Inhaltsverzeichnis
Fragen zum Wesen der Zeit nach Aristoteles
Einleitung
Die Syntax der Zeit nach Jamblichos
Synchronisierung zählbarer Abstände (diastema)
ekstase im Moment der Synchronisierung
ekpipto - der Fall der intelligiblen Zeit in den Zeitstrom
Zeitleib
Aristoteles hat der Diskussion über die Zeit eine völlig neue Richtung gegeben.
– Wie ist zu verstehen, dass die Jetzt-Momente (nyni), – das sind die einzelnen Augenblicke und Ereignisse –, die Zeit zugleich in Zukunft und Vergangenheit teilen und ihren inneren Zusammenhang herstellen? Das Leben des Menschen erfolgt in der Zeit. In der Zeit findet es seine Identität und droht zugleich in unterschiedliche Lebensphasen zerrissen zu werden.
– Gibt es eine Zeit, wenn es keine Seele gibt, die die Zeit messen kann? Ist die Zeit eine unabhängige Eigenschaft der Natur wie Klang oder Farbe? Die moderne Physik versucht erfolglos, für die Zeit auf ähnliche Weise objektiv existierende Zeitatome oder Zeitwellen in einer gekrümmt gedachten Raum-Zeit-Mannigfaltigkeit zu entdecken wie für alle anderen in der Natur nachweisbaren Phänomene. Kandidaten sind die Tachyonen und die Gravitonen
– Mit der Zeit wird die Bewegung gemessen. Zugleich sagt Aristoteles, dass sich die Bewegung allen Kategorien entzieht, mit denen sonst der Mensch die Natur ansprechen kann. Typische Kategorien sind Substanz (Anwesenheit), Quantität, Qualität, Ort. Die Bewegung als solche hat weder Substanz, noch Quantität, Qualität oder einen Ort, sondern nur dasjenige, was sich bewegt, läßt sich kategorial erfassen. Wie kann dann vom Maß oder der Zahl der Bewegung gesprochen werden?
Die Zeit ist sicher keine Sprache wie Latein oder Englisch und auch keine semantische Sprache wie das von manchen Linguisten erträumte Mentalesisch (Gedankensprache). Wenn es aber mit Manchester möglich ist, eine Syntax der Zeit zu erkennen, dann kann in einem elementaren Sinn von einer Sprache der Zeit gesprochen werden. Diese Sprache ist besser zu vergleichen mit der Sprache des Unbewussten nach Freud (Traumdeutung, 1899), einer Syntax ohne Worte nach Gödel und Adorno oder einer syntaktischen Sprache des Geistes (mentalesisch, Geist im Sinne der Analytischen Philosophie und nicht im Sinne von Hegel). Im Ergebnis wird die transzendentale Logik von Kant in einem weiteren Horizont gesehen. Kant hatte die Logik auf den Eigenschaften der Zeit gegründet (Substanz, Kausalität, Wechselwirkung). Wenn von einer Syntax der Zeit gesprochen werden kann, ergibt sich für die transzendentale Ästhetik von Kant ein völlig neues Feld.
Aus dieser Perspektive ergeben sich zwei leitende Fragen, an denen die Idee einer Sprache der Zeit orientiert werden kann:
– Zeit als das Medium transzendenter (unendlicher) Offenbarungen für endliche Wesen. Meist wird nur gefragt, wie endliche Wesen in der Lage sind, in ihrer Sprache unendliche Gedanken zu formulieren. Es kann auch umgekehrt gefragt werden, welche Eigenschaft die Zeit hat, damit einem endlichen (vergänglichen, sterblichen) Wesen wie dem Menschen in seiner begrenzten Lebenszeit eine göttliche Wahrheit offenbart werden kann.
– Wenn die Zeit mit Einstein als ein gekrümmter Raum verstanden wird, ist zu fragen, in welcher Weise die Sprache (oder genauer die Syntax) der Zeit in der Geometrie der Raumzeitkrümmung verankert ist.
Peter Manchester will die Zeitphilosophie aus der Dominanz der aristotelischen Philosophie lösen und einen neuen Zugang zur vorsokratischen Philosophie von Anaximander, Heraklit und Parmenides finden. Er sucht einen Ausweg aus der Sackgasse der Zeitparadoxien, wenn er von Syntax der Zeit statt Relation des Zählbaren und Zählenkönnenden spricht. Mit Syntax ist gemeint, dass nicht einfach zwei Entitäten A und B in Relation zueinander treten. Das Verhältnis des Zählbaren zum Zählenkönnenden ist offenbar komplexer als etwa die Größenrelation A > B oder die Gleichheitsrelation A = B. Mit Syntax ist gemeint, dass durch die Zeit verschiedene Ordnungen (táxis) miteinander in Austausch kommen und eine eigene gemeinsame Ordnung finden (syntaxis, controversia). Manchester beschreibt die »Syntax of Time« als »principle of communication«.
Zugleich hat »Syntax of Time« eine doppelte Bedeutung: Es werden nicht nur verschiedene Ordnungen zu einer neuen Ordnung zusammengebracht, sondern es gibt auch eine Syntax der Zeit wie es eine Syntax der richtigen Verwendung von Worten im Satzbau und des richtigen Gebrauchs der endlich vielen Elemente von Programmier-Sprachen (formaler Sprachen) gibt. Mit der Syntax der Zeit wird eine eigene Sprache der Zeit geschaffen. Dieser Begriff der Sprache geht über die gesprochene Sprache hinaus und liefert möglicherweise die fehlenden sprachlichen Möglichkeiten, um die offenen Fragen der antiken Aristoteles-Kommentare zu beantworten.
Der Ansatz einer »Syntax of Time« wird seinen Erfolg daran messen lassen, ob sie für die Zeittheorie an die Stelle der Kategorienlehre treten kann.
Im Ergebnis kommt Manchester zur scheinbar paradoxen Interpretation, dass die von Anaximander im ältesten Fragment der Philosophiegeschichte angesprochene Ordnung der Zeit (chronou taxin) die Syntax der Zeit ist.
Den Begriff Syntax der Zeit übernimmt Manchester von Jamblichos. Jamblichos lebte 240/50 bis 325/26 in Syrien und war Schüler von Porphyrius. Seine Texte über die Zeit sind im Original nicht überliefert, doch gibt es einige Zitate vor allem bei Proklos und Simplikios, die Sambursky und Pines ins Englische übersetzt haben. Jamblichos geht wiederum von einem Zitat des Neo-Pythagoreers Pseudo-Archytas aus, der zwischen dem 2. vor- und dem 2. nachchristlichen Jahrhundert lebte. Er hatte offenbar als erster die Idee, dass sich im Jetzt-Punkt der Strom (rhoe) der Wahrnehmungen und das Denken berühren.
Er »vergleicht ... das Jetzt mit dem Scheitelpunkt eines Winkels, dem singulären Punkt zwischen den beiden Schenkeln, der sozusagen gleichzeitig das Ende des einen und den Anfang des anderen Schenkels darstellt. Dieses Beispiel ist sehr gut gewählt, denn obwohl sich das Jetzt laut Pseudo-Archytas in numerischer Hinsicht ständig wandelt, behält es doch seine Form stets bei.« (Sambursky 1977, 484)
Pseudo-Archytas vertrat damit als erster die Lehre einer zweidimensionalen Zeit: Entlang einer Achse fließen die zeitlich geordneten Ereignisse, die von der Wahrnehmung registriert werden. In jedem einzelnen Zeitpunkt vermag das Denken das jeweilige Ereignis in einem übergreifenden Horizont zu sehen. Während für die Wahrnehmung alles flüchtig ist und jedes Jetzt durch das nachfolgende Jetzt abgelöst wird, kann das Denken erkennen, dass die Jetzte untereinander gleich sind, was dauerhaft ist und was möglicherweise sogar als ewig gelten kann. Es kann historische Entwicklungen und Trends erkennen. Manchester sieht Parallelen bei Husserl, der in seinen Betrachtungen zum Zeitbewußtsein ganz ähnlich unterschieden hat zwischen dem Strom der zeitlichen Ereignisse und dem Vermögen des Denkens, in jedem Zeitmoment Erinnerungen wachzurufen und Erwartungen an die Zukunft zu wecken. Husserl erläutert am Beispiel des Musikhörens: Wenn nacheinander einzelne Töne erklingen und an jedem Zeitpunkt jeweils ein einzelner Ton gehört wird, wird zugleich in Gedanken die ganze Melodie wachgerufen, Vergleiche mit der Partitur oder mit anderen Interpretationen erfolgen usw.
Während Pseudo-Archytas nur vom Berührungspunkt der Wahrnehmung zeitlicher Ereignisse und des Zeitbewußtseins sprach, sah Jamblichos hier eine vollständige Ordnung. Jamblichos wollte mit dem Begriff der Syntax der Zeit die Ordnungen der natürlichen Dinge, der zeitlichen Ereignisse, ihrer Wahrnehmung, des menschlichen Denkvermögens und schließlich sogar die göttliche Ordnung miteinander verknüpfen. Alle diese Ordnungen treffen aufeinander im Orakel. Im Orakel äußert sich eine Stimme aus der göttlichen Ordnung. Sie findet einen Träger in der natürlichen Ordnung, z.B. im Rauschen einer Eiche, der Faserstruktur der Leber eines geopferten Tiers, der Formation eines Vogelflugs oder noch direkter in den Orakelworten einer Weissagerin oder einer inneren Stimme. Das Orakel ist ein vergängliches, zeitliches Ereignis, das vom Menschen gehört oder gesehen und zugleich verstanden und gedeutet wird und unter Umständen seinem ganzen Leben eine neue Richtung geben kann.
»Jamblichos sagt in diesem Zusammenhang, daß der Demiurg die intellektuelle Zeit sozusagen aus einem Knäuel der Fäden der göttlichen Ordnung in der intellektuellen Welt abrollt und sie in die sinnlich wahrnehmbare Welt hinüberleitet, wo Zeit zum Fluß wird.« (Sambursky 1977, 488)
Für Jamblichos gibt es einen »sakralen Charakter der Zeit«, denn »gelten nicht die Stunden und Monate, der Tag und die Nacht als Götter, die man anbetet« (Sambursky 1977, 489)?
Hier sind sehr viele Ideen angesprochen, die später helfen werden, mit der Theorie des Zeitleibs eine Antwort auf die offenen Fragen der antiken Aristoteles-Kommentare zu finden. Es besteht allerdings die Gefahr, zu voreilig den kühnen Gedankenflügen von Jamblichos zu folgen, und es ist eine hilfreiche Vorübung, wenn Manchester in aufklärerischer Absicht zunächst alle Mysterien-Anklänge bei Jamblichos ausblendet und sich auf den Begriff der Syntax der Zeit konzentriert.
»It is in another context that the Now is seen as becoming other and other according to number, and, even there, as having already acquired position (thesis) and so having a syntax (syntaxis) with regard to the thing that become.« (Jamblichos-Zitat bei Simplikios in der Übersetzung durch Sambursky und Pines 30,30-31,10, zitiert bei Manchester, 65)
Manchester beschränkt sich von den vielen bei Jamblichos angesprochenen Zeitordnungen auf die Wahrnehmung und das Denken, also auf die Zeitachsen, für die er bei Husserl hilfreiche phänomenologische Untersuchungen vorfindet. Deutlich über Husserl hinausgehend versteht er die Zeit als Übersetzung und noch allgemeiner als Kommunikation des Denkens mit der Wahrnehmung.
»The mediating function of time is a translation of order, of arrangement, from intelligible simplicity to sensible seriality.« »Time is therefore a principle of communication. It communicates order (taxis), which it transposes from an interior self-opening in which it is the 'interval' for all natures, into the exterior arrangement of actions in physical process.« (Manchester, 79, 66)
Versehen mit einer eigenen Ordnung, kann er - hier nun in großer Nähe zu Heidegger - die Zeit als »disclosure space« verstehen (disclosure: Enthüllung, Offenbarung, das Gegenteil von closure, Abschluß):
»As disclosure space, time is the 'metaxy' in which being has its becoming and becoming its being. To this mediating power Iamblichus has attached the term syntaxis.« (Manchester, S. 71)
Damit hat er einen umfassenden Ansatz gefunden, um über die Kategorienlehre von Aristoteles hinauszugehen. Die Kategorienlehre ist erfolgreich beim Verständnis der Wahrnehmung und ihrer Bildung von Vorstellungen, aber sie versagt gegenüber der Bewegung, die in keine Kategorie passt. Er erwähnt allerdings nicht, dass auch Aristoteles den Begriff metaxy (zwischen, inmitten) an wichtigen Stellen gebraucht (Phys. V 3, 227a, Met. I 4, 992a, Met. III 6, 1002b, Met. XI 12, 1069a).
Die Seele ist das Organ, mit dem sowohl die unterschiedlichen sinnlichen Wahrnehmungen wie Sehen, Hören, Schmecken, Riechen und Tasten in einer einheitlichen Vorstellung eines Objekts koordiniert werden, wie auch übergreifend das Organ, mit dem die Zeit der Wahrnehmung mit der Zeit des Denkens synchronisiert wird. So wie Längen gemessen werden, indem sie aneinander gelegt und verglichen werden, so muss es einen allgemeineren Begriff geben, mit dem die Synchronisierung gelingen kann. Ströme lassen sich nur aneinander messen, wenn sie jeweils im Innern in Abschnitte unterteilt sind und diese Unterteilungen miteinander verglichen werden. Manchester spricht vom »tic-toc«, worüber sich die Takte der verschiedenen Zeiten aufeinander beziehen lassen. Sowohl die Wahrnehmung hat ihre Zeit, – das ist der Strom der äußeren Eindrücke –, wie auch der Bewusstseinsstrom seine Zeit hat. Die Zeit leistet beides: Mit ihr kann an jedem Strom sein innerer Takt erkannt werden, und mit ihr können die unterschiedlichen Takte aufeinander bezogen werden.
Der Übergang des Einen (in sich Zusammenhängenden) zum Vielen (der einzelnen Abstände) wird als diakrisis (Bestimmungen) bezeichnet. Konkret nennt Sonderegger vier vom Neuplatonismus ausgearbeitete Bestimmungen, mit der ein Ganzes gegliedert wird: (a) das Eine und die Vielen, (b) das Ganze und die Teile, (c) den Vorentwurf von hier und dort, (d) das Sein und das Seiende (Sonderegger, 48). Diese 4 Diakriseis sind gleichrangig und zugleich (Sonderegger, 49). Simplikios hatte als vierte Diakrisis die von Sein und Seiendem ergänzt (Sonderegger, 49).
Den 4 Diakriseis weist Simplikios 4 Maße des Seienden zu: Zahl, Grenze, Topos und Aion.
»Maß der Vielheit ist die Zahl, Maß der diastasis kata synecheian ist megedos, Maß des Unterschieds hier-dort ist taxis topike. Der Nous unterscheidet aber auch zwischen hen und einai. Es ist deshalb auch das Maß des einai anzugeben. Dieses heißt Aion.« (Sonderegger, 51)
Es erscheint mir nicht konsequent, vom Aion als Maß von Sein und Seiendem zu sprechen, worauf noch zurück gekommen wird. Große Schwierigkeiten bereitet auch die Unterscheidung von Größe (megedos) und Ort (topos). Ist etwas nicht gerade so groß wie der Ort, den es einnimmt? Das war der Heureka-Effekt von Archimedes, als ihm bewusst wurde, dass er gerade so groß ist wie das Wasser, das beim Besteigen eines Bades überläuft und in einem Eimer aufgefangen und gemessen werden kann. Um die Größe von etwas bestimmen zu können, muss es an einer Einheit gemessen werden, die außerhalb seiner selbst liegt. Wird z.B. die Länge eines Steines gemessen, dann wird er mit einem außer ihm liegenden Zollstock verglichen. Ein Objekt ist nicht an sich in Metern (oder welches andere Größenmaß gewählt wird) aufgeteilt, sondern diese Aufteilung erfolgt äußerlich mit der Bestimmung seiner Größe. Daher spricht Sonderegger in einem griechischen Zitat von diastasis kata synecheian. Die Größe kann nur das Maß dessen sein, dessen Größe messbar ist. Das klingt tautologisch, doch ist genauer zu bestimmen, was damit gemeint ist. Es muss möglich sein, es im Innern zu gliedern. Die Schwierigkeit wird deutlich, wenn z.B. von der Größe (megedos) einer tragischen Handlung gesprochen wird (Aristoteles Poetik, Kap. 7, 1450b). Wie kann eine tragische Handlung gegliedert werden, um ihre Größe zu messen? Entscheidend ist, was mit diastasis gemeint ist. Für die Übersetzung von diastasis wird eine Vielfalt von Worten angeboten: parting, separation, splitting, distension, expansion, setting at variance, contrasting, difference, disagreement, divorce, interval, extension or dimension of space. Das zugehörige Verb heißt diastasiázo und wird ins Englische übersetzt mit »to form into separate factions, set at variance, to be at variance« (z.B. in soma und psyche).
diastasis hat eine eigentümliche Doppelbedeutung: Es ist sowohl das Erstrecken (etwa als Expansion) wie auch die Gliederung des Erstreckten. In diesem Vorgang wird ineins zusammengefasst die Bildung dessen, was gegliedert werden kann, und seine Gliederung. Im Sinne von Schelling kann von der Identität von Identität und Differenz gesprochen werden: Es wird ineins eine zusammenhängende Identität geschaffen, und diese in sich differenziert. Es wäre unmöglich, etwas Zusammenhängendes als Zusammenhängendes zu erkennen, wenn nicht erkannt werden kann, was im Zusammenhängenden miteinander zusammenhängt, und Glieder können als Glieder nur innerhalb einer Einheit unterschieden werden.
Der Vorgang diastasis bezieht sich das Wort diastema. Es hat ebenfalls eine vielfältige Bedeutung: Abstand, Lücke, Zwischenraum, genauer: Intervall, räumlicher und zeitlicher Abstand (distance), Radius in der Geometrie, Öffnung / Schlitz, der Abstand zwischen Fingern oder bei Knochen, Ratio, Konjunktion zweier Terme, Dimension, Ausgedehntheit, Zeit der Bewegung, Auszeichnung eines Stils (distinction of style). Der Ausdruck diastema fasst ineins zusammen: die Ausgedehntheit und die Unterteilung des Ausgedehnten. Deleuze und Guattari haben in Tausend Plateaus glatte und gekerbte Flächen voneinander unterschieden. Beide sind ausgedehnt, aber die Ausgedehntheit lässt sich nur »fassen«, wenn es Einschnitte gibt, über die hinweg die Ausgedehntheit erfahren werden kann.
»Was ergibt sich nun für die Bedeutung von diastema? Das Wort hat für Jamblich einen doppelten Sinn. Im Werden meint es die radikale Entzweiung des Hyletischen. Dieses 'Zerteilte' wird Eines durch die 'fließende Zeit'. Im eigentlicheren Sinne dagegen meint diastema jene 'Erste Zeit', die Entzweiung ermöglicht, indem sie diese vorweg einigt.«
»In dem diastema liegt begründet, wie ein physikon, nun in seiner eigenen Seinsweise und in der ihm eigenen paratasis, sein kann. Im diastema bezieht die Psyche ihre Vorentwürfe auf Physisches und bestimmt so dessen Seinsmöglichkeiten. Das Wort ist deshalb dem Wort chaos nahe, das bezüglich des topos eine analoge Funktion hat wie diastema bezüglich des Seins des Physischen.«
»Auf zwei Wegen hält Jamblich die Vorrangstellung der Zeit gegenüber dem Sein des Physischen fest. Einmal mit der Bestimmung der Zeit als Zahl, welche als 'reine Ordnung' der aisthetischen Ordnung vorgeht, dann durch die Bestimmung der Zeit als diastema. Als diastema ermöglicht sie die Entfaltung der Ordnung in der fließenden Zeit.« (Sonderegger, 93f)
Dieser Knäuel von Bestimmungen ist Schritt für Schritt aufzulösen.
– Am diastema sind zu unterscheiden seine einheitliche Ausgedehntheit (paratasis) und die einzenen, diskreten Glieder (diakekriménos)
– Die Seele muss bereits eine Vorstellung davon haben, was ein Abstand ist, bevor sie Abstände erkennen kann. Im Neuplatonismus werden daher am Beispiel der Zeit drei Ebenen unterschieden: Es gibt die natürliche Zeit, in der die vergänglichen Dinge entstehen und vergehen. Um diese Zeit erkennen zu können, verfügt die Seele mit der Proto-Zeit über eine vorgängige, symbolische Ordnung, ein paradeigma (Muster, Modell, Vorbild, Grundrisse). (Das kann verglichen werden mit der transzendentalen Logik von Kant. Nur weil das Denken an sich Eigenschaften der Zeit trägt, kann es zeitliche Prozesse erkennen.) Das paradeigma ist seinerseits das der Seele erkennbare Abbild einer höheren Ordnung im reinen Geist (nous), die von der Seele nicht direkt gesehen werden kann. Diese höhere Ordnung kann nur einen Namen bekommen: Das ist das Aion. Aion ist daher nicht das Maß zeitlicher physischer Prozesse, sondern das der Seele unfassbare Urbild ihres paradeigma für zeitliche Prozesse. Auf ähnliche Art sind auch drei Ebenen zu unterscheiden zwischen physischen Abständen, dem der Seele gegebenen paradeigma von physischen Abständen und dem der Seele unfassbaren Urbild dieses paradeigma im nous.
– Zahl, Größe, Ort und Zeit sind vier Maße der Natur, die jeweils in drei Ebenen unterschieden werden können, wie es am Beispiel von aion, Proto-Zeit und Zeit ausgeführt wurde. (Siehe hierzu den Beitrag Das mathematische und das mythische Symbol.)
– Die vier Maße Zahl, Größe, Ort und Zeit können als Ausprägungen der jeweils betrachteten Abstände angesehen werden. Der elementarste Fall sind die Zahlen eins, zwei, drei, …, die jeweils durch den Abstand Eins voneinander getrennt sind. Nach dem Vorbild der Zahl werden auch Größe, Ort und Zeit in ihre jeweiligen Abstände gegliedert.
Der Begriff Abstand ist weder räumlich noch zeitlich gemeint, sondern geht beiden voraus. Er ist objektiv wie subjektiv oder liegt im Zwischen, über das ein Subjekt ein Objekt erkennen kann: Etwas ist ausgedehnt, und die Seele ist in der Lage, etwas Ausgedehntes erkennen zu können. So wie mit Aristoteles und seinen Kommentatoren (insbesondere Simplikios) am Beispiel der Zahl unterschieden werden kann: das Zählbare (alles, was zählbar ist) (arithmeton); das Zählbare selbst (das jeweilige Einzelne, das zählbar ist) (arithmeton auto); das Gezählte (das, was gezählt wird) (arithmoumenon); der Prozess (Vorgang) des Gezähltwerdens (arithmeisthai): das Seiende, das zählen kann, das Zählenkönnende (to arithmetikon); das Seiende, das zählen wird (arithmesontos); das zählende Seiende (arithmoun), so kann auch unterschieden werden zwischen dem Etwas-Überschauen-und-Gliedern-Könnenden, dem Wirklich-etwas-Überschauenden-und-Gliedernden, dem Überschauen und Gliedern, dem Überschaut-und-gegliedert-werden-könnenden und dem Überschauten und Gegliederten. Der auf zwei Worte verteilte Ausdruck ‘Überschauen und Gliedern’ soll die im griechischen Wort diastasis enthaltene einheitliche Vorstellung erfassen. Es steht noch vor der Unterscheidung in Raum und Zeit, dem Messen oder Zählen. Das Messen, Abmessen, in seiner Größe Abfahren (z.B. mit Händen Umfassen, Begreifen, mit einem Gang von allen Seiten Umfahren) sind Beispiele.
Nur wenn etwas überschaubar und gliederbar ist, kann es gemäß seinen Abständen mit etwas anderem synchronisiert werden, das ebenfalls überschaubar und gliederbar ist. In diesem Bezug verschiedener Ströme zueinander gibt es Punkte und Kontrapunkte. Die Seele ist das Organ, dies vollziehen zu können. Das Jetzt ist nicht nur einfach die abstrakte Zeiteinheit, sondern übergreifend der Knoten, an dem die Takte der verschiedenen Ströme aufeinander bezogen werden können.
Simplikios zitiert, wie Jamblich in seinem Kategorien-Kommentar die Definition der Zeit von Pseudo-Archytas auf eine knappe Formel bringt:
»Sie (die Zeit) ist eine Zahl von irgendeiner Bewegung, oder allgemein das Auseinandertreten der Physis des Ganzen (kinasis tinos arithmos e kai kadolo diatama tas to pantos phyisos)« (786 11-13, zitiert bei Sonderegger, 157).
Wird an diastema das Moment des Zusammenhängenden für sich betrachtet, so kann es als paratasis bezeichnet werden. paratasis wird von Sonderegger nur in den neuplatonischen Quellen zitiert. Sonderegger übersetzt es mit Seinsvielfalt.
paratasis stammt von parateino und ist zusammengesetzt aus para und teino: spannen, ausspannen, ausrecken, den Bogen spannen, die Zügel fest anziehen, ausbreiten, der Länge nach hinstrecken. Englisch: to stretch, lengthen, spread, extend. Das ergibt: »to extend beside, to stretch out lengthwise, to extend, to prolong«
tasis ist ein Begriff aus der Musik und bezeichnet wörtlich die Spannung einer Saite, aber auch im übertragenen Sinn den dadurch hervorgerufenen Klang. Die treffendste Übersetzung soll Tonhöhe oder Stimmung sein (Friedrich von Drieberg Wörterbuch der griechischen Musik nach Google). Ist paratasis dann das 'Nebenstehen von Tonhöhen' im Sinne der Vielfalt miteinander vergleichbarer Tonhöhen?
Die Schlüsselstelle steht schon im ersten Abschnitt von Simplikios:
»Weil nun das Sein des Seienden - so wie es in jenem (im Geeinten) unterschieden ist - gleichsam das Leben des Seienden geworden ist, das zwar erstreckt (paratetamenos) ist, gleichwohl aber im Hen-On verweilt, weil auch die Wirklichkeit (energeia) im Wesen (ousia) verweilt - denn kraft des Wesens ist das dort Wirklichkeit, wie Aristoteles in göttlicher Schau sagte - danach also hat es (das Sein) als Maß den Aion, welcher die Seinsvielfalt (paratasis tou einai) zusammenführt in das unbewegte Verweilen im Hen-On.« (773,34-774,5, übersetzt bei Sonderegger, 141f)
»Dieser Ausdruck meint aber nicht 'Erstreckung des einai', als ob das eine am Sein feststellbare Eigenschaft wäre, sondern 'die Erstreckung, welche to einai eigentlich meint'. Paratasis ist das Wesen des einai. - Wenn Seiendes ist und sich dessen Sein von ihm unterscheidet in den oben genannten verschiedenen Hinsichten, was und wie es ist, dann ist dieses Sein 'erstreckt', 'zerdehnt' (paratetatai). Sein heißt in dieser Weise der Einheit Vieles-sein, Teil-sein, hier-und-dort-sein. Die Bedeutung ist vielfältig geworden, und dies bezeichnet Simplikios mit paratasis. So ist bei diesem Ausdruck nicht an eine quasi-zeitliche Dauer zu denken, sondern einzig an den Unterschied im Sein. Der Ausdruck gibt an, daß Seiendes in verschiedener Weise ist.« (Sonderegger, 52)
Hier ist sorgfältig zweierlei zu unterscheiden:
– Es gibt jeweils drei Ebenen in der Natur, der Seele und dem Geist. Die Neuplatoniker sagen manchmal, dass für jede der Ebenen ein eigenes Maß gilt. Das Aion, die Proto-Zeit und die Zeit werden jeweils verschieden gemessen, sofern beim Aion und der Proto-Zeit überhaupt von Messen gesprochen werden kann.
– Die unterschiedlichen Ströme (rhea) haben jeweils ihren eigenen Takt (ihr eigenes Maß). Dieser Takt gibt jeweils ihre eigene Zeit (ihre Eigenzeit) vor, und mittels der Eigenzeit können verschiedene Ströme aneinander gemessen werden. Erst dieses Aneinander-Messen der Eigenzeiten verschiedener Ströme ist mit der Syntax der Zeit gemeint. Hier lassen sich wiederum die drei genannten Ebenen unterscheiden: In der Natur können verschiedene Ströme in Resonanz treten. Ihre Eigenzeiten können einander beeinflussen. Die Seele hat eine Vorstellung, was mit Syntax der Zeit gemeint ist. Und diese Syntax der Zeit hat wiederum ein Urbild im reinen Geist, das die Seele nur über dessen Abbild in der Proto-Zeit kennt. Wenn gefragt wird, ob von einer Sprache der Zeit gesprochen werden kann, so ist damit genauer die Syntax der Proto-Zeit gemeint. So wie von der Sprache der Blumen oder der Sprache der Steine gesprochen werden kann, aber erst die Seele mit ihrer Proto-Sprache eine Vorstellung bilden kann, mit der diese natürlichen Sprachen gehört und verstanden werden können, so gilt es auch für Zeit. Die Syntax der Proto-Zeit ist die Sprachfähigkeit der Seele, die Sprache der Zeit zu verstehen, wie sie von der Natur gesprochen wird.
Diese am Neuplatonismus gewonnenen Ideen gehen weit über Aristoteles hinaus, aber es gibt bei ihm Ansatzpunkte, worauf sie sich beziehen können.
»Neben dem Maß erscheint ja nichts anderes an dem Gemessenen mit, außer dem, daß das Ganze eine Mehrzahl von Maß(einheiten) darstellt.« (Phys., IV.14, 223b30-224a2)

Quelle: Heinemann 2017, 224
Manchester kommentiert:
»That the whole is a plurability (a denumerable many) of measures 'appeares in and along with' the measure. This means that in the appeareness of a timelike unit, the comparability of its interval to the intervals it measures is also apparent. The movement of the shere adjusts itself to 'measure up' all other motions in their wholeness. Its divisions are the time-numbers, 12, 60, 360; its inclusions are the simple and 'musical' ones of the Pythagorean harmonic astronomy.« (Manchester, 104)
Aristoteles hat daran gedacht, dass verschiedene Bewegungen aneinander gemessen werden. So ist es üblich, die Bewegungen zeitlicher Vorgänge auf der Erde (der Lebenszyklus von Steinen, Pflanzen, Tieren oder Menschen) an den Umlaufbahnen der am Himmel zu beobachtenden Lichtpunkte zu messen. Für Manchester kam erst Locke auf die weitergehende Idee, dass die Zeit gemessen wird am Zeitfluss des Bewußtseins. Wenn es einen Strom von Eindrücken und Gedanken gibt, wird hieran der Strom der objektiven Ereignisse und ihrer Geschwindigkeiten gemessen. Die kleinste Zeiteinheit ergibt sich daraus, was in einem Zeitmoment erfasst werden kann.
Aristoteles bezieht sich bei diesen Ideen auf Vorläufer im Mythos.
»Daß der Ort eine bestimmte Sache außer den Körpern ist und daß jeder wahrnehmbare Körper in einem Ort ist, könnte man hiernach wohl annehmen. Auch könnte man meinen, daß Hesiod das Richtige sagt, wenn er das Chaos zum Ersten macht. Er sagt nämlich: 'Von allem zuerst entstand das Chaos, dann aber die Erde mit ihrer breiten Brust.' Dabei unterstellt er, daß es zuerst Raum für die Dinge geben muß. Denn wie die meisten glaubt er, alles sei irgendwo und in einem Ort.« (Phys. IV.1, 208n27-209a2 in der Übersetzung durch Heinemann 2017, 9)
Wie erfolgt die Synchronisierung? Es kann keinen Messprozess oder Prozess des Abgleichens von Uhren geben, denn dies wären ihrerseits Prozesse, die miteinander synchronisiert werden müssen. Im Moment der Synchronisierung erfolgt etwas, das für sich aus der Zeit herausspringt. Das ist mit ékstase gemeint, wobei ékstase wie diastema auf stasis zurückgeht: das Stellen; Feststellen; das Stehen; das Feststehen im Gegensatz zur Bewegung; die Stellung; der Ort, wo man steht, Standort; der Punkt, wo die Himmelsgegenden sind; der Stand; der Zustand; die Lage, in der man sich befindet; der Aufstand, Aufruhr. ékstasis ist das Heraustreten aus der stasis. Pape stellt zusammen: Entfernung von der Stelle, Verrückung; als eine barbarische Ehrenbezeugung, das Entfernen, Vermeiden des Anblicks; Geistesverrückung, Wahnsinn; Verzückung, Begeisterung, Staunen; tiefe Ohnmacht; Veränderung, bes. Verschlechterung, Ausartung. LSJ: displacement, degeneracy, change, movement outwards, differentiation, standing aside, distraction, entrancement, astonishment, trance, ecstasy, drunken excitement. Bei Aristoteles gibt es eine wichtige Andeutung.
»'Plötzlich (ede) meint solches, das infolge seiner Kürze in unwahrnehmbarer kleiner Zeit (en anaistheto chrono) heraustritt. Dabei ist jeder Wandel (metabole) von Natur aus (physei) so ein Herausbringendes (ekstatikon). Es ist ja in der Zeit, daß alles entsteht und vergeht.« (Phys. IV.13, 222b7-17)
Heinemann erläutert den Ausdruck ede (der nicht mit nun zu verwechseln ist):
»Das Sogleich/Soeben ist der dem gegenwärtigen unteilbaren Jetzt nahe Teil der künftigen Zeit ('Wann machst du deinen Spaziergang? Sogleich.' Das heißt: Die Zeit zu der er seinen Spaziergang machen wird, ist nahe) sowie der vom Jetzt nicht weit entfernte Teil der vergangenen Zeit ('Wann machst du deinen Spaziergang? Ich habe ihn soeben gemacht.'). Aber daß Troja soeben gefallen sei, sagen wir nicht. Denn das geschah zu weit vom Jetzt.« (Heinemann 2017, 206)
Heinemann übersetzt ekstatikon: »mit einem Heraustreten verbunden« (Heinemann 2017, 207). (Der Ausdruck ekstasis taucht auf in De anima I 3, 406b12-3.)
Die Neoplatoniker verstanden Ekstase in Zusammenhang mit Zeiterfahrungen.
»Nach beiden (Jamblich, Simplikios) muß das Wesen der Zeit als Maß des Seins aus der Reihe der Hypostasen verstanden werden; beide unterscheiden verschiedene Zeiten und bestimmen die Zeit der Psyche als die erste; deren Funktion ist es, der Bewegung des Physischen Ordnung und Einheit zu vermitteln. Die Zeit des Physischen selbst dagegen ist rhoe und ekstasis.« (Sonderegger, 97)
Wiederum droht zweierlei vermischt zu werden: Zum einen die Synchronisierung verschiedener natürlicher Ströme, zum anderen die Fähigkeit der Seele, natürliche zeitliche Prozesse mithilfe ihrer Proto-Zeit erkennen zu können.
Diese Vermischung kann zum Fehlschluss führen, als hätte die Zeit die Macht, etwas erzeugen oder vernichten zu können. Die Seele hat die Fähigkeit, zeitliche Prozesse und ihre Synchronisierung erkennen zu können, aber sie kann sie nicht erzeugen. Die Eigenzeiten der natürlichen Prozesse sind der Takt, in dem etwas entsteht und untergeht, aber nicht die Macht, etwas entstehen oder untergehen zu lassen. Wenn in ekstatischen Momenten unterschiedliche zeitliche Prozesse synchronisiert werden und z.B. Menschen beim Tanzen, Musizieren oder Meditieren in Trance geraten können, scheint der zeitliche Begriff der Ekstase die Macht zu sein, die das ermöglicht. Es ist aber nur ein Begriff der Seele, natürliche Vorgänge dieser Art erkennen und beschreiben zu können.
»Und diese Art Verfall gerade nennen wir gern 'Zahn der Zeit'. Indessen, es ist gar nicht die Zeit, die das macht, sondern es ergibt sich nur so, dass auch dieser Wandel (metabole) in der Zeit stattfindet.« (Phys. IV 13, 222b23-27) Vgl. auch 221a30-b3

Quelle: Heinemann 2017, 209

Quelle: Heinemann 2017, 191
Ein Wiederklang findet sich bei Heidegger. Er schreibt in Sein und Zeit kursiv hervorgehoben:
»Die Zeitlichkeit zeitigt sich in jeder Ekstase ganz, das heißt in der ekstatischen Einheit der jeweiligen vollen Zeitigung der Zeitlichkeit gründet die Ganzheit des Strukturganzen von Existenz, Faktizität und Verfallen, das ist die Einheit der Sorgestruktur.« »Die ekstatische Zeitlichkeit lichtet das Da ursprünglich. Sie ist das primäre Regulativ der möglichen Einheit aller wesenhaften existenzialen Strukturen des Daseins.« (Heidegger Sein und Zeit, 350)
Unter Syntax der Zeit versteht Manchester nicht ihre mathematische oder physikalische Struktur (etwa die Früher-Später-Beziehung, ihre Linearität, Zyklizität oder Homogenität), sondern er sucht nach den Sprachelementen, mit denen die Zeit unterschiedliche Ordnungen zu einer Syntax zusammenfügen kann. Eine solche Sprache ist noch nicht formuliert, aber in der Rückschau auf die Geschichte des Nachdenkens über die Zeit lassen sich wichtige Elemente erkennen. Die Aktualität des Themas zeigt Manchester am Beispiel des DNA-Moleküls. Dies Molekül hat eine stabile innere Ordnung (taxis), die durch die Replikationsfähigkeit in einen zeitlichen Prozess übergehen kann und das Leben eines Menschen in seiner persönlichen Charakteristik erhält. Über die Vererbung wird es an nachfolgende Generationen weitergegeben. Die Vielfalt von Mutationen und die Selektion verändern die Ordnung in größeren Abständen. So ergeben sich zahlreiche Zeiten: Die stabile und Halt gebende (zeitlich konstante) Struktur des jeweiligen DNA-Aufbaus, der sequentielle Ablauf der von der DNA in den Zellen gesteuerten Prozesse, das Zeitempfinden des Lebewesens und die Evolutionsgeschichte.
Aus dieser Mannigfaltigkeit greift Manchester den für ihn bestimmenden Gegensatz heraus, der von übergreifender philosophischer Bedeutung ist: Den kontinuierlichen Strom von sinnlich erlebten inneren und äußeren Erlebnissen und ihrer diskreten Jetzt-Momente (nyn) einerseits, die Fähigkeit des Denkens, hierin in ihrer Gesamtheit übersinnliche, zeitlose Ideen erfassen und mit ihnen denken zu können andererseits. Zwischen beiden bestehen zwei mögliche Verbindungen: Es kann ein Absturz aus der Welt der Ideen in die vergängliche Welt der Körperlichkeit und der Materie sein, oder es wird vermittelt durch eine Spirale, die sich in einer harmonischen Bewegung an beide Grenzpunkte anpasst und sie ineinander überführt. Mit der Spirale gibt es zwischen beiden nicht nur eine unbestimmte Mitte (metaxy) oder Abstand (diasthema), sondern eine Bewegung, die für mich die Eigenbewegung und Eigenzeit der Seele zeigt. Mit der von Dürer gestalteten Verlaufsform der Spirale ergeben sich Verbindungspunkte zu weiterführenden wissenschaftlichen und magischen Vorstellungen und Ideen.
Für die allgemeine mathematische Beschreibung des Abrollens der zeitunabhängigen Zeitachse in den Zeitfluss hat bereits Archimedes (285 - 212 v.Chr.) eine Lösung gefunden. Er beschrieb eine Spirale, die aus einer kreisförmigen Umlaufbahn in deren Mittelpunkt stürzt (ekpipto) bzw. umgekehrt aus einem Punkt hervorbricht (ekstasis) und eine kreisförmige Umlaufbahn erreicht. (Dies Hervorbrechen kann mit dem disclosure space verglichen, über das Manchester im ersten Kapitel schreibt.)

»Albrecht Dürer: Archimedische Spirale. Dürer beginnt also mit einem großen Kreis um ein Zentrum a. Diesen Kreis teilt er in 12 gleiche Teile (was mit Zirkel und Lineal exakt konstruierbar ist). Den Radius von a zum ‘obersten’ Teilungspunkt, den er b und gleichzeitig 12 nennt, zeichnet er ein. Die weiteren Teilungspunkte des Kreises nummeriert er entgegen dem Uhrzeigersinn von 1 bis 11. Den Radius von a nach b teilt er in 24 gleiche Teile und benennt die Teilungspunkte von a ausgehend mit den Zahlen von 1 bis 23. Diese Teilung überträgt er nun auf ein Lineal und trägt nun jeweils von a aus in Richtung der Teilpunkte 1 bis 12 des Kreises Strahlen der Längen 1 bis 12 (auf dem Lineal) ab. Anschließend trägt er in der gleichen Weise wiederum in Richtung der Teilpunkte 1 bis 12 Strahlen der Längen 13 bis 23 ab. Die Endpunkte der Strahlen nummeriert er von 1 bis 23. Zusammen mit a und b bilden sie die Punkte der konstruierten 'Schneckenlinie'. Diese Konstruktion ist in der oben stehenden Zeichnung zu sehen. Dürer weist noch darauf hin, daß man diese Spirale nach außen beliebig verlängern kann, indem man weitere Teilstücke der Strecke ab auf dem Lineal einzeichnet und weitere Strahlen in Richtung der Teilpunkte des Kreises abträgt.« Quelle: Ein nicht mehr verfügbarer Beitrag auf der Seite www.mathe.tu-freiberg.de: www.mathe.tu-freiberg.de/~hebisch/spiralen/s_archimed
Manchester verwendet eine einfachere Zeichnung ohne Zwölfer-Unterteilung:

"Ekpipto is not the most common term for describing this aspect of the construction of figures in geometry. Archimedes, for example, uses the term prospipto, 'fall against'. Neither of these is as common as the various passive formations from ekballo, 'throw out'. But in one passage, Archimedes does use ekpipto (Spirals 14), the figure and argument of which may well have influenced Plotinus." (80, mit Bildquelle, Fn 41: Spirals, 14, as drawn in the Budé edition, Archimedes, ed. Charles Mugler (Paris: Société d'edition 'Les Belles Lettres,' 1971), Tome 2, p. 35. The notation in the drawing printed here is in Latin letters, but follows the order (and exclusions) of the Greek of this edition.)
Wird als der Mittelpunkt die Erde gesetzt, und steht die Umlaufbahn für die Sternenbahnen, dann zeigt dies mathematische Modell einen Zusammenhang des irdischen und des stellaren Bereichs, die Aristoteles klar voneinander geschieden hatte. Für die aristotelische Physik gelten auf der Erde die physikalischen Gesetze der vergänglichen Dinge, die in der Zeit aufgehen (physis) und untergehen, während die Umlaufgesetze der Sterne ewig sind. Aristoteles manövrierte sich damit jedoch in die schwierige Frage, wie diese beiden Ordnungen einander berühren können, wie an der Nahtstelle die ewige Zeit der Sterne in die vergängliche Zeit auf der Erde übergehen kann. Archimedes hat einen Lösungsansatz gefunden und mit seiner Spirale den Umschlag des Ewigen in das Vergängliche demonstriert.
Archimedes war sich der Bedeutung dieser Erkenntnis voll bewusst und bezeichnete diese Bewegung mit dem sonst in der Mathematik unüblichen Ausdruck ekpipto (fallen, in Ungnade fallen, sich entzweien, machtlos werden, hereinplatzen, gewaltsam abstürzen, durchbrechen). Alle Philosophen und Theologen mussten aufhorchen, zumal in den folgenden Jahrhunderten apokalyptisches und gnostisches Denken immer größeren Einfluss gewannen. Es kann daher davon ausgegangen werden, dass Jamblichos und Plotin seine Ideen kannten. ekpipto ist für Manchester ein zentrales Element der Syntax der Zeit.
ekpipto steht ursprünglich für Ereignisse von solch unberechenbarer Kraft und alles umstürzender Gewalt, dass die Griechen des archaischen Zeitalters die Musen anriefen, um Geschehen dieser Art schildern zu können. Sie fühlten ihre eigene Sprachfähigkeit versagen (und bewiesen damit zugleich ein ungewöhnliches Reflexionsvermögen über die Grenzen ihrer Sprache, das später weitgehend verloren gegangen ist). So Homer in der Ilias: Als Achilleus sich zürnend und schmollend vom Kampf fernhielt, musste Ajax die Kriegslast der Griechen allein tragen und geriet in höchste Not.
»Nimmer Erholung ward ihm vergönnt; ringsher ward Graun an Graun ihm gereihet. Sagt mir an jetzt, ihr Musen, olympische Höhen bewohnend, wie nun Feuer zuerst einfiel [empese] in der Danaer Schiffe«. (Ilias XVI 112-113; deutsch; griechisch)
Das von Homer gebrauchte Wort empese geht auf die Wurzel pipto zurück. Platon sah sich in einer ähnlichen Lage, als er nach einer Erklärung suchte, wie innere Zwietracht eine staatliche Ordnung zerrütten kann: »Wollen wir, wie Homer, die Musen anrufen, uns anzusagen, wie zuerst Zwietracht hineingeraten [empese]«. (Politeia VIII 545d8-e1); deutsch; griechisch)
Plotin (der 205 - 270 lebte und sehr gut bekannt war mit Porphyrius (*ca. 230 - 305), dem Lehrer von Jamblichos), wandelt 6 Jahrhunderte später diese Stelle nochmals um und wendet sie bewusst in das Gegenteil, wenn er über die Zeit sagt:
»Wie demnach, da diese intelligiblen Dinge ruhig in sich verharren, die Zeit zuerst heraussprang (echepese chronos): um das zu erfahren dürfte jemand die Musen, die damals noch nicht waren, ohne Erfolg anrufen, wohl aber die gewordene Zeit selbst, wie sie in die Erscheinung getreten und geworden ist.« (Plotin Enneaden III 7,11; deutsch).
Der Fall der Ewigkeit in die Zeit ist für Plotin ein ähnlicher Sturz wie das Kriegsgeschehen vor Troia oder der Einbruch einer alle staatliche Ordnung auflösenden Zwietracht bei Platon und wird mit dem gleichen Ausdruck echepese benannt. Doch die Musen will er nicht mehr anrufen. Er fühlt sich den alten heidnischen Ordnungen weit überlegen und spürt die innere Kraft, die Zeit direkt ansprechen zu können, die keiner Vermittlung durch die Musen mehr bedarf. ekpipto ist integriert in das philosophisch-theologisch gedeutete Geschehen. ekpipto geht in die Ordnung der Zeit ein, die an die Stelle der göttlichen Ordnung tritt. Während für Homer und Platon ekpipto etwas bedeutet, das sich vom Menschen nicht ohne Hilfe der Musen in seiner Sprache ausdrücken läßt, ist es für Plotin etwas, das er im Dialog mit der Zeit zur Sprache bringen kann. Die Zeit spricht und kann verstanden werden. Mit ihrer Sprache kann auch ihre Syntax erkannt werden. Ohne bereits von der Syntax der Zeit zu sprechen, hat Plotin damit die entscheidende Wende vollzogen, mit der die Zeitphilosophie von Jamblichos möglich wurde.
Wie verbreitet der Begriff ekpipto in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten war, zeigen die zahlreichen Belege im Neuen Testament (Mt 13:25; Apg 12:7 27:17 27:26 27:29 27:32, 1Co 13:8, Ga 5:4, Jak 1:11, 1Pe 1:24, 2Pe 3:17, Offb 2:5, Quelle). Auch hier werden keine Musen angerufen, sondern ekpipto wird ein geläufiger Ausdruck der religiösen Erzählungen, die allerdings getränkt sind von apokalyptischen Ängsten und eschatologischen Erwartungen. Plotin will sich mit seiner rationalen Lehre der Ewigkeit und der Zeit von diesen Gefühlen freimachen, ohne in die archaische Welt der Musen zurückzukehren. Er will gegenüber den gnostischen und frühchristlichen Texten Platon und Homer die Treue halten, wenn er den Begriff ekpipto übernimmt, ohne sich ihrem mythischen Verständnis anzuschließen.
Anmerkung (2023): V.d. Meulen sieht im verwandten empipto eine grundlegende, logische Bedeutung. Wenn der Verstand etwas Allgemeines in seine Besonderheiten aufteilt, droht ein unendlicher Prozess, der nie zu einem Ende findet. An dieser Stelle haben Aristoteles und Hegel mit dem Einzelnen den logischen Begriff gefunden, an dem dieses Fallen in das Unendliche aufgefangen wird. Auf der untersten Stufe wird das Einzelne erreicht, das für das jeweilige Wissensgebiet bestimmend ist. Das können die Atome, mechanischen Partikel, die einzelnen Zahlen oder in der Gesellschaft die einzelnen Menschen sein. Die Gesellschaft kann nur bis auf die Ebene der Individuen geteilt werden. Werden diese weitere geteilt (in »halbe Menschen«, »viertel Menschen« usf.), handelt es sich um keine lebensfähigen Individuen mehr, die sich zu einer Gesellschaft zusammenschließen können.
»Erst Aristoteles allerdings gelangt zu dieser Lösung in seiner Lehre von der wirksamen Vermittlung von Einzelnem und Allgemeinem in Syllogismus und Apodeixis in Bezug auf die konkrete, in der Mitte (to meson) als dem wirksamen Wesensgrunde wurzelnden Ousis, welche die Potenz zu Verwandlung und Bewegung in ihrem stofflichen Moment enthält.« (v.d. Meulen, 7)
»Die strukturelle Notwendigkeit dieses Sich-Verlierens und Verfallens tritt jedoch nicht immer klar hervor und wird in der späteren Entwicklung Hegels immer mehr vertuscht. Den tieferen Grund dieses Vorganges und seine Bedeutung werden wir bloßlegen müssen. In Bezug auf unser vorliegendes Beispiel der Einzelheit ist leicht einzusehen, daß die hier auftretende Problematik nichts anderes ist als die Problematik des hyletischen Momentes in der konkreten ousia im Sinne des tode ti (‘dieses da’, t.) bei Aristoteles. Das Besondere im Sinne der infima species ist die letzte Bestimmungseinsicht des Einzelnen, unterhalb derer es ins Grenzenlose abfällt: eis apeiron empiptei.« (v.d. Meulen, 14)
Der Ausdruck eis apeiron ist bei Aristoteles an zahlreichen Stellen zu finden und wird häufig übersetzt als »bis ins Unendliche« oder »ad infinitum«. Wörtlich bedeutet eis ‘in Richtung auf’, ‘in Ansehung, in Rücksicht auf’, ‘gemäß, nach’, ‘gegen’, und eis apeiron ist damit die Betrachtung von etwas in Beziehung auf seine Grenzenlosigkeit, Unermesslichkeit. In einer bemerkenswerten Doppelbedeutung kann apeiron zugleich ‘unerfahren, unwissend’ bedeuten und weist darauf hin, dass eine Untersuchung ins Unermessliche zu gehen droht, wenn unerfahren und schülerhaft immer weiter gefragt wird. Aristoteles zieht in seinen Begriffsbildungen oft die Grenze, wenn es sinnlos ist, weiter zu fragen. Beide Aspekte kommen zusammen im empiptein. empipto bedeutet ‘hineinfallen, in etwas fallen, in Liebe oder einer anderen Leidenschaft wie Zorn und Hass verfallen, in Krankheit verfallen, unter die Macht von jemandem fallen, in die Sinne fallen’. Es könnte der Grundbegriff sein für das ‘Zusammenfallen’ bei Hegel. V.d. Meulen geht dem jedoch nicht weiter nach.
Richli stimmt ausdrücklich zu (Richli 1982, 58). Er übernimmt in seiner Interpretation des Allgemeinen und Einzelnen bei Hegel von v.d. Meulen den Ausdruck des Fallens und versteht das Einzelne als »die in sich zusammengefallene Form« (Richli 1982, 57).
Ausblick: Im Kapitel über Aristoteles wird Manchester das Jetzt (nyn) in der doppelten Bedeutung vestehen: Es gibt sowohl jedes einzelne Jetzt, die Fülle des Augenblicks, wie auch den Allgemein-Begriff des Jetzt: Unser Leben setzt sich aus der Reihenfolge von Jetzten zusammen, die alle der einen Gattung des Jetzt angehören. Jedes Jetzt ist getrennt vom vorhergehenden und nachfolgenden Jetzt, und zugleich der Oberbegriff, den alle Jetzte teilen und über den sie miteinander verbunden sind. Das Jetzt konstituiert eine innere Einheit, die überall gilt (Manchester überschreibt dies Kapitel "Everywhere now"). "Aristotle's time, the spanning, framing, and scaling of motion, is the image of this eternity." (Manchester, 105)
Die weitere Untersuchung von Parmenides und Heraklit bestätigt das. Für ihn haben chronos bei Parmenides, aei bei Heraklit und aion bei Platon die gleiche Bedeutung. Bei allen konstituiert die Zeit den "disclosure space" für die Wahrheit, in dem eine Vermittlung zwischen Ewigkeit der Gedanken und Zeitlichkeit der Sinneseindrücke gefunden wird. Er fasst zusammen: "Aion is duration, lifetime, eon or epoch; it is clearly timelike, and here sometimes even translated as 'time'." (Manchester, 148)
Literatur:
Peter Manchester: The Syntax of Time, Leiden, Boston 2005
Urs Richli: Form und Inhalt in G.W.F. Hegels 'Wissenschaft der Logik', Wien, München 1982
Jan van der Meulen: Hegel. Die gebrochene Mitte, Hamburg 1958
Siehe hierzu den Beitrag Das Prinzip der Philosophie nach Hegel von 2019.
Syntax der Zeit enthält mindestens die Elemente Spirale, Kreis, Mittelpunkt und räumliche Abhebung paradoxer Grammatik. Aus diesen Elementen lassen sich jedoch noch keine sprachlichen Sätze bilden, sondern sie formen sich zur elementaren Vorstellung eines Leibes, etwa in der Gestalt einer Kugel oder eines Ellipsoids. Dies ist jedoch wie die uranische Kugel kein Körper vergleichbar den Dingen in der vergänglichen Welt der physis, sondern eine leibhafte Figur in der Zwischenwelt der Mathematik, inmitten und zwischen (metaxy) den körperlichen Dingen und den Ideen. Der Leib ist für sich zunächst nur eine mathematische Figur, die jedoch zum Leben erweckt wird, wenn sie Musikalität (Tonalität) erwirbt.
Hieraus entstehen zwei unterschiedliche Leibbegriffe: Der Leib des Pferdes ist der vom Verstand gebildete symbolische Körper, wodurch alle Eigenschaften, die am Pferd wahrgenommen werden, zu einer Vorstellung integriert werden. Das gilt auch für den Menschen. Er versteht seinen Leib als Träger aller seiner körperlichen Eigenschaften, die er an sich selbst wahrnimmt und aus denen er sich das Bild des eigenen Körpers gemacht.
Der Anthroposoph Rudolf Steiner spricht vom Zeitleib, wenn ein Mensch seine eigene Biographie überschaut. Hier äußert sich die Fähigkeit des Denkens, alle Zeitereignisse in einen größeren Horizont zu stellen. In diesem Horizont erscheint das eigene Leben wie eine körperliche Gestalt, die sich über die Zeit erstreckt. Dort kann es große Brüche geben, wiederkehrende Muster, Phasen der Beschleunigung oder der Resignation. Der Mensch vermag sich selbst und auf ähnliche Weise auch andere Menschen in einer je charakteristischen Zeitgestalt zu sehen. Dies ist für Steiner der Zeitleib. Er grenzt diesen Begriff ab vom Ätherleib des Menschen, der die Ausstrahlung und möglicherweise das Charisma eines jeden Menschen zeigen, seine beflügelnde oder bindende Wirkung auf andere. Steiner entwickelt diese unterschiedlichen Begriffe allerdings vor allen in der Absicht, dass der Mensch stufenweise diese Leibgestalten erkennt und sich schließlich von ihnen freimacht, um offen zu sein für die reine Welt der Visionen.
Aber es gibt nicht nur den charakteristischen Zeitleib eines jeden einzelnen Menschen, sondern auch den Zeitleib des Menschen, der den Menschen allgemein charakterisiert. Hier setzen neuere Forschungen der Psychiatrie an. Sie untersuchen die inneren Zeitachsen des Menschen und welche Rhythmen der Mensch durchläuft. Supprian unterscheidet zwischen der Achse des Stimmungssystems und der Achse des Antriebssystems. Der Mensch kann 9 unterschiedliche Felder durchlaufen mit jeweils unterschiedlich ausgeprägten Antriebs- und Stimmungsschwankungen.
Dieser Leib-Begriff kann in mehreren Schritten übertragen werden. Wenn die gesamte Entwicklung eines Pferdes, eines Dinges oder der Selbsterkenntnis des Menschen wahrgenommen wird, bildet sich der Mensch das Bild des Zeitleibes, das ist das umfassende Bild, wie ein Mensch geworden ist, was er ist und was er werden kann.
So kann vom Klangleib eines Instrumentes gesprochen werden. Das ist das Bild, welche Klänge dieses Instrument hervorbringen kann, wie es klingen kann, welchen Charakter sein Klang hat.
Darüber hinaus gibt es einen allgemeineren Begriff des Klangleibs. Wenn jedes Instrument seinen Klangleib hat, kann nach dem Klangleib der Musik an sich gefragt werden. Und auf analoge Weise läßt sich ein allgemeinerer Begriff des Zeitleibs bilden. Dann wird nicht mehr gefragt, was der Zeitleib eines einzelnen Menschen oder eines einzelnen Gegenstandes ist, der sich entsprechend seinen Eigenschaften in der Zeit entwickelt, sondern was die allgemeinen Eigenschaften des Zeitleibs sind.
Diese Unterscheidungen werden möglich, wenn klar zwischen dem Träger (hypokeimenon) der Eigenschaften und den Eigenschaften selbst (Ton, Farbe, Größe) unterschieden wird. Denn der Klangleib, Zeitleib, Farbleib beziehen sich auf den Träger in Beziehung zu seinen Eigenschaften in Hinblick auf Wahrnehmbarkeit und Zählbarkeit.
Ein Vorläufer des Zeitleibs ist die Himmelskugel. Aristoteles hält es nicht für nötig, dagegen zu argumentieren, die Zeit sei die Himmelskugel. Er versteht dies als die Bewegungen der Himmelskugel, bzw. als die Bewegungen an der Himmelskugel. Doch Manchester deutet die Kugel als phänomenologisches Konzept. Dahinter steht die Einsicht, dass das menschliche Denken und Wahrnehmen gar nicht anders kann, als sich die Welt als Kugel vorzustellen. Dies ist eine Integrationsleistung, und gerade hier entsteht auch die Zeit.
Gottfried Heinemann (Heinemann 2014): Arbeitsjournal zu Aristoteles, Phys. II, Kassel 2007-2014; Link
Gottfried Heinemann (Heinemann 2017): Arbeitsjournal zu Aristoteles, Phys. IV, Kassel 2007-2017; Link
Peter Manchester: The Syntax of Time, Leiden, Boston 2005
Jan van der Meulen: Hegel. Die gebrochene Mitte, Hamburg 1958
Urs Richli 1982: Form und Inhalt in G.W.F. Hegels »Wissenschaft der Logik«, Wien, München 1982
Shmuel Sambursky 1977: Der Begriff der Zeit im späten Neuplatonismus
in: Clemens Zintzen (Hg.): Die Philosophie des Neuplatonismus, Darmstadt 1977
Shmuel Sambursky 1965: Das physikalische Weltbild der Antike, Zürich, Stuttgart 1965
Lothar Seidel: Kritik der Physik des Aristoteles, Frankfurt am Main 2005
Erwin Sonderegger: Simplikios: Über die Zeit - ein Kommentar, Göttingen 1982
Richard Sorabji: Time, Creation & the Continuum, London 1983
Rudolf Steiner: Damit der Mensch ganz Mensch werde, Sechs Vorträge 1922, Gesamtausgabe Band 82, Dornach 1994
Ulrich Supprian: Pathomechanismus und Kurzschlaftherapie der manisch-depressiven Psychosen, o.O., o.J.; Link
Walter Tydecks: Das mathematische und das mythische Symbol, Bensheim 2011
unter: http://www.tydecks.info/online/jamblichos_symbol.html
Walter Tydecks: Das Prinzip der Philosophie nach Hegel
in: Lois Marie Rendl, Robert König (Hg.): Schlusslogische Letztbegründung: Festschrift für Kurt Walter Zeidler zum 65. Geburtstag, Berlin 2020, 249-274
2008, 2018, 2023
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