Walter Tydecks

 

Auflösung des Widerspruchs in den Grund

Erschienen in: Hilmar Kunath, Thomas Collmer (Hg.): Rollercoaster # 10, Hamburg, Ahrensburg 2017, S. 1-12

Ergründen und Begründen

Ute Guzzoni sieht in der Philosophie von Hegel eine gegenläufige Doppelbewegung von Begründen und Ergründen. Wenn mit Begründen das traditionelle logische Folgern A → B gemeint ist, ist Ergründen das Hinausgehen von einem Begriff oder von einem Satz in ihren jeweiligen Kontext. Dort lassen sich die Voraussetzungen erkennen, die implizit im Begriff bzw. im Satz mitgedacht sind, sich aber nicht unmittelbar an ihnen zeigen. Spencer-Brown gibt dem eine neue Wende: Für ihn sind Sätze, Urteile und die Figuren des Schlusses Beispiele für Formen, in denen sich das Denken zeigt. Seine Aufforderung »triff eine Unterscheidung« (draw a distinction) gilt auch für das Denken: »fasse einen klaren Gedanken und bringe ihn in verständliche Worte«, d.h. gib ihm eine überzeugende Form. Das bringt ihn auf die Frage, wie aus den Formen auf den Grund geschlossen werden kann, aus dem sie hervorgehen und in den sie eingetragen (in-formiert) sind. Bei materiellen Formen ist das unmittelbar anschaulich: Die Schrift ist eine Form, die auf ein Blatt Papier oder auf eine Sandfläche eingetragen ist. Aber wie verhält es sich mit den Formen des Denkens? Was ist ihr Grund? Damit ist nicht der Grund gemeint, warum etwas gedacht wird (zum Beispiel, um eine bestimmte Aufgabe zu lösen), sondern die Frage, ob es für die Begriffe, Sätze und Schlüsse als Formen des Denkens in übertragenem Sinn einen Grund des Denkens gibt, aus dem sie hervorgehen und vor dem sie sichtbar werden.

So zu fragen löst sich von der Unterscheidung in Begründen und Ergründen und scheint mir der geeignete Ansatz zu sein, um zu verstehen, was Hegel mit dem Grund als Reflexionsbestimmung meinte. Im Folgenden soll einleitend skizziert werden, wie die Philosophie in der Gegenüberstellung von Begründen und Ergründen zu erstarren droht und welche Hinweise es bei Hegel gibt, diese beiden Seiten als Momente einer übergreifenden Bewegung zu verstehen. Die sehe ich in seinen Ausführungen, wie sich der Widerspruch auflöst und zu Grunde geht. Mit Zu-Grunde-Gehen ist etwas gemeint, was über Begründen und Ergründen hinausgeht und in meiner Deutung eine Intention enthält, die bei Hegel zwar bereits erkennbar, aber noch nicht voll ausgearbeitet ist und sich mit Spencer-Brown besser verstehen lässt.

Die Kehrseite des Zu-Grunde-Gehens ist für Hegel das Hervortreten der Sache aus dem Grund und übergreifend betrachtet der Existenz aus dem Denken. Wie ist das möglich, und an welcher Stelle geht der Widerspruch zu Grunde und geht umkehrt die Sache aus dem Grund hervor? In meinem Verständnis gelingt das für Hegel über die mit dem Grund gegebene Mannigfaltigkeit. Sie wird erreicht, wenn sich der Widerspruch im Grund auflöst, und sie ist umgekehrt das unerschöpfliche Reservoir, aus der jede Art von Existenz hervorgeht und in der jede Sache ihren Grund findet. Das Denken und seine Denkbestimmungen sind nur ein Beispiel für die unendlich vielen Sachen, die aus dem Grund entstehen. Das Denken kann an sich selbst erkennen, wie es denkt. In einem ersten Schritt erkennt es, welche Formen es an sich selbst als Denken vorfindet, das sind seine Worte, Begriffe, Sätze und Schlüsse und die Bestimmungen, mit denen es diese bilden kann, die Reflexionsbestimmungen. Wenn diese Reflexionsbestimmungen in Widerspruch zueinander geraten und zu Grunde gehen, kann das Denken zu verstehen beginnen, wie seine eigenen Bestimmungen ebenso aus der Mannigfaltigkeit des Grundes hervorgehen wie alle anderen Sachen. In dieser neuen Perspektive lernt es seine Reflexionsbestimmungen als Formbestimmungen zu verstehen, mit denen die Formen des Denkens bestimmt sind.

Dieser Gedanke Hegels wurde meines Erachtens gründlich missverstanden, als erst Schelling und ihm folgend Feuerbach und Marx Hegel in irrtümlicher Weise wörtlich genommen haben. Für sie hat Hegel ungewollt eine Parodie des Idealismus geliefert, der über ein Rezept zu verfügen glaubt, wie mit bloßem Denken etwas real Existierendes erzeugt werden kann, eine Art logische Geldschöpfung. Sie haben Hegel so verstanden, als wollte er mit dem Denken eine Sache zur Existenz bringen, während er in meinem Verständnis am Denken den kritischen Punkt – in gewisser Weise den blinden Fleck – erkennen wollte, an dem das Denken selbstbezüglich denken kann, was unter seiner Existenz wie auch als Existenz aller Sachen zu verstehen ist. Das Denken erzeugt bei Hegel nicht die Existenz einer Sache, sondern es entwickelt (erzeugt) den Begriff der Existenz, die Existenz als Denkbestimmung. Das ist erkennbar ein außergewöhnlicher, wenn nicht einmaliger Begriff für das Denken: Hier schließt sich seine eigene Existenz als Denken zusammen mit der vom Denken gefundenen Denkbestimmung der Existenz. Es gehört zur Existenz des Denkens (und ist damit eine Denkbestimmung des Denkens), dass es sowohl denken wie die Existenz des Denkens denken und die Existenz als Denkbestimmung denken kann. Ohne Anstrengungen solcher Art und die mit ihr verbundene Freude über ihr Gelingen droht das Denken zurückzufallen in eine leerlaufende Bewegung. Das geschieht, wenn es beim Begründen und Ergründen stehen bleibt.

Das Begründen bleibt innerhalb des Denkens und versucht zwischen verschiedenen Gedanken logische Beziehungen aufzuzeigen. Das Denken vertraut seit Descartes darauf, dass die Sicherheit und die Transparenz der eigenen Methode nicht nur garantieren, dass »richtig« gedacht wird, sondern hierüber zugleich die Wahrheit der Sache erreicht ist. Für ihn garantiert innere Wahrheit (Transparenz, Strenge und Fehlerfreiheit des Denkens) zugleich äußere Wahrheit (Übereinstimmung von Gedanke und Sache, veritas est adaequatio intellectus et rei).

Mit dem Ergründen wird die Selbstverständlichkeit einer solchen übergreifenden Logik sowohl gesichert wie in Frage gestellt. Das erste Ergebnis des ergründenden Denkens war zu erkennen, dass Descartes stillschweigend von einem Schluss von der inneren auf die äußere Wahrheit ausgegangen war. Im Ergebnis kann aus dieser Einsicht entweder mit David Hume grundsätzlich an der Schlüssigkeit der Ergebnisse des Denkens gezweifelt werden, wenn schlicht in Frage gestellt wird, dass es eine solche Übereinstimmung gibt, oder es kann mit Kant gefragt werden, worin der Grund dafür besteht, dass das Denken und die vom Denken gedachte Sache der gleichen Logik folgen. Für Kant liegt die innere Übereinstimmung darin, dass sowohl die denkenden Menschen wie die von ihnen gedachten Sachen zeitlich vergänglich und den gleichen Gesetzen der Zeit unterworfen sind. Sie stehen beide im Horizont der Zeit (Picht). Für Kant waren daher die Reflexionsgesetze des Denkens nicht mehr wie für die traditionelle Metaphysik gegebene, überzeitlich geltende Gesetze des Denkens und seines Geistes (nous), sondern ergeben sich aus den Eigenschaften der Zeit. Sie gelten daher nur für solche vernunftbegabte Wesen, die wie der Mensch sterblich sind. Es blieb für ihn offen, ob und warum der Mensch etwa mit der Mathematik dennoch ein Wissen erwerben kann, das in seinen Methoden an keine zeitlichen Gründe und Bestimmungen gebunden ist.

Nach Kant trennten sich die Wege. Entweder wurde mit Nietzsche, Heidegger und der Frankfurter Schule (Kritik der instrumentellen Vernunft) die Geltung des traditionellen Denkens völlig verworfen.

»Was ist also Wahrheit? Ein bewegliches Heer von Metaphern, Metonymien, Anthropomorphismen, kurz eine Summe von menschlichen Relationen, die, poetisch und rhetorisch gesteigert, übertragen, geschmückt wurden, und die nach langem Gebrauch einem Volke fest, kanonisch und verbindlich dünken: die Wahrheiten sind Illusionen, von denen man vergessen hat, daß sie welche sind, Metaphern, die abgenutzt und sinnlich kraftlos geworden sind, Münzen, die ihr Bild verloren haben und nun als Metall, nicht mehr als Münzen, in Betracht kommen.« (Nietzsche Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne, 1,vii)

Es ist ein bloßer Machtanspruch des Denkens, die Gültigkeit seiner eigenen Denkgesetze auf die Sache zu übertragen. Es gibt für ihn und seine Nachfolger nicht nur ein unbestimmtes Ding-an-sich, welches der Mensch nicht kennt, sondern der Mensch muss sich den ihn umgebenden Dingen wieder offen zuwenden und sich von den Ansprüchen des überlieferten Denkens befreien, alle Sachen seinen Denkgesetzen zu unterwerfen. An den Sachen ist das Nicht-Identische festzuhalten, das sich dem Identitäts-Satz entzieht (Adorno). Die Sache verweist auf ein übergreifendes Sein, dessen Seinsgeschichte sich dem menschlichen Denken entzieht, und es ist für Heidegger Zeichen des Nihilismus, wenn das Denken das Bewußtsein davon verliert (Seinsvergessenheit, Seinsverlassenheit).

Oder es wird in der Tradition von Hegel versucht, den ergründenden Weg der transzendentalen Logik von Kant aufzunehmen und weiterzuführen. So wie Kant die Eigenschaften des begründenden Denkens auf die Zeit zurückgeführt hat, sind nochmals die Eigenschaften der Zeit auf die Logik zurückzuführen. Hegel teilt die Meinung von Kant, dass es einen Widerspruch gibt zwischen dem bloß empirischen (kategorialen, messenden, protokollierenden) Denken einerseits und dem Denken, das ergründend darüber hinausgeht (das spekulative Denken) andererseits. Aber er sieht den Widerspruch nicht länger als Hindernis, welches es zu vermeiden oder auszuräumen gilt, sondern als Chance. Erst mit und über den Widerspruch vermag das Denken die Sache selbst zu ergreifen, verstanden als Grund in der doppelten Bedeutung von Causa, die der Kausalität vorausgeht, sowie als Boden, in dem sie eingeschrieben ist. Mit dem Grund eröffnet sich der Raum aller Möglichkeiten, aus dem die Sache hervorgegangen ist und wohin sie sich weiter entwickeln kann. – Er hat damit zugleich eine mögliche Antwort auf Heidegger vorweggenommen. Während Heidegger kategoriales und existenziales Denken gegenüberstellt, will Hegel an der inneren Entwicklung des kategorialen Denkens zeigen, wie dieses aus sich in den Widerspruch führt und über den Widerspruch zu Grunde geht und aus dem Grund die Existenz zu verstehen beginnt.

Der großen Mehrheit der akademischen Philosophie erschien aber sowohl die Kritik in Nachfolge von Nietzsche wie das Anliegen von Hegel als ein leerer Anspruch, als ein bloßes Spiel mit Worten, die beliebig sind und mit denen sich letztlich alles rechtfertigen lässt. Dialektik scheint zurückzufallen in seine ursprüngliche Bedeutung einer Kunst des Argumentierens, mit der jeder Gegner überlistet und geschlagen werden kann, eine Neuauflage des Sophismus. »Es ist möglich, das ich mich blamiere. Indes ist dann immer mit einiger Dialektik wieder zu helfen. Ich habe natürlich meine Aufstellungen so gehalten, das ich im umgekehrten Fall auch recht habe.« (Marx in einem Brief an Engels vom 15.8.1857, MEW 29.160f) Für Popper ist es Zeichen einer Art von Selbstverblendung, wenn ein Denken freiwillig Widersprüche in sein Denken aufnimmt. Daher hat sich eine bewusste Selbst-Bescheidung des Denkens auf das Begründen durchgesetzt. Was darüber hinausgeht scheint nur selbsternannten Eingeweihten möglich zu sein, und so scheint allen anderen nichts übrig zu bleiben als diesen Anspruch aufzugeben und sich auf die Praxis-Probe (das Falsifizieren) zu beschränken. Doch gibt es Grenzgänger wie Gödel und Spencer-Brown, die diesen Weg mitgegangen sind, bis sie von innen auf dessen Mängel stießen. Bei ihnen scheinen mir die Ansatzpunkte für eine Fortführung der Philosophie zu liegen.

Die Verlaufsform des Widerspruchs

Was Hegel über den Widerspruch schreibt, gehört zu den ungewöhnlichsten und in gewisser Weise esoterischen Ausführungen seiner Philosophie. An dieser Stelle gibt es bei ihm nicht mehr nur einen von außen geführten Gedankengang des Begründens oder Ergründens, mit dem Begriffe auseinander entwickelt werden, sondern Hegel will am Widerspruch dessen eigene innere Bewegung erkennen, die aus ihm herausführt. Im Widerspruch stehen nicht mehr wie im Gegensatz zwei Momente äußerlich gegeneinander, von denen das eine das Gegenteil des anderen ist, sondern jedes der entgegengesetzten Elemente verweist in negativer Selbstbezüglichkeit auf sich selbst. Gerät das Denken dadurch in Stillstand? Hegel sieht es genau umgekehrt.

»Der Widerspruch löst sich auf. In der sich selbst ausschließenden Reflexion, die betrachtet wurde, hebt das Positive und das Negative jedes in seiner Selbständigkeit sich selbst auf; jedes ist schlechthin das Übergehen oder vielmehr das sich Übersetzen seiner in sein Gegenteil. Dies rastlose Verschwinden der Entgegengesetzten in ihnen selbst ist die nächste Einheit, welche durch den Widerspruch zustande kommt; sie ist die Null.« (HW 6.67)

Der Widerspruch schafft sich in dieser Bewegung seinen eigenen Raum und seine Zeit, in der er sich auflösen kann. Er findet eine Verlaufsform, die für sich betrachtet werden kann und an sich die Lösung zeigt, in die sich der Widerspruch auflöst. Es scheint so, als würde nicht mehr das Denken die von ihm gedachten Begriffe bewegen, so wie ein Handwerker seine Rohstoffe und Werkzeuge gebraucht und einsetzt, sondern als würde es nur noch zuschauen und mitvollziehen können, wie sich die von ihm gedachten Bewegungen selbsttätig bewegen und eine Lösung finden, also so, wie der Bauer auf dem von ihm bestellten Boden die Früchte heranreifen sieht. (Ein ähnliches Bild wählt in einem etwas anderen Zusammenhang Scheier in Ästhetik der Simulation.) Hegel spricht vom Zu-Grunde-Gehen und der Kraft, den Widerspruch auszuhalten (HW 6.67 und 76). Die Initiative ist übergegangen vom Denkenden, der etwas begründet und ergründet, zur Sache, die aus ihrem Widerspruch heraus eine neue Bewegung öffnet, die in ihren eigenen Grund führt. Im Grund wird die Sache die Bedingungen ihrer eigenen Existenz finden. Das Denken muss sich bescheiden, den Widerspruch auszuhalten und zu verstehen, was hier vor sich geht.

Dieser Gedanke ist so ungewöhnlich, dass er kaum wahrgenommen wird. Erst in seiner Konsequenz, wenn aus der Bewegung des Widerspruchs in seinen Grund die Existenz hergeleitet wird, hat er bei anderen Philosophen Widerspruch hervorgerufen, so bereits bei Hegels Studienfreund Schelling. Hat Hegel hier mit einem logischen Taschenspielertrick aus einer rein begrifflichen Bewegung eine Existenz erzeugt?

Sind das nur Worte, mit denen Hegel die überlieferten Begriffe der Metaphysik neu arrangiert, sie nicht mehr nebeneinander stehen lässt, sondern nach dem Muster des Begründens in eine Reihe bringt, in der die vier metaphysischen Sätze der Identität (alles ist mit sich identisch), des Unterschieds (es gibt keine zwei Dinge, die völlig gleich sind), des Widerspruchs (zwei einander widersprechende Sachen können nicht zugleich bestehen) und des Grundes (alles hat einen zureichenden Grund) angeordnet sind und auseinander hervorgehen? Ist das ein reines Gedankenkonstrukt, oder lassen sich Bilder für das Zu-Grunde-Gehen des Widerspruchs finden? Während es für den Gegensatz Bilder gibt wie links und rechts, wohl- und übelriechend, versagen sie für den Widerspruch. Links und Rechts ist zwar ein Gegensatz, aber kein Widerspruch. Die meisten Interpretationen bleiben daher beim Gegensatz stehen und versuchen nicht, das Besondere und Neue zu verstehen, das Hegel am Begriff des Widerspruchs ausführt.

Alle naheliegenden Beispiele versagen. Gerät zum Beispiel Wasser in Gegensätze wie tief und flach, links und rechts, steil und eben, von festem und sandigem Boden, den Einflüssen von Wind und inneren Strömungen, die jeweils gegeneinander gerichtet sind und einander entgegen wirken, dann bahnt es sich seinen Weg, indem es einer Bewegung des geringsten Kraftaufwands folgt. So findet es den Weg zwischen den Gegensätzen hindurch, aber niemand würde das als Übergang des Gegensatzes in den Widerspruch und dessen Auflösung in den Grund bezeichnen. Und doch zeigt sich an der Verlaufsform des Wassers, was mit der Auflösung des Widerspruchs in den Grund gemeint ist. Die Bewegung des Wassers findet im Prinzip des kürzesten Weges ihren Grund. Das Bild ist nicht falsch, aber es muss etwas hinzukommen.

Wer sich im Denken Widersprüchen konfrontiert sieht, wenn das eine Argument dem anderen widerspricht, aber beide notwendig sind, oder wenn die Ergebnisse des Denkens in Widerspruch geraten zu dem, was beobachtet und erlebt werden kann, der versucht, das Problem von einer neuen Seite her aufzufassen, von der sich eine Lösung ergibt. Er sucht nach einem neuen Ansatz, einer neuen Methode und führt möglicherweise neue Begriffe und Verknüpfungsarten von Begriffen ein, mit denen der Widerspruch nicht mehr besteht. So geht insbesondere die Naturwissenschaft vor. Wenn ihre Ergebnisse in Widerspruch zu empirischen Beobachtungen geraten, sucht sie nach einem neuen Modell, in dem diese Widersprüche nicht mehr bestehen. Sie findet im neuen Modell die Bedingungen für den Umstand, warum im überholten Modell etwas als widersprüchlich erschienen war, was im neuen Modell gelöst ist.

Obwohl alle diese Beispiele etwas an und von dem treffen, was Hegel meint, wird keines seinem Gedanken gerecht. Kein Weg führt daran vorbei, dass Hegel mit der Auflösung des Widerspruchs in den Grund nicht eine empirische Bewegung meint, für die in Gedanken ein angemessener Begriff gefunden wird, sondern dass er zeigen will, wie der Begriff des Gegensatzes in den Begriff des Widerspruchs gerät und dieser sich als Begriff auflöst. Er löst sich nicht in dem Sinn als Begriff auf, dass er nach der Auflösung kein Begriff mehr wäre, sondern es gehört zum Begriff des Widerspruchs, dass er in sich die Unruhe und Bewegung der Auflösung trägt.

Marx. Marx ging gewissermaßen vom anderen Ende aus. Er sah, wie in der Geschichte alle großen Reiche an ihren inneren Widersprüchen zu Grunde gingen, und wie im Kapitalismus die Wirtschaft zu keiner langfristig andauernden, harmonischen Entwicklung imstande ist, sondern sich ihre inneren Widersprüche regelmäßig in ökonomischen Krisen entladen. Zwar hat er niemals sein Vorhaben verwirklichen können, eine Kritik der Hegelschen Dialektik auszuarbeiten, aber sein Anliegen scheint mir zu sein, für jeden Widerspruch die Verlaufsform zu finden, in der er sich entwickeln kann. Für ihn drängt der Widerspruch in »eine Lösung, die darin besteht, daß der Widerspruch sich einen erweiterten Spielkreis eröffnet und die Formen schafft, worin er sich bewegen, d.h. auch ständig neu setzen kann. Diese spezifische Form der Lösung ist Entwicklung des Widerspruchs.« (Arndt, 235)

Das sieht Marx sowohl in der logischen Gestalt wie im historischen Verlauf des Kapitalismus. In seiner Kritik der politischen Ökonomie hat er gezeigt, wie sich die Widersprüche logisch entwickeln von den Grundbegriffen der Wirtschaft wie der Ware, ihrem Wert und dem Geld über die Zirkulation und das Finanzwesen bis zum Staat und dem Weltmarkt. Das ist nicht nur ein logisches Konstrukt, sondern diese Logik setzt sich historisch über die zyklischen Krisen durch, in deren Verlauf alles beseitigt (bereinigt) wird, was der reinen Bewegung des Kapitals (dem Begriff des Kapitals) widerspricht, bis irgendwann diese Form der menschlichen Ökonomie in einem offenen Widerspruch zu Grunde geht und daraus etwas Neues hervorgeht (Existenz gewinnt), so wie es historisch anderen großen Reichen geschehen ist.

»Die widerspruchsvolle Bewegung der kapitalistischen Gesellschaft macht sich ... am schlagendsten fühlbar in den Wechselfällen des periodischen Zyklus, den die moderne Industrie durchläuft, und deren Gipfelpunkt – die allgemeine Krise ist.« (Marx Kapital Band 1, Nachwort zur 2. Auflage 1873, MEW 23.18)
    »Die Weltmarktkrisen müssen als die reale Zusammenfassung und gewaltsame Ausgleichung aller Widersprüche der bürgerlichen Ökonomie gefasst werden. Die einzelnen Momente, die sich also in diesen Krisen zusammenfassen, müssen also in jeder Sphäre der bürgerlichen Ökonomie hervortreten und entwickelt werden, und je weiter wir in ihr vordringen, müssen einerseits neue Bestimmungen dieses Widerstreits entwickelt, andererseits die abstrakteren Formen desselben als wiederkehrend und enthalten in den konkreten nachgewiesen werden.« (Marx Theorien über den Mehrwert Band 2, MEW 26.2, 511, zitiert bei Arndt, 236f)

Es soll an dieser Stelle nicht um die Frage gehen, ob Marx die kapitalistische Gesellschaft richtig beschrieben hat und seine historischen Voraussagen eingetroffen sind bzw. gültig bleiben, sondern mit ihm ist die menschliche Geschichte und genauer die heute bestehende Ökonomie im Ganzen ein Beispiel dafür, wie sich Widersprüche ihre Verlaufsform schaffen. Mit jeder Krise öffnet sich ein Möglichkeitsfeld, den Widerspruch zu lösen. »Dialektik wäre aufgrund dieser Ausführungen vorläufig zu bestimmen als Methode der Erfassung und Darstellung realer Widersprüche im Blick auf die realen Möglichkeiten ihrer Lösung.« (Arndt, 233) (Der Begriff Möglichkeitsfeld ist übernommen von Scheier Luhmanns Schatten, 54.)

Wandschneider. Dieter Wandschneider will der Philosophie von Hegel eine neue, objektive Gestalt geben. Für ihn ist die Wissenschaft der Logik durchgehend vom Übergang eines Gegensatzes über ihren Widerspruch in einen neuen Gegensatz bestimmt. Er will das triadische Denken umwandeln in ein tetradisches Denken: Während bei Hegel eine Position (Setzung) negiert und anschließend die Negation ihrerseits negiert wird, wodurch eine neue Unmittelbarkeit entsteht, will Wandschneider zu einem tetradischen Denken, in dem der Gegensatz fortlaufend von einer Stufe auf eine nachfolgende geführt und auf ihr genauer bestimmt wird. (Möglicherweise dient ihm als Vorbild eine Naturphilosophie, die in der Natur Polaritäten erkennt und nachweist, wie sich die Polaritäten von einer Stufe auf die nächste weiter entwickeln.) Er wandelt das triadische Verhältnis von Sein, Nichts und Werden, mit dem Hegel die Logik beginnt, in einen tetradischen Übergang um, wenn er statt von Sein und Nichts vom Gegensatz von Sein und Nicht-Sein spricht, der im Dasein eine neue Stufe findet und dort als Gegensatz von Etwas und Anderem, von Realität und Negation auftritt. Mit dem Dasein wird der abstrakte Gegensatz von Sein und Nicht-Sein genauer gefasst: Jedes Etwas trägt den Gegensatz von Sein und Nicht-Sein an sich, da es zugleich als Etwas etwas ist und sich von einem Anderen unterscheidet, das es nicht ist. Jede Bestimmung eines Etwas ist zugleich eine Negation, was dieses Etwas nicht ist (omnis determinatio est negatio).

Wandschneiders freier Umgang mit der Wissenschaft der Logik von Hegel kann kritisiert werden. Insbesondere kann in Frage gestellt werden, ob er – der Studie von Michel Wolff folgend – Hegels Verständnis von Gegensatz und Widerspruch trifft (siehe hierzu die Kritik durch Richli). Doch mir geht es an dieser Stelle um den Gedanken, wie ein Gegensatz erst in einen Widerspruch getrieben wird, um aus dieser Krise heraus auf einer neuen Stufe eine neue Verlaufsform zu gewinnen. Darin scheint mir das verborgene Motiv seiner Arbeit zu liegen. Gegensätze erstarren nicht, sondern sie enthalten in sich die Unruhe, mit der sie sich einen neuen Rahmen schaffen, in dem sie sich frei bewegen können. Damit vermag er nach meinem Eindruck sowohl die ökonomischen und politischen Ideen von Marx wie die naturphilosophischen Ideen von Schelling aufzugreifen, der in seiner Potenzen-Lehre zeigen wollte, wie in der Natur jede Polarität dazu führt, dass aus ihr eine weitere Dimension hervorgeht, in der eine neue Polarität auftritt.

Collmer. Für Hegel tritt die innere Bewegung eines Begriffs mit der Auflösung des Widerspruchs offen hervor, doch ist sie bereits angelegt in den vorausgehenden Reflexionsbegriffen. Darauf hat Thomas Collmer aufmerksam gemacht. Für Hegel ist die Identität der erste Reflexionsbegriff. Er entwickelt die Identität jedoch nicht wie in der überlieferten Metaphysik als einen tautologischen Begriff ›A = A‹, bei dem nichts geschieht und der buchstäblich auf der Stelle tritt, sondern über eine innere Bewegung des Hinausgehens und Rückkehrens. Etwas gewinnt Identität, indem es sich umschaut, seine Umgebung erkundet und hierin sich abgrenzend selbst erkennt. Das gilt auf einer höheren Abstraktionsstufe auch für die Identität als Reflexionsbegriff. Dieser Begriff kann nur gebildet werden, wenn seine Voraussetzungen geklärt werden und auf dem Wege einer bestimmenden Reflexion selbstbezüglich erkannt wird, was die Identität vom Unterschied unterscheidet. Collmer bezeichnet diese Operation als »basale Selbstreferenz« und schlägt für sie die Einführung eines eigenen, ein-stelligen Symbols vor: ◻ (Collmer Hegel und Gödel, 90). Das könnte symbolisieren, was Hegel mit der Oszillation der Identität meint. Was Hegel in der Reflexionslogik zur Identität einführt, wird von ihm bereits in der Daseinslogik begründet in den Ausführungen über Beschaffenheit, Grenze und Unendlichkeit.

Die Grenze ist »die immanente Grenze sowohl des Etwas als auch des Anderen. Damit ›schillert‹ sie, oszilliert, ist antinomisch in sich selbst. Hegel verdeutlicht dies daran, dass der Punkt nicht nur die untere Grenze der Linie ist, sondern auch das Prinzip, aus dem sie, sich davon abstoßend, entsteht.« (Collmer Hegel und Gödel, 97)

Mit der Oszillation verweist die Operation ◻a auf einen Möglichkeitsraum (der Raum, in dem sie oszilliert), aus dem a hervorgeht. Die Identität von a unterscheidet sich von allen Möglichkeiten, die a in sich trägt, aber nicht verwirklicht hat.

Spencer-Brown. Einen ähnlichen Gedanken sehe ich bei George Spencer-Brown. Während es zur Zeit von Hegel noch kein schlagendes Beispiel für die negative Selbstbezüglichkeit gab, hat dies wenige Jahrzehnte später Bertrand Russell gewissermaßen nachgeliefert. Er war Schüler von McTaggart und anfangs überzeugter Hegelianer, bevor er sich zu einem Begründer der analytischen Philosophie entwickelte. Von ihm stammt das Beispiel der Menge aller Mengen, die sich nicht selbst enthalten (oder der Menge aller Barbiere, die sich nicht selbst barbieren). Eigenartigerweise hat das zwar unter Mathematikern Furore gemacht, jedoch die dialektische Philosophie kaum angesprochen und wurde erst wesentlich später vor allem von Thomas Kesselring aufgegriffen (Thomas Kesselring Die Produktivität der Antinomie, Frankfurt am Main 1984).

Ebenso blieb weitgehend unbeachtet, was George Spencer-Brown daraus machte. Er findet einen Ausweg aus der Oszillation des Lügner-Paradox ›dieser Satz ist falsch‹, der in seiner negativen Selbstbezüglichkeit ständig zwischen ‘wahr’ und ‘falsch’ oszilliert (wenn er wahr ist, ist er falsch, und wenn er falsch ist, ist er wahr). Für Spencer-Brown erzeugt eine Antinomie dieser Art sowohl eine zeitliche Entwicklung, in der sie zwischen den beiden entgegengesetzten Werten hin und her springt, wie auch eine imaginäre Achse, auf der die beiden Wahrheitswerte ‘wahr’ und ‘falsch’ eingetragen sind. Das fortlaufende Hin- und Herspringen zwischen ‘wahr’ und ‘falsch’ kann als eine Bewegungskurve verstanden werden, die sich entlang der Zeitachse bewegt. Damit hat er für mich die noch fehlende Idee entwickelt, mit der sich der Ansatz von Marx verstehen lässt. Wenn Hegel vom Zu-Grunde-Gehen in der Auflösung des Widerspruchs spricht, lässt sich das verstehen als Öffnen einer neuen Dimension, die senkrecht zu der Achse steht, auf der der Gegensatz eingetragen ist. Die von Marx betrachteten ökonomischen Zyklen können mathematisch verstanden werden als eine weiter ausgearbeitete Oszillation, deren einfachste Gestalt in der von Spencer-Brown eingeführten Bewegung zu sehen ist, um eine Antinomie darzustellen. (Russell war von dieser Lösung begeistert und hat das Erscheinen der Arbeit von Spencer-Brown gefördert.).

In der Darstellung von Spencer-Brown wird die Oszillation buchstäblich eine Verlaufsform. Sie verläuft als eine Welle, die zwischen ‘wahr’ und ‘falsch’ hin und her schwingt. Diese Verlaufsform öffnet für Spencer-Brown den neuen Horizont, in dem Antinomien dieser Art gesehen und aufgelöst werden können. Sie steht ihrerseits in einem weiten Kontext, in dem alle möglichen Verlaufsformen eingeschrieben werden können. Die Oszillation der Welle ist eine bestimmte Verlaufsform, die in den Möglichkeitsraum aller Verlaufsformen in-formiert ist.

Spencer-Brown hat für mich das treffende Bild gefunden, um Hegels Ausführungen über die Auflösung des Widerspruchs zu verstehen. Er betrachtet nicht nur die einzelnen Formen und untersucht ihre Eigenschaften, die für ihn unerschöpflich sind, sondern für ihn stellt sich mit der Form die Frage nach dem Grund (dem Formlosen), in den die Form eingetragen ist und aus dem sie hervorgeht. Das Verhältnis von Form und Grund trifft für mich den Begriff des Widerspruchs weit besser als das von Hegel genannte Beispiel des Positiven und des Negativen, mit dem er dem Versuch den Begriff der negativen Größen in die Weltweisheit einzuführen von Kant (1763) treu geblieben und mit dafür verantwortlich geworden ist, dass später von zahlreichen Interpreten sein Verständnis des Widerspruchs auf den Gegensatz der positiven und negativen Zahlen und vergleichbare Beispiele reduziert wurde. – Eine Form ist nur möglich vor einem Grund, und ein Grund ist nur erkennbar durch eine Form, deren Existenz auf ihn verweist. Das Bild des Zu-Grunde-Gehens wird mit diesem Beispiel gelöst von den fast apokalyptischen Konnotationen, die mit ihm verbunden werden können, und es wird stattdessen verstanden als In-formation. Es öffnet einen neuen Blick auf auf neuere naturwissenschaftliche Anwendungen der Informationstheorie und geht über die Lehre der Potenzen und Polaritäten hinaus.

Die Mannigfaltigkeit des Grundes

Während es zu Hegels Begriff des Widerspruchs zahlreiche Studien gibt, ist der Begriff des Grundes zu unrecht etwas in den Schatten getreten. Vor allem erscheint unverständlich, warum Hegel den Begriff des Grundes mit der Mannigfaltigkeit verbindet. Geht der Widerspruch in die Mannigfaltigkeit zu Grunde, in deren Untiefen sich bereits die Philosophie von Platon (chora) bis Kant zu verlieren drohte? Für Rohs hat Hegel von Kant den Gedanken übernommen, die Mannigfaltigkeit als die formale Negation der Form zu sehen (der Grund und die Mannigfaltigkeit als das der Form entgegengesetzte Formlose). »Die Bedeutung der Mannigfaltigkeit liegt darin, daß sich gerade in ihr die entscheidende Selbst-Entäußerung der Form zeigt. Die Mannigfaltigkeit ist jene Form, die keine Form ist, – bei Kant die Synthesis, die nicht aus dem Ich, bei Hegel die Differenz, die nicht aus der negierenden Tätigkeit der Form stammt.« (Rohs, 230) Schmidt teilt diese Einschätzung (Schmidt, 132), empfindet aber den Begriff der Mannigfaltigkeit bei Hegel wie einen Fremdkörper, der nicht recht zum sonstigen Gedankengang passt. Für ihn bleibt der enttäuschende Eindruck, »dass diese zweite Inhaltsbestimmung jedoch als Mannigfaltigkeit zu sehen ist, wurde nicht nachgewiesen.« (Schmidt, 109; siehe auch Schmidt, 113f, 120, 127).

Mit der ersten Inhaltsbestimmung ist die übliche Bedeutung des Grundes gemeint, dass mit ihm als Ergebnis eines Begründens und Ergründens für einen Sachverhalt eine Erklärung gefunden wird. Davon unterscheidet sich das Zu-Grunde-Gehen. Hegel entwickelt es in zwei Stufen. Zunächst erscheint das Mannigfaltige als all das Zufällige und Beiläufige, wovon das Begründen absehen muss, um den wesentlichen Grund zu treffen, um den es geht (HW 6.104). Wird zum Beispiel nach dem Grund eines Textes gefragt und als Antwort gegeben, dieser Text ist auf einem Blatt Papier geschrieben, so scheint diese Antwort entweder ironisch, albern oder ein völliges Missverständnis zu sein und trifft bestenfalls eine ganz zufällige und äußerliche Seite am Text. Hegel unterscheidet Grund und Bedingung. Es gibt in diesem Beispiel einen Grund, warum etwas geschrieben wird und was geschrieben wird, und es ist eine Bedingung, dass Schreibutensilien wie Stift und Papier zur Hand sind, damit der Text geschrieben werden kann und lesbar wird. Entsprechend lässt sich eine unabsehbare Mannigfaltigkeit weiterer Bedingungen denken und im konkreten Fall nachweisen, damit etwas nicht bloß einen Grund hat, sondern wirklich werden kann.

Wird die konkrete Sache betrachtet – zum Beispiel der fertige Text –, wie sie in die Existenz tritt, dann finden in der Sache sowohl der Grund wie all die anderen zufälligen Bedingungen eine neue Einheit. Es kann kein Text existieren, wenn es keinen Grund gibt, auf den er geschrieben ist. Zur Existenz gehört beides, und trotz der Gefahr von Missverständnissen bei einer doppelten Wortbedeutung nennt Hegel die mit der Sache gegebene Einheit von Grund und Bedingung wiederum ihren Grund.

Die »Sache an sich selbst [...] enthält (als das Unbedingte, t.) die beiden Seiten, die Bedingung und den Grund, als seine Momente in sich; es ist die Einheit, in welche sie zurückgegangen sind. Sie beide zusammen machen die Form oder das Gesetztsein desselben aus. Die unbedingte Sache ist Bedingung beider, aber die absolute, d. h. die Bedingung, welche selbst Grund ist.« (HW 6.118)

»Wenn alle Bedingungen einer Sache vorhanden sind, so tritt sie in die Existenz. Die Sache ist, ehe sie existiert; und zwar ist sie erstens als Wesen oder als Unbedingtes; zweitens hat sie Dasein oder ist bestimmt, und dies auf die betrachtete gedoppelte Weise: einerseits in ihren Bedingungen, andererseits in ihrem Grunde. [...] Das Hervortreten in die Existenz ist daher so unmittelbar, daß es nur durch das Verschwinden der Vermittlung vermittelt ist.« (HW 6.122)

Der Widerspruch hat sich zwar aufgelöst, aber im Grunde wandelt er sich in eine neue Antinomie. Hatte der Widerspruch nur darin bestanden, dass eine Aussage oder ein Begriff sich in ihrer negativen Selbstbezüglichkeit selbst negiert und aus diesem Kreislauf nicht hinauszukommen droht, so ist jetzt der Denkvorgang selbst in eine Antinomie geraten. In welchem Zustand befindet sich die Sache, wenn sie »ist, ehe sie existiert«? Dieser Zwischenzustand entzieht sich dem Denken. Schon Platon war auf diesen Punkt gestoßen und hatte (in unterschiedlichen Übersetzungen) von einem »Bastardschluss« oder »Afterdenken« (nothos logismos) gesprochen (Platon Timaios 52b), von »Träumereien«, in das die Philosophie gerät, wenn sie über den Grund nachdenkt, in den die Formen eingetragen sind. (Platon wählte den Ausdruck chora, um dem Grund in dieser Bedeutung einen eigenen Namen zu geben.) Das kann abwertend verstanden werden, als sei das weniger oder schlechter als das vernünftige Denken, soll aber in meinem Verständnis sowohl bei Platon wie bei Hegel den blinden Fleck zeigen, an den jedes Denken über eine Sache notwendig stößt. Sie gerät im Moment des »Verschwindens der Vermittlung« in einen Aussetzer, einen ungreifbaren Punkt, und das ist der Grund, um den es geht.

Meines Erachtens ist Hegel an dieser Stelle weit konsequenter als Heidegger. Für Heidegger war die Existenz dasjenige, das sich allem kategorialen Denken entzieht, und für das er neue Begriffe eines existenzialen Denkens suchte. Hegel geht noch einen Schritt weiter zurück und will sagen, wie sich das Hervortreten der Existenz aus einem Grund ergibt, an dem alle Vermittlungen versagen und verschwinden müssen.

Ist damit die Position von Wittgenstein erreicht, dass hierüber nur noch geschwiegen werden kann? Mir scheint der Ansatz von Spencer-Brown die Richtung zu geben. Jede Form verweist an sich selbst auf ihren Grund, und die Mannigfaltigkeit des Grundes kann als das Möglichkeitsfeld verstanden werden, aus dem jede Form hervorgeht. Aus der Fülle der Möglichkeiten wird eine ergriffen oder setzt sich durch. Sie kommt zur Existenz. Im Grund ist grundsätzlich mehr enthalten, als dem begründenden und ergründenden Denken zugänglich ist. Der Grund umfasst als Mannigfaltigkeit eine innere Unerschöpflichkeit und eine innere Bewegung, aus der etwas zur Existenz kommt.

Heidegger beschränkt die Unterscheidbarbeit einer Sache in »je ihm mögliche Weisen« (Heidegger Sein und Zeit, 42) auf dasjenige, was er Dasein nennt und vom Zuhandenen und Vorhandenen abgrenzt. Er lässt ein Möglichkeitsfeld nur für das Dasein zu. Schon Picht hat für mich überzeugend darauf hingewiesen, dass bereits zur Zeit von Heidegger die Naturwissenschaft darüber hinwegging und auch für das von Heidegger gemeinte Zuhandene Möglichkeitsfelder annimmt (Picht Zukunft und Utopie, 82-88). – Dagegen scheint mir Heideggers Anliegen in seiner Schrift über den Satz des Grundes in einem tiefen Sinn mit Hegel übereinzustimmen: Heidegger nimmt den Satz ›nichts ist ohne Grund‹ wörtlich und versteht ihn als eine Aussage über das Nichts, ›das Nichts ist ohne Grund‹. Das ist für mich in der Bedeutung identisch mit der von Hegel positiv nahegelegten Aussage ›der Grund ist die Mannigfaltigkeit‹.

Wird in diesem Sinn über den Grund nachgedacht, dann stößt das Denken damit zwar an eine Grenze, bleibt aber keineswegs dabei stehen. Obwohl es auf den ersten Blick unmöglich erscheint, ist es durchaus fähig, die Eigenschaften des Grundes weiter zu bestimmen. Schon Spencer-Brown hat darauf hingewiesen, dass der Grund gekrümmt sein kann und alle Formen in einem gekrümmten Grund für unterschiedliche Beobachter völlig verschieden aussehen können. Mit diesem Gedanken wird endgültig widerlegt, dass die Antwort nach dem Grund eines Textes, die auf einen Grund im Sinne eines Blattes Papiers hinweist, unvernünftig sei. Sie gibt im Gegenteil dem Nachdenken über einen Text und seinen Grund eine neue Wende und fragt zum Beispiel nach den in einem Text verborgenen Subtexten, nach den Auswirkungen der Syntax auf die Inhalte usf. – Auf ähnliche Weise kann nach weiteren Eigenschaften des Grundes gefragt werden wie seiner Fluidität oder seiner Musikalität. Siehe hierzu die Ausführungen zum Begriff der Sphäre und den einführenden Text zu Spencer-Brown.

Anmerkung 1: Auch wenn diese Deutung des Grundes bei Hegel nicht ausdrücklich ausgesprochen ist, sondern in diesem Beitrag zu rekonstruieren versucht wurde, gibt es für mich einen Hinweis, dass Hegel in diese Richtung gedacht hat. Er führt in der Reflexionslogik erstmals die Mannigfaltigkeit ein, wenn er den Begriff der Identität erläutert. Das Identische ist für ihn nur zu verstehen vor dem Hintergrund des Mannigfaltigen, in das es hinausgeht und von wo es zurückkehrt. »Allein das Konkrete und die Anwendung ist ja eben die Beziehung des einfachen Identischen auf ein von ihm verschiedenes Mannigfaltiges.« (HW 6.43). Das ist genau die Bedeutung des Mannigfaltigen, um die es mir geht.

Mir scheint die Identität die gegenläufige Bewegung von Möglichkeit und Actus zu sein: Sowohl der Möglichkeitsraum alles dessen, was etwas potentiell in sich enthält, wie auch der Schnitt, der aus diesem Möglichkeitsraum etwas Wirkliches herausgreift. Das ist am Beginn der Bewegung durch die Reflexionsbegriffe die Identität und am Ende die Existenz. Identität und Existenz sind ein Schnitt im jeweiligen Möglichkeitsfeld.

Siglenverzeichnis

HW = Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Werke in 20 Bänden. Auf der Grundlage der Werke von 1832-1845 neu ediert. Red. E. Moldenhauer und K. M. Michel. Frankfurt/M. 1969-1971; Link

MEW = Marx Engels Werke, Ausgabe der Werke durch das Institut für Marxismus-Leninismus beim Zentralkomitee der SED (Bd. 1-42) bis 1989 und seither durch das Institut für Geschichte der Arbeiterbewegung (Bd. 43) im Dietz Verlag; Link

Literatur

Andreas Arndt: Karl Marx, Berlin 2012

Thomas Collmer: Hegel und Gödel, Wenzendorf 2011

Ute Guzzoni: Werden zu sich, Freiburg, München 1982 [1963]

Martin Heidegger: Sein und Zeit, Tübingen 1977 [1927]

Martin Heidegger: Der Satz vom Grund, Pfullingen 1971 [1957]

Georg Picht: Zukunft und Utopie, Stuttgart 1992

Georg Picht: Von der Zeit, Stuttgart 1999

Urs Richli: Semantische und ontische Aspekte reiner Gedanken. Kritische Bemerkungen zu Dieter Wandschneiders „Grundzüge einer Theorie der Dialektik”
in: Philosophisches Jahrbuch 1998 1. Halbband, S. 124-133

Peter Rohs: Form und Grund, Bonn 1969

Claus-Artur Scheier: Ästhetik der Simulation, Hamburg 2000

Claus-Artur Scheier: Luhmanns Schatten, Hamburg 2016

Klaus J. Schmidt: G.W.F. Hegel: ›Wissenschaft der Logik – Die Lehre vom Wesen‹, Paderborn u.a. 1997

George Spencer-Brown: Laws of Form, New York 1972 (Julian Press) [1969]; Link

Walter Tydecks: Die Sphäre des Begriffs und die Logik der Sphäre, Bensheim 2014, unter: http://www.tydecks.info/online/logik_kraft_sphaere.html

Walter Tydecks: Spencer-Brown Gesetze der Form, Bensheim 2017, unter: http://www.tydecks.info/online/themen_spencer_brown_logik.html

Dieter Wandschneider: Grundzüge einer Theorie der Dialektik, Stuttgart 1995

Dieter Wandschneider: Zur Struktur dialektischer Begriffsentwicklung
in: Dieter Wandschneider (Hg.): Das Problem der Dialektik, Bonn 1997, S. 114-169

2017


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