Mathematik-Visionen aus der Zeit des Faschismus

3. Allmacht der Zahlen

1924 erschien "Zahl und Gestalt bei Platon und Aristoteles" von Julius Stenzel. Für ihn ist die Philosophie Platons in Wahrheit eine "Mathesis universalis". Platon suchte nach einer völlig neuen Deutung der ersten natürlichen Zahlen, die wirklich konträr zu der aus mutterrechtlichen Zeiten überlieferten Symbolik steht. Es wurden nicht neue Symbole für die elementaren natürlichen Zahlen gesucht, sondern den Zahlen wurde überhaupt das Symbolische in diesem überlieferten Sinn abgesprochen. Stattdessen werden sie zu Trägern der innersten Ideen, auf denen alles weitere Denken aufbaut.

Für diese Lehre finden sich allerdings nur verstreute Hinweise und spätere Bezüge. Hauptnachweis ist der 7. Brief, aber bis heute ist umstritten, ob Platon wirklich der Autor ist. Jedenfalls ist diese Lehre nirgends in ähnlich zusammenhängender Weise überliefert wie etwa die naturphilosophischen Ideen im "Timaios" oder die politischen im "Politeia". Ob er bewußt eine Geheimlehre entwerfen wollte, in die nur eine Elite einzuweihen und die vor Verfälschungen durch Dritte zu bewahren ist, oder ob er sich einfach unsicher über die Schlüssigkeit dieser Ideen war, scheint am Ende ungeklärt. Unter den Philologen und Philosophen kam es daher zu einer langen Diskussion, ob es überhaupt berechtigt ist, in der von Stenzel vertretenen Weise von einer ungeschriebenen Lehre Platons zu sprechen.

Diese Diskussion wurde zusätzlich durch ihren politischen Kontext aufgeladen. Stenzel mußte 1933 in Kiel Platz machen für Kurt Hildebrandt, als Kiel zu einer Musteruniversität des Nationalsozialismus aufgebaut werden sollte. Der aus dem George-Kreis kommende Kurt Hildebrandt sprach Klartext: "Für das, was wir heute den totalen Staat nennen, gibt es keine vollkommenere Darstellung als Platons 'Politeia'". Aber auch Stenzel wird zu einem Kreis von Professoren in der Tradition von Ulrich v. Wilamowitz-Moellendorff gerechnet, die in den 1920er Jahren mit Platon eine konservative Kritik an den aktuellen politischen Verhältnissen vortrugen. Nach dem 2. Weltkrieg ging die Diskussion weiter. Vertreter der Platon-Interpretation im Sinne von Stenzel war in erster Linie eine Gruppe von Philosophen in Tübingen, deren Lehrer und Förderer Wolfgang Schadewaldt war. Schadewaldt war wiederum Schüler von Heidegger und einer der überzeugtesten Nationalsozialisten. (Später ist er vor allem durch seine Sophokles-Übersetzungen bekannt geworden.)

Wie auch immer die akademische Interpretation Platons ausgehen mag, jedenfalls zeigt die Interpretation durch Stenzel eine völlig eigenständige Mathematik-Vision, die von größtem Interesse ist. Ich unterstelle einmal, dass sie in den Grundzügen zutrifft und will versuchen, sie eher noch konsequenter weiter zu denken, um den Gehalt dieser Vision deutlicher zu machen. Viele Argumente sprechen dafür, dass die Konservativen sich zurecht auf Platon als einen ihrer Vordenker beziehen, und dass Platon daran gelegen war, politisch und philosophisch eine Elite anzusprechen. Das soll aber nicht davon abhalten, sich mit dieser Vision zu beschäftigen. Denn ebenso hat ja auch umgekehrt Platon keine Scheu gehabt, Gedanken von anderen Schulen aufzugreifen, die seiner politischen Richtung entgegengesetzt waren, nicht zu letzt die Pythagoreer.

Platons Lehre ist eine "mathesis universalis", und aufgebaut auf der Eins ist sie eine Zahlentheorie des Denkens. Damit hat sich die Philosophie natürlich nie abfinden können und hat ihrerseits immer neue Philosophien der Arithmetik geschaffen. Aber auch die Mathematiker wurden nicht recht froh über die Ehre, die Platon ihnen angetan hatte. Er war ihnen zu mythologisch, und vor allem alles das, was zur Fünf gesagt ist, mochten sie nicht akzeptieren. Am Beginn der hier besprochenen Mathematik-Visionen stehen die "Grundlagen der Arithmetik" von Frege und nichts scheint ihm törichter als "schmelzbare Ereignisse, eine blaue Vorstellung, ein salziger Begriff, ein zähes Urteil". Am Ende ist sein Versuch, die Arithmetik und nach ihrem Vorbild die Mathematik "rein wissenschaftlich" widerspruchsfrei zu begründen, gescheitert. Eine Mathematik ohne das Geheimnis, ohne Vision, im Sinne Platons ohne die Fünf, erwies sich als unmöglich. Und dieses Scheitern gehört ebenso zur Vorgeschichte der Mathematik-Visionen in der Zeit des Faschismus wie die phänomenologischen Betrachtungen Husserls.

Literaturhinweise







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