Walter Tydecks

 

Musik und die "Politik" von Aristoteles - Musik als Heilung von religiösen Gefühlen

Musik und Politik - heute keine Frage mehr?

Mit der Reihe "Musik und Politik" möchte ich philosophische Fragen und langfristige historische Entwicklungen der Musik zur Diskussion stellen. Wenn es in den "Mitgliedsbedingungen - Forumregeln" des Tamino-Klassikforum heißt: "Themen, wie Politik, Religion, Weltanschauungen sind generell nicht gestattet", verstehe ich es so, dass in diesem Forum nicht zu bestimmten politischen, religiösen oder weltanschaulichen Positionen aufgerufen werden soll, also nicht "Politik gemacht" werden soll. Darum geht es hier auch nicht.

Dass Musik und Politik oder auch Musik und Religion voneinander getrennt sind oder getrennt werden sollen, ist allerdings eine historisch relativ neue Forderung. Sie entstand in den 1950ern als Abwehr gegen die weltanschauliche Bevormundung der Musik, die vom Nationalsozialismus und in der stalinistischen Sowjetunion zu Propagandazwecken eingesetzt werden sollte. Angesichts der beiden Weltkriege machte sich im Ausland ein wachsender Unmut über den "Teutonismus" in der Musik bemerkbar, der mit dem Kalten Krieg auf die sowjetische Musik übertragen wurde. Der 1950 in Berlin vom CIA gegründete "Kongress für kulturelle Freiheit" gab dieser Richtung eine organisatorische Basis, siehe dazu ausführlicher einen Kommentar zu Alex Ross "Listening to the twentieth century" ( Link ).

Aber es geht nicht nur um Propagandamusik. Dahinter steht die allgemeinere Annahme, dass Musik sich am besten entfalten und mit dem größten Genuß gehört werden kann, wenn sie freigehalten wird von politischen Richtungskämpfen. Die Abwehr aller Politik von der Musik ist mit dem anderen großen Tabu der neueren Musikgeschichte verknüpft, dass die aus den USA kommenden Stilrichtungen des Jazz und Pop aus der offiziellen Musik ausgeklammert sind. Sie waren ursprünglich ebenfalls in das Feuer politischer Weltanschauungen geraten, als der Jazz vom Faschismus als minderwertige Musik bekämpft worden war und die Pop-Musik nur als verdummende Massenberieselung galt. Die anderen Künste zeigen, dass dies keineswegs selbstverständlich ist. Andy Warhol wird in allen berühmten Museen gezeigt. Seine Werke werden mit Van Gogh verglichen. Die Beat-Literatur seit den 1950ern oder der Pop-Roman der 1990er stehen innerhalb der Literaturgeschichte und nicht außerhalb als "U-Literatur". Offenbar zeichnet die Musik etwas Besonderes aus, wenn sie in solchem Maß in einen fast unhistorischen Raum gestellt werden soll. Die Musik gilt als eine absolute Kunst, vielleicht am besten vergleichbar mit der Geometrie und ihrer abstrakten Schönheit in der Mathematik, die ebenfalls fern von allen politischen Zugriffen gesehen werden.

Heute kann sich kaum mehr jemand vorstellen, in welch extremer Außenseiterposition sich Jazz und Pop lange befunden hatten, nach Massenkrawallen vom Staat verfolgt, von der bürgerlichen wie oppositionellen Musikkritik ungeliebt, so weit also eine echte Neuauflage der Jugendbewegungen von Anfang des 20. Jahrhunderts, aber mit völlig veränderten musikalischen Ausdrucksmitteln. Jazz - wenn damit nicht der Swing der Big Bands gemeint ist - blieb so lange mit der Ghettoisierung der Schwarzen verbunden, bis er von der weißen Jugendbewegung der 1950er aufgegriffen und "durchgesetzt" wurde.

Während sich die frühere Jugendbewegung von 1900 weltanschaulich politisierte und polarisierte, ließ sich die neue Jugendbewegung der 1960er verblüffend mühelos kommerzialisieren. Der Unterschied war, dass in den 1920ern die Weltwirtschaft in eine tiefe Krise geriet, während sie in den 1960ern einen beispiellosen Boom erlebte. Mit der Einführung technischer Tonträger (Schallplatte, Kassette, CD, Internet) und der Vermarktung über Radio, Fernsehen, Video-Clips, Portale wie YouTube und MySpace wurde die Musik zusätzlich durch die Industrie dominiert. Und so scheint jetzt die Frage "Musik und Ökonomie" an die Stelle von "Musik und Politik" getreten zu sein, Kritik am Kommerz statt Kritik an der Propaganda.

Der Punk setzte 1977 zu einer Revolte in der Revolte an, als er gegen den Kommerzialismus der Rock-Musik und die Star-Allüren der früheren Rebellen auftrat. Aus dieser Gegenbewegung entstanden in einer weiteren atemberaubenden Wendung die rechtsextremen Musikgruppen mit ihren hass-erfüllten Texten. "Musik und Politik" scheint sich heute auf die Frage zu reduzieren, wie diese spezielle Entwicklung zu verstehen und auf sie zu reagieren ist. Die klassische Musik fühlt sich davon unberührt und ihre Hörer scheinen froh zu sein, mit dem allen nichts zu tun zu haben. Die Klassikforen zeigen jedoch, wie wenig das gelingt. Kein Thema weckt so großes Interesse wie die Frage nach den politischen Verwicklungen großer Künstler wie Furtwängler oder Karajan, und der endlose Streit um das Regietheater, das alte Stücke in den Zusammenhang aktueller Diskussionen stellen möchte.

Das Entstehen extremer Jugendkulturen in der Pop-Musik wie auch die auf den ersten Blick unverständliche Erbitterung, mit der in den Klassikforen gestritten wird bis hin zu sektiererhaften Gruppenbildungen und Spaltungen, sind für mich nur ein Vorbote, dass das Thema "Musik und Politik" neue Brisanz gewinnen wird. So wie es während des kurzen Internet-Boom scheinen konnte, als wären mit der New Economy alle historischen ökonomischen Gesetze außer Kraft gesetzt, scheint die inzwischen mehrere Jahrzehnte andauernde Phase hohen Lebensstandards in der westlichen Gesellschaft Musik und Politik voneinander entkoppelt zu haben. Musik wird ausschließlich als Freizeitangelegenheit zum Zweck der Entspannung und Muße gesehen, auf höchstem Niveau, und abgesehen von wenigen Ausnahmen wie in den 1960ern nicht mehr als Ausdruck politischer und utopischer Ideen, des Wunsches nach einem neuen Lebensgefühl. Sollte sich die wirtschaftliche und politische Situation wieder durchgreifend und langfristig ändern, wird das Thema jedoch neu gestellt sein, also spätestens dann, wenn sich die Ausrichtung aller Werte an Wohlstand und Reichtum nicht mehr halten lässt.

Philosophenschule von Athen

Platon und Aristoteles (Raffael "Philosophenschule von Athen", 1512); Quelle

Dann wird wieder das große historische Beispiel der griechischen Klassik aktuell werden. Als die griechische Polis in die Krise geraten war, sahen sowohl Platon wie Aristoteles in der Musik eine der wichtigsten politischen Aufgaben ( Originaltexte ). Platon wollte aufwühlende Musik ganz verbieten, weil ihm die Menge bereits zu unruhig und unbeständig war. Aristoteles räumte dagegen ein, dass denjenigen, die zu Begeisterung, zu Furcht oder Mitgefühl neigen, ein reinigender Ausgleich in kathartischer Musik und in Tragödien geboten werden müsse.

Die Bedeutung von Katharsis und Musik für Aristoteles

Warum ist dieser Ausgleich so wichtig? Die griechische Polis sah sich weniger von Sklavenaufständen oder äußeren Gefahren bedroht, sondern durch religiöse Konflikte aus dem Innern. Ohne solche Konflikte fühlt sie sich stark genug gegen alle Angriffe. Die Brisanz ist nirgends so deutlich dargestellt wie in Sophokles' Tragödie "Antigone". Antigone läßt sich durch keinerlei staatliche Gesetze und Vorschriften abhalten, als ihrem Bruder eine ehrenvolle Beerdigung verweigert wurde. Der neue König Kreon sah ihn als Staatsfeind und wollte den Bruch der bürgerlichen Ordnung exemplarisch bestrafen, um wieder Ruhe und Ordnung herzustellen. Antigone ließ sich jedoch auf keine politischen Diskussionen ein, sondern berief sich auf religiöse Bindungen und Riten, die für sie höher standen als jede Staatsräson. Aus Sicht des Staates war sie von religiösem Wahn befallen.

Kreon vermochte ihrer Raserei nichts entgegen zu setzen und wurde durch sie in die persönliche und politische Katastrophe getrieben. Aristoteles lernte daraus, dass Verbote nichts helfen und ein vernünftiger Ansatz gefunden werden muss, wie solchem Ausbruch vorzubeugen ist. Zwar hat er anders als Antigone jeden religiösen Glauben verloren, aber er leugnet nicht die Existenz und Macht religiöser Empfindungen, sondern versteht sie als psychische Ausnahmezustände. Ihnen muss medizinisch geholfen werden - und in diesem Fall ist die einzig wirksame Medizin die Musik. In seinen Worten:

"Der Affekt nämlich, der in einigen Gemütern bei solchem Spiele sehr heftig auftritt, findet bei allen Gemütern statt, nur hier in minderer, dort in größerer Stärke, so der Affekt des Mitleids, der Furcht und ebenso der Begeisterung; denn auch zu diesem Gefühl sind einzelne Personen stark geneigt. Infolge der heiligen Gesänge aber sehen wir diese Leute, wenn sie die das Gemüt sänftigenden Weisen vernehmen, gleich solchen, die Medizinen und Purganzen genommen haben, wieder zur Ruhe kommen." (Aristoteles, Politik, 1342a)

Und das soll gerade diejenige Musik leisten, die Platon verbieten wollte: die Flötenmusik, die mit ihrer berauschenden und aufregenden Wirkung schon immer bei allen bacchischen und verwandten Stimmungen eingesetzt wurde, und dann mit gleicher Wirkung durch den Dithyrambus und schließlich den Chorliedern der Tragödie.

Dionysos und Satyr

Dionysus (holding thyrsos) and satyr (playing double-aulos). Attic Red-figure kylix by Makron, c. 480 BCE. Charlottenburg, Berlin; Quelle

Aristoteles versteht den Staat als einen natürlichen Körper, der wie eine Pflanze wachsen und gedeihen soll, und Aufgabe der Politik ist, das zu fördern (um im Bild zu bleiben: zu hegen und zu pflegen). Dann kann mit dem Staat die Gemeinschaft zu ihrer Erfüllung kommen und jeder einzelne das größte Glück erlangen. Wenn aber etwas die Entwicklung vom Wege abzubringen droht, dann sollte das am besten wie eine Krankheit des Organismus verstanden und nach dem Vorbild der Medizin behandelt werden.

Er lebte in einer Welt, wo niemand mehr überzeugend zu sagen vermochte, an welchen Gott oder welche Götter, an welche Mysterien oder Riten zu glauben ist. Und dennoch gab es weiter religiöse Gefühle. Aristoteles sah sie überall dort, wo extreme Erregungen die Vernunft eines Menschen völlig außer Kraft setzen können. Immer wieder nennt er: die Furcht im Sinne sprachlosen Schreckens, Mitleid mit dem Ausdruck herzzerreißenden Jammers wie um ein zu früh gestorbenes Kind, und die über alle Vernunftgründe hinweggehende Begeisterungsfähigkeit (enthusiasmo). Er ist nicht gegen diese Gefühle. Im Gegenteil: Ohne sie ist keine Entwicklung möglich, aber sie müssen ausgeglichen sein durch andere Gefühle wie Besonnenheit, Übersicht, innere Ruhe. Dieser Ausgleich droht zu entgleiten, wenn ihnen der Rückbezug zum Glauben an eine göttliche Macht verloren gegangen ist. Das ist zu seiner Zeit geschehen, und im Grunde trifft das auch auf Aristoteles zu. Er fragt daher nicht weiter nach den Ursachen des Glaubensverlustes, sondern will pragmatisch eine Lösung finden, um sie mit den bewährten Methoden der Medizin zu heilen. (Sein Vater war Arzt am makedonischen Königshof, das ist letztlich die einzige persönliche Tradition, die für Aristoteles bindend war.)

Erst als die religiösen Gefühle in diesem Sinn als krankhaft verstanden wurden, konnte die Musik als Medizin gesehen werden. Ein Zyniker könnte sagen: Wenn es keine religiöse Bindung mehr gibt, dann muss die Musik herhalten als Opium für das Volk. Aristoteles verstand es zweifellos anders. Sein Anliegen war, auch die leicht erregbaren Menschen in eine politische Ordnung zu integrieren. Weder wollte er sie als Außenseiter ausstoßen (kannte er als Nordgrieche in Athen doch nur zu gut Auswüchse wie den Fremdenhaß), noch unter Drogen setzen. Er wollte sie heilen und ihnen ermöglichen, ihre besonderen Fähigkeiten und Ausdrucksmöglichkeiten für das Gelingen der Gesellschaft einzusetzen.

Und doch lässt sich natürlich nicht leugnen, dass solche Politik der Haltung seines Schülers Alexander des Großen ähnelt, den verwickelten gordischen Knoten mit dem Schwert zu durchhauen, wenn er mithilfe der Medizin den unlösbaren Konflikt von Politik und Religion einseitig zugunsten der Politik entscheiden will.

Diese Darstellung würde Aristoteles nicht gerecht, bliebe unerwähnt, dass er auch die einzigartige Bedeutung der Musik zur Erholung nach körperlicher Ermüdung und erst recht "zur höchsten Lebensgestaltung (diagogé)" in Zeiten der Muße sah. Was jedoch ihre kathartische Funktion betrifft, hat die Geschichte ihn deutlich widerlegt, und daher mag seine Position im ganzen gefühllos und schwer nachvollziehbar scheinen: Die Tragödie vermochte keineswegs die religiösen Gefühle zu heilen, sondern im Gegenteil folgten nach Aristoteles Jahrhunderte der verschiedensten religiösen Wellen bis hin zu extremsten Wahnausbrüchen, und zugleich eine Stagnation der Musik bis zur Zeit der Gregorianik. Erst mit der Neuzeit, der Aufklärung und dem wissenschaftlichen Zeitalter schien eine Alternative zur Religion gelungen. Und doch droht sich nun dieselbe Geschichte wie in der Zeit nach Aristoteles nochmals zu wiederholen.

Aktualität von Platon und Aristoteles - vorläufige Thesen

Denn was geschah im 19. Jahrhundert? Da steht auf der einen Seite die Forderung nach absoluter Musik, und alles wird als krankhaft erklärt, was wieder an Religion erinnert, seien dies die späten Werke von Schumann (nicht zufällig mit Titeln wie "Gesänge an die Frühe" und "Geister-Variationen"), Liszt, Wagner oder Bruckner. Hätte sich Beethoven nicht bereits eine nahezu unangreifbare Position erobert, würde auch sein Spätwerk dazu zählen (in seiner Biographie gibt es sicher mehr exzentrische Episoden als etwa bei Schumann).

Wagner übernahm von Feuerbach die Kritik am Christentum und der Religion (die bis in einzelne Formulierungen der griechischen Religionskritik durch Xenophanes ähnelt), aber er spürt, dass etwas geschaffen werden muss, das an die Stelle der religiösen Ausdrucksmittel treten kann. Im Grunde steht er Aristoteles sehr nahe. Beide haben den Glauben verloren, kennen aber die religiösen Gefühle und suchen nach einem angemessenen Ausdruck durch Musik. Wagner sieht wie Aristoteles, dass niemand mehr an einen Gott glaubt und empfindet im Innern eine religiöse Leere (Religion spricht ihn wirklich nicht mehr an).

Niemand hat nach Aristoteles der Musik so überzeugend eine entscheidende Bedeutung für die Sicherung einer politischen Ordnung gegeben wie Wagner. Nietzsche spürt das Brüchige seiner Position. Wenn er in seiner "Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik" gegen die Lehre von Aristoteles auftritt, ist dort implizit bereits die Kritik an Wagner enthalten, die er nach der Enttäuschung über dessen Auftreten in Bayreuth offen formuliert. Aus der Sicht seiner Position ist es kein Zufall, sondern Bestätigung, wie sich am Ende des 19. Jahrhundert die Richtung Wagners gegen die absolute Musik durchsetzte, die Filmmusik ebenso dominierte wie die klassische Moderne des frühen 20. Jahrhunderts (auch Schönberg war ein großer Wagner-Anhänger), und schließlich im weiteren Verlauf einmündete sowohl in die Kommerzialisierung der U-Musik wie die Musealisierung der E-Musik.

War es in der klassischen Musik nach den Skandalen um Schönberg und Strawinsky ruhig geworden, drohen ausgerechnet in der kommerzialisierten Musik überall religiöse Gefühle hervor zu brechen, sei es in den Massenhysterien, der an Heiligenverehrung erinnernden Idolisierung der Stars oder in extremen Auswüchsen wie Satanismus. Spätestens da droht die Duldung aller nur irgendwie denkbaren Musik an ihre Grenze zu stoßen und ist die klassische Frage nach "Musik und Politik" neu zu stellen und wird sicher auch in absehbarer Zeit in das öffentliche Bewusstsein gelangen.

2006, überarbeitet 2010

Literaturhinweise

Jacob Bernays: Grundzüge der verlorenen Abhandlung des Aristoteles über die Wirkung der Tragödie, Hildesheim 1970 (Erstausgabe 1857)

Karlfried Gründer (Hg.): Der Streit um Nietzsches 'Geburt der Tragödie', Hildesheim 1989

Matthias Luserke (Hg.): Die Aristotelische Katharsis, Hildesheim 1991 (Olms)

© tydecks.info 2006 - Erstveröffentlichung im Tamino-Klassikforum Februar 2006