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Mathematik-Visionen aus der Zeit des Faschismus |
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Kepler und "Tycho Brahes Weg zu Gott" (Brod)
Die Unfertigkeit der Schöpfung und die Krise der Goldmacher (Perutz)
chora - Mathematik jenseits der Sprache (Lacan, Kristeva)
Von allen Seiten unverstanden ging gerade deshalb von Johannes Kepler eine besondere Wirkung auf die jüdische Tradition in Prag aus. Mit Brahe und Kepler entstand etwas Neues, das in seiner Unfertigkeit, ja Unbeholfenheit die visionäre Kraft der jüdischen Gelehrten ansprechen musste. "Noch nicht bereitet" ist die Luther-Übersetzung von "golem" in Psalm 139, ein Embryo, noch nicht zur vollen Lebendigkeit erwacht. Und musste nicht eben so auch die im Entstehen begriffene neue Mathematik wirken, wie sie sich in Prag um 1600 zeigte? Das ist die Vision, um die es hier gehen soll.
300 Jahre später wurde diese Vision in Prag wieder wachgerufen, als mit dem Abriss des Judenviertels und dem bedrohlich werdenden neuen Antisemitismus die jüdische Gemeinde in eine existenzielle Krise geriet. Die Vätergeneration hatte sich fast vollständig assimiliert und von den osteuropäischen Strömungen wie dem Chassidismus entfernt, als eine neue Generation von Schriftstellern sich der eigenen Identität vergewissern musste. Künstlerisch standen sie im Umkreis der europäischen Avantgarde (Symbolismus). In Prag interessierten sie sich für den legendären Rabbi Löw, der selbst einen Golem verfertigt haben soll, den jüdischen Geschäftsmann und Finanzier des Judenviertels Mordechai Meisl und - was überraschen mag - die Naturforscher Brahe und Kepler, alle Zeitgenossen unter Kaiser Rudolf II um 1600.
Max Brod (1884 - 1968) schrieb vor dem 1. Weltkrieg in den Jahren seiner engen Freundschaft mit Kafka (1883 - 1924) den Roman "Tycho Brahes Weg zu Gott". Der Roman ist Kafka gewidmet, dem im Herbst - Winter 1912-13 mit den Erzählungen "Das Urteil" und "Die Verwandlung" der Durchbruch zum eigenen Stil gelang. Zur gleichen Zeit entstand Gustav Meyrinks (1868 - 1932) Roman "Golem" 1908 - 1913. Wenig später folgten 1927 sein Roman über John Dee "Der Engel vom westlichen Fenster" und von Leo Perutz (1882 - 1957) der Roman "Nachts unter der steinernen Brücke", begonnen 1924 und 1943 - 1953 fertiggestellt.
Währenddessen wagte in Paris die Mathematiker-Gruppe Bourbaki eine Wende in der mathematischen Grundlagenforschung. Nach den Fehlschlägen der an Platon orientierten axiomatischen Mathematik gaben sie es ganz auf, die Mathematik auf ein einheitliches, widerspruchsloses Axiomensystem zu gründen und beschränkten sich auf einen bewusst unfertig gelassenen Körper von sogenannten "Mutterstrukturen", womit Mengenlehre, Algebra und Topologie gemeint sind. Diese Strukturen lassen sich nicht aufeinander zurückführen und können daher nur einen groben Rahmen für die Mathematik abgeben. Es bleibt offen, ob neue Sichtweisen hinzukommen, die die Mathematik ganz anders sehen. Stattdessen wurde konsequent eine Diagramm-Technik eingeführt, um Parallelen zwischen verschiedenen Gebieten (insbesondere Algebra und Topologie) herauszuarbeiten. Das öffnete den Weg für die neuen bahnbrechenden Erkenntnisse der Mathematik der 1950er Jahre (Hirzebruch, Atiyah, Singer) und ihre Anwendung in der Physik (Lie-Gruppen, Lie-Algebra in der Teilchenphysik).
Im Paris der 1930er Jahre gab es die erstaunlichsten Querbeziehungen. So fand Bourbaki Resonanz bei den Surrealisten (von denen sich Queneau besonders intensiv mit der Mathematik beschäftigte), in der Philosophie und in der Psychoanalyse, als Lacan immer bewusster "Elemente der Mathematik" (so auch der Titel des Werks von Bourbaki) in seine Arbeiten übernahm. Diese Entwicklung nahm ihr vorläufiges Ende, als 1973 Julia Kristeva in einer Arbeit über die "Revolution der poetischen Sprache" bei Platon auf den Begriff zurückkam, der sich in seinem Werk nicht einpassen ließ und dessen Bedeutung in eine dem biblischen "golem" verwandte Richtung weist: chora, was mit Feld, Ort, Sitz, Halt, Mutter, Amme assoziiert werden kann. chora ist das Dunkle, Mütterliche, wo sowohl die Mathematik wie die Poesie ihren Anfang nehmen und ihre Entwicklungsmöglichkeiten finden.
Tycho Brahe und Johannes Kepler verkörpern die zwei Seiten im Moment des Umschlags der antiken und mit der Renaissance wiederbelebten Mathematik zu einer neuen Mathematik. Tycho Brahe steht noch auf der Sonnenseite. Er hält einen Hof wie ein König, versucht sich als Architekt und Gärtner, regiert wie ein Patriarch, und doch ist dies bereits gebrochen durch seine Leidenschaft für die Astronomie. Seine Frau, seine Kinder und das Gesinde entgleiten ihm, da seine volle Aufmerksamkeit nur der Astronomie gilt. Wenn er zurückkehrt in die königliche Pose, muss das lächerlich wirken. Aber auch in der Astronomie findet er noch keine Ruhe und innere Konzentration. Zwar erkennt er die Mängel des überlieferten Systems, aber in der für ihn typischen Manier will er ein eigenes, unmögliches tychonisches System schaffen, in dem das ptolemäische und das kopernikanische Weltbild zu einem Kompromiss vereint sind. So will er es allen recht machen. Ja, und er nimmt sogar das eigene Gefangen-Sein in den Konventionen wahr. Er wagt es nicht, "Dinge, die mit dem Zeitgeschmack verknüpft waren" (Brod, S. 15) anzutasten.
Er hat das Gefühl, von niemandem verstanden zu werden. Und für einen Außenstehenden ist auch kaum zu verstehen, was er eigentlich will. Seine ganze Hoffnung geht daher auf Kepler, dass der von der fachlichen Seite seine Ideen aufnimmt und zuende führt. Im Innern zerrissen, kann er aber auch Kepler nur widersprüchlich entgegenkommen. Je stärker Kepler seine revolutionären Ideen aufnimmt und sein halbherziges tychonisches System ablehnen muss, was er im Grunde hofft und von ihm erwartet, desto mehr spielt er den Gekränkten und fällt zurück in die höfische Haltung der Missgunst und des Ehrneids, als wolle Kepler ihm seinen Erfolg stehlen.
Und er ist verwirrt von Keplers Erscheinung. Brod führt Kepler mit deutlich golem-haften Zügen ein, "mit dem kleinen, wie unreifen, unentwickelten Gesichtchen" (Brod, S. 20). Merkwürdige Gestalten gab es sicher genug in Prag, so dass das noch hingehen mag. Aber Kepler zeigt zugleich ein ausgeprägt depressives Verhalten.
"So war Kepler. Er hatte kein Herz. Und deshalb eben hatte er von der Welt nichts zu fürchten. Er hatte kein Gefühl, keine Liebe. Und deshalb war er natürlich auch von den Verirrungen des Gefühls sicher." (Brod, S. 163)
Aber auch das ist noch nicht, was Kepler ausmacht. Je länger Kepler sich bei Brahe aufhält und dem Romanleser seine Art zu denken und zu rechnen vorgeführt wird, das Aufflammen seines Interesses, so wie es um fachliche Fragen geht, ansonsten aber seine kaum von Gleichgültigkeit zu unterscheidende Freundlichkeit gegenüber allen, sein fast demonstratives Hinwegsehen über alle Intrigen, von denen es in der Umgebung von Brahe genug gab, wird dieser Zug klarer:
"Die Arbeit schien in seinem Kopfe gleichsam in stetem Flusse, in immer neuer Umformung begriffen, sie zehrte sich selbst auf, verdaute sich selbst und bildete sich ganz im Dunkeln, Unbewussten allmählich zur endgültigen Gestalt. So lebte er in dem sich anhäufenden Material wie in seinem natürlichen Element, fühlte daher eigentlich nur sehr selten das Bedürfnis, sich seiner Gedanken durch die Niederschrift zu entledigen. Sein außerordentliches Gedächtnis unterstützt ihn, ... alles für den einen mystischen Augenblick bereitzuhalten, in dem ihm aus Nähen und Fernen seine 'Gesetze' auftauchen sollten. Bis dahin ... nahm er alles bloß als vorläufige, förmlich unwirkliche Feststellungen hin. Er hatte sein Herz an keine Theorie gehängt, zitterte für nichts und sehnte nichts herbei, verwarf mit Leichtigkeit seine eigene frühere Überzeugung, ... war im wahrsten Sinne des Wortes frei und unbefangen." (Brod, S. 95)
Kepler lebt wie in einer anderen Welt. Sein körperliches Dasein wird mit der Mathematik buchstäblich eins. "Nur Zahlen kamen von seinen Lippen", und "er schwamm schon wieder in seinem Zifferozean." Von seinem wirklichen Dasein bleibt dagegen "nur ein grämlicher, undeutlicher kleiner Schatten seines Wesens übrig." (Brod, S. 94, 99, 21)
Der Golem ist ganz neu konstruiert. Hatte in der klassischen Legende der Kabbalist den Golem aus Lehm geformt und ihm dann Leben einhauchen wollen, indem er ihm die richtigen Worte gab, d.h. in der hebräischen Schrift, in der Buchstaben und Zahlen identisch sind, die richtigen Zahlen, so lebt Kepler gleichsam ganz im Reich der Zahlen. In diesem Sinn scheint er direkt aus dem Bereich zu kommen, wo der Kabbalist seine Spekulationen ansetzt.
In Kepler geht das Wesen des Golem vom unfertigen Menschen über auf die unfertige Mathematik. Oder anders herum gesagt: In Kepler verkörpert sich das unfertige, golem-hafte Wesen der Mathematik. So wird Kepler für Brod die Vision des unfertigen Körpers einer neuen Mathematik.
Das ist eine unvorstellbare Verwandlung, eine gewissermaßen rückwärts gelesene Alchemie, und dieser Gedanke wird bei Kafka und Perutz wiederkehren.
Kepler geht instinktsicher seinen Weg, findet Schritt für Schritt bei Brahe alles was er sucht. In mühseliger jahrzehntelanger Arbeit hatte Brahe ein damals einzigartiges Faktenwissen zusammengetragen. Oft genug hatte er sich von der königlichen Welt abgewandt und seinen Instrumenten gewidmet und überhaupt eine erste Sternwarte gebaut. Auf seine Art hatte er eine Arbeitsweise entwickelt, die eher den Handwerkern und zurückgezogenen Gelehrten glich als den Adligen, aus dessen Kreisen er kam und von denen er deswegen verachtet wurde. Kepler war dieser Weg versperrt. Durch ein Augenleiden war er unfähig, genaue Himmelsbeobachtungen durchführen zu können. Auch diese eingeschränkte Sinnlichkeit gehört zu seinem Persönlichkeitsbild. Aber bei Brahe konnte er alles bekommen, was ihm fehlte. Und ohne je zu drängeln folgte er einfach blind seiner inneren Bestimmung in der Sicherheit, dass Brahe ihm trotz seiner Unentschlossenheit, wissenschaftlichen Eifersucht und all des Trubels an seinem Hof schließlich alles überlassen würde.
Brahe weiß nicht, was er von Kepler halten soll. In Keplers Unfertigkeit droht auch Böses zu stecken, doch wird dies nie greifbar. Es bedarf drei weiterer Begegnungen, um die Übergabe des Wissens an Kepler perfekt zu machen und damit den Übergang der Mathematik in die Wege zu leiten. Kaiser Rudolf II musste den Rabbi Löw treffen, und Brahe musste anschließend erst dem Rabbi begegnen und dann dem Kaiser, genau in dieser Reihenfolge. Brod gelingt eine Konstruktion, wie sie dann zum Grundmuster des Romans von Perutz werden wird.
Als Rabbi Löw zurück von der Audienz beim Kaiser Tycho Brahe begegnet, der als nächster beim Kaiser eintreten wird, kommt es zum Gespräch. Rabbi Löw erinnert an die Geschichte der Demütigungen der Juden in Prag. Und erstmals fühlt Brahe sich verstanden.
"Gierig hörte Tycho zu. Und nun erschien ihm wirklich das Volk der Juden, heimatlos und flüchtig wie er, stets angefeindet wie er, in seiner Lehre mißverstanden wie er und dennoch an ihr festhaltend, ausgeraubt und verwundet wie er, dieses Volk der Mißerfolge, förmlich als ein Symbol seines eigenen Lebenswandels." (Brod, S. 274)
Und ich bin sicher, dass Tycho Brahe in diesem Moment eine Erfahrung nacherlebt, die wenige Augenblicke zuvor auch dem Kaiser im Gespräch mit dem Rabbi widerfahren war. So hat er nicht nur sich selbst erkannt und verstanden gefühlt, sondern war innerlich eingestellt auf den Kaiser.
Tycho Brahes inneres Erzittern wird vom Rabbi wahrgenommen. In wenigen Sätzen beschreibt Brod die höchste Qualität, deren ein Gespräch fähig sein kann:
Rabbi Löw "hatte, wie in Verzückung, die Augen halb geschlossen und wiegte den Oberkörper in langsamen Rhythmen hin und her. Sein Antlitz drückte zugleich Inbrunst des Gefühls wie Scharfsinn der Unterscheidung aus, welch letztere aber keine leere Spitzfindigkeit, sondern freudige Sorgfalt war, der Erhabenheit des Gegenstandes angemessen. So war hier im Dienste Gottes aus dumpfer Innigkeit und Bewusstheit, aus ebendenselben beiden widerstrebenden Richtungen, die Tychos Seele zerrissen, eine lebendige Einheit geworden, die sich unmittelbar auf Tycho übertrug und ihn als etwas Naheverwandtes schon durch den bloßen Tonfall der Worte überzeugte." (Brod, S. 275)
Während Brahe ohne es wissen nachempfindet, wie schon vor ihm der Kaiser auf den Rabbi reagiert hatte, spricht der Rabbi jetzt aus, welche Lehre er beim Kaiser bestätigt gesehen hatte: Gott ist schwach, wir müssen ihn stützen. Und das gilt auch für die Könige und die Lehren, die als Gottes Ebenbild unter die Menschen gesetzt sind. Das gilt für die Väter und alle, in denen sich die göttliche Ordnung unter den Menschen verkörpert. Sie bieten nicht den Schutz und die Kraft, unter denen sich jemand bergen kann, sondern umgekehrt sind sie darauf angewiesen, gestützt zu werden und dass ihnen auf Erden eine Stätte gebaut wird. Der Tempel des Salomo wurde nicht von Gott den Menschen auf Erden geschenkt, als Symbol der Symbole, sondern in mühevoller Arbeit für den Gott errichtet, damit er auf Erden einen Ort der Ruhe findet.
Das heißt für die Astronomie und die Mathematik, dass sie nicht ausgehen kann und sich ausruhen kann bei einfachen Symbolen wie der Kreisgestalt der Himmelsbewegungen, um dann in einer andächtigen, gottesdienstartigen Huldigung darauf ihre Wesensschau aufzubauen, sondern dass umgekehrt harte Arbeit notwendig ist, um aus den zerstreuten Elementen der Erkenntnis eine komplexe, ständig im Werden begriffene Theorie aufzubauen, und auf diesem Weg Gott zu dienen. Die Naturwissenschaft kann nicht länger der Theologie in dem Sinn als Magd dienen, dass sie lediglich in der Natur nach Beispielen sucht, die bestätigen und in der Anschauung verdeutlichen, was von der Theologie bereits als Wesen gewusst ist, sondern sie muss ihren eigenen Weg gehen, und wird gerade dann auf diesem Weg zu Gott finden, wenn es ihr gelingt, eigenständige Leistungen zu erbringen. Das ist auch gegen Platon gerichtet, der empfohlen hatte, die Messungen der Schattenwelt, wie er das irdische Leben verstand, zu verlassen, sich davon frei zu machen und direkt das Licht der Sonne zu schauen.
Das Verhältnis zur Theologie ist neu zu klären und findet in Gesprächen wie dem von Brahe und Rabbi Löw ein neues Ideal. Wie Brod das Gespräch schildert, war auch der Rabbi Löw zutiefst bewegt. Auch die Wege seines Denkens können von den neuen Wegen der Wissenschaft berührt und verändert werden. Dazu ist es seinerzeit offenbar nicht gekommen, aber Brod trifft in seinem Roman genau den Punkt, der wenigstens heute rückblickend als die Hoffnung gefasst werden kann, die damals greifbar nahe lag.
Gleich darauf geht Brahe zum Kaiser. Unter dem Eindruck des Gesprächs mit dem Rabbi Löw sieht er alles ganz neu. Die Gemälde von Bartholomäus Spranger erscheinen wie der Beweis dieser Schwäche Gottes, die sich auf den Kaiser übertragen hat.
"Auf Tycho machte das Bild mit seinen hellbläulichen, frostigen Tinten, mit seiner traditionellen, ohne jeden herzlichen Einfall abgeleierten Ausführung einen unendlich, geistlosen, widerlich süßen, ja lasterhaften Eindruck. Welche ungesunde Verirrung: der ehrsame Bürgersmann, die Mäßigung in Person, muß die Maske der Unzucht anlegen, um dem tugendhaften, strengen, niemals lachenden Kaiser zu gefallen! ... Plötzlich schien es ihm, als gäbe es hier in der Burg überhaupt nichts Jugendliches. Auch die traurigen Zimmer mit ihrem teuren, alten Gerümpel, ... bekamen ... etwas Schlaffes, Verfallenes, Verrunzeltes. ... Oh, Gott selbst war ein Greis, dachte Tycho jetzt, Gott ist hier in diesem öden Schloß Hradschin wie in seinen letzten Zufluchtsort eingeschlossen und wartet auf sein Ende." (Brod, 283f)
Endlich fühlt Brahe sich innerlich frei, auch die letzten Regungen der Wut und Schadenfreude zu überwinden. Direkt stellt er die Frage: Was sucht der Kaiser in all den Kunst- und Naturschätzen, die er um sich herum aufhäuft? Er sehnt sich nach Vollkommenheit, und vermag doch nicht mehr, als zusammenhanglose Bruchstücke zusammenzutragen. Dagegen wirkt Kepler in seiner Art "wie die Vollkommenheit selbst" (Brod, S. 288), und alle seine eigenen inneren Hemmungen überwindend findet Brahe endlich zu sich selbst und wagt es, mit Kepler die offizielle Lehre anzugreifen. Nichts hatte er weniger erwartet, als ausgerechnet damit genau den Ton zu treffen, der den Kaiser überzeugt, um Kepler als seinen Nachfolger zu nominieren:
Brahe sagt: "'Was den Punkt der Astrologie betrifft, so sind wir (Kepler und Brahe, t.) allerdings völlig einer Meinung. Es ist eine allgemeine Verwandtschaft und göttliche Einwirkung des Kosmos wohl zuzugeben, aber sie liegt nicht in den einfachen Prophezeiungen der Horoskope ...' 'So denke ich ja auch', unterbrach der Kaiser, lebhafter als während des ganzen Gespräches, und ein ganzer Schwall von verworrenen Ideen, von Hoffnungen und Neugierde stieg förmlich sichtbar, wie Gewölk am Himmel, in seinem Gesicht auf." (Brod, S. 289f)
Rabbi Löw hatte den Weg bereitet, dass es zu diesem gegenseitigen Verständnis kommen konnte. Konsequent führt Brod seine Vision zu Ende, was 1600 in Prag hätte angebahnt werden können.
Über Keplers persönliches Schicksal wird im Roman nur wenig gesagt. Die schwierigen, ärmlichen Verhältnisse seiner Familie werden genannt. Lange muss er sich von Frau und Kind trennen. Wie fühlt er sich in seiner Haut? Kennt er überhaupt solches Gefühl? Hat er bisweilen doch eine unbestimmte Angst vor einem Doppelgänger, der der Golem ist? Kepler kennt in der Beschreibung durch Brod nur die Angst, nicht genug zu arbeiten und in den Rechnungen etwas übersehen zu haben. Über andere Schicksalsschläge, zum Beispiel, dass er seine Mutter vor der Hexenverfolgung retten musste, wird nicht weiter berichtet.
10 Jahre nach Max Brod griff 1924 Leo Perutz das Thema "Prag um 1600" neu auf. Unter dem Eindruck des Nationalsozialismus - Perutz musste 1938 Wien verlassen und ging nach Palästina, ohne sich dort je heimisch zu fühlen - setzte sich jedoch eine eher pessimistische Deutung durch. Das zeigt sich schon in der eigenwilligen Form des Romans. 15 Novellen bilden nur einen lockeren inneren Zusammenhang und zeigen, wie keiner der tragenden Figuren Einsicht in die größeren Zusammenhänge ihres Lebens möglich ist. Erst am Schluss enthüllt ein Gespräch des Rabbi Löw mit dem Engel Asael den geschichtsphilosophischen Hintergrund, aber auch sie beide bleiben Gefangene eines größeren Geschehens, das sie nicht verstehen.
Asael belehrt den Rabbi, "daß alles, was auf Erden zu Worten geformt wird, seine Spuren in der oberen Welt hinterlässt" (Perutz, S. 249). Während Max Brod darin eine Chance sieht, dass der schwach gewordene Gott von den Menschen Unterstützung bekommt, macht Asael dem Rabbi Löw daraus einen Vorwurf: "(Du) hast in den Plan der Schöpfung eingegriffen und das Gleichgewicht der Welt gestört." (Perutz, S. 250) Rabbi Löw hatte mit magischen Kräften einen Anschlag auf den Kaiser verhindert, der den Juden angelastet worden wäre. Das hätte zu einem Massaker unter den Juden geführt. Dank der Fürsprache durch die Erzväter hatte Rabbi Löws Eingriff ausgeglichen werden können. Später setzte ihn Kaiser Rudolf II mächtig unter Druck, der bei einem Ritt durch das Judenviertel die mit dem Kaufmann Mordechai Meisl verheiratete Esther auf der Straße gesehen und sich ihn sie verliebt hatte, und drohte mit der Vertreibung der Juden aus der Stadt, falls er sie nicht wiedersehen werde. Der Rabbi fand einen vermeintlichen Ausweg, indem er "am Ufer der Moldau unter der steinernen Brücke, vor den Blicken der Menschen verborgen, einen Rosenstrauch und einen Rosmarin" pflanzte (Perutz, S. 253) und dadurch ermöglichte, dass sich jede Nacht im Traum die Seelen des Kaisers und Esthers in Liebe vereinten. Doch Gott blieb das nicht verborgen, und er schlug das Judenviertel mit einem Kindersterben als Strafe für den Ehebruch und schlimmer noch die "Sünde Moabs", dass eine Jüdin Verkehr mit einem Nicht-Juden hatte. Dem Rabbi blieb nichts anderes, als den Rosmarin wieder zu brechen und Esther sterben zu lassen. Damit war nun zwar die himmlische Ordnung wieder im Gleichgewicht, aber alle Beteiligten in Prag hatten ihr Gleichgewicht verloren. Sie waren zurückversetzt in den Stand der unfertigen Schöpfung. Damit nahmen sowohl der Untergang der kaiserlichen Macht in Prag, konkret der 30-jährige Krieg, wie auch das Unheil der Juden in der Stadt ihren Lauf.
Perutz legt dem Rabbi Löw sein eigenes Aufbegehren in den Mund, dass er sich nicht abfinden kann mit einer Schöpfung, die ständig unverschuldetes Leid schafft. Während die herrschende Tradition davon ausgeht, dass Gott den Menschen gewissermaßen "in einem Zug" schuf, erst den Lehmkloß, dann mit Geist erfüllt und kaum später die Frau, gibt es auch Vorstellungen, dass die Schöpfung nicht sofort gelungen ist, sondern mehrfach korrigiert werden musste. Die Schöpfung hinterließ Missgestalten, die immer noch lebendig sind und ihr Unwesen treiben, sie ist weiter offen. Solche Vorstellungen waren besonders im Ostjudentum verbreitet, das dann wiederum in besonderem Maß den Hass der Nationalsozialisten und deren Wüten auf sich zog. Sieht Perutz hier einen inneren Zusammenhang, wo sich in ganz anderen Dimensionen wiederholte, wie bereits in seinem Roman die Gemeinde Prag vom Kindersterben geschlagen war? Wie konnte Gott Strafen gegen die Juden wenden, mit denen er früher die Ägypter geschlagen hatte, damit die Juden zum Exodus aufbrechen und ihre Gefangenschaft verlassen konnten?
Die Figur des Engel Asael gibt klare Hinweise und zeigt, wo solche Ideen sogar im Alten Testament Spuren hinterlassen haben. Rabbi Löw erinnert den Engel Asael an dessen eigene Vergangenheit. Asael war einer der 200 gefallenen Engel, die das Paradies zu bewachen hatten, sich aber in Menschenfrauen verliebten. Und nicht nur das. Asael brachte den Menschen die Fertigkeit der Metallverarbeitung, um Waffen und Schmuck zu schmieden. Das äthiopische Buch Henoch führt weiter aus:
"Asasel lehrte die Menschen Schlachtmesser, Waffen, Schilde und Brustpanzer verfertigen und zeigte ihnen die Metalle samt ihrer Verarbeitung und die Armspangen und Schmucksachen, den Gebrauch der Augenschminke und das Verschönern der Augenlider, die kostbarsten und auserlesensten Steine und allerlei Färbemittel. So herrschte viel Gottlosigkeit, und sie trieben Unzucht, gerieten auf Abwege und alle ihre Pfade wurden verdorben. Semjasa lehrte die Beschwörungen und das Schneiden der Wurzeln, Armaros die Lösung der Beschwörungen, Baraqel das Sternschauen, Kokabeel die Astrologie, Ezeqeel die Wolkenkunde, Arakiel die Zeichen der Erde, Samsaveel die Zeichen der Sonne, Seriel die Zeichen des Mondes. Als nun die Menschen umkamen, schrieen sie, und ihre Stimme drang zum Himmel."
Gott bereitete diesem Treiben mit der Sintflut ein Ende. Asael gilt als derjenige unter ihnen, der nichts bereute und daher in der Hölle Satans Fahnenträger wurde. Zugleich gilt er als der Wüstendämon, dem jährlich ein Sündenbock geopfert wird (3.Mos 16,8-26).
Asael kann sich noch erinnern an "Naema, die Schwester des Tubalkain, der die Spangen schmiedete und die schönen Ketten" (Perutz, S. 255). Tubalkain hatte als erster die Metallverarbeitung aufgenommen.
Von welchen Eltern Tubalkain und Naema abstammen, ist unklar. Einige sagen, sie waren wie Henoch Kinder Kains. Perutz lässt Rabbi Löw gemäß 1.Mos 4,22 Lamech (Lameth) und Silla als ihre Eltern nennen. Es gibt aber auch die Überlieferung, dass Adam in seiner frühen, noch "unfertigen" Zeit nach dem unglücklichen Zusammenleben mit Lilith (einer Nachtdämonin, der griechischen Hekate ähnlich) und vor der Erschaffung Evas mit anderen Dämonen Zwischengestalten zeugte, und eine war Naema. Die von den Menschenfrauen mit den abgefallenen Engeln gezeugten Kinder waren Riesen. All diese Missgeburten mussten von Gott verworfen werden und wurden durch die Sintflut ersäuft.
Oder doch nicht? Das scheint der Geschichtspessimismus von Perutz zu sein. Mit der Metallverarbeitung von Waffen und Schmuck hatte Asael das Gold unter die Menschen gebracht. Die Goldsucher und Goldmacher stehen unter dem Bann, zu diesen frühen dämonischen Quellen zurückzukehren. In ihnen leben die Dämonen und deren Kräfte weiter.
Und Gold ist das köngliche Metall, wie der Kreis und die Sonne Symbol des Königtums. All diese Kräfte entziehen sich der Macht des Rabbi Löw. Indem Gott auf Erden bestimmte Verkörperungen seiner selbst hinterließ, so das Gold und die Könige, hat er unmöglich gemacht, dass unter den Menschen eine allen verbindliche Moral herrschen kann. In deutlichen Worten gibt Rabbi Löw die Anklage Asaels zurück:
"Nicht an mir ist es, sagte er, das Herz der Könige zu wägen, nicht an mir, zu prüfen, welche Schuld in ihm ist. Nicht ich habe in die Hände der Könige die Macht gelegt. Wäre David ein Mörder und Ehebrecher geworden, wenn Er, der Heilige, ihm verstattet hätte, ein Hirte zu bleiben?" (Perutz, S. 254)
Perutz sieht die Geschichte weiter offen. Das Gespräch Asaels mit Rabbi Löw öffnet die Deutung der anderen Bezüge in dem Roman. Das Verhängnis beginnt, als Rudolf II in seinen jungen Jahren, bevor er Kaiser ist, zwei Männern "von riesenhaftem Wuchs und brandrotem Haar" begegnet (Perutz, S. 80), die gerade drei Haufen Geld aus Gold, Silber und Kupfer gemacht hatten. "Sie waren Nachtgespenster oder Dämonen." (Perutz, S. 81) Offenbar haben sie die Sintflut überlebt.
Sie sind die einzigen wahren Goldmacher im Roman. Und mit dem Gold bringen sie Argwohn und Hass in die Welt. Das Gold haben sie dem Juden Mordechai Meisl bestimmt, dem Mann von Esther, die ihn später des Nachts im Traum mit Rudolf II betrog.
Das Gold zeigt ebenso wie der unfertige Lehm, der Golem, die Unfertigkeit der Schöpfung. Goldmachen ist das durchgehende Motiv des Romans: Alle wollen diese dämonische Kraft wiedererlangen. Meisl fällt dank Unterstützung der Dämonen buchstäblich das Gold zu. Der Kaiser läuft ihm nach und treibt es von Meisl ein, ebenso die Alchemisten mit ihren Goldmacher-Projekten, und schließlich auf zynische Art der Hofnarr Brouza, der den Kaiser mit Spottreden herausfordert bis der ihn prügelt und ihm dann aus Schuldbewusstsein einen kleinen Teil des kaiserlichen Goldes abgibt. Brouza bezeichnet dies herausfordernd ebenfalls als "Goldmachen". Verhalten sich der Kaiser und die Alchemisten anders als der Hofnarr? Auch sie wollen auf schändliche Art Anteil am Gold erwerben, das ihnen eigentlich nicht zugesprochen wurde. Nur der Kaiser kann sich immerhin noch darauf berufen, dass die Dämonen sein Wappen auf das Geld geprägt haben. Konsequenterweise begeht der Alchemist Selbstmord, als er hört, der Kaiser haben einen erfolgreicheren Goldmacher gefunden. Der Kaiser wird nachts von Alpträumen verfolgt, in denen ihm Boten des Satans erscheinen und er sich seiner Schuld bewusst wird, ohne sie eingestehen zu können. Meisl lebt blind neben seiner Frau, verfällt nach deren Tod der Ehrsucht und dem Hass und stirbt schließlich einsam und ohne jeden Besitz.
Die Suche nach Gold ist Ausdruck der inneren Unfertigkeit, eigentlich die Suche nach dem eigenen vollständigen Selbst (vgl. C.G. Jung). All diesen Goldsuchern stehen im Roman gegenüber der Maler Brabanzio, natürlich Rabbi Löw und Johannes Kepler, die auf eigenen Wegen mit der Unfertigkeit der Welt fertig werden wollen.
Auch sie scheitern jeder auf seine Art.
Brabanzio wohnt während seiner Prag-Aufenthalte bei seinem Bruder im Haus "Zur Baßgeige". Der war ein Flickschneider und stopfte gerade das Futter eines Mantels "von der Art, die man 'Surtout' nannte" (Perutz, S. 144). "Surtout" heißt "über alles". Mandelartz interpretiert dies als ein Bild des Kleid Gottes und führt weiter aus:
"Die Profession des Flickschneiders ist zunächst einmal wegen der Bearbeitung von Geweben als Metapher für die Herstellung von Texten erkennbar und somit dem Beruf seines Bruders diametral entgegengesetzt. Was er flickt, ist die offenbar schadhaft gewordene Totalität, der Zusammenhang des 'Ganzen', den auch der Roman darzustellen beabsichtigt: 'Einen alten Mantel von der Art, die man 'Surtout' nannte'." (Mandelartz, S. 146)
Auch Psalm 139,15 spricht vom "Weben in den Tiefen der Erde", wobei dort für "Weben" ein hebräischer Ausdruck gebraucht wird, der das Weben kostbarer Stoffe meint (z.B. unter Benutzung von Gold- und Silberfäden). Die "Tiefen der Erde" können auch als der Mutterleib verstanden werden, in dem der Embryo heranwächst. Das zerrissene und zu flickende Kleid ist so gesehen die Auflösung der symbiotischen Beziehung zur Mutter. (Lacan versteht diese ursprüngliche Beziehung als "das Genießen" verbunden mit der Gefahr, von der nächtlichen Macht und dem Mütterlichen gebannt zu werden, Kristeva als das "Semiotische", das aller Sprache vorausgeht, als chora.)
Das Kleid kann als der dem Menschen mitgegebene Körper verstanden werden, in dem er sich wohl oder unwohl fühlt. Schließlich kann das Judenviertel Prags in diesem Sinne als Kleid der jüdischen Gemeinde gesehen werden, der Raum der Kirche als das Kleid einer Gemeinde, in der sie gemeinsam Gottesdienst hält.
"Und er begann, als müsse er dem Maler mit gutem Beispiel vorangehen, eifriger als zuvor an dem Futter des Surtout zu flicken." (Perutz, S. 152)
Der Ausdruck "Flicken" ist einem Weben mit Gold- und Silberfäden deutlich entgegengesetzt. So ist Brabanzios Bruder der erste, der sich dem Bann des Goldmachens entzieht, auch wenn er dann nicht verstehen kann, dass Brabanzio sich zu sehr in das andere Extrem stürzt und gar nicht auf geregelte Einkünfte achtet.
Brabranzio versteht seinen Bruder. Er will das Bild treffen, wie es auf dem Gesicht eines Menschen erscheint, wenn der Mensch zu sprechen beginnt. Lieber zeichnet er arme Menschen, die nicht so wie die Reichen unter dem Zwang stehen, ihren Gesichtsausdruck unter Kontrolle zu bringen und ihre wahren Gefühle zu verbergen. Das ist ihm in manchen Momenten sogar dann möglich, wenn die Natur zu ihm zu sprechen beginnt. Das Bild, das mit dem Sprechen erscheint, ist selbst nicht in Worte zu fassen. Es zeigt das, was bei allen Vollkommenheits-Versuchen immer misslingt und ist genau das Gegenteil von Gold oder Selbstgenügsamkeit:
"Über all dem lag ein Zauber, der mit Worten nicht auszudrücken war, - winterliche Schwermut und Vorahnung des Frühlings oder vielleicht auch nur jene Anmut, die bisweilen der Armseligkeit und der Unscheinbarkeit zu eigen ist." (Perutz, S. 148)
Meisl und der Kaiser treffen sich - ohne sich zu kennen - bei Brabanzio. Beide haben einen Anspruch an die Kunst, der den Zielen Brabanzios zuwider läuft. Meisl will ein Bild seiner Frau, obwohl diese nicht mehr lebt. Brabanzio kann also kein Bild zeichnen, wie es mit dem Sprechen über das Antlitz huscht. Er versteht sofort, dass von ihm verlangt wird, sich mit den Mächten der Nacht zu verbünden, "wie Ulysses zu den Toten hinab(zu)steigen" oder "wie das Weib von Endor ihren Schatten (zu) beschwören" (Perutz, S. 152) (Weib von Endor: siehe 1.Sam 28,3-25).
Dennoch will er es auf Zuraten durch seinen Bruder versuchen, da ihm 8 Gulden versprochen sind, er will in diesem einen Fall also "Gold machen". (Das wird sein Verhängnis werden, denn mit diesem Geld wird er seine letzte Reise antreten, in der Ferne umkommen und in Vergessenheit geraten.)
Wenn schon Esther nicht mehr sprechen kann, so will er Meisl zum Sprechen beginnen. Brabanzio fragt: "Von welcher Art war ihre Schönheit?" (S. 152) Erst auf Nachfragen gibt Meisl die Antwort, dass sie manchmal traurig war und sich zur Nacht sehnte, nachts dann aber im Schlaf stöhnte und um Hilfe rief (Perutz, S. 153). Meisl denkt nicht mehr an Esther, sondern an sein eigenes Unglück, seit er sie verloren hat. Er sehnt sich nach Geborgenheit bei den Mächten der Nacht.
"Sie ist tot, und ich habe keine Freude mehr auf Erden. Der Tag vergeht in Mühe und Plage, bisweilen bringen die Nächte Vergessen, doch an jedem neuen Morgen kommt das alte Leid." (Perutz, S. 154)
Diese Worte finden Widerhall beim Kaiser, der sein eigenes Lebensgefühl ausgesprochen sieht und seine eigene Trauer über den Verlust Esthers. Nicht Brabanzio beginnt zu zeichnen, sondern der Kaiser zeichnet Esther so, wie Meisl sie gesehen hat. Ihm selbst gefiel das Bild nicht, und er warf es achtlos weg. Meisl aber fand, was er gesucht hatte und gab Brabanzio die 8 Gulden, der nicht verstehen konnte, wie er zu diesem Reichtum gekommen war.
Meisl und Rudolf verkörpern zwei Seiten des Mannes, wenn er eine Frau liebt, zwei Bilder der gleichen Frau, die nie in Deckung kommen und daher die Liebe immer verfehlen lassen. Das ist zum einen die im Leben stehende Frau, die dem Mann und seinen Ideen und seiner Kreativität den nötigen Boden gibt, um Halt zu finden, die seine Kinder austrägt. Und das ist zum anderen das Traumbild, das zurückgeblieben ist von der Einheit mit der Mutter, der Wunsch zur Nacht und ihrer Phantasmen, der Wunsch nach Schlaf, unendlicher Ruhe und Geborgenheit und schließlich dem Tod. Das ist die Unfertigkeit der Schöpfung, wie sie seit Adam zwischen Eva und Lilith besteht.
Und ebenso gibt es zwei Wünsche an die Kunst: Meisl will von Brabanzio ein Porträt, um sich daran erinnern zu können, wie seine Frau im Leben leibhaftig aussah. Warum sucht Rudolf die Malerei und was fasziniert ihn bei Brabanzio: Er wird sich dessen nicht bewusst und läuft mit immer mehr Geld immer mehr Kunstwerken hinterher. Aber Perutz gibt die Antwort: Er sucht bei Brabanzio nicht dessen Bilder, sondern dessen Fähigkeit, Menschen zum Sprechen bringen zu können und in dem Moment ihr wahres Bild zu treffen und festzuhalten. So aber bleibt der Kaiser in seiner Traumwelt befangen, ohne wirklichen Kontakt zu anderen Menschen, einsam und wie tot, frühzeitig vergreist, wie Max Brod ihn beschrieben hat.
Rabbi Löw ist ein Sonderfall. Perutz sieht ihn als "den verborgenen König ..., der kundig war der Sprachen der Toten, der die Stimmen der Tiefe hörte und die furchtbaren Zeichen Gottes zu deuten vermochte" (Perutz, S. 13). Ihm werden "die verborgenen Dinge der oberen Welt" offenbart, "die kein Lebender zu ergründen vermag" (Perutz, S. 249). Insofern ist er Brabanzio und Kepler nicht ganz vergleichbar. Doch gibt es gemeinsame Züge.
"Er saß in seiner Kammer über das Buch der Geheimnisse gebeugt, das genannt wird Indraraba oder die große Versammlung. Verloren in die Unermeßlichkeit der Zahlen, der Zeichen und der wirkenden Mächte, hörte er die Schritte der Eintretenden nicht, und erst als sie ihn grüßten "Friede dem heiligen Licht!", kehrte seine Seele aus der Geisterferne zurück in die irdische Welt." (Perutz, S. 13)
Er vermag die abgewandte Seite der Zahlen zu sehen, die Kepler verschlossen bleibt, und anders als Brabanzio hat er Einsicht in die Träume der Menschen. Brabanzio kann die Menschen zum Sprechen bringen, er kann auffangen, was sich in diesem Moment auf ihrem Gesicht zeigt, aber er versteht nicht ihre Träume. Er versteht nicht, was vor sich geht, als auf der Traumebene der Kaiser auf Meisl reagiert und statt Brabanzio ein Bild zeichnet, welches dieser nur nach einer wirklichen Vorlage hätte zeichnen können. Rabbi Löw versteht Träume und böse Absichten und kann sie daher wenn Gefahr droht abwandeln und damit neutralisieren. Er versteht, dass der Kaiser Esther nicht als leibhaftige Frau liebt, sondern als Traumbild, dass hinter all den lasterhaften Bildern in seinem Kunstkabinett nicht der Wunsch nach Sinnlichkeit, sondern die Sehnsucht nach einer verständnisvollen Seele steht. Nur so gelingt ihm das Kunststück, den Kaiser zufrieden zu stellen, ohne dass in der sichtbaren Welt ein "Fehler" unterläuft. (In einer anderen Novelle versteht er, was zwischen Collalto und dem ihn zu Tode hetzenden Baron Juranic geschieht, und kann die Situation buchstäblich bannen, indem er das Bild des "durch die Jahrhunderte hindurch verfolgte(n) und verhöhnte(n) Judentum" an die Mauer zaubert [Perutz, S. 60f]).
Doch der Rabbi kann nur auf Zeichen und Situationen reagieren, sie nicht aber selbst herbeirufen. Dafür braucht er Mittler, und das sind für ihn zum Beispiel die beiden Spaßmacher, die bei Hochzeitsgesellschaften auftreten und aufspielen, Koppel-Bär und Jäckele-Narr. So wie Brabanzio die Menschen zum Sprechen bringen kann, können sie mit ihrem Spiel die vor wenigen Tagen gestorbenen Kinder herbeirufen, die ihnen "von weißem Licht umflossen" erscheinen. Der Rabbi kann diese Vision nicht herbei beschwören, aber er weiß, was Koppel-Bär und Jäckele-Narr zu tun haben:
"Du, Jäckele-Narr, wirst auf der Geige eines von den Liedern spielen, die die Kinder an den Tagen des Laubhüttenfestes singen. Und die Geister der Verstorbenen werden dich hören, denn sie bleiben sieben Tage lang durch die irdischen Melodien mit dieser Welt verbunden." (Perutz, S. 18f)
Wie Brabanzio haben sich die Spaßmacher dem Goldmachen entziehen können. Sie gehen ganz in ihrem eigenen Element auf, unfähig Geld festzuhalten und sich irgendwo zu verwurzeln. Weil sie nicht dem Gold hinterher laufen, treffen sie buchstäblich den richtigen Ton, der die bereits verstorbenen Seelen anregt, nochmal auf die Erde zurückzukommen. Dann erst vermag der Rabbi sie zu befragen.
Und so ist auch das Verhältnis zu Kepler zu sehen. Dem Rabbi wurde die Fähigkeit offenbart, die Zahlen der überlieferten Tradition zu verstehen, so wie diese in der Tora und deren Kommentaren aufgezeichnet wurden. Kepler dagegen ist in der Lage, aus dem ungeordneten Beobachtungsmaterial die dort verborgenen Zahlen zu entziffern. Er vermag jedoch nicht die Zahlen in ihrer Tiefe zu erfassen. Er bleibt in der Welt der unfertigen Schöpfung befangen, die Rabbi Löw im Ganzen zu erfassen vermag. Und daher ist nur der Rabbi in der Lage, wie Hiob im tiefsten Sinn gegen Gott aufzubegehren.
Das ist ganz in jener fatalen Tradition gedacht, die auf den Gegensatz von Antike und Judentum zurückgeht. Die christlichen Gelehrten sehen sich als die Erbverwalter Platons und die Juden auf der Stufe der bloßen Sinnlichkeit des tierischen Menschen stehen bleiben, so das Menschenbild bis zu Jung und Rothacker. Genau spiegelbildlich sprechen die jüdischen Gelehrten nur sich selbst in ihrer Auslegungskunst der Tora das Vermögen zu, das Gotteswort in seiner Tiefe zu erfassen, während die Wissenschaft nicht über den Bereich des oberflächlichen, der Sinnlichkeit verhafteten Verstandes hinaus könne. Giuseppe Veltri zeigt, dass dies auch die Meinung des historischen Rabbi Löw war, der Perutz hier folgt. Diese harte Reaktion ist zu erklären aus dem Druck der anti-jüdischen Stimmung, dem er ausgesetzt war. So kann es geschehen, dass die von der platonischen Tradition verachtete Mathematik mal von den Juden als Leidensgenosse angesehen und mal von ihnen mitsamt dem Christentum zurückgewiesen wird. Brod hatte das aufzulösen versucht, Perutz sieht unter dem Eindruck des Zeitgeschehens die alten Widersprüche bestätigt.
Kepler betont dagegen ausdrücklich, dass er sich aller "Streitigkeiten der Theologen" enthält. Was er tut, "tue ich als ein der Mathematik Beflissener" (Perutz, S. 104f).
Aber welchen Platz lässt Perutz Kepler, wenn einerseits der Kaiser Anspruch auf die Sonnenseite hat, wenn andererseits der Rabbi Löw als der "verborgene König" die "Unermesslichkeit der Zahlen" kennt, wenn der Flickschneider die Totalität der Welt wieder herzustellen versucht und die Künstler wie Brabanzio und die Musiker den Ton treffen, der zwischen der sichtbaren und unsichtbaren Welt vermittelt?
Obwohl Kepler nur in einer Novelle und auch dort nur im einleitenden Teil erwähnt wird, geht von ihm im Roman eine besondere Wirkung aus. Alle Figuren in diesem Roman spiegeln sich gegenseitig. Was bisher über Brabanzio, Rabbi Löw und die Spaßmacher gesagt wurde, schließt Kepler nicht aus, sondern zeigt ihn bereits. Daher genügen ein paar Striche, um ihn zu charakterisieren. So erscheint er wie der Brennpunkt zwischen all den genannten Figuren. Perutz hebt besonders sein Interesse hervor an "des Menschen Natur und Neigung, sein Gemüt und seiner Seele Vernunft" (Perutz, S. 107), weswegen er sich für Astrologie und Graphologie interessiert.
Es heißt von Kepler, "dessen Geist die sichtbare Welt umspannte" (Perutz, S. 101). Das unterscheidet ihn vom Rabbi Löw. Wenn auch ohne anklagenden Ton, übernimmt Perutz die Grundaussage der jüdischen Tradition, dass nur auserwählten Menschen wie Rabbi Löw die höchste Weisheit offenbart wird, während Kepler an der Grenze steht, die gewöhnlichen Forschern erreichbar ist, ohne sie jedoch überschreiten zu können.
Gleichzeitig sieht Perutz - ähnlich wie schon Brod - Kepler als einen gefühlskalten Menschen. Dies Schicksal teilt Kepler mit dem Engel Asael, den Rabbi Löw erst wieder an die früheren Gefühle der Liebe erinnern muss. Auch nach 5 Jahren in Prag fühlt Kepler sich "noch immer (wie) ein Fremder in dieser Stadt" (Perutz, S. 105). Als der kaiserliche Abgesandte ihn demütigt, scheint er das gar nicht zu spüren. Er nimmt ihn einfach nicht mehr wahr, sondern ist bereits vertieft in der Betrachtung einer Schneeflocke, deren sechswinklige Gestalt ihn fesselt (Perutz, S. 109). Wallenstein kann nicht verstehen, wie es Kepler möglich ist, gestört von Alltagsgeräuschen verschiedenster Art sich auf seine Arbeit konzentrieren zu können.
Das liegt daran, dass Kepler sich nicht ablenken lässt von Zielen wie dem Goldmachen. Kepler sagt Wallenstein voraus, dass dieser eine Nacht unter dem Zeichen der Liebe verbringen wird, aber selbst das wird Wallenstein vergällt, weil er sich nicht vom bösen Stern des Geldes trennen kann. Und ebenso wenig wie vom Gold lässt Kepler sich beeindrucken von den anderen Fähigkeiten, die von den Dämonen unter die Menschen gebracht wurden, auch nicht der Astrologie, dem Sternschauen, der Wolkenkunde usw., obwohl das für ihn noch viel näher gelegen hätte. Daher kommt es zum Streit mit dem Abgesandten des Kaisers, der astrologische Voraussagen von Kepler verlangt, und all dies trägt Kepler die Missgunst am Hof bei, die er mit seiner Armut bezahlen muss.
Aber Kepler scheint auch kein Verantwortungsgefühl für die eigene Glaubensgemeinde zu kennen wie Rabbi Löw. Er wirkt tot und leblos, wenn er sich im Leben nicht zurecht findet, sich ungewollt mit allen anlegt, sich buchstäblich "nicht verkaufen" kann. Aber ist das die ganze Wahrheit? Während es scheint, dass die anderen in der Welt zu leben verstehen, sich aber in ihrem Innern wie abgestorben fühlen, sinn- und ziellos in dem weltlichen Treiben umhergestoßen mit ihren ständig wechselnden Moden, Vorurteilen ausgeliefert wie dem Antisemitismus oder blindem Glauben an die Vorhersehung verfallen, ist Kepler mit seinen innersten Zielen im reinen. Und doch schildert Perutz ihn so, dass er selbst sicherlich nicht wie Kepler leben will.
Obwohl Perutz weit stärker als Max Brod zu Grundaussagen der jüdischen Tradition zurückkehrt, ist Kepler für ihn etwas Besonderes. Wenn Kepler ganz in seinen Zahlen und geometrischen Figuren aufgeht, hat das eindeutig Züge von Weltflucht, und nicht ohne Grund wählte Perutz eine Szene, in der er sich mit den kalten, kristallisierten Schneeflocken beschäftigt. Aber gerade durch diese Art ist Kepler zu visionären Einblicken in die sichtbare Welt und kreativen Erkenntnissen fähig. Insofern gleicht er Brabanzio und den beiden Spaßmachern. Dass Erkenntnis der Welt nur möglich ist aus der Position der Lebensferne und fast schon der Todesstarre, ist selbst wiederum Zeichen der unfertigen Schöpfung. Die Welt kann nur verstehen, wer selbst auf das Leben verzichtet, wer sich in die Rolle eines Toten begibt, und erst dadurch aufnahmefähig wird für das, was die sprachlosen Zeichen der Welt zeigen wollen. Keplers Liebesunfähigkeit ist das Spiegelbild der sich nie erfüllenden Liebe all der anderen. Von Todestrieb zu sprechen wäre falsch. Keplers "heruntergekühltes" Leben nimmt vorweg, wie Lacan die Rolle des Analytikers im psychoanalytischen Diskurs sieht. Darin sieht Lacan die einzige Chance, aus dem Labyrinth der Diskurse von Herr und Knecht, Mann und Frau, Wissen und Wahnsinn herauszufinden und diese aus ihrer Erstarrung zu befreien, in der sie in Wahrheit verfallen sind trotz allen strotzenden Lebens, in dem sie zu stehen scheinen. Lacans eigenes Leben, das so ganz im Gegensatz zu Kepler steht, bietet reichlich Zeugnis dafür.
Weil die Mathematik das Unfertige in sich trägt, kann sie helfen, es vielleicht besser zu verstehen und einen Weg dorthin zu finden. Das greift Lacan auf. Er spürt in der Mathematik seiner Zeit etwas, um zu fassen, was sich in der Sprache nicht ausdrücken lässt. Er möchte eine ebenso unanschauliche, ja unverständliche und doch zugleich präzise und in verschiedensten Anwendungen erfolgreiche Sprache finden, wie es der Mathematik möglich ist. Meistens wird der Mathematik ihre Sprachschwäche und Unanschaulichkeit vorgeworfen, aber Lacan sieht genau hier ihre Stärke. Die Mathematik enthält etwas Fremdes, das er in seinem Denken aufgreifen und nutzen will. "Die Mathematisierung allein reicht an ein Reales." (Lacan, Seminar XX, S.141)
Daher baut er algebraische Zeichen, topologische Bilder, Funktionsdiagramme und zugleich stereotype Sprüche (nach dem Vorbild der vorsokratischen Fragmente und chinesischen Weisheit) wie sperriges Material in seine Texte ein und vertraut darauf, dass sie aus eigener Kraft eine ähnliche Wirkung erzielen wie in der Mathematik, dass sie die Texte rauschen lassen und auf eine un-ausgesprochene Art den Leser ansprechen und erreichen. Das Maß der Texte ist nicht mehr Selbstkontrolle oder ein umfassendes Konzept, Wahrhaftigkeit oder Gewissheit, der alles-wissende Autor, sondern ob und wie er bereits beim Sprechen oder Schreiben vom eigenen Text ergriffen wird. Wenn das geschieht, vertraut er darauf, dass der Text auch auf Hörer und Leser seine Wirkung ausüben wird.
Der Text soll auf mehreren Ebenen wirken, die sich gegenseitig verstärken: Auf der Ebene der Textaussage, des "Phänotextes", will er analysieren, warum und wie die bekannten Diskurse in Selbst-Blockaden rennen und wie dies mithilfe der von Freud eingeführten Technik der psychoanalytischen Sprech-Kur aufgelöst werden kann. Mit dem Einbau der Textkörper aus der Mathematik und typisierter Sinn-Sprüche hat er zugleich aber auch eine neue Art von Text geschaffen. Auf der Ebene des "Genotextes" ist er buchstäblich literarisch wirksam. Seine Texte sehen bisweilen so aus wie poetische Texte oder die Texte, die in den einleitenden Abschnitten der modernen Mathematik stehen.
Das wurde keineswegs kritiklos aufgenommen. So wird ihm vorgeworfen, sich mit Absicht hinter einer gewollten Unverständlichkeit zu verstecken, um damit Gedanken, die im Grunde recht einfach und allgemein bekannt sind, die Weihe neuer Erkenntnisse zu verleihen. So stilisiert er sich als eine Art Priester, der nur von denjenigen verstanden werden kann, die ihm gegenüber jede kritische Distanz aufgeben und seine Formeln akzeptieren wie Kultgegenstände, um die herum sich der Diskurs erst organisiert, die aber selbst nicht Gegenstand des Diskurses werden können. Andere nehmen seine "Matheme" wörtlich, um sie lächerlich zu machen, so z.B. die oft zitierte Formulierung: "Das erektile Organ ist [...] äquivalent zu der Wurzel aus minus 1." Oder er bezeichnete die Null und die Wurzel aus minus 1 als Irrationalzahlen, was nicht der Mathematik entspricht.
Ganz anders greift Kristeva seine Schriften auf. Auf der Ebene des Phänotextes sieht sie Lacan stehen bleiben bei den Theorien von Freud. Lacan konnte sich nicht aus den Machtkämpfen der psychoanalytischen Gesellschaften und Zirkel befreien und trat dort geradezu als Dogmatiker auf, als der einzige, der Freud treu blieb. Obwohl er in seinen Texten zahlreiche philosophische und soziologische Fragen streift, ließ er nie einen Zweifel, dass für ihn das klassische psychoanalytische Gespräch und das Aufhellen der familiären Verstrickungen der Patienten der einzige erfolgversprechende Weg ist. Für Kristeva ist dies jedoch ein Verharren in den "Erzählungen" des bürgerlichen Subjekts, das ständig nur um sich selbst kreist und nichts anderes hervorbringt als den "'problematische(n) Held(en)' mit der ewig unerfüllten Seele" (Kristeva, S. 100). Dazu passt auch Lacans bis an die Grenzen der Erträglichkeit reichende Überheblichkeit, bei näherem Hinsehen sicher eher ein Zeichen von Schwäche denn von Stärke, als wolle er mit Gewalt doch noch in die Position eines absoluten Herren zurückfinden und auf aussichtlosem Posten das Bild des männlich bestimmten Subjekts festhalten. In seinem eigenen Leben verhielt er sich nicht viel anders als die von Perutz kritisierten Goldmacher.
Doch mit ihrem Verständnis der "Revolution der poetischen Sprache", womit die Avantgarde-Texte seit Lautréamont und Mallarmé im 19. Jahrhundert gemeint sind, liefert sie den Ansatzpunkt um zu verstehen, was auf der Ebene des Genotextes geschieht. Sie wendet diesen Gedanken nicht direkt auf die Texte von Lacan an und erwähnt die Mathematik höchstens beiläufig, aber dies ist die Frage, um die es hier gehen soll: Wie ändert die Mathematik den Text? Welchen Freiraum gibt die Mathematik mit ihrer Unfertigkeit neuen Autoren, um Texte in Richtung auf die Unfertigkeit völlig neu zu gestalten?
Kristeva kommt nahe an die Idee, dass nicht der geometrische Raum oder die Zahlenreihe, sondern die Unfertigkeit der tiefste Zug der Mathematik ist. Um ein Verständnis für die Revolution der poetischen Sprache zu finden, geht Kristeva auf den von Platon im Dialog "Timaios" eingeführten Begriff der chora zurück.
"Den Terminus chora entlehnen wir Platons Timaios: er soll eine noch ganz provisorische, im wesentlichen mobile Artikulation kennzeichnen, die aus Bewegungen und deren flüchtigen Stasen besteht. (...) An sich geht die chora als Einschnitt und als Artikulation - als Rhythmus - der Evidenz und Wahrscheinlichkeit, der Räumlichkeit und Zeitlichkeit voraus." (Kristeva, S. 36)
chora, das ist "Gesang unter dem Text" (Mallarmé), "'Musik' in den Buchstaben", das sind die "Kraftlinien der fließenden, heterogenen, doch semiotisierbaren chora", das ist "der Ort der Sprache", in den hinein die Arbeit am Text erfolgen kann (Kristeva, S. 41, 72, 184, 205).
Für chora gibt es keine eindeutige Übersetzung. Umgangssprachlich bedeutet chora Landgebiete oder Felder, und liegt damit sprachlich an der Wurzel, bevor sich der mathematische Raum-Begriff und der physikalische Feld-Begriff trennen. Platon assoziiert im Timaios (48e - 52d) Begriffe wie Mutter oder Amme.
Im Timaios sucht Platon nach einer Lehre der Schöpfung und des Schöpferischen. Im Unbestimmten, aus dem die Schöpfung hervorgeht, muss "etwas Positives verborgen" liegen, und das ist in einer ersten Annäherung die "Ortsbestimmtheit", "das, worin es wird", "das Aufnehmende der Mutter", der "Sitz", "irgendwie ein Halt am Sein", alles Versuche, chora zu übersetzen (Natorp, S. 365 - 368).
In der Interpretation der chora folgt Kristeva dann allerdings doch sehr eng dem psychoanalytischen Ansatz von Lacan. Lacan hat die Unfertigkeit der menschlichen Sprache erklärt aus der anthropologischen Erkenntnis, dass der Mensch bei der Geburt noch unfertig ist. In den ersten Lebensmonaten bleibt er in elementarer Abhängigkeit von der Mutter oder einer Amme. Nach der Geburt kommt es daher im Alter von 8 bis 16 Monaten zu einer zweiten traumatischen Erfahrung, wenn die Trennung von ihr bewusst wird (Verlassenheitsängste, Gefühl dass immer etwas fehlt und nie wirkliches Gelingen möglich ist, Entdeckung des fehlenden Phallus, Suche nach Ersatzobjekten mit Fetischcharakter, Abrutschen in einen analen ganz auf Besitz und Aggressivität ausgerichteten Charakter). Nicht ein selbstbewusstes und autonomes Subjekt ergreift in freier Entscheidung die Sprache, wie es die Aufklärung darstellte, sondern die Sprache wird vom Kind in einer Situation größter Bedrängnis und unverstandener Konflikte erworben. Einzelne Worte und Vorstellungen sind daher überladen mit Bedeutungen, die später nicht mit Worten ausgedrückt werden können, sondern die sich von Beginn an in die Worte beim Spracherwerb eingeschrieben haben. Das Subjekt spricht diese Worte nur dann aus, wenn es nicht denkt, und wenn es denkt, bewegt sich das Denken um diese Worte wie um imaginäre Punkte.
In dem Stadium seiner Entwicklung, wenn das Kind die Sprache erwirbt, sucht es Halt bei außersprachlichen Stützpunkten. Das kann ein bestimmtes Verhalten sein, mit dem es in dieser Zeit bei den Erwachsenen gut ankommt. Solche Gesten, Gebärden, Züge von Öffnung oder Rückzug werden später sein Auftreten gegen alle Menschen bestimmen. Es können bestimmte Sicherheiten sein, die es bei den Eltern wahrnimmt, sei es ihr Reichtum, ihre Kraft oder einfach ihre Anwesenheit, die für sich schon Sicherheit gibt. Es können aber auch negative Züge sein wie das Gefühl der eigenen Verlassenheit oder ständig wiederkehrende Fehler der Eltern. In diesem Moment ist für das Kind alles wertvoll, was überhaupt in irgend einer Art und Weise "Bestand" hat, im Umgang mit den Erwachsenen immer wiederkehrt. Das Gesetz der ewigen Wiederkehr ist neutral gegen Gut und Böse.
Was dazu hilft, in dieser Krise zu überleben und Denken und Sprechen zu beginnen, entzieht sich als solches dem Sprechen und Denken. Es kann daher nicht von Verdrängung gesprochen werden, denn verdrängt wird nur, was bereits im Bewusstsein war und was dann das Ich nicht mehr wahrhaben will. Vielmehr geht es dem Bewusstsein voraus und liegt damit noch vor jeder Verdrängung. Es gehört zur Konstitution des eigenen Bewusstseins und ist dessen imaginärer Punkt, das Auge, das sich selbst nicht sehen kann.
Jeder macht diese Krise in seiner individuellen Entwicklung durch. Daher besteht die Möglichkeit, dass ein anderer ihn versteht und ihm hilft. Und es besteht die Möglichkeit, dass es eine Wissenschaft gibt, die gerade solche magischen Stützpunkte zum Gegenstand hat, aber zugleich loslöst von der individuellen Entwicklung und daher trennt von allen konkreten individuellen Entwicklungswegen. Das ist die Vision der Mathematik, wie sie bei Lacan entsteht und mit Kristeva besser verständlich wird.
Wenn in der modernen Mathematik Symbole für die Mengenlehre oder die Algebra eingeführt werden, werden bewusst solche Symbole gewählt, die in ihrer Gestalt keinerlei Bezug auf irgendwelche bestimmten wirklichen Objekte erkennen lassen. Das würde nur stören und ablenken von dem Interesse der Mathematik, die gemeinsame Struktur von allen Objekten zu studieren. Wenn daher diese Symbole eingeführt werden, wird ausdrücklich gesagt, "das will nichts sagen", d.h. mit den Symbolen selbst soll noch keine Aussage und damit noch keine Einschränkung auf bestimmte Objekte vorgenommen werden. Es ist dies das will nichts sagen, was Lacan an der Mathematik interessiert (vgl. Lacan, Seminar XX, S. 100). Denn damit bezieht sich die Mathematik schon vom Ansatz her auf dasjenige, was jenseits der Sprache liegt und verspricht damit Antwort auf die Frage, wie die Halt-Punkte näher bestimmt werden können, die im Stadium des Spracherwerbs außerhalb der Sprache gesucht werden, und die dann in der Sprache die unverstandenen Fix-Punkte bilden.
Nicht ohne Grund hat Lacan schon in seinen frühesten Arbeiten den Begriff des Imaginären der Mathematik entlehnt. Wenn das Kind im kritischen Alter von 8 bis 16 Monaten sich zum ersten Mal selbst im Spiegel erkennt und sich dort so sieht, wie es von Dritten gesehen wird, erfasst es sein eigenes Bild (Imago). Aber es erfasst dieses Bild nie vollständig, weil es nie sicher sein kann, wie es "wirklich" von den anderen gesehen wird. Es macht sich ein Bild von dem Bild, wie es gesehen wird. Das "Imaginäre" soll in einem Ausdruck zusammenfassen das Bildhafte und das, was an diesem Bild fehlt, um es vollständig zu machen, was sich also dem Subjekt immer entzieht und geheimnisvoll bleiben wird.
Welche Bedeutung hat das Imaginäre in der Mathematik? Jeder lernt in der Schule, wie Schritt für Schritt die Zahlen erschlossen werden, indem zu jeder Rechenoperation die Umkehroperation gesucht wird: Mit Zählen und Addieren werden die natürlichen Zahlen erreicht, mit dem Subtrahieren als der Umkehrung des Addierens die negativen Zahlen, mit dem Dividieren als Umkehren des Multiplizierens die rationalen Zahlen, mit dem Wurzelziehen als Umkehren des Potenzierens die irrationalen Zahlen, schließlich mit den Grenzprozessen beim Ableiten die reellen Zahlen. Alle diese Zahlen liegen auf der Zahlengerade und erschließen sie nach und nach vollständig, bis schließlich mit den reellen Zahlen die volle Dichte der Zahlengerade erreicht ist. Nur die Wurzel aus -1 lässt sich nicht auf der Zahlengerade einordnen. Mit ihr ist eine prinzipielle Unvollständigkeit der Zahlengerade und damit im klassischen Sinn der Zahlen erreicht. Sie haben daher etwas Geheimnisvolles und wurden als imaginäre Zahlen bezeichnet. Sie erweitern den Zahlenraum von der Zahlengerade auf die Zahlenebene, in der sich im Gegensatz zur Gerade erstmals Bilder (Imagines) zeichnen lassen. (Genauer: Sie lassen sich nicht durch schrittweise Körpererweiterungen erreichen, sondern nur durch den Sprung zum Körper der komplexen Zahlen, siehe den Abschnitt zur Galois-Theorie in Zur Geschichte der Geometrie.)
Der Lacansche Begriff des Imaginären enthält also dreierlei: (i) das Bildhafte (die Imagines), (ii) das, was jedem Bild fehlt (das Imaginäre im Sinne des Abwesenden), und (iii) die Hoffnung, mit dem Begriff des Imaginären den Punkt gefunden zu haben, um in den Bereich der Mathematik springen zu können und dort ein Verständnis des Imaginären zu finden, das aus den Verstrickungen des individuellen Imaginären hinausführt (die imaginären Zahlen).
Für einen solchen Sprung genügt es aber nicht, den Begriff des Imaginären in Händen zu haben. Wie kann der individuelle Prozess in Gang kommen, die verknöcherten Punkte der eigenen Entwicklung zu verstehen, die gebildet werden mussten, um in der Krise der frühen Kindheit Halt zu finden?
Lacan versteht die psychoanalytische Kur so, dass sich der Analytiker tot stellt durch sein Schweigegebot und den fehlenden Blickkontakt zum Patienten, der auf der Couch liegt. Das soll den Patienten dazu anregen, dies Tote zum Sprechen zu bringen. Der Patient erreicht in seinem Redefluss tote Punkte, wo er ohne zu denken oder sogar gegen die eigentliche Absicht etwas sagt, was dem eigenen Denken widerspricht, oder wo sich das Denken in Kreisel totläuft, die sich um einen toten Punkt drehen, oder wo im Sprachfluss wie Fremdkörper Worte auftauchen, die dort nicht hingehören, was jedoch dem Sprecher selbst nicht auffällt und auf den Hörer befremdend oder lächerlich wirkt. Genau darauf hat der Analytiker zu achten. Solange das Tote innerhalb des Patienten bleibt, kann er es nicht fassen. Wenn der Analytiker dem Patienten die Möglichkeit gibt, durch sein Sich-Tot-Stellen im Analytiker das anzusprechen, was sonst als Totes im Patienten geborgen liegt (Übertragung), kann dem Patienten geholfen werden, aus seiner Selbst-Blockade hinauszukommen. Der Analytiker muss den Patienten provozieren, ihn, den Analytiker, so zum Sprechen zu bringen, dass dabei zur Sprache kommt, was bisher der Sprache entzogen und fremd war.
Die Erfahrungen solcher Praxis hat Lacan zu völlig neuen Erkenntnissen über das menschliche Denken, die Missverständnisse und das gegenseitige Aufreiben zwischen Mann und Frau sowie Eltern und ihren Kindern geführt. Konsequent will er jedoch nie den Boden der von Freud begründeten Psychoanalyse verlassen und bleibt in seinen Schriften und Seminaren dabei, mathematische Begriffe und Zeichen wie Fremdkörper einzusetzen, ohne dass es zu einer inneren Bewegung zwischen Psychoanalyse und Mathematik kommt. Die Mathematik bleibt für ihn das Tote und nimmt damit für ihn die Position des sich-tot-stellenden Analytikers ein, um in Konflikt mit ihr die eigene psychoanalytische Praxis beleben zu können. Erst sehr spät hat Lacan mit Mathematikern systematisch zu arbeiten begonnen. Und der ihm dabei am meisten geholfen hat, Pierre Soury, hat 1981 wenige Monate vor Lacans Tod Selbstmord begangen.
Letztlich folgt auch Kristeva dem psychoanalytischen Ansatz, so sehr sie sonst Lacans Verharren bei den "Erzählungen" kritisiert. Sie versteht die chora als die ursprüngliche Symbiose mit der Mutter vor dem Trauma der Trennung. Für sie kommt alles darauf an, wie diese Trennung gelingt. Wenn die Mutter zu dominierend und "phallisch" oder die phallische Kraft des Vaters zu schwach ist, findet das Kind keinen ausgleichenden Bezugspunkt und vermag in seinem Denken nicht unabhängig und selbständig zu werden. Es trägt immer und in allem das mit sich, was die Mutter von ihm erwartet hat (die "Gräte im Hals"). In der Folge führt das zu selbstzerstörerischen Tendenzen bis hin zum Selbstmord, da das heranwachsende Kind sich aus Angst vor der übermächtigen Mutter nichts traut und buchstäblich verkümmert. Das ist das Bild der fressenden Mutter, die ihre Kinder nicht aufkommen und sie seelisch verhungern lässt. Wird umgekehrt die chora ganz geleugnet, wird also versucht, in einem radikalen Bruch mit der Vergangenheit tabula rasa zu machen, kommt es zu Impotenz und fehlender Kreativität, weil diese weder einen Reibungspunkt noch die nötige Wärme und Geborgenheit finden, um sich vorsichtig entfalten zu können.
Mit chora hat Kristeva den Fremdkörper getroffen, an dem Platons System gerade dort aus den Fugen gerät, wo er die mathematische Beschreibung des Kosmos und der Schöpfungsgeschichte begründen will. chora ist eine Vorstellung des Unfertigen, das die nötige Geborgenheit geben kann, und chora ist das, wo die Stützpunkte des Menschen ihren Ort finden können. Noch vor jeder Raum- oder Feld-Vorstellung ist chora das, wohinein die Mathematik sich entwickeln kann. Mit dieser Vorstellung der chora wird es einfacher zu verstehen, was bei Lacan angesprochen ist.
"Der springende Punkt, wie einige die Idee gehabt haben zu bemerken, ist nicht Kopernikus, es ist eher schon Kepler, wegen der Tatsache, dass bei ihm es sich nicht dreht auf die gleiche Weise - es dreht sich als Ellipse, und das stellt bereits die Funktion des Zentrums in Frage. Dieses, gegen was es fällt bei Kepler, ist in einem Punkt der Ellipse, der Brennpunkt heißt, und, im symmetrischen Punkt, gibt es nichts. Das sicherlich ist korrektiv zu jenem Bild des Zentrums. Aber das es fällt gewinnt sein Gewicht von Subversion nur, indem es hinausläuft auf was? Auf dieses und nichts weiter -
m m´
F = g ------ .
d2
In diesem Schrieb, in dem, was sich zusammenfasst in diesen fünf kleinen Buchstaben, geschrieben in der hohlen Hand, mit einer Zahl dazu, besteht das, was man ungebührlich Kopernikus zuschreibt. Das ist es, was uns entreißt der imaginären, und doch im Realen begründeten, Funktion der Revolution". (Lacan, Seminar XX, S. 48)
Die hier angeführte Formel zeigt allerdings nur einen Übergangspunkt in der Geschichte der Mathematik. Denn die hier genannten Buchstaben beziehen sich direkt auf physikalische Größen: F ist die Gravitations-Kraft (force) zwischen zwei Massen m und m´ (mass), die durch den Abstand d (distance) voneinander entfernt sind. g ist die Gravitationskonstante, die nur physikalisch gemessen werden kann, also ihrerseits wiederum ein Fremdkörper innerhalb der Mathematik. Die physikalischen Beobachtungsdaten zeigten, dass diese Kraft mit wachsendem Abstand proportional zum Quadrat des Abstands abnimmt. Dies Ergebnis kann nicht errechnet, sondern nur gemessen und in einer Formel verallgemeinert werden. Die mathematische und philosophische Frage ist eine andere: Was berechtigt überhaupt, direkt physikalische Größen miteinander zu multiplizieren bzw. zu dividieren, wo die mathematischen Rechenoperationen doch nur für mathematische Größen entwickelt wurden? Was stellt sicher, dass etwa die Division von Masse durch Länge nicht in einen ähnlichen Unsinn hineinführt, als wolle man Äpfel und Birnen miteinander multiplizieren? Dies war die Ausgangsfrage für Hegel, was hier aber nicht weiter verfolgt werden soll (siehe jedoch dazu die Arbeiten von Paul Ziche, Wolfgang Neuser und Markus Semm).
Auch wenn diese Buchstaben noch nicht den Abstraktionsgrad haben wie in der Mathematik des 20. Jahrhunderts, trifft Lacan einen kritischen Punkt bei Kepler: Wo kam dessen Gewissheit her, solche Formeln aufschreiben zu können, noch lange bevor mathematisch und philosophisch geklärt war, dass das Multiplizieren solcher physikalischer Größen überhaupt sinnvoll ist? Damit schlug Kepler den Weg ein, der seither für die moderne Naturwissenschaft typisch ist: Formeln bereits dann aufzuschreiben und für wahr zu halten, wenn sie durch das Tatsachenmaterial bestätigt sind, ohne ihre Bedeutung erklären zu können. Während von den einen die fehlende Erklärung und mehr noch der fehlende Wille, nach einer Erklärung zu suchen, als der verheerende Mangel der modernen Wissenschaft verstanden wird, sieht Lacan hier nicht fehlende Erklärung, sondern das Jenseits der Sprache, dessen die Mathematik fähig ist und nach dem er auf der Suche ist.
Und wie musste es ihn faszinieren, dies Fehlen nicht nur in der Sprachlosigkeit der mathematischen Formel zu erkennen, sondern auch in der Figur, die Kepler zur gleichen Zeit an die Stelle des vollkommenen Kreises gesetzt hatte: die Ellipse mit ihren beiden Brennpunkten. Dort ist der eine mit sich identische Kreismittelpunkt geborsten in zwei Brennpunkte. Die Sonne ist aus der Mitte in einen Brennpunkt versetzt, und zugleich ist "rein mathematisch" daneben ein zweiter symmetrischer Brennpunkt gesetzt, wo sich jedoch Nichts befindet. Der zweite Brennpunkt ist ein Leerpunkt, der aber für die Konstruktion des Ganzen erforderlich ist.
Kepler hatte die Allmacht der überlieferten Symbole durchbrochen. Er hatte sich auf etwas Neues verlassen, das sich seiner Sprache und seinem Denken entzog. Dies war ihm aber nur möglich geschlagen mit einer existenziellen Krise, die sich in seiner Gefühlskälte, seiner "Totenstarre" zeigte.
Doch das ist nur ein Teil der Wahrheit. Wie schon bei den Prager Schriftstellern fehlt auch hier die andere existenzielle Krise, Keplers Sorge um die Mutter, die als Hexe verfolgt wurde und schließlich kurz nach der endgültigen Freisprechung starb, weil ihr die jahrelange Anspannung zu viel geworden war.
Wer der modernen Wissenschaft vorhält, dass sie auf Erklärungen verzichtet, vergisst zu schnell, dass in den früheren Zeiten, wo die unantastbaren Symbole regierten, die Erklärung an Para-Wissenschaften wie Astrologie und Alchemie gebunden war. Ist nicht ohne weiteres klar, dass Kepler ein abweichendes Verhältnis zu Astrologie und Alchemie haben musste, wenn er seine Mutter schützen wollte?
Lacan und Kristeva treffen zweifellos etwas Richtiges: In der Mathematik kann sich etwas äußern, was sich der Sprache entzieht, weil es auf traumatische Art in den Spracherwerb selbst eingegangen ist. Aber das Trauma kann nicht reduziert werden auf die individualpsychologische Konstellation des Kindes, das sich aus der Symbiose mit der Mutter lösen muss.
Vielmehr zeigt sich hier die eingeschränkte Sichtweise von Lacan: Er reduziert das Anliegen der Mutter darauf, dass sie sich mit dem Kind den fehlenden Phallus wie ein Ding verschaffen will und damit das Kind mit den Kraftlinien überzieht, die dieses später als die umfangenden Kraftlinien der chora spürt, aber weder sprachlich benennen geschweige denn im Denken fassen kann. Die Rolle der Mutter wird reduziert auf ihr Omnipotenzstreben, d.h. ihr wird als Haltung das Streben zum autoritären Herren unterstellt, der nach dem Besitz des Absoluten strebt, sei dies nun der Phallus, das Gold oder die Frau, alles Dinge, die nach Lacans Erkenntnis nicht existieren und daher eine unendliche, ewig unbefriedigte und immer aggressiver und verzweifelter werdende Bewegung auslösen bei denen, die nach ihrem Besitz streben.
Wer dies unendliche, ewig unerfüllte Streben als Triebkraft des eigenen Lebens spürt, fühlt sich wie verhext und wirft das schließlich der Mutter vor. Was an der Vollkommenheit fehlt, die Unfertigkeit der Schöpfung, wird dämonisiert und als Dämonisches den Müttern und schließlich allen Frauen zugeschrieben. Wenn auch die Dämonen mit der Sintflut ausgelöscht sein sollten, wird nun in einer anderen Variante als bei Perutz den Frauen nachgesagt, dass ihre Sehnsucht nach Vereinigung mit den Engeln geblieben ist, die ihnen Gold und Schmuck gaben, und dass sie dies in der kritischen Phase des Spracherwerbs auf die eigenen Kinder übertragen. Wenn das so ist, muss aber der von Lacan gewünschte Ausweg aus dem individuellen Schicksal in die Sicherheit einer Wissenschaft, die sich den Fängen der Sprache und den individuellen Verstrickungen zu entziehen vermag, misslingen. Die Mathematik nimmt dann selbst magische Züge an. Wo ihre Unfertigkeit nicht akzeptiert wird, schlägt das Offene der chora um in magische Zeichen.
Soll die an Kepler orientierte Mathematik-Vision etwas Hoffnungsvolles behalten, ist seine Sorge um die der Hexerei angeklagte Mutter ebenso wichtig wie der Bruch mit den Symbolen des Absoluten. Und Hexerei ist keineswegs etwas, was mit dem Mittelalter längst verschwunden ist. Der Hexen-Glauben ging tief in die Aufklärung ein und lebt weiter in der Psychiatrisierung der Frau, deren hysterisches, depressives oder überangepasstes Verhalten für die Fehlentwicklungen der Kinder verantwortlich gemacht wird. Damit wird die Frage wiederum auf die individuelle Verstrickung verkürzt, aus der diese Mathematik-Vision gerade herausführen soll. So ist am Ende diese Mathematik-Vision ebenso unfertig wie ihr Bild der Mathematik. Daher hat diese Vision einen so schweren Stand im Vergleich zu den anderen und droht in der Enttäuschung umzuschlagen in die Vision der Mathematik des Bösen.
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