Mathematik-Visionen aus der Zeit des Faschismus

8. Mathematik des Bösen

Arbeitstitel und vorläufiges Vorwort

Die Umdeutung von Hölderlin für die Ziele des Faschismus zeigt, wo den Mathematik-Visionen nicht weiter nachgegangen werden konnte. Wie war eine solche Umdeutung überhaupt möglich? War es zu einem Einbruch des Bösen gekommen, das sich ausgerechnet der Sprache Hölderlins bedienen konnte? Hatte dieser Einbruch schon eingesetzt, als Hölderlin 1806 "von seinen Göttern in den Schutz des Wahnsinns hinweggenommen" wurde (Heidegger, Schellings Freiheitsschrift, S. 3)? Schelling stellte sich genau diese Frage. Die "heile Welt" in Jena war endgültig dahin, der Romantiker-Kreis innerlich zerstritten, Herder war verbittert gestorben, Goethe begann seine Selbstvergottung, und alle Hoffnungen auf die Aufklärung und die Französische Revolution mussten aufgegeben werden. Hegel wollte das nicht wahrhaben und ging den eingeschlagenen Weg einfach weiter, ohne zu spüren, dass etwas nicht stimmen konnte, wenn unmerklich der preußische König in seinem System an die Stelle Napoleons trat, und das System gegen solche Verwandlung immun blieb. Die Frage der Freiheit stellte sich ganz neu. Warum hatte sie in Deutschland nicht verwirklicht werden können, und warum war sie in Frankreich umgeschlagen und forderte nun wiederum eine Befreiung gegen die französische Besetzung heraus? 1809 veröffentlichte Schelling "Philosophische Untersuchungen über das Wesen der menschlichen Freiheit und die damit zusammenhängenden Gegenstände", dem dann ein 45-jähriges Schweigen bis zu seinem Tode 1854 folgte (nur unterbrochen von kleineren Arbeiten wie den "Göttern von Samothrake" 1815).

Heidegger stellt 1935 die Frage, woran Schelling gescheitert ist, und schließt nur 11 Jahre später nach der Erfahrung des Faschismus, dass das "scheiternde Denken ... das einzige Geschenk (ist), das dem Denken aus dem Sein zukommen könnte" (Brief über den Humanismus in: Wegmarken, S. 343). Schelling ist gescheitert, weil er die Frage nach dem "System der Freiheit" nicht zu klären vermochte.

"Im Begriff 'das System' schwingt dieses alles zumal mit: das Mathematische, das Denken als Gesetz des Seyns, die Gesetzgebung des Genies, die Befreiung des Menschen zur Freiheit inmitten des Seienden im Ganzen, das Ganze selbst im Einzelnen: omnia ubique. Man begreift nichts von dem, was zufällig mit dem Namen 'Barock' belegt ist, wenn man nicht das Wesen dieser Systembildung begriffen hat." (Heidegger, Schellings Freiheitsschrift, S. 39)

Als die Intentionen Hölderlins nicht fortgeführt wurden, hatte das Denken wie von ihm befürchtet seinen Mittelpunkt verloren. Dies wurde dem Denken selbst spürbar als Verlust der systembildenden Kraft. Seit Descartes hatte es sich dabei immer auf die Mathematik verlassen, und nun erschien umgekehrt "das Mathematische" als erster Ausdruck einer neuen Krise, die noch nicht verstanden wurde. Im Gegenteil scheint die Krise des Systems der Freiheit eine spät bemerkte Folge der "Vorherrschaft des Mathematischen" (ebd.) zu sein. Was ist das für eine Mathematik-Vision?

Alles, was bisher zur Mathematischen Existenz gesagt wurde, ist nochmals aufzurollen. Welchen Zug gibt es im Mathematischen, der zur "Vorherrschaft" drängt, und über welche Machtmittel und Verführungstechniken verfügt die Mathematische Existenz, um sich in die Systembildung und die menschliche Freiheit einzudrängen und diese innerlich auszuhöhlen? Was ist das Mathematische an dieser Existenz und was sind die Anfangsgründe (archai) der Mathematischen Existenz in der Existenz? Dies ist die Frage nach Zahl und Bewegung. Die Mathematik-Visionen zusammenfassend können die Anfangsgründe der Bewegung verstanden werden als die freudige Lebendigkeit im Wesen der Musik, als die den starren Gegensatz des Seienden und Nichtseienden durchbrechenden und der Philosophie ihren Weg bahnenden Kraft des dialektischen Denkens seit Platon, als Prinzip der dynamischen Modelle bei Kepler und der inneren Kraft des Kontinuitätsprinzips bei Leibniz, als Bewegung dem Feuer entgegen bei Hölderlin (das Feuer suchend und zugleich seine drohende Maßlosigkeit wehrend) und schließlich als Bewegung des Verfalls zum Bösen und der dagegen wirkenden Gegenbewegung zum Guten, wie Heidegger Schelling interpretiert.

Mathematische Existenz ist die Frage nach dem Maß. Jeder Suche nach dem Maß (sei es als Geschmack, als Urteilskraft, als Gerechtigkeitsempfinden oder als Gefühl "hier stimmt etwas nicht") muss vorausgehen ein Grundverständnis, was Maß überhaupt ist. Dies kann aus keinem konkreten Maß gewonnen werden und wird sich nicht umgekehrt in einem konkreten Maß messen lassen. Das ist die Frage, worum es bei der Mathematischen Existenz geht.

Entfesselte Elemente, wenn das Maß fällt. Rücksichtsloses Erzwingen-Wollen des "Heiligen Maßes" (oder einer Neuen Ordnung) als Rechtfertigung des kollektiven Untergangs im Krieg. Aber Maßlosigkeit entsteht keineswegs nur im Übermaß, im Brand, der außer Kontrolle geraten ist, sondern nicht weniger bedrohlich, wenn die mathematische Existenz als solche ver-kehrt ist. Mathematische Existenz wird dann Berechnung, die alles herabzieht und nichts zu seinem wahren Maß kommen lässt. Das ist die Mathematik des Bösen, die nur verstanden werden kann als eine besondere Existenzweise der Mathematik.

Und schließlich ist dies die Frage nach dem Ort, von wo aus Mathematik und Naturwissenschaften gelehrt werden. Hölderlin hat die Frage klar gestellt: Die ungebändigte Landschaft der Zentauren und "bös sind die Pfade". Und so musste die Frage neu aufgeworfen werden nach der Erfahrung des Faschismus. Das führt zu einer Neubegründung der Topik (Topik verstanden als Ortskundigkeit und Kenntnis der richtigen Stellen, wo das Denken Halt findet). Diese Art von Weisheit muss erst wieder neu gewonnen werden, nachdem das Denken verwildert und das Gelände verstrüppt sind. Topik und Topologie (mathematische Lehre vom Ort) begründen heute die Frage nach der mathematischen Existenz.

Aus den Vorarbeiten für eine "Mathematik des Bösen" ist abgeschlossen der Teil über Mathematik und Dialektik in Platons Sophistes. Ein weiterer Teil "Die produktive Kraft der Bilder: Die Radikalisierung der Sprach-Kritik bei Alfred Baeumler bis zur bewussten Bücher-Verbrennung" ist jetzt integriert in die neue Version von Kein Schutz vor der Entmächtigung des Wortes.

Weiter in Arbeit:

Mathematik des Bösen: Ausgehend von Heideggers Verständnis der Freiheits-Schrift von Schelling Abschnitte über Berechnende Mathematik, die Kraft der Verwandlung, Raumkonstitution, die systembildende Kraft.

Topik in verstrüpptem Gelände: Ausblick auf die 1950er Jahre. Vorbild: Topographie bei Hölderlin, die Bahn der Ströme, Kenntnis von Furten.







© tydecks.info 2003