)

Das Ergebnis des ersten Schlusses ist labil. Er ist zur Ruhe gekommen, aber in dieser Ruhe ist die wesentliche Eigenschaft der Basen, ihre Spannung zueinander, verloren gegangen. Sie ist »außer dem neutralen Objekte getreten«, außerhalb des neutralen Mediums (TWA 6.432). Die Spannung war die Voraussetzung, dass die zueinander gespannten Objekte einander suchen und ein Medium bilden, in dem sie sich finden können, aber mit dem ersten Schluss wurde keine Spannung gesetzt, die aus sich heraus den Prozess fortführen und bis zur Bildung neuer Stoffe vollenden kann. »Der Prozess facht sich nicht von selbst wieder an, insofern er die Differenz nur zu seiner Voraussetzung hatte, nicht sie selbst setzte.« (TWA 6.432) Der erste Prozess kann sich nicht von selbst erneuern. Der Schluss ›von den Basen über den Prozess auf das Medium‹ ist mit dem neutralen Medium abgeschlossen und hat ihm noch keine eigene Dynamik verliehen.

Der zweite Schluss hat die Aufgabe, die Spannung zu setzen. Aus dem ersten Schluss ist »eine in sich unruhige Tätigkeit, die sich verzehrend nach außen kehrt« (TWA 6.432), übrig geblieben. Es ist das unbestimmte Gefühl, dass etwas fehlt, und mit ihm die Bereitschaft und der Antrieb, über das gegebene neutrale Medium hinauszugehen. Es öffnet sich nach außen und sucht dort nach »äußerlich hinzukommenden Bedingungen und Erregungen der Tätigkeit«, von denen Hegel im Rückblick auf den zweiten Schluss spricht (TWA 6.435). Es ist, wie wenn sich zwei Verliebte bereits gefunden, aber noch nicht erklärt haben, und nach einem äußeren Anlass suchen, durch den sich die bisher fehlende Gelegenheit ergibt.

Doch ist das nur die äußerliche Bestimmung des zweiten Schlusses. Es wird etwas gesucht, dass den Prozess wieder in Gang bringt und aufrecht erhält. Muss es von außen aus der Umgebung kommen? Oder gelingt es, an den im Medium bereits vorhandenen Basen etwas freizusetzen, aus dem der erforderliche Schwung gewonnen werden kann? Die im Medium einander umgebenden chemischen Objekte a, b usf. müssen nochmals geschieden werden, so dass aus ihrem Innern die Kraft freigesetzt wird, die den mit dem ersten Schluss eingetretenen Stillstand überwindet.

Der erste Schluss wird umgekehrt und führt zu einem entgegengesetzten Ergebnis: Im ersten Schluss war von der Scheidung der Objekte ausgegangen worden, dass es nicht neutrale mechanische Partikel, sondern geladene chemische Objekte gibt, die einen neuen Zustand suchen, in dem sich die Partner gefunden haben. Ergebnis war jedoch ein neutrales Medium, in dem sie ruhig nebeneinander liegen. Nachdem dieser Zustand erreicht ist, wird im zweiten Schluss umgekehrt von der Gemeinsamkeit der chemischen Objekte ausgegangen und gefragt, worin ihre Gemeinsamkeit besteht. Es wird sich zeigen, dass die chemischen Objekte in zweierlei Weisen untereinander gemeinsam (identisch) sind, die jedoch wiederum unter sich einen Gegensatz bilden. Dieser Gegensatz wird sich als die gesuchte Kraft erweisen, um den Stillstand des ersten Prozesses aufzulösen und zu einem dritten Prozess zu führen, in dem selbstbezüglich der Prozess erreicht wird.

»Die Diremtion, welche die reale Neutralität der Mitte daher in ihm erfährt, ist, daß sie nicht in gegeneinander differente, sondern indifferente Momente zerlegt wird. Diese Momente sind hiermit die abstrakte, gleichgültige Basis einerseits und das begeistende Prinzip derselben andererseits, welches durch seine Trennung von der Basis ebenfalls die Form gleichgültiger Objektivität erlangt.« (TWA 6.433)

Ging es im ersten Schluss um die Unterschiedenheit der voneinander differenten chemischen Objekte, die jeweils beim anderen das suchen, was ihnen fehlt, so geht es im zweiten Schluss um ihre Gemeinsamkeiten: Was ist ihnen gemeinsam, dank dessen sie im neutralen Medium in einen Zustand der Ausgeglichenheit gekommen sind. Ihnen ist gemeinsam, dass es sich jeweils um eine »abstrakte, gleichgültige Basis« handelt, d.h. um stoffliche Objekte, die miteinander reagieren, und zum anderen, dass sie alle das gleiche »begeistende Prinzip« enthalten. In diesen beiden Hinsichten sind sie untereinander indifferent. Sie stimmen in diesen beiden Eigenschaften miteinander überein.

Als Ergebnis des zweiten Schlusses sind mit Basen nicht mehr die chemischen Objekte gemeint, sondern die beiden Momente ihrer Gemeinsamkeit, die »abstrakte, gleichgültige Basis einerseits und das begeistende Prinzip derselben andererseits«, »diese elementarischen Objekte« (TWA 6.433). Der Ausdruck ‘Basis’ hat sich gewandelt und eine doppelte Bedeutung erhalten: Zunächst waren aus den mechanischen Objekten die chemischen Objekte hervorgegangen und wurden im Sinne der Säure-Base-Konzepte als Basen bezeichnet. Mit dem zweiten Schluss des Prozesses stehen die Basis und das begeistende Prinzip als Basen zweiter Ordnung einander gegenüber. Das begeistende Prinzip hat sich von seiner engen Bindung an die jeweilige stoffliche Basis gelöst. »In diesen letzteren ist die Bestimmtheit nicht wie im Neutralen an einem Anderen zu ihrer Reflexion-in-sich gekommen, sondern ist an sich in ihre Abstraktion zurückgegangen, ein ursprünglich bestimmtes Element.« (TWA 6.433)

Formal kann geschrieben werden:

    {a, b} → {([a], [b]), ±}

Auf der linken Seite stehen im einfachsten Fall zwei in einem Medium zusammengefasste Basen a und b, auf der rechten Seite mit [a] und [b] ihre Stofflichkeit und mit ± ihre Agilität. Stofflichkeit und Agilität sind getrennt und stehen einander gegenüber. Mit dem dritten Schluss wird diese Trennung ihrerseits negiert werden.

Das ist der kritische Punkt, an dem ein chemischer Prozess höherer Ordnung entsteht: Der Prozess zwischen Stofflichkeit und Agilität. Der Stoff sucht nach seinem begeistenden Prinzip, und das begeistende Prinzip nach seinem Stoff.

Im Chemismus ist die elementarische Situation getroffen, an der sich die elementarische Spannung von Sache und Denken, Körper und Seele, Sinnlichkeit und Übersinnlichkeit zeigt: Sie stehen einander gegenüber, aber so, dass sie aufeinander verweisen. Es ist die Beschreibung des magischen Zustands, wenn eine Situation sich derart entwickelt hat, dass sie unmittelbar vor der Reaktion steht und in diesem Moment alle Möglichkeiten offen stehen. Jeder kennt das aus dem Alltag, wenn für einen Moment die Wirklichkeit magisch wird, außerhalb des Gewohnten gerät, aber weder kollabiert noch auseinanderfliegt. Das wird als Ver-Rückung erlebt und im nachhinein als Zustand der größten Fülle. Hegel vermeidet an dieser Stelle alle expliziten Hinweise darauf. Nur der Ausdruck ‘elementarisch’ zeigt an, worum es geht. Was damit gemeint ist, ist in seinen anderen Werken ausgeführt, insbesondere Hegels Gebrauch des Elementarischen in der Phänomenologie des Geistes und der Naturphilosophie.

Es ist zugleich der kritische Punkt, an dem die Gefahr eines Fehlschlusses vermieden werden kann. Mit einem Schluss wird von etwas Einzelnem auf ein in ihm enthaltenes Allgemeines geschlossen. Um den Schluss ausführen zu können, ist ein terminus medius notwendig, der am Einzelnen dasjenige erkennt, worüber auf das Allgemeine geschlossen werden kann. Ein Fehlschluss liegt vor, wenn als terminus medius ein Begriff gewählt wird, der nur scheinbar Einzelnes und Allgemeines vermittelt, während seine beiden Seiten in Wahrheit unterschiedlichen Kontexten angehören, die nicht ohne Weiteres aufeinander übertragen werden können (siehe hierzu die von v.d. Meulen an Hegel vorgetragene Kritik und dazu den Beitrag Das Prinzip der Philosophie nach Hegel, Tydecks 2019).

Hegel bezieht sich mit dem zweiten Schluss des chemischen Prozesses direkt auf dieses Thema: Für ihn ist der zweite Schluss ein disjunktiver Schluss, »wodurch dieser [der Gegenstand des disjunktiven Schlusses, t.] ebensowohl objektive Allgemeinheit als bestimmte Besonderheit ist« (TWA 6.433), d.h. die Gefahr eines Fehlschlusses vermieden ist. Das ergibt sich aus der Selbstbezüglichkeit des chemischen Prozesses zweiter Ordnung: Wenn mit der Scheidung zweiter Ordnung die chemischen Basen ihrerseits geschieden werden, so sind die chemischen Basen einerseits das Allgemeine, das in seine Momente (Stofflichkeit und Agilität) geschieden wird, und andererseits die Einzelnen, die sich aus der Scheidung der chemischen Objekte ergeben haben. Es ist die gemeinsame Natur der chemischen Objekte (das Allgemeine), dass sie sowohl stofflich wie von Streben zueinander erfüllt sind. Stofflichkeit und Agilität sind ihre Allgemeinheit. Zugleich sind Stofflichkeit und Agilität voneinander unterschieden. Sie sind jeweils nur eine Besonderheit des Allgemeinen der chemischen Objekte. Inhaltlich treffen die besonderen elementarischen Objekte, die sich aus der Scheidung zweiter Ordnung ergeben haben (Stofflichkeit und Agilität), zugleich die allgemeinen (indifferenten) Eigenschaften der chemischen Basen. Allgemeinheit, Besonderheit und Einzelnes sind miteinander verschränkt, so dass es zu keiner gebrochenen Mitte kommt.

Dass in dieser Weise alles aufgeht, ist kein Trick, der sich aus dem Formalismus des Schließens ergibt, sondern das Ergebnis der gelungenen Scheidekunst. Das mag zwangsläufig aussehen. Die chemische Praxis zeigt, wie viele Versuche und Fehlschläge erforderlich sind, bis die treffende Scheidung und mit ihr der chemische Prozess zum gewünschten Resultat führen. Das gilt ebenso für die Sprache und die Logik, deren Geschichte aus Versuch und Irrtum besteht, bis die Scheidung in die geeigneten logischen Objekte gelingt. Hegel ging noch von einem Weltbild aus, in dem der Naturprozess von sich aus wohlgeordnet erschien, bis mit Darwin erkannt wurde, über welche Irrwege die Evolution erfolgt.

Dieser Schluss hat die Figur B-A-E: Die Besonderheit der Basen ist ihr Streben zueinander. Mit dem Entstehen des neutralen Medium hat sich im ersten Schluss das Streben als innere Unruhe neben das Medium gestellt. Das Medium wandelt sich: Es ist nicht mehr die Allgemeinheit der in einer Menge neutral nebeneinander liegenden Basen, sondern es ist die begriffliche Allgemeinheit, in der alle Basen untereinander gleich sind. Dies ist jedoch nicht ein formaler Begriff der Basen, sondern es ihre inhaltlich zu bestimmende und zu differenzierende Allgemeinheit, die ihrerseits an sich unterschiedliche Elemente zeigt: Ihre Stofflichkeit und ihre Agilität. Alle Basen sind stofflich und agil. So gelingt über die sich als terminus medius wandelnde Allgemeinheit der Schluss auf die beiden elementarischen Objekte, die sich in einem Zustand befinden, aus dem heraus der chemische Prozess entstehen kann. Diese Scheidung der Allgemeinheit der chemischen Objekte in seine einzelnen elementarischen Objekte (Stofflichkeit, Agilität) ist die Scheidekunst. Mit der zweiten Scheidung ist die innere Bindungskraft der ursprünglich gegebenen Basen gelöst, die in ihnen enthaltene Energie kann freigesetzt werden und sie können sich zu neuen Basen zusammenfinden. Damit das nicht eine bloße Möglichkeit bleibt, sondern tatsächlich geschieht, ist der Prozess erforderlich, der es ausführt. Mit dem dritten Schluss wird auf diesen Prozess geschlossen.

Im Fragment vom göttlichen Dreieck ist auf der rechten Seite die zweite Scheidung in die elementarischen Objekte an den beiden Elementen Salz und Schwefel zu sehen: Salz und Schwefel, wobei das Salz für das weibliche, stoffliche Element und der Schwefel für das männliche, geistige Element stehen. Hegel nennt im Kapitel über den Chemismus diesen Bezug nicht, doch ist er in der Naturphilosophie angedeutet: »Bei dem alten, allgemeinen Gedanken, daß jeder Körper aus den vier Elementen, oder dem neueren Paracelsischen, daß er aus Merkurius oder Flüssigkeit, Schwefel oder Öl und Salz bestehe.« (Enz § 316 TWA 9.222).

Dritter Schluss (Schluss vom Medium über die elementarischen Basen auf den Prozess)

Um den dritten Schluss zu verstehen, ist zu beachten, dass der Chemismus mit einer Scheidung in die chemischen Elemente beginnt, das heißt mit einer Negation der ursprünglich ungeschiedenen Elemente. Wird ein Schluss formal als ›Position – Negation – Negation der Negation‹ gesehen, so ist dies im Ganzen nochmals zu negieren, wenn wie im Chemismus mit einer Negation begonnen wird. Dann ergibt sich ›Scheidung – Negation der Scheidung in Gemeinsamkeit – Negation der Gemeinsamkeit durch eine neue Scheidung‹. Der zweite Schluss hatte zur Gemeinsamkeit geführt: An den chemischen Objekten wird in ihrer Stofflichkeit und ihrer Agilität ihre Gemeinsamkeit erkannt. Mit der Negation der Gemeinsamkeit ist nicht gemeint, dass das Ergebnis des zweiten Schlusses widerrufen wird, d.h. dass Stofflichkeit und Agilität nicht mehr als die gemeinsamen Eigenschaften der chemischen Objekte gelten. Sondern es ist gemeint, dass das Anliegen des zweiten Schlusses, an den chemischen Objekten trotz ihrer Spannung ihre Gemeinsamkeiten zu erkennen, negiert wird. Mit dem dritten Schluss wird nicht mehr wie im zweiten Schluss nach der Gemeinsamkeit der chemischen Objekte gefragt, sondern es erfolgt eine dritte Scheidung: Die chemischen Objekte werden innerlich in ihre Bestandteile geschieden, die sich in einem Prozess entsprechend ihren Wahlverwandtschaften neu verbinden. Das entspricht in einer sehr abstrakten Form der chemischen Reaktion, wenn sich Moleküle in Ionen zerlegen und diese sich im abschließenden Schritt von ihren Ausgangsstoffen lösen und neu zusammensetzen können.

Die dritte Scheidung wird erst möglich, wenn die dafür erforderliche Kraft gegeben ist und aufrecht erhalten werden kann. Sie wurde im zweiten Schluss als »das begeistende Prinzip« freigesetzt. Doch liegen als Ergebnis des zweiten Schlusses die beiden elementarischen Objekte (die Stofflichkeit und die Agilität) als die zwei indifferenten Eigenschaften der chemischen Objekte noch friedlich und äußerlich nebeneinander. Sie bilden die Gemeinschaft der Eigenschaften, in denen die chemischen Objekte miteinander übereinstimmen. Erst im dritten Schluss tritt der Widerspruch dieser beiden den chemischen Objekten gemeinsamen Eigenschaften hervor. Sie trennen sich aus ihrer neutralen Gemeinschaft und setzen »die ursprüngliche Grundlage derjenigen Voraussetzung, mit welcher der Chemismus begann« (TWA 6.433). Das ist eine zirkuläre, sich auf sich selbst beziehende Bewegung: Erst mit dem zweiten Schluss sind aus den chemischen Objekten die elementarischen Objekte entstanden, und in der Gegenläufigkeit setzen diese mit dem dritten Schluss ihrerseits die Voraussetzungen, unter denen der Prozess der chemischen Objekte bereits mit dem ersten Schluss begonnen hat. Der erste Schluss setzt mit seiner Fortführung im zweiten und dritten Schluss seine eigenen Voraussetzungen. Die drei Schlüsse bedingen sich gegenseitig.

»Der Trieb nach außen [...], der sich dirimiert und an ihrem [der ursprünglichen Grundlage der Voraussetzung des Chemismus, t.] Objekte und an einem anderen die Spannung setzt, um ein solches zu haben, wogegen es sich als differentes verhalten, an dem es sich neutralisieren und seiner einfachen Bestimmtheit die daseiende Realität geben könne« (TWA 6.433).

Diesen grammatisch verwickelten Satz, der zudem bewusst im Konjunktiv geschrieben ist (»geben könne«), lese ich so: Die Agilität ist der Trieb nach außen. Er teilt sich auf und setzt eine Spannung zwischen zwei aufeinander bezogenen Seiten: Das sind zum einen die Objekte der ursprünglichen Grundlage des Chemismus, d.h. die chemischen Objekte, mit denen im ersten Schluss begonnen wurde. Und es ist auf der Gegenseite »ein anderes«, das vorerst nicht genannt oder sonstwie näher bestimmt wird. Es bleibt für einen Moment offen, was dieses Andere ist.

Formal kann geschrieben werden:

    {([a], [b]), ±} → [a → {a⁺, a⁻}] und analog [b → {b⁺, b⁻}]

Auf der linken Seite steht das Ergebnis des zweiten Prozesses: die Aufteilung in ([a], [b]), d.h. Stofflichkeit, und ±, d.h. Agilität. Daraus wird, dass sich die Agilität in die Stofflichkeit begibt und sich die beiden Elemente a und b in einer dritten Scheidung in ihrem Innern aufteilen in jeweils zwei Seiten. Das sind chemisch gesprochen die Ionen, aus denen sich a und b zusammensetzen.

Jeweils zwei Ionen bilden noch die Einheiten der chemischen Objekte, von denen im ersten Schluss ausgegangen wurde. Mit der Aufteilung in Ionen ist jedoch der Weg eingeleitet, in dem im chemischen Prozess die gesuchte Reaktion erfolgen kann, wenn sich die vier gefundenen Ionen von ihren jeweiligen Partnern trennen und wechselweise neue Partner finden:

    {a⁺, a⁻}, {b⁺, b⁻} → {a⁺, b⁻}, {b⁺, a⁻}

Dieser Prozess ist das gesuchte Resultat, auf den mit dem dritten Schluss geschlossen wird. Werden diese beide Gleichungen zusammengezogen, so ergibt sich die Formel des dritten Schlusses, die von den elementarischen Objekten zum Prozess führt:

    {([a], [b]), ±} → [{a⁺, a⁻}, {b⁺, b⁻} → {a⁺, b⁻}, {b⁺, a⁻}]

Mit diesem Prozess geht aber der Chemismus über sich hinaus. Hegel konstruiert nochmals eine übergreifende Spannung, in der sich der Chemismus im Ganzen in der Mitte zwischen Mechanismus und Teleologie befindet: Er versteht die Entwicklung der drei Schlüsse wiederum als die eine Seite, (er leitet sie mit den Worten »insofern nun weiter einerseits ihre innerliche Bestimmtheit [...] ist« ein; TWA 6.433), der eine andere Seite gegenübersteht: »Auf der anderen Seite hebt der Chemismus durch diesen Rückgang in seinen Begriff sich auf und ist in eine höhere Sphäre übergegangen.« (TWA 6.434) Der resultierende Prozess des Partnerwechsels der vier Ionen geht zwar von einer dreifachen Scheidung aus (der Scheidung mechanischer Partikel in chemische Objekte, die sich mit anderen chemischen Objekten vervollständigen wollen; der Scheidung der chemischen Objekte in Stofflichkeit und Agilität; der Scheidung der chemischen Objekte in ihre Ionen), aber er ist für sich keine Scheidung mehr, sondern der organische Prozess, in dem sich eine Vielfalt von Objekten entsprechend ihrer übergreifenden Zweckbestimmung neu organisiert. Mit diesem Übergang wird die Bestimmung des Chemismus als einer Negation (einer Scheidekunst) negiert. Mit der Teleologie wird aus der Scheidekunst des Chemismus der ganzheitliche Organismus, dessen Momente sich nicht mehr scheiden, sondern kooperativ am gemeinsamen Zweck arbeiten und darin ihren Sinn finden. Das ist kein Widerruf der Scheidekunst. Vielmehr war diese notwendig, damit aus ihr die Teleologie hervorgehen kann.

Daher geht für mich in die Irre, wenn Luhmann den Sinn »als Universalmedium aller psychischen und sozialen, aller bewusst und kommunikativ operierenden Systeme« sieht (Luhmann 1998, 51). Das Medium ist die Mitte des Chemismus, in dem sich die voneinander geschiedenen chemischen Objekte bewegen, bis sie über die Negation des Chemismus zur Sphäre finden, in der sie in ihrem gemeinsamen Zweck, ihrem gemeinsamen Sinn ihre höhere Einheit finden. Diese Einheit ist aber kein Medium mehr, sondern das Mittel, mit dem sich der innere und der äußere Zweck verbinden. Es kann nicht mehr von der Autopoiesis gesprochen werden, die sich quasi von allein aus einem Medium entwickelt, sondern von der Gesellschaft und ihren Subjekten, die in ihrer Zusammenarbeit die erforderlichen Mittel entwickeln, mit denen sie ihre Zwecke realisieren können, bis in einem letzten Übergang auch die Äußerlichkeit von Zweck und Mittel aufgehoben und die Idee erreicht wird.

So hat weder der erste, noch der zweite oder der dritte Schluss des chemischen Prozesses zu den chemischen Objekten geführt, die sich im Verlaufe einer chemischen Reaktion ergeben – wie von vielen Lesern dieses Kapitels angenommen wird –, sondern sein Produkt ist der Prozess, mit dem die neuen chemischen Objekte entstehen, und zugleich der Übergang vom Chemismus in die Teleologie.

Der dritte Schluss hat die Figur A-E-B: Im zweiten Schluss war A der terminus medius und hat sich vom Medium zur Allgemeinheit der chemischen Basen gewandelt, die wiederum die Stofflichkeit und die Agilität als ihre elementarischen Objekte enthält. Der dritte Schluss geht von dieser Allgemeinheit aus und schließt über die einzelnen Basen, an denen ihre inneren Seiten unterschieden werden (chemisch gesprochen ihre Ionen) auf den Prozess, in dem die Ionen ihre ursprünglichen Basen verlassen und sich mit den Ionen wahlverwandter Basen zu neuen Basen zusammenschließen. Der Prozess ist nicht vollzogen, sondern es ist auf ihn geschlossen worden. So wie sich im zweiten Schluss der terminus medius gewandelt hat, wandelt sich auch im dritten Schluss der terminus medius: Aus den chemischen Basen werden Ionen. Zunächst sind noch je zwei Ionen in einer chemischen Basis verbunden, aber sie sind auf dem Sprung, sich zu lösen und mit den Ionen anderer chemischer Basen neue Verbindungen einzugehen. Wenn nicht mehr von chemischen Basen, sondern von Ionen gesprochen wird, wandelt sich die Besonderheit der Basen in die Besonderheit der Ionen: Aus dem Streben der Basen zueinander wird der Prozess der Ionen, in dem diese sich neu verbinden.

Der Sache nach entspricht der Schluss auf die Prozesse dem Schluss von der anorganischen Natur auf das Leben. In diesem Sinn sieht Hegel in der Naturphilosophie den chemischen Prozess und als dessen letzten Schritt die Scheidung im Übergang von der Physik zur organischen Physik. Mit der Scheidung ist der chemische Prozeß »im allgemeinen das Leben« (Enz § 335, TWA 9.333). Er ist an-sich bereits das Leben, doch erscheint dies an dieser Stelle noch als ein rein objektiver Prozess. Er muss sich dessen selbst-bewusst werden. Das Entstehen des Selbstbewusstseins ist für Hegel jedoch nicht mehr der Chemismus, sondern die Teleologie. So »hebt der Chemismus durch diesen Rückgang in seinen Begriff sich auf und ist in eine höhere Sphäre übergegangen« (TWA 6.434).

Der erste und der zweite Schluss konnten mit dem quecksilbrigen Wasser und dem Salz und Schwefel im Fragment vom göttlichen Dreieck lokalisiert werden, die in dem Dreieck auf der linken bzw. rechten Seite stehen. An dessen dritter Seite (die Verbindung von oben links nach oben rechts) findet sich das Antimon mit dem Zeichen Hegel Antimon ergänzt um ein Zeichen Hegel - Gold Destillation, das sowohl als Zeichen des Goldes (Magee, 122) wie auch als Zeichen der Destillation (eine angedeutete Retorte, die in einen Halbmond übergeht) gedeutet werden kann. Das Antimon galt seit den Ägyptern als Arzneimittel, bei Paracelsus nahezu als Universalmittel. In übertragenem Sinn galt auch das Gold als Heilmittel. Die Homöopathie verwendet bis heute das Antimon in verschiedenen Mischungen (siehe die Übersicht in http://www.system-sat.de/). Hegel hat sich nirgends dazu geäußert, ob und wie er Erkenntnisse aus der alchemistischen Tradition übernommen hat und welche Bedeutung für ihn sein Fragment vom göttlichen Dreieck hat. Für mich zeigt das Kapitel über den Chemismus, in welcher Weise Hegel dies Fragment in sein Denken aufgenommen hat. Ich vermute, dass Hegel den dritten Schluss des Chemismus als eine heilende Prozedur versteht, wenn die elementarischen Objekte auf die chemischen Objekte zurückwirken, aus denen sie durch die zweite Scheidung hervorgegangen sind. Mit dieser Heilung gelangt die noch dunkle Materie in den Zustand, in dem sie mit der Teleologie sich ihrer Ziele und ihres Sinnes bewusst werden und Selbstbewusstsein erlangen kann. Mit dieser Entwicklung wird sie im Weiteren zur Idee, die nicht mehr wie in der üblichen Platon-Tradition der Materie äußerlich gegenübergestellt ist.

Übergang zur Teleologie und zur Negativsprache

Der Chemismus ist innerhalb der Objektivität die Mitte. Im Ganzen geht es um einen Schluss vom Mechanismus über den Chemismus auf die Teleologie. Der Chemismus findet bereits mit dem dritten Schluss zu sich selbst zurück, indem er mit dem dritten Schluss die im ersten Schluss begonnene, aber zunächst nicht verwirklichbare Zielrichtung aufnimmt und vollendet. Dadurch erreicht er an-sich eine Selbsttätigkeit und Selbstbezüglichkeit, und bleibt doch noch mit Zügen einer äußerlich gegebenen Naturhaftigkeit befangen, die ihr Tun noch nicht wie ein Subjekt frei bestimmen kann. Es gibt noch keine Stellen, an denen er sich frei über den weiteren Vorgang entscheiden kann, doch ist es der Chemismus, über den die Stufe der Teleologie erreicht wird, während Kant und ihm folgend bis heute die meisten Naturphilosophen Mechanismus und Teleologie einander direkt gegenüberstellen und damit unausgesprochen und indirekt die Tradition der Alchemie ausschließen. Für Hegel ist dagegen der Chemismus der mittlere Schritt, über den der Mechanismus zur Teleologie führt. Hiermit wird nicht nur die alchemistische Tradition aufgewertet, sondern zugleich gelingt eine neue Perspektive auf den Mechanismus als dem verstandesmäßigen Denken. Er wird sonst als die zu überwindende, minderwertige Stufe angesehen, der gegenüber der Organismus und die Vernunft in hellem Licht erscheinen. Bei Hegel ergeben dagegen der Mechanismus, der Chemismus und die Teleologie ein Dreieck sich wechselseitig bedingender Objektivität. Das wird in einer Parallelstudie zum Mechanismus näher ausgeführt.

Entscheidend ist, ob und wie mit dem Chemismus der Schluss auf die Teleologie gelingt. Hegel will darlegen, wie sich an den drei Schlüssen des chemischen Prozesses eine innere Bewegung zeigt, die von sich aus (und nicht durch äußerliche Steuerung oder Interpretation) zur Teleologie führt. Die Bewegung der drei Schlüsse wird in drei Durchgängen wiederholt: (i) Wie entwickelt sich in den drei Prozessen die Mitte, über die geschlossen wird. (ii) In welcher Weise fallen die drei Schlüsse in eine Äußerlichkeit auseinander, wenn sie jeweils einzeln betrachtet werden. Ihr Auseinanderfallen verändert sich mit jedem Schritt. (iii) Wie gelingt mit jedem Schluss die Aufhebung des Bedingtseins des jeweiligen Schlusses, bis das Bedingtsein des Chemismus im Übergang zur Teleologie völlig aufgehoben wird. Die noch der Äußerlichkeit verhafteten Prozesse des Mechanismus und Chemismus wandeln sich zur Freiheit.

Mitte, Äußerlichkeit und Aufhebung sind die drei Momente der Negativsprache (ein von Gotthard Günther übernommener Ausdruck): Die Prozeduren der Alchemie und die Wissenschaft der Chemie sind in Positivsprache geschrieben. Sie protokolliert und formuliert empirische Beobachtungen und die Kenntnis erfolgreicher Regeln. In ihrem Innern wirkt eine Negativsprache, die beschreibt, wie jeder dieser Schlüsse und Prozesse scheitern kann. Die Mitte kann in einen Fehlschluss entgleiten, die Äußerlichkeit kann in eine innere Zerrüttung geraten und die Aufhebung kann den Bezug zu materiellen Grundlage verlieren. Das sind die Kardinalfehler des formalen und mechanischen Denkens. Wenn es aber gelingt, die in ihnen verborgenen Kräfte zu erkennen und sich entfalten zu lassen, dann wird über den Chemismus die freie Lebendigkeit erreicht. Die von Hegel gewählten Elemente einer Negativsprache sind bei ihm noch nicht ausgearbeitet, aber bereits deutlich erkennbar. Die Negativsprache ist nicht die formale Negation der Positivsprache, sondern die dunkle Seite der Teleologie.

(1) Mit den drei Schlüssen entwickelt sich die Mitte, über die jeweils geschlossen wird. »Der erste hat zur Mitte die formale Neutralität und zu den Extremen die gespannten Objekte« (TWA 6.434f). Mit »formaler Neutralität« ist gemeint, dass die gespannten Objekte formal darin übereinstimmen, dass sie alle nach dem jeweils anderen chemischen Objekt suchen. Das ist »die ansichseiende Natur beider« jeweils einander suchender Objekte. Doch führt diese Mitte im ersten Schluss nur von den gegebenen gespannten Objekten zu ihrer Zusammenstellung in einem gemeinsamen Medium. – Dieses neutrale Medium wird zur Mitte des zweiten Schlusses, in dem aus der dirimierenden (scheidenden) Tätigkeit über das neutrale Medium auf die »gleichgültige[n] Elemente« geschlossen wird (TWA 6.435). Das sind die beiden indifferenten, elementarischen Basen, in die die chemischen Objekte geschieden werden (Stofflichkeit, Agilität). – Das Produkt des zweiten Schlusses (die elementarischen Basen) ist wiederum die Mitte des dritten Schlusses, in dem vom neutralen Medium als dem Resultat des ersten Prozesses über die elementarischen Objekte auf den Prozess geschlossen wird, den Hegel weit über jede chemische Realwissenschaft hinausgehend als den »sich realisierende[n] Begriff, der sich die Voraussetzung setzt, durch welche der Prozeß seiner Realisierung bedingt«, versteht (TWA 6.435).

(2) Mit dem »sich realisierenden Begriff« ist der Sache nach bereits der Zweck erreicht, die »Wahrheit« des Chemismus (TWA 6.444), doch »fallen diese Schlüsse noch auseinander« (TWA 6.435). Hegel untersucht in einem zweiten Durchgang, in welcher Weise sie auseinander fallen und erkennt darin wiederum eine innere Bewegung. In dieser zweiten Wiederholung spricht er nicht mehr von Schlüssen, sondern von Prozessen. Das in die Äußerlichkeit Auseinanderfallen entwickelt sich von den chemischen Objekten, die im neutralen Medium auseinanderfallen und einander äußerlich bleiben, über das Auseinanderfallen von Stofflichkeit und Agilität im zweiten Schluss bis zur Äußerlichkeit von Neutralisierung und Scheidung im dritten Schluss, wenn zum einen die chemischen Stoffe in ihre Ionen geschieden und diese andererseits mit ihrem Austausch in neuen chemischen Objekten neutralisiert werden. Diese beiden Schritte erfolgen unabhängig voneinander. Der eine geht nicht sachlich begründet aus dem anderen hervor und es scheint Zufall (Glück) zu sein, die jeweils wahlverwandten Partner anzutreffen und sich mit ihnen austauschen zu können. Wird jedoch der Vorgang im Ganzen gesehen, zeigt er Züge eines vernünftigen und planvollen Handelns, das zu diesem Ergebnis geführt hat. Wird das unabhängig vom Kontext chemischer Prozesse für sich betrachtet, zeigt es seine innere Vernunft und letztlich die Idee, die sich darin äußert.

Etwas näher am Text: Der erste Prozess »erlischt in seinem Produkt, und es ist eine äußerlich hinzukommende Differentiierung, welche ihn wieder anfacht« (TWA 6.435). Die mit dem zweiten Prozess vollzogene innere Scheidung der chemischen Objekte ergibt sich nicht aus dem ersten Prozess, sondern kommt ihm gegenüber äußerlich hinzu, nachdem der erste Prozess erloschen ist. – Wird der zweite Prozess für sich betrachtet, so sind es wiederum »äußerlich hinzukommende Bedingungen und Erregungen« (TWA 6.435), die zu der von ihm vollzogenen zweiten Scheidung führen. Der zweite Prozess entzündet sich nicht von selbst, sondern bedarf eines äußeren Anstoßes. Aus sich selbst heraus hat er nur die Fähigkeit, in seiner Unruhe gegenüber äußeren Anstößen hellhörig und aufnahmebereit zu sein. – Die Produkte des ersten und des zweiten Prozesses, »einerseits die Neutralisierung [zum neutralen Medium, t.], andererseits die Scheidung und Reduktion« in die elementarischen Objekte (TWA 6.435), sind nicht wie beim formalen Schließen zwei nacheinander angezogene Prämissen, sondern als »die beiden wesentlichen Momente [...] in einem und demselben Prozesse verbunden« (TWA 6.435). Da in dieser Betrachtung der Schluss als Prozess betrachtet wird, sind die Extreme des Schlusses die Stoffe, die in den Prozess eintreten bzw. aus ihm heraustreten, und der Prozess ist deren Mitte. Diese beiden Extreme sind jedoch noch einander äußerlich. »Die Extreme, welche in demselben Prozesse ausgeschieden werden, sind andere Objekte oder Materien als diejenigen, welche sich in ihm einigen.« (TWA 6.435) Während der Prozess des ersten Schlusses, der von den chemischen Objekten zu ihrem neutralen Medium geführt hatte, erloschen ist, bleibt der Prozess des dritten Schlusses, in dem die elementarischen Objekte einander suchen, erhalten, doch sind die miteinander prozessierenden Objekte des ersten Schlusses und die des dritten Schlusses einander äußerlich. Sie sind einander »different«. Es muss eine »neue Neutralisierung« geben, in dem sich die chemischen Objekte des ersten Prozesses und die elementarischen Objekte des dritten Prozesses ausgleichen.

(3) Im dritten Durchgang betrachtet Hegel, wie die im Chemismus noch gegebene Äußerlichkeit schrittweise aufgehoben und ein freier Prozess erreicht wird. »Diese verschiedenen Prozesse, welche sich als notwendig ergeben haben, sind ebenso viele Stufen, wodurch die Äußerlichkeit und das Bedingtsein aufgehoben wird, woraus der Begriff als an und für sich bestimmte und von der Äußerlichkeit nicht bedingte Totalität hervorgeht.« (TWA 6.435) Allerdings wird Hegel betonen, dass gegenüber Mechanismus und Chemismus erst mit der Teleologie deren »Versenktsein in die Äußerlichkeit« endgültig überwunden wird (TWA 6.438).

Gegenüber der Äußerlichkeit entsteht eine Gegenläufigkeit, durch die sich die einander äußerlichen Begriffe aufeinander beziehen. Im ersten Prozess heben sich mit der entstehenden Neutralität des Mediums die Unterschiede in ihrer »daseienden Bestimmtheit« auf (TWA 6.435f). Unter Anwesenheit des Mediums werden die Stoffe und das Medium auf die Eigenschaft reduziert, dank derer es zur ersten Reaktion kommen kann, wenn sich die Stoffe annähern, die in dieser Eigenschaft zueinander passen, und das neutrale Medium entsteht (siehe das Beispiel des Wassers, in dem sich die in ihm aufgelösten Stoffe entsprechend ihrer Ladungsverteilung anordnen). Das ist gegenläufig gegen ihre Differenz, durch die sie sich unterscheiden. Es ist noch nicht zur chemischen Reaktion im engeren Sinn gekommen, aber der im dritten Prozess erzeugte Prozess der elementarischen Objekte wird in seiner rückläufigen Bewegung in den bereits geordneten chemischen Objekten die Stofflichkeit finden, die er sucht. – Im zweiten Prozess werden mit der zweiten Scheidung an den chemischen Objekten mit der Stofflichkeit und Agilität diejenigen Eigenschaften gefunden, in denen sie indifferent (übereinstimmend) sind. Diese Eigenschaften erweisen sich als »deren innerer Begriff« (TWA 6.436). Dieser Prozess ist gegenläufig, da er gegenläufig von der Bewegung der einander unterschiedenen, ja entgegengesetzten Objekte zu ihrer inneren Gemeinsamkeit führt und und in ihr den gemeinsamen inneren Begriff findet. Wenn die logischen Objekte in dieser Weise ihren inneren Begriff finden, nennt Hegel dies »die eigene Vermittlung des Begriffs« (TWA 6.436). Mit der Scheidung in die elementarischen Objekte setzt sie die eigenen Voraussetzungen, die bisher lediglich implizit vorausgesetzt waren. Das Setzen ist gegenläufig zum äußeren Anstoß, auf den der zweite Prozess zunächst angewiesen war. – Mit dem dritten Prozess wird die angestrebte Gegenläufigkeit erreicht. Die elementarischen Objekte sind nicht weiter äußerlich gegenüber den chemischen Objekten, aus deren Scheidung sie entstanden sind, sondern sie wenden sich ihnen zu und ermöglichen es, den zur Ruhe gekommenen ersten Prozess zu vollenden. Die chemischen Objekte verbleiben nicht weiter äußerlich im neutralen Medium, sondern beginnen miteinander zu reagieren. Sie verfolgen miteinander den übereinstimmenden »Zweck«, sich selbst als Chemismus zu erhalten. Die Zwecksetzung (oder Sinngebung) erfolgt nicht von außen durch einen dem Chemismus fremden und äußerlichen Verstand, sondern entsteht mit dem Chemismus als dessen Prozess.

So haben die drei Schlüsse zu dem Konflikt geführt, in welcher Weise die Gegenüberstellung von Stofflichkeit und Agilität einerseits und die ursprüngliche Gegenüberstellung unterschiedlicher chemischer Objekte andererseits wieder zusammengeführt werden kann. Gelingt es der Agilität des begeistenden Prinzips des zweiten Schlusses, in den chemischen Objekten des ersten Schlusses seine Stofflichkeit zu finden und umgekehrt deren Stofflichkeit mit seinem Prinzip zu begeisten? Wenn das gelingt, wendet sich der Prozess im Ganzen auf sich selbst zurück: Der mit dem dritten Schluss erreichte Prozess bleibt nicht der Prozessualität des ersten Schlusses äußerlich, die erloschen war, sondern bezieht sich auf sie und vollendet sie. Die in der Neutralität des Mediums des ersten Schlusses nebeneinander schlummernden chemischen Objekte werden von dem mit dem dritten Schluss erreichten Prozess ergriffen und können miteinander zu reagieren beginnen.

»Der Begriff, welcher hiermit alle Momente seines objektiven Daseins als äußerliche aufgehoben und in seine einfache Einheit gesetzt hat, ist dadurch von der objektiven Äußerlichkeit vollständig befreit, auf welche er sich nur als eine unwesentliche Realität bezieht; dieser objektive freie Begriff ist der Zweck.« (TWA 6.436)

Zur Sekundärliteratur

(+) Bruno Liebrucks, Sprache und Bewusstsein, Band 6, Teil 3, 396-399

Liebrucks trifft den wesentlichen Punkt des Chemismus: »Der Prozeß als chemischer fängt an, selbstbestimmender Prozeß zu werden.« (Liebrucks 1977, 396) Aber er ist überzeugt, dass größeres Fachwissen erforderlich ist, um dieses Kapitel verstehen zu können. Offenbar hält er den Chemismus für eine fachwissenschaftliche Studie auf dem Gebiet der Chemie. »Es müßte die Entwicklung der Naturwissenschaften herangezogen werden, um überhaupt die Frage stellen zu können, inwiefern in ihnen die natürlichen Prozesse als dreifacher Schluß beschrieben werden können. Da ich hierzu noch weniger kompetent bin als bei der Betrachtung des begrifflich-logischen Status des Mechanismus, kann ich den chemischen Schluß nicht kommentieren.« (Liebrucks 1977, 396) »Im chemischen Prozeß gelangt der Begriff zur Existenz. Es muß hervorgehoben werden, daß ein Nichtnaturwissenschaftler diese Partie nicht begreifen kann.« (Liebrucks 1977, 397)

(+) Anton Friedrich Koch: Subjektivität und Objektivität: Die Unterscheidung des Begriffs

Koch vergleicht Mechanismus und Chemismus mit der Unterscheidung in Makrophysik und Mikrophysik. Das ist ein interessanter Gedanke, zu dem er jedoch ausdrücklich »keine These vertreten« will. Mit der Mikrophysik könnte eine Erweiterung des Differenzfeldes des Chemismus in Möglichkeitsfelder begründet werden.

»Vielleicht also - ich will dazu keine These vertreten - führt auch die Mikrophysik nicht wirklich neue, theoretische Entitäten ein. Doch wenn es die Mikrophysik nicht tut, wenn ihre Teilchen nur halbseidene Bewohner der Raumzeit sind, so wird doch spätestens in der Chemie eine Ebene des Realen erreicht, auf der die halbseidenen Teilchen sich zu veritablen theoretischen Entitäten wie Atomen und Molekülen ausgewachsen haben. Aus dem Mikrophysikalischen ginge insofern beim Übergang ins Atomare und Molekulare schließlich doch der Chemismus hervor, auf den Hegel sich bezieht.« (219)

(+) Georg Sans SJ: Weisen der Welterschließung. Zur Rolle des Chemismus in Hegels subjektiver Logik

Das Objekt ist wie der Begriff ein aus unabhängigen Momenten bestehendes Ganzes. Mechanische Objekte beziehen sich äußerlich aufeinander, z.B. beim Stoß, freien Fall oder im Sonnensystem. »Entscheidend für seinen Begriff des Chemismus ist vielmehr der Umstand, dass zwei äußerlich vollständig verschiedene Stoffe offenbar in einer Weise aufeinander bezogen sind, die von ihrer jeweiligen inneren Natur abhängt.« (Sans, 47) Im chemischen Prozess kommt es zu einem Schluss, in dem das chemische Medium an die Stelle des terminus medius tritt. Sans zitiert den von Hegel genannten disjunktiven Schluss, führt das jedoch inhaltlich nicht weiter aus. Sans hebt – wie Liebrucks – hervor, dass hiermit ein Prozess entsteht, der »selbstbestimmend« ist und im Weiteren zum Organismus führt (Sans, 57 mit Zitat TWA 6.430).

Sans deutet Hegels Hinweise auf die Sprache als Medium im Zusammenhang mit den von Hegel genannten Beispiele der Liebe und der Freundschaft als Chemismus. »Ohne Kommunikation durch Mienenspiel und Gebärden, durch das gesprochene und geschriebene Wort wären eine Freundschaft oder Partnerschaft nicht vorstellbar.« (Sans, 59) Er bezieht sich auf ein Zitat aus der Rechtsphilosophie:

»So macht die feierliche Erklärung der Einwilligung zum sittlichen Bande der Ehe und die entsprechende Anerkennung und Bestätigung desselben durch die Familie und Gemeinde (daß in dieser Rücksicht die Kirche eintritt, ist eine weitere, hier nicht auszuführende Bestimmung) die förmliche Schließung und Wirklichkeit der Ehe aus, so daß diese Verbindung nur durch das Vorangehen dieser Zeremonie als der Vollbringung des Substantiellen durch das Zeichen, die Sprache, als das geistigste Dasein des Geistigen (§ 78), als sittlich konstituiert ist.« (Hegel Rechtsphilosophie § 164, TWA 7.315, teilweise zitiert bei Sans, 59)

Sans betont, dass Hegel mit dem Chemismus den Dualismus von Kant unterläuft (Sans, 55).

Als Beispiel für Chemismus gelten nicht nur Liebe und Freundschaft, sondern auch die Internationalen Beziehungen. In seinen Heidelberger Vorlesungen über Logik und Metaphysik von 1816 hat Hegel ausgeführt:

»Genau wie zwischen einzelnen Personen, sind auch die Verbindungen zwischen verschiedenen Völkern oftmals eine Frage der Chemie, sprich: der gleichsam natürlichen Anziehung oder Abstoßung, die sie füreinander empfinden. Der sichtbare Ausdruck solcher chemischer Reaktionen sind für Hegel Krieg und Frieden. Die Spannungen zwischen benachbarten Staaten werden in kriegerischen Auseinandersetzungen ausgetragen, bis ein Ausgleich ihrer jeweiligen Interessen erreicht ist. Hegel macht seine Hörer zugleich auf die Grenzen der chemischen Betrachtungsweise aufmerksam. Sie sei 'keineswegs das letzte und höchste', sondern ihr liege 'noch etwas höheres zu Grunde – der Zwek'. « (Sans, 60f mit Zitat Hegel Vorlesungen über die Wissenschaft der Logik, ad § 152, S. 170).

(+) Für Dean Moyar dominiert wie bei Kant der Gegensatz von Mechanismus und Teleologie, während der Chemismus untergeordnet bleibt. Das im Chemismus genannte Medium hat mit der Tätigkeit des Mediators zu tun. »Was die Sprache anlangt, denke man sich ein versöhnliches Abschlussdokument, das aus intensiven und emotionalen Verhandlungen hervorgegangen ist.« (Moyar, 620)

(+) Arno Schubbach: Der 'Begriff der Sache'. Kants und Hegels Konzeptionen der Darstellung zwischen Philosophie, geometrischer Konstruktion und chemischem Experiment.

Schubbach betont: »Hegel charakterisiert den 'chemischen Prozeß' ähnlich wie später in der Enzyklopädie dadurch, dass in ihm sowohl die Gegenstände als auch ihre Qualitäten einer radikalen Wandelbarkeit unterliegen.« (Schubbach, 146) Das chemische Element kommt daher sowohl im Singular wie im Plural vor. »Als 'Element' im Singular bestimmt Hegel die chemische Materie. Sie ist der Inbegriff des umfassenden Wandels von Stoffen und fungiert als Bedingung, Potenzial oder Medium der vielfältigen Phänomene, die in diesem Wandel tatsächlich statthaben und Gegenstand der empirischen Forschung sind.« (Schubbach, 147)

(+) Pirmin Stekeler: Hegels Wissenschaft der Logik, Ein dialogischer Kommentar, Bd. 3, 713-742

Bereits einleitend macht Stekeler deutlich, dass er nicht auf den Gedanken einer Selbstbewegung der Sachen oder Begriffe eingehen wird. Eine Sache kann sich nicht selbst bestimmen, sondern wir bestimmen sie von außen. »Im Fall der Bestimmung eines chemischen Stoffes sind es dennoch wir, welche die zunächst bloß erst qualitative Bestimmtheit des bloßen Daseins des chemischen Objekts in sinnlicher Prüfung aufheben.« (Stekeler, 718)

Für ihn erfolgt im chemischen Prozess bereits im ersten Schluss die chemische Reaktion. Daher wird es im Folgenden unmöglich, die beiden weiteren Schlüsse davon klar zu unterscheiden. (Stekeler, 721f) Was Hegel im zweiten Schluss über die unruhige Tätigkeit schreibt, »ist hier trotz aller terminologischen Erläuterung schier undurchdringlich« (Stekeler, 724). Wenn Hegel vom »begeistenden Prinzip« des Chemismus spricht, geht es für Stekeler darum, dass der Mensch zur Chemie einen geistigen statt empirischen Zugang findet.

»Es gibt im Allgemeinen keinen unmittelbar empirischen Zugang zu ihnen rein über Wahrnehmungen, sondern sie setzen in ihrer Definition ein abstraktes Denken über äquivalente Objekte oder Stoffarten im Blick auf die chemischen Prozesse voraus. Ohne (freien) Geist gibt es daher keinen theoretisch-kognitiven Zugang zur chemischen Materie, also zum System der chemischen Stoffe, auch wenn es längst schon praktische Erfahrungen im Umgang mit solchen Stoffen gibt.« (Stekeler, 727)

Wenn Hegel davon spricht, dass sich der Chemismus seine eigenen Voraussetzungen schafft, versteht Stekeler das als materialen Prozess, bei dem Zwischenprodukte als Katalysatoren wieder eingeführt werden können und insofern der Prozess seine eigenen Voraussetzungen schafft.

»Wir befinden uns in einem der schwierigsten Übergangstexte der Logik, der Einleitung in die logische Form der Teleologie des Lebens im Ausgang von der Logik chemischer Naturprozesse. Hegel beginnt mit folgendem Hinweis: Es oxidieren die Stoffe eines Körpers nicht immer so schnell und vollständig, wie reine Kohle bei hoher Temperatur verbrennt. Katalysatoren können die Verbrennung verbessern.« (Stekeler, 730, und zur Katalyse nochmals 734)

Der Text bleibt »ein dunkles Dickicht von Wortfolgen, das man verständlicherweise als leeres Wortgeklingel abtut« (Stekeler, 736). Stekeler hört heraus, dass es mit der Selbstbewegung um eine Dialektik der Natur gehen könnte und wendet sich dagegen.

»Der gesamte Witz von Hegels Naturdialektik besteht also darin, dass die Formen mechanischer (Erklärungen von) Bewegungen ganz und gar allgemein und abstrakt, gemäß Masse und Geschwindigkeit quantitativ sind. Die (Erklärungen der) Prozesse des Chemismus setzen dagegen besondere qualitative Artunterscheidungen der Stoffe und anderer in Hegels verallgemeinertem Sinn ›chemischer‹ Objekte wie Magnete oder deren Pole oder elektrische Ladungen voraus. In der Biologie aber werden alle allgemeinen Formen der Arten und damit des Begriffs des generischen Wesens, z. B. des Berglöwen, durch den teleologischen bzw. autopoietischen Lebensprozess der einzelnen Lebewesen vermittelt.
    Die ominöse Dialektik der Natur, in welche der Marxismus nicht anders als alle Kritiker von Hegels Naturphilosophie allerlei Unverstand hineinlegen, besteht schlicht in der schematischen Ordnung der Themen und Methoden der Naturwissenschaft gemäß den Figuren E-A-B, E-B-A und B-E-A.« (Stekeler, 738f)

Siglen

TWA = Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Werke in 20 Bänden. Auf der Grundlage der Werke von 1832-1845 neu ediert. Red. E. Moldenhauer und K. M. Michel. Frankfurt/M. 1969-1971; Link

KrV = Immanuel Kant: Kritik der reinen Vernunft (1781, 1787)

RGV = Immanuel Kant: Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft, Leipzig 1922 (Meiner), Ausgabe von Karl Vorländer, 5. Auflage [1793]

SuZ = Martin Heidegger: Sein und Zeit, Tübingen 1977 [1927]

Literatur

Allison Coudert: Leibniz and the Kabbalah, Dordrecht 1995

Jan Golinski: Das geheime Leben eines Alchemisten
in: John Fauvel u.a. (Hg.): Newtons Werk, die Begründung der modernen Naturwissenschaft, Basel u.a. 1993 [1988], 191-217

Gotthard Günther: Identität, Gegenidentität und Negativsprache
in: Hegeljahrbücher 1979, S. 22-88; PDF bei vordenker.de

Fritz Heider: Ding und Medium, Berlin 2005 [1926]

Anton Friedrich Koch: Subjektivität und Objektivität: Die Unterscheidung des Begriffs
in: Anton Friedrich Koch u.a. (Hg.): Hegel - 200 Jahre Wissenschaft der Logik, Hamburg 2014 (Meiner) 209-221

Georg Wilhelm Leibniz: Monadologie, übersetzt und herausgegeben von Hartmut Hecht, Stuttgart 2019 [1714]

Bruno Liebrucks (1974): Sprache und Bewusstsein, Band 6, Teil 3, Frankfurt am Main, Bern 1974

Bruno Liebrucks (1977): Drei Revolutionen der Denkart, Wiesbaden 1977

Niklas Luhmann (1996): Die neuzeitlichen Wissenschaften und die Phänomenologie, Wien 1996

Niklas Luhmann (1998): Die Gesellschaft der Gesellschaft, Frankfurt am Main 1998

Niklas Luhmann (2004): Einführung in die Systemtheorie, Heidelberg 2004

Glenn Alexander Magee: Hegel and the Hermetic Tradition, Ithaca, London 2008 [2001]

Jan van der Meulen: Hegel. Die gebrochene Mitte, Hamburg 1958

Dean Moyar: Die Lehre vom Begriff. Zweyter Abschnitt. Die Objectivität
in: Michael Quante, Nadine Mooren (Hg.): Kommentar zu Hegels Wissenschaft der Logik, Hamburg 2018, 559-650

Ulrich Ruschig: Hegels Logik und die Chemie, Bonn 1997

Georg Sans SJ: Weisen der Welterschließung. Zur Rolle des Chemismus in Hegels subjektiver Logik
in: Hegel-Studien 48 (2015), 37-63.

Claus-Artur Scheier: Luhmanns Schatten – Zur Funktion der Philosophie in der medialen Moderne, Hamburg 2016

Helmut Schneider: Zur Dreiecks-Symbolik bei Hegel
in: Hegel-Studien, Vol. 8 (1973), 55-77

Arno Schubbach: Der 'Begriff der Sache'. Kants und Hegels Konzeptionen der Darstellung zwischen Philosophie, geometrischer Konstruktion und chemischem Experiment
in: Hegel-Studien 51 (2018), 121-162

Pirmin Stekeler: Hegels Wissenschaft der Logik, Ein dialogischer Kommentar, Band 3, Die subjektive Logik Die Lehre vom Begriff, Hamburg 2022

Walter Tydecks (2014a): Kant zum Prinzip der Affinität, Bensheim 2014
unter: http://www.tydecks.info/online/logik_kraft_sphaere_kant_affinitaet.html

Walter Tydecks (2014b): Das reale Maß - die Logik der chemischen Sphäre, Kommentar zu Ulrich Ruschig Hegels Logik und die Chemie, Bensheim 2014
unter: http://www.tydecks.info/online/logik_kraft_reales_mass.html

Walter Tydecks (2018): Auf dem Weg zu einer Logik der medialen Moderne – Kurzeinführung und weiterführende Ideen zu Claus-Artur Scheier Luhmanns Schatten, Bensheim 2018
unter: http://www.tydecks.info/online/scheier_luhmanns_schatten_rezension.html,

Walter Tydecks (2019): Das Prinzip der Philosophie nach Hegel, Bensheim 2019
unter: http://www.tydecks.info/online/logik_kraft_prinzip_philosophie.html
eine etwas gekürzte Fassung in: Lois Marie Rendl, Robert König (Hg.): Schlusslogische Letztbegründung: Festschrift für Kurt Walter Zeidler zum 65. Geburtstag, Berlin 2020, 249-274

2023-24

 


Navigation eine Ebene zurück
Navigation an Seitenanfang

© tydecks.info 2024