|
|
Musik und Politik Aristoteles-Kommentare |
|---|
Mit der Reihe "Musik und Politik" möchte ich philosophische Fragen und langfristige historische Entwicklungen der Musik zur Diskussion stellen. Dies soll jedoch auch nicht im luftleeren Raum neben dem wirklichen Geschehen herlaufen, sondern bisweilen durchaus konkret werden, siehe die Beiträge zu Schumann. Wenn es in den "Mitgliedsbedingungen - Forumregeln" heißt: "Themen, wie Politik, Religion, Weltanschauungen sind generell nicht gestattet.", verstehe ich es so, dass in diesem Forum nicht zu bestimmten politischen, religiösen oder weltanschaulichen Positionen aufgerufen werden soll, also nicht "Politik gemacht" werden soll. Daran soll sich auch das Thema "Musik und Politik" halten.
Dass Musik und Politik oder auch Musik und Religion voneinander getrennt sind oder getrennt werden können, ist eine historisch relativ neue Forderung, in bewusster Abwendung gegen die weltanschaulichen Bevormundungen der Musik im Nationalsozialismus und der Sowjetunion. Sie ist mit dem anderen großen Tabu der neueren Musikgeschichte verknüpft, dass die aus den USA kommenden Stilrichtungen des Jazz und Pop aus der offiziellen Musik ausgeklammert sind. Die anderen Künste zeigen, dass dies keineswegs selbstverständlich ist. Andy Warhol wird in allen berühmten Museen gezeigt. Seine Werke werden mit Van Gogh verglichen. Die Beat-Literatur seit den 1950ern oder der Pop-Roman der 1990er stehen innerhalb der Literaturgeschichte und nicht außerhalb als "U-Literatur".
Heute kaum mehr erinnerbar, waren Jazz und Pop anfangs in einer extremen Außenseiterposition, nach Massenkrawallen vom Staat verfolgt, von der bürgerlichen wie oppositionellen Musikkritik ungeliebt, so weit also eine echte Neuauflage der Jugendbewegungen von Anfang des 20. Jahrhunderts, aber mit völlig veränderten musikalischen Ausdrucksmitteln. Jazz - wenn damit nicht der Swing der Big Bands gemeint ist - blieb so lange mit der Ghettoisierung der Schwarzen verbunden, bis er von der weißen Jugendbewegung der 1950er aufgegriffen und "durchgesetzt" wurde.
Während sich die frühere Jugendbewegung von 1900 weltanschaulich politisierte und polarisierte, ließ sich die neue verblüffend mühelos kommerzialisieren. Der Unterschied war, dass in den 1920ern die Weltwirtschaft in eine tiefe Krise geriet, während sie in den 1960ern einen beispiellosen Boom erlebte. Mit der Einführung technischer Tonträger (Schallplatte, Kassette, CD) und der Vermarktung über Radio, Fernsehen, Video-Clips wurde die Musik zusätzlich durch die Industrie dominiert. Und so scheint jetzt die Frage "Musik und Ökonomie" an die Stelle von "Musik und Politik" getreten zu sein.
Der Punk setzte 1977 zu einer Revolte in der Revolte an, und hieraus entstanden in einer weiteren atemberaubenden Wendung die rechtsextremen Musikgruppen mit ihren hasserfüllten Texten. "Musik und Politik" scheint sich heute auf die Frage zu reduzieren, wie diese spezielle Entwicklung zu verstehen und auf sie zu reagieren ist.
Das ist für mich aber nur ein Vorbote, dass das Thema "Musik und Politik" neue Brisanz gewinnen wird. So wie es während des kurzen Internet-Boom scheinen konnte, als wären mit der New Economy alle historischen ökonomischen Gesetze außer Kraft gesetzt, scheint die inzwischen mehrere Jahrzehnte andauernde Phase hohen Lebensstandards in der westlichen Gesellschaft Musik und Politik voneinander entkoppelt zu haben. Sollte sich die wirtschaftliche und politische Situation wieder ändern, wird das Thema neu gestellt sein, also spätestens dann, wenn sich die Ausrichtung aller Werte an Wohlstand und Reichtum nicht mehr halten lässt.

Platon und Aristoteles (Raffael "Philosophenschule von Athen", 1512); Quelle
Dann wird wieder das große historische Beispiel der griechischen Klassik aktuell werden. Als die griechische Polis in die Krise geraten war, sahen sowohl Platon wie Aristoteles in der Musik eine der wichtigsten politischen Aufgaben ( Originaltexte ). Platon wollte aufwühlende Musik ganz verbieten, weil ihm die Menge bereits zu aufgewühlt war. Aristoteles räumte dagegen ein, dass denjenigen, die zu Begeisterung, zu Furcht oder Mitgefühl neigen, ein reinigender Ausgleich in kathartischer Musik und in Tragödien geboten werden müsse.
Warum ist dieser Ausgleich so wichtig? Die griechische Polis sah sich weniger von Sklavenaufständen oder äußeren Gefahren bedroht, sondern durch religiöse Konflikte aus dem Innern. Ohne solche Konflikte fühlt sie sich stark genug gegen alle Angriffe. Das ist nirgends so deutlich dargestellt wie in Sophokles' Tragödie "Antigone". Als dem Bruder von Antigone eine ehrenvolle Beerdigung verweigert wird, weil König Kreon ihn als Staatsfeind sah und den Bruch der bürgerlichen Ordnung exemplarisch bestrafen wollte, lässt sie keinerlei staatlichen Gesetze und Vorschriften gelten und beruft sich auf religiöse Bindungen und Riten. Aus Sicht des Staates ist sie von religiösem Wahn befallen.
Kreon vermochte jedoch ihrer Raserei nichts entgegen zu setzen und wurde durch sie in die persönliche Katastrophe gestoßen. Aristoteles lernte daraus, dass Verbote nichts helfen und ein vernünftiger Ansatz gefunden werden muss, wie solchem Ausbruch vorzubeugen ist. Er versteht die religiösen Empfindungen als psychische Ausnahmezustände. Ihnen muss medizinisch begegnet werden - und in diesem Fall ist die einzig wirksame Medizin die Musik. In seinen Worten:
"Der Affekt nämlich, der in einigen Gemütern bei solchem Spiele sehr heftig auftritt, findet bei allen Gemütern statt, nur hier in minderer, dort in größerer Stärke, so der Affekt des Mitleids, der Furcht und ebenso der Begeisterung; denn auch zu diesem Gefühl sind einzelne Personen stark geneigt. Infolge der heiligen Gesänge aber sehen wir diese Leute, wenn sie die das Gemüt sänftigenden Weisen vernehmen, gleich solchen, die Medizinen und Purganzen genommen haben, wieder zur Ruhe kommen." (Aristoteles, Politik, 1342a)
Und das soll gerade diejenige Musik leisten, die Platon verbieten wollte: die Flötenmusik, die mit ihrer berauschenden und aufregenden Wirkung schon immer bei allen bacchischen und verwandten Stimmungen eingesetzt wurde, und dann mit gleicher Wirkung durch den Dithyrambus und schließlich den Chorliedern der Tragödie.

Dionysus (holding thyrsos) and satyr (playing double-aulos). Attic Red-figure kylix by Makron, c. 480 BCE. Charlottenburg, Berlin; Quelle
Aristoteles versteht den Staat als einen natürlichen Körper, der wie eine Pflanze wachsen und gedeihen soll, und Aufgabe der Politik ist, das zu fördern (um im Bild zu bleiben: zu hegen und zu pflegen). Dann kann mit dem Staat die Gemeinschaft zu ihrer Erfüllung kommen und jeder einzelne das größte Glück erlangen. Wenn aber etwas die Entwicklung vom Wege abzubringen droht, dann sollte das am besten wie eine Krankheit des Organismus verstanden und nach dem Vorbild der Medizin behandelt werden.
Er lebte in einer Welt, wo niemand mehr überzeugend zu sagen vermochte, an welchen Gott oder welche Götter, an welche Mysterien oder Riten zu glauben ist. Und dennoch gab es weiter religiöse Gefühle. Aristoteles sah sie überall dort, wo extreme Erregungen die Vernunft eines Menschen völlig außer Kraft setzen können. Immer wieder nennt er: die Furcht im Sinne sprachlosen Schreckens, Mitleid mit dem Ausdruck herzzerreißenden Jammers wie um ein zu früh gestorbenes Kind, und die über alle Vernunftgründe hinweggehende Begeisterungsfähigkeit (enthusiasmo). Er ist nicht gegen diese Gefühle. Im Gegenteil: Ohne sie ist keine Entwicklung möglich, aber sie müssen ausgeglichen sein durch andere Gefühle wie Besonnenheit, Übersicht, innere Ruhe. Dieser Ausgleich droht zu entgleiten, wenn ihnen der Rückbezug zum Glauben an eine göttliche Macht verloren gegangen ist. Das ist zu seiner Zeit geschehen, und im Grunde trifft das auch auf Aristoteles zu. Er fragt daher nicht weiter nach den Ursachen des Glaubensverlustes, sondern will pragmatisch eine Lösung finden, sie mit den bewährten Methoden der Medizin zu heilen. (Sein Vater war Arzt am makedonischen Königshof, das ist letztlich die einzige persönliche Tradition, die für Aristoteles bindend war.)
Erst als die religiösen Gefühle in diesem Sinn als krankhaft verstanden wurden, konnte die Musik als Medizin gesehen werden. Ein Zyniker könnte sagen: Wenn es keine religiöse Bindung mehr gibt, dann muss die Musik herhalten als Opium für das Volk. Aristoteles verstand es zweifellos anders. Sein Anliegen war, auch die leicht erregbaren Menschen in eine politische Ordnung zu integrieren. Weder wollte er sie als Außenseiter ausstoßen (kannte er als Nordgrieche in Athen doch nur zu gut Auswüchse wie den Fremdenhaß), noch unter Drogen setzen. Er wollte sie heilen und ihnen ermöglichen, ihre besonderen Fähigkeiten und Ausdrucksmöglichkeiten für das Gelingen der Gesellschaft einzusetzen.
Und doch lässt sich natürlich nicht leugnen, dass solche Politik der Haltung seines Schülers Alexander des Großen ähnelt, den verwickelten gordischen Knoten mit dem Schwert zu durchhauen, wenn er mithilfe der Medizin den unlösbaren Konflikt von Politik und Religion einseitig zugunsten der Politik entscheiden will.
Diese Darstellung würde Aristoteles nicht gerecht, bliebe unerwähnt, dass er auch die einzigartige Bedeutung der Musik zur Erholung nach körperlicher Ermüdung und erst recht "zur höchsten Lebensgestaltung (diagogé)" in Zeiten der Muße sah. Was jedoch ihre kathartische Funktion betrifft, hat die Geschichte ihn deutlich widerlegt, und daher mag seine Position im ganzen gefühllos und schwer nachvollziehbar scheinen: Nach Aristoteles folgten Jahrhunderte der verschiedensten religiösen Wellen, aus denen schließlich das Christentum als Weltreligion hervorging, und eine Stagnation der Musik bis zur Zeit der Gregorianik. Und doch droht dieselbe Geschichte sich heute zu wiederholen.
Denn was geschah im 19. Jahrhundert? Da steht auf der einen Seite die Forderung nach absoluter Musik, und alles wird als krankhaft erklärt, was wieder an Religion erinnert, seien dies die späten Werke von Schumann (nicht zufällig mit Titeln wie "Gesänge an die Frühe" und "Geister-Variationen"), Liszt, Wagner oder Bruckner. Hätte sich Beethoven nicht bereits eine nahezu unangreifbare Position erobert, würde auch sein Spätwerk dazu zählen (in seiner Biographie gibt es sicher mehr exzentrische Episoden als etwa bei Schumann).
Und auf der anderen Seite übernimmt Wagner zwar von Feuerbach die Kritik am Christentum und der Religion (die bis in einzelne Formulierungen der griechischen Religionskritik durch Xenophanes ähnelt), aber er spürt, dass etwas geschaffen werden muss, das an die Stelle der religiösen Ausdrucksmittel treten kann. Vom Grundansatz folgt er Aristoteles. Wie dieser spürt er, dass niemand mehr an einen Gott glaubt und empfindet im Innern eine religiöse Leere (Religion spricht ihn wirklich nicht mehr an).
Und niemand hat nach Aristoteles so überzeugend der Musik eine entscheidende Bedeutung gegeben für die Sicherung einer politischen Ordnung wie Wagner. Nietzsche spürt das Brüchige seiner Position. Und dennoch: Nachdem zunächst im 19. Jahrhundert die Richtung der absoluten Musik dominierte, hat sich im Wesenszug Wagner folgend die aristotelische Position im 20. Jahrhundert durchgesetzt, allerdings mit den überraschendsten Wendungen und Brüchen.
Mit der Kommerzialisierung der Musik nach 1945 wurde ein anderer, scheinbar noch erfolgreicherer Weg gefunden. Doch auch dort drohen überall religiöse Gefühle hervor zu brechen, sei es in den Massenhysterien, der an Heiligenverehrung erinnernden Idolisierung der Stars oder in extremen Auswüchsen wie Satanismus. Spätestens da droht die Duldung aller nur irgendwie denkbaren Musik an ihre Grenze zu stoßen und ist die klassische Frage nach "Musik und Politik" neu zu stellen und wird sicher auch in absehbarer Zeit in das öffentliche Bewusstsein gelangen.
Jacob Bernays: Grundzüge der verlorenen Abhandlung des Aristoteles über die Wirkung der Tragödie, Hildesheim 1970 (Erstausgabe 1857)
Karlfried Gründer (Hg.): Der Streit um Nietzsches 'Geburt der Tragödie', Hildesheim 1989
Matthias Luserke (Hg.): Die Aristotelische Katharsis, Hildesheim 1991 (Olms)
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
|---|
© tydecks.info 2006 - Erstveröffentlichung im Tamino-Klassikforum Februar 2006