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Multiple Mathematik |
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Aktualisierung und Ergänzungen
Kurzfristige Zyklen in US (Lager, Agrarpreise, Auto, Wohnungsbau)
Rückblick auf die Entwicklung seit der Krise 1973
Kondratieff-Zyklen (Technologie-Sprünge)
Langfristige Preistrends (Verhältnis von Stadt und Land)
IT-Zyklen
Krise der Kreativität
Orientierungsfähigkeit der Marktteilnehmer (Aktien- und Goldmarkt)
Die aktuellen Zahlen bis Januar 2010 zeigen für die USA: Die naturgemäß kurzfristigen Zyklen der Agrarpreise, Lagerbestände für Verbrauchsgüter und Automobilproduktion sind nach einem 2-3-jährigen Niedergang auf dem Weg der Erholung, der bis 2011 andauern sollte. Lagerbestände langlebiger Wirtschaftsgüter werden nur noch in geringem Maß abgebaut und stehen kurz vor der Auffüllung, was den Wirtschaftsaufschwung beflügeln wird. In der Autoproduktion zeigt sich sogar eine Überhitzung mit Produktionsengpässen.
Der Wohnungsmarkt zeigt nach einem extremen Einbruch erste Zeichen einer Aufwärtsentwicklung. Hier sind die mittelfristigen Krisenursachen zu spüren, die sich auch in der Verbraucher- und Staatsverschuldung sowie der negativen US Leistungsbilanz zeigen. Die Fehlentwicklungen gehen auf die 1980er zurück. Bisher ist bestenfalls wieder der Stand von 2000/2001 erreicht. Schon jetzt zeigt sich, wie schwer es fallen wird, einen Ausweg aus der Krise zu finden, wenn der Staat und die Verbraucher im Dilemma stecken, einerseits mit wachsendem Konsum die Wirtschaft anstoßen und gleichzeitig sparen zu müssen, um die Schulden abzutragen. Diese Situation prägt vor allem die Lage in den USA und Großbritannien. Ein Ausweg kann nur gefunden werden, wenn (1) in diesen Ländern ein neues Konsummodell durchgesetzt wird, das durch Umstieg auf lokale Ressourcen und konsequente Vermeidung von Verschwendung und Überfluß bei fallenden Kosten den Lebensstandard hält, und (2) jetzt andere Länder wie China, Brasilien, Indien und Rußland die Initiative ergreifen.
(2) erfordert jedoch eine neue Weltwährungsordnung. Amerika ist aber noch nicht bereit, das zu akzeptieren und möchte wenn irgend möglich an dem nach 1973 eingeschlagenen Weg festhalten. Es wirkt wie gelähmt und gibt damit die Initiative für weltwirtschaftliches Handeln immer stärker an China ab. Auch innerhalb Europas und der USA kommt es zu großen Spannungen. Die Stärke des Euro gegenüber dem Dollar bestätigt zwar, dass der Herd der Krise in den USA zu sehen ist und zu einer globalen Kräfteverschiebung zu Lasten der USA führen wird. Die Einführung des Euro macht es jedoch innerhalb Europas schwächeren Ländern wie Griechenland, Spanien, Italien, Island, Irland, Baltikum und Ungarn unmöglich, ihre Wirtschaft durch Abwertungen zu schützen. Davon profitiert kurzfristig die deutsche Wirtschaft, langfristig wird aber ein Zerfallen Europas alle europäischen Länder schwächen. Auf vergleichbare Weise stehen zahlreiche Staaten der USA wie Kalifornien kurz vor dem Bankrott.
Zu (1): Das Bewußtsein für die Notwendigkeit großer technologischer Änderungen in den Bereichen erneuerbarer Energien, Land- und Wasserwirtschaft, energiesparender Autos und Renovierung des Wohnungsbestandes sowie eines generellen Wandels im Konsumverhalten beginnt sich durchzusetzen, äußert sich bisher aber nur in halbherzigen Initiativen der Wirtschaftsförderung und Finanz- und Steuerpolitik. Offenbar ist die Krise noch nicht deutlich genug in allen gesellschaftlichen Bereichen angekommen, um eine Auflösung von Gruppenegoismen zu bewirken. Der Kopenhagener Umweltgipfel zeigte Ende 2009, dass die Staaten sich zu keiner einheitlichen Politik entschließen können, sondern ein Wettlauf entsteht, wer als erster auf den Zukunftsmärkten (wie z.B. erneuerbare Energien) Erfolg haben wird. Green New Deal bleibt vorerst eine nur wenig ausgefüllte Idee. In der europäischen Industrie und die sie unterstützenden Wirtschaftspolitik scheint immer noch das Bewusstsein zu fehlen, welche fatalen langfristigen Auswirkungen es haben wird, wenn an Investitionen und Subventionen für überholte Produkte, Märkte und Finanzstrategien festgehalten wird, statt die Weichen für eine Umorientierung zu stellen. Die OECD sind stärker daran interessiert, durch weitere Privatisierung der Infrastruktur (Telekom, Elektrizität, Verkehrswege, Wasserwirtschaft) neue Anlagesphären zu erschließen als in einer gemeinsamen Anstrengung überfällige große Projekte in diesem Bereich zu unterstützen.
Viele Beobachter im Westen mögen kaum glauben, dass wir uns derzeit im Ganzen in der Prosperitätsphase eines Kondratieff-Zyklus befinden, weil sie nur die trübe Lage im eigenen Land sehen und nach wie vor die ungewöhnlich hohen, inzwischen seit 1995 andauernden Wachstumsraten in China und Indien ignorieren. Auch auf die Krise 2009 zeigte sich China bestens vorbereitet und konnte erreichen, dass es lediglich zum Rückgang der Wachstumsrate auf 8% kam. Die größte offene Frage ist daher derzeit, welche Grenzen dem weiteren Aufschwung in China gesetzt sind und wie sie überwunden werden können (politische Verhärtung nach innen, Engpässe bei der Energieversorgung, Naturkatastrophen, extreme demographische Entwicklung, Fesselung durch eine Weltwährungsordnung, die den Dollar begünstigt, militärische Aktionen durch USA). Im Prinzip geht es um das Management des Hegemonialkonflikts zwischen USA und China und die Frage, welchen Entwicklungsweg China einschlägt (Ausgleich zwischen Stadt und Land und den Generationen im Innern, Entwicklung von selbständigen Wirtschaftsbeziehungen zu den anderen aufstrebenden Ländern wie Indien, Brasilien, Russland nach außen).Verändert wurden seit März 2009:
Juli 2009: Neu: IT-Megatrends nach Forrester
Januar 2010: Neu: Orientierungsfähigkeit der Marktteilnehmer, Ergänzungen zu den Weizenpreisen
März 2010: Langfristige Zyklen: Überarbeitung begonnen, zahlreiche Fragen sind noch offen
Juli 2010: Überarbeitung der Kapitel "Krise 1973" und "Kondratieff-Zyklen"
Eine Analyse der Lagerzyklen zeigt, dass die kurzfristigen Zyklen ihren Tiefstpunkt überschritten haben und es zu einem 3-4-jährigen Anstieg in W-Form bis 2013-14 mit einer Zwischenkrise 2011-12 kommen wird, die sich im Knick der Verbrauchsgüter möglicherweise bereits ankündigt auf einem ähnlich niedrigen Niveau wie 1998.

Das wird bestätigt durch die Entwicklung der Agrarpreise. Die nachfolgende Graphik läßt allerdings nicht erkennen, wie dramatisch im Vorfeld der Krise von 2009 die weltweiten Agrarpreise gestiegen sind.

Die Industrieproduktion und Kapazitätsauslastung im Automobil-Sektor ist nach wie vor einer der wichtigsten Indikatoren für die kurzfristige Wirtschaftsentwicklung. Im Vergleich zu den Vorjahren ist eine Überhitzung zu erkennen. Allerdings ist zu erwarten, dass sich der langfristige, seit 1973 zu beobachtende negative Trend fortsetzen wird. Die dringend notwendige Produktumstellung auf deutlich kleinere Fahrzeuge mit geringerem Benzinverbrauch und besserer Ausbeute der Motorenleistung ist noch nicht erfolgt. Weltweit wird aufgrund wachsender Nachfrage in den sich entwickelnden Ländern die Autoproduktion zweifellos ansteigen, jedoch überwiegend in China und Indien. Die G6-Länder werden nur eine Chance bei der Entwicklung neuer Technologien haben.

Da die Neubaubeginne im Immobilien-Bereich bereits 2005 in einen Abschwung geraten sind, könnte eine Umkehr bereits früher eintreten. Das ist aber nicht geschehen, da es in Folge der Überschuldung einen gigantischen Leerstand an Wohnungen in US gibt. Der Tiefpunkt wurde im Juli-August 2009 erreicht. Seither zeigen sich erste Anzeichen einer Aufwärtsentwicklung, jedoch deutlich weniger ausgeprägt als in den anderen Wirtschaftsbereichen.

Die mittelfristigen Krisenursachen gehen auf die Krise von 1973 und die anschließend getroffenen Wirtschaftsentscheidungen in den 1980ern zurück. Um die Bedeutung dieser Krise zu ermessen, lohnt ein historischer Rückblick. Die jährliche Wachstumsrate des Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukts betrug weltweit 1000-1820 geschätzte 0,05%, 1870-1913 1,30% (das war die technologisch innovativste Epoche). Sie erreichte in Westeuropa ihren Höhepunkt 1950-1973 mit 4,08% (und Japan mit 8,05%), fiel aber 1973-1998 in Westeuropa auf 1,78% (in den USA von 2,5% auf 2,0%). (Maddison, S. 142, 148).
Die Krise 1973 markiert die Wende. Die Goldbindung des Dollar wurde aufgegeben, was eine weltweite Inflation auslöste. Das traf Westeuropa und Japan mit deutlich höheren Inflationsraten als die USA, da diese Länder stärker von in Dollar berechneten Erdöleinfuhren abhängig sind, die USA durch den Dollar als anerkannte Weltleitwährung relativ abgesichert waren und die Enge der nationalen Märkte in Westeuropa und Japan schmerzhaft spürbar wurde. In der EDV konnten die USA wieder die Führung in dem am stärksten wachsenden Wirtschaftszweig übernehmen. Im Ergebnis entstand ein ungewöhnliches internationales Modell, das dauerhaft nicht tragfähig sein kann: Seit 1980 verkaufen alle industrialisierten Länder und China weit mehr Waren an die USA als von dort importiert wird. Das brachte einige Zeit für beide Seiten Vorteile: In den USA konnten der Wohlstand weiter vergrößert und insbesondere im Finanzbereich historisch einmalige Gewinne erzielt werden, in der EDV wurde ein strategisch wichtiger technologischer Vorsprung gesichert, in Westeuropa und China konnten die klassischen Industrien weiter aufgebaut und darüber Arbeitsplätze gehalten und mit ihnen Löhne und Steuereinkommen erhöht werden. Der große Gewinner waren jedoch kurzfristig die USA. Die Entwicklung des Kurs-Gewinn-Verhältnis der Aktien übertraf in den beiden Jahrzehnten 1980 - 2000 bei weitem alle vorangegangenen Spekulationswellen (siehe die Tabelle weiter unten). Das deckte alle Probleme zu, die in dieser Zeit im Hintergrund bereits offensichtlich waren. Die Inflation ist nur deren Symptom. Finanzinnovationen traten an die Stelle wirtschaftlicher Innovationen und koppelten den Finanzsektor von seiner realwirtschaftlichen Basis ab, was sich im Platzen einer "Blase" nach der anderen entladen mußte. Alle Industrieunternehmen waren über die Aktienfonds einem wachsenden Druck ausgesetzt, Qualität und ingenieurmäßige Leistung einzuschränken zugunsten kurzfristiger Verkaufserfolge. Von der EDV wurde erwartet, diese Lücke durch ein besseres Informationsmanagement zu schließen (Computer Integrated Manufacturing, Enterprise Resource Planning Systeme und andere).
Schon jetzt zeigt sich dramatisch der Effekt, dass die Krise diese weltwirtschaftliche Anomalie zwischen den USA und dem "Rest der Welt" auflösen muß. Die USA können nicht mehr so viel importieren wie früher. Obwohl seit 2009 kreditfinanzierte Werte in die Wirtschaft gepumpt werden, die mehr als 10% des Bruttoinlandsprodukts ausmachen, kann nur ein vergleichsweise mageres Wachstum von 2% erzielt werden. Das kann auf Dauer nicht gut gehen und zeigt, in welchem Maß das Vertrauen in die US-Wirtschaft erschüttert ist. Schien das 1973 eingeschlagene Modell noch 1992 aufzugehen, so ist es 1997 entglitten und hat direkt in die Dotcom-Krise der EDV-Industrie in den USA geführt ("Dotcom" steht für die über das Internet erfolgreichen Firmen xxx.com).

Das wirkt sich verheerend auf die Hauptexportnationen (Japan und Deutschland) aus. Japan verharrt in einer langandauernden Lähmung und hat sich noch auf kein neues Ziel einigen können, um der Wirtschaft und Gesellschaft eine neue Orientierung und Wachstumsimpulse geben zu können. In Deutschland kann das bisher dank Einführung der Euro-Zone aufgefangen werden, da Deutschland von den wachsenden Ungleichgewichten innerhalb der Euro-Zone profitiert, gegen die sich die schwächeren Länder Süd- und Osteuropas durch keine Abwertung ihrer Währung schützen können. Das kann jedoch nur ein vorübergehender Effekt sein, der sofort von den global agierenden Finanzinstitutionen erkannt und ausgenutzt wird, die sich derzeit noch trotz aller anders lautenden Beteuerungen in einer fragilen Interessenidentität mit der deutschen Wirtschaft befinden. Im Ergebnis brechen jedoch Deutschland mit der Krise dieser Länder immer weitere Absatzmärkte weg, und es muss früher oder später in Westeuropa und Japan zu einer gesellschaftlichen Diskussion kommen, die vorhandenen lokalen Ressourcen für dringend notwendige lokale Projekte in den Bereichen Energie, Verkehr, Landwirtschaft, Bildung, Forschung und Gesundheit statt für den Export und Wirtschaftswettbewerb einzusetzen, wenn bis dahin nicht bereits maßgebliche Wettbewerbspositionen gegenüber dem erstarkenden China und anderen Schwellenländern verspielt sind. Derzeit scheint in Deutschland jedoch die Meinung vorzuherrschen, dann im nächsten Schritt von Großaufträgen in China und den Schwellenländern zu profitieren statt mit ihnen in Konkurrenz zu geraten.
Die auf dem US-Markt erzielten Verkaufserlöse wurden nicht in den eigenen Ländern investiert, sondern wiederum an die USA verliehen, um dort das wachsende Staatsdefizit und die Verschuldung der privaten Haushalte zu finanzieren (davon ca. 2/3 für Hypotheken). Unter normalen Umständen hätten die Defizite der US-Leistungsbilanz am Ende des Konjunkturzyklus 1990-2000 wieder ausgeglichen werden und der Eigenheimbau in den USA 2001 einen Abschwung durchmachen und die Konsolidierung des Staatshaushalts fortgeführt werden müssen. Stattdessen wurde durch die weitere Verschuldung künstlich ein Scheinaufschwung aufrecht erhalten, indem die Länder außerhalb der USA in den USA die Nachfrage für die eigenen Produkte kreditierten, die dort abgesetzt wurden.


Aber irgendwo fehlen diese Ressourcen. Sie wurden weltweit dem Ausbau der Landwirtschaft, der Erschließung neuer Energiequellen, dem Klimaschutz entzogen, und was dauerhaft vielleicht noch schwerer wiegen wird, der Forschung und Bildung. Die Landwirtschaft kann nur immer schlechtere und weniger Nahrungsmittel liefern. Das führt zu einer Gesundheitskrise in den entwickelten Ländern (chronische und psychische Erkrankungen, Fehlernährung, Nahrungsmittelskandale etc.) und Hungersnot in den ärmeren Ländern.
Das alte Gesetz setzt sich wieder durch, dass fehlende Ressourcen in der Landwirtschaft zur Inflation führen.
In der öffentlichen Diskussion wird die längerfristig wirkende Krisenursache vor allem am Anstieg des Ölpreises wahrgenommen. Unmittelbarer Auslöser der Krise 2009 waren extrem steigende Preise für Öl und Nahrungsmittel im Jahr 2007, wodurch die Verbraucher in Bedrängnis gerieten, nicht mehr ihre Schulden für Hypotheken und Verbraucherkredite tilgen zu können und aufgrund steigender Rohstoffkosten die Gewinne in der Industrie abzustürzen begannen.

Quelle: Realterm, Langfrist-Graphen, Öl in USD & Gold
Diese Graphik zeigt die historische Bedeutung der Krise 1973, die seit den späten 1990ern nochmals radikal verschärft wurde. Der Autor der Seite "Realterm" weist mit dieser Graphik zurecht darauf hin, dass das Verhältnis von Öl zu Gold nahezu konstant geblieben ist, der steigende Ölpreis also ausschließlich ein Ergebnis der allgemeinen Inflation und nicht die Wirkung von internationalen Ölkartellen der Herstellerländer, Ölspekulanten oder abgesprochener Preispolitik der Ölkonzerne ist. Die Ursachen der Inflation können dauerhaft nur bekämpft werden, wenn das Modell der Massenproduktion ersetzt wird durch dezentrale, intelligente Technologien (siehe dazu den Beitrag zum Keynsianismus, Link).
Die besondere öffentliche Wahrnehmung des Ölpreises ist kein Zufall. Die Krise 1973 war ein Umschlagpunkt innerhalb eines langfristigen Krisenzyklus, den zuerst 1913 Van Gelderen, 1924 und 1929 de Wolff und 1926 der russische Ökonom Nikolai Kondratieff beschrieben haben (eine umfassende Literaturübersicht gibt Joshua Goldstein). Mit der Industrialisierung entstanden 50-60jährige Zyklen, durch die in großen internationalen "Projekten" jeweils neue Technologien eingeführt und der gesamte gesellschaftliche Produktionsapparat entwickelt werden. Der um 1990 abgeschlossene Zyklus war von der Petroindustrie getragen worden in einem weltökonomisch von den USA dominierten Umfeld. In dem neuen Kondratieff-Zyklus kommt es darauf an, die Abhängigkeit vom Öl zu überwinden und neue Technologien einzuführen, die alternative Energiequellen erschließen, lokale Ressourcen bevorzugen und zu einer multipolaren Welt führen.
Kondratieff-Zyklen wurden zuerst als langfristige Preiszyklen beobachtet. Jeder Kondratieff-Zyklus setzt sich aus 4 10-15 jährigen Teilzyklen zusammen: (1) Deflation, Erholung, (2) Preisstabilität, Prosperität, (3) Inflation, Krise, (4) nachlassende Inflation, Depression. Während die Identifizierung der Teilzyklen in der Wirtschaftsgeschichte unumstritten ist, entsteht eine gewisse Verwirrung, weil zahlreiche Theoretiker einen Kondratieff-Zyklus erst mit Phase (2) beginnen lassen und bei ihnen daher die Zyklen um 15 Jahre verschoben sind. Das gilt z.B. für Nefiodow, den heute einflussreichsten Theoretiker der Kondratieff-Zyklen. Für ihn beginnt der 1. Kondratieff-Zyklus erst 1787 und nicht bereits 1776, der 5. Kondratieff-Zyklus erst 1950 und nicht bereits 1936. Über die Charakterisierung der jeweiligen Zyklen besteht aber Übereinstimmung. Mir erscheint überzeugender, einen Kondratieff-Zyklus mit der Erholungsphase beginnen zu lassen. Dann werden deutlich der Aufschwung (Up) der Phasen (1) und (2) und der Abschwung (Down) der Phasen (3) und (4) einander gegenübergestellt. In vielen Modellen wird der Kondratieff-Zyklus direkt auf die beiden 25-30-jährigen Phasen Up und Down reduziert. Alle empirischen Begründungen des Kondratieff-Zyklus argumentieren letztlich damit, dass die Zuwachsraten im Up deutlich höher liegen als im Down. Alle Theoretiker stimmen jedoch darin überein, einen Kondratieff-Zyklus durch das Projekt zu definieren, das in der Prosperitäts-Phase (Phase 2) durchgesetzt werden kann.
| 1776-1828 [1788-1802] |
Baumwolle (Spinnmaschine, Webmaschine), Dampfmaschine, europäische Industrie erobert historisch erstmals international führende Rolle, Indien und China geraten in Abhängigkeit |
| 1828-1885 [1843-1856] |
Eisen, Eisenbahn, Hochseeschifffahrt, Kohle löst Holz als Energieträger ab, reger Wohnungs- und Städtebau, globaler Getreidehandel, dadurch wird Krise der Landwirtschaft in Europa vorbereitet |
| 1885-1936 [1898-1912] |
Chemie, Elektro, Entstehen der Massenproduktion, chronische Krise der Landwirtschaft in Europa, Weltmarkt kann nicht hergestellt werden (das führt zu den beiden Weltkriegen) |
| 1936-1990 [1953-1967] |
Erdöl als Träger für den Auto- und Flugzeugboom, Durchsetzung von Massenproduktion und -konsum, Binnenzyklen des Eigenheimbau und der Autoindustrie werden wirtschaftsbestimmend, seit 1943 Entwicklung der EDV in 10-jährigen Zyklen, der Landwirtschaft werden ständig in einem historisch nie gekannten Ausmaß Ressourcen entzogen, es verbleibt ein technisch unterhaltenes Minimum (Qualität der Nahrungsmittel wird fortlaufend schlechter, Umwelt, Gesundheitskrise zeichnet sich ab, Klimakrise und in Folge Krise des Schadstoffausstoß der Ölmotoren, das droht epochale Krise auszulösen), staatliche Wirtschaftsregulierung (starke Position der Zentralbanken, Zinsregulierung, Preisregulierung in der Landwirtschaft und im Energiesektor, Tarifpolitik, staatliche Einkommenstransfers durch Sozialversicherungen) |
| 1990-2045? [2003-2015?] [2009-2025?] |
intelligente dezentrale Technologien (PCs und Mikrochips, Nano-, optische und Solartechnologien); mehr Ressourcen für Landwirtschaft, Gesundheit und Natur |
Kann es zutreffen, den aktuellen Zeitraum 2003-2015 als eine Prosperitätsphase zu verstehen, vergleichbar den Epochen 1788-1802, 1843-1856, 1898-1912 und 1953-1967 mit ihren spektakulären Umwälzungen auf allen Gebieten der Wirtschaft, Politik und Kultur, oder folgt die Prosperitätsphase der Krise 2009? Was sagen die nackten Zahlen? Der IMF (International Monetary Fund) meldet in seinem Jahresbericht 2009 ein durchschnittliches jährliches Wachstum des weltweiten Bruttosozialprodukts von 3,1% 1991-2001 und erwartet für 2003-2014 durchschnittlich ca. 3,6% trotz der Krise 2009 mit einem weltweiten Rückgang von -1,1% bei einer gleichzeitig fallenden Inflation von 2,4% 1991-2001 auf ca. 1.8% 2003-2014. Zu beiden Veränderungen tragen im wesentlichen die Schwellen- und Entwicklungsländer bei (IMF 2009, S. 169, 177).
2003-2015 als Prosperitätsphase zu verstehen ist angesichts der anhaltenden Wachstumsrückgänge in der westlichen Welt nur möglich, wenn die Kondratieff-Zyklen ihrerseits übergeordneten Wellen angehören, die sich derzeit historisch mit dem Verlust der US-Hegemonie im Abschwung befinden. Das könnte auch Erklärung für eine relativ lange Erholungsphase seit 1990 sein. Die für diese Phase typischen Deflations-Tendenzen haben sich aufgrund der Verschuldungspolitik der USA noch längst nicht durchsetzen können.
Bisher hat sich noch keine anerkannte Basisinnovation durchgesetzt. Es ist offen, ob bereits in den kommenden Jahrzehnten China und Indien technologisch eine führende Rolle übernehmen werden. Nanotechnologie bleibt ein unbestimmtes Schlagwort, das nicht klar fassbar ist. Optische und Solartechnologien decken einen riesigen Bereich ab, dessen Konturen ebenfalls bisher undeutlich bleiben. Als Aufgabenstellung kann aber festgehalten werden, dass es darum geht, den bestehenden schwerfälligen Produktions- und Infrastrukturapparat zu ersetzen durch intelligente dezentrale Technologien und intensivere Nutzung lokal verfügbarer natürlicher Ressourcen. PCs und die intensive Verwendung von Mikrochips in Geräten unterschiedlichster Art sind ein Vorbote, der bereits in den 1990ern das Berufs- und in den 2000ern das Freizeitleben radikal geändert hat. Derzeit entwickelt sich eine Lücke zwischen den individuellen Verhaltensweisen und Erwartungen einerseits und den traditionellen gesellschaftlichen Institutionen wie Kirchen, Parteien, Vereinen, Gewerkschaften oder Universitäten andererseits, deren Folgen kaum abschätzbar sind. Richard Florida sieht hier das Entstehen einer neuen kreativen Klasse seit den 1980ern, die sich sowohl von den Bohemiens wie dem Proletariat unterscheidet. Negri und Hardt sprechen von einer Multitude.
Es scheint so, als fehlt den klassischen Industrieländern des Westens und Japans der Wille und die Kraft, eine Wende einzuleiten. Zu starr wird dort an den liebgewonnenen, überlieferten Strukturen festgehalten. Verkrustete Strukturen in Forschung, Bildung und Gesundheit werden von denen zäh verteidigt, die ihre Privilegien in Gefahr sehen. Länder wie China versuchen einen Weg zu gehen, zunächst einmal ihren Wettbewerbsvorteil dank niedriger Löhne in der Exportindustrie auszuspielen, auf diesem Weg über Joint Ventures Zugang zu bereits eingeführten Technologien zu bekommen und eine eigene, größere industrielle Basis aufzubauen, und sich so auf eine führende Rolle auch in der Entwicklung neuer Technologien vorzubereiten. In einem ehrgeizigen Technologieplan werden vorrangig die 11 strategischen Felder Energie, Wasser, Umwelt, Landwirtschaft, Produktionstechnologie, Transport, IT und Services, Gesundheitsvorsorge, städtische Entwicklung, öffentliche Sicherheit und Nationale Verteidigung bearbeitet. In dem 9-köpfigen Politbüro sitzen 8 Ingenieure und ein Geologe, also eine diametral entgegensetzte Zusammensetzung, wenn die Vorstände westlicher Großunternehmen verglichen werden, in denen Betriebswirte und Juristen die Techniker und Naturwissenschaftler verdrängt haben (Tagscherer 2008, S. 3, 5).
"Was die Zahl seiner Forscher betrifft, so rangiert China seit dem Jahr 2000 hinter den Vereinigten Staaten und vor Japan an zweiter Stelle. ... Bei den Veröffentlichungen im Bereich der Nanotechnologie rangiert China global bereits hinter den Vereinigten Staaten an zweiter Stelle. Der Anteil der chinesischen Patentanmeldungen beträgt 3% aller im Rahmen des Vertrags über die internationale Zusammenarbeit auf dem Gebiet des Patentwesens (PCT) der Weltorganisation für geistiges Eigentum (WIPO) gestellten Anträge und verdoppelt sich alle zwei Jahre." (OECD-Prüfungen im Bereich Innovationspolitik: China, S. 10)
Der OECD-Bericht nennt zwar auch alle Gefährdungen, die China auf diesem Weg drohen, aber es kann die Prognose gewagt werden: 1990 hat ein neuer Kondratieffzyklus begonnen. An seinem Anfang standen 1989 der Zusammenbruch des Sowjetimperiums und 2000 mit der Dotcom-Krise die Wende in der amerikanischen Technologieführerschaft. Das führt bereits in einer ersten Phase zu einer Verschiebung nach China. In einer zweiten, möglicherweise 2015 einsetzenden Phase kann das in China angewachsene innovative Potential freigesetzt werden, und die klassischen Industrieländer werden nur noch vor der Alternative stehen, diesen Weg zu unterstützen oder in die Zweitrangigkeit zurückzufallen. Größtes Hindernis ist nach wie vor eine fehlende neue Weltwährungsordnung, die den Dollar als Leitwährung ablöst.
Die verschiedenen Kondratieff-Zyklen haben eine unterschiedliche Kraft. Das wird mit dem Einfluss eines tieferliegenden langfristigen Preiszyklus zu erklären versucht, der in Europa seit 800 beobachtet werden kann. Seine Ursache sind historische Verschiebungen im Verhältnis von Stadt und Land. Wallerstein und Arrighi interpretieren - mit im Detail unterschiedlichen Argumentationen - diese Zyklen als Hegemonial-Zyklen, in denen sich jeweils eine weltökonomische Hegemonialmacht behauptet. Der Kondratieff-Zyklus seit 1990 ist durch den Niedergang der US-Hegemonie geprägt.
Die Theorie der Hegemonialzyklen stellt den militärischen Aspekt in den Vordergrund. Jede Hegemonialmacht sichert sich durch ein Monopol an der jeweils entscheidenden Militärausrüstung ab. Die online verfügbaren Ergebnisse des Projekts "Imperium oder Hegemonie" von Ulrich Menzel an der Universität Braunschweig liefern umfangreiches Material ( Link ). Genua und Venedig dominierten 1260 - 1480 dank ihrer überlegenen Technik beim Schiffbau und der Navigation. Spanien profitierte 1520 - 1650 vom Monopol an den Silberminen in Südamerika, was ihm den Aufbau einer überlegenen Armee in Europa (Flandernarmee) sowie der Atlantikflotte (Armada) erlaubte.
1609-1713 waren die Niederlande Vorreiter der Strategie der modernen weltweiten Hegemonialmächte. Mit den Gewinnen des von ihnen dominierten Welthandels kann am lokalen Standort eine technologisch weit überlegene Industrieproduktion aufgebaut werden, die zugleich den Vorsprung in der Militärtechnik sichert. Die Hegemonialmächte haben in zunehmendem Maße die Kraft, weltweit die Produktionsstätten auf eine Weise zu verteilen, dass die koordinierende Handelsmacht in ihrer Hand liegt und alle anderen Regionen spezialisiert bleiben und nicht den Status gleichrangiger Nebenzentren erringen können. In dieser Rolle wurden die Niederlande 1713 von Großbritannien und 1930 von den USA abgelöst. (Ulrich Menzel und sein Projekt kommen hier im einzelnen zu den gleichen Zyklen 1919/1945 - 1990 und 1990 - 2030, die oben als Kondratieff-Zyklen vorgestellt wurden.) In den Hegemonialkonflikten heute ist daher die entscheidende Frage, ob es zu selbständigen Handelsbeziehungen zwischen China, Indien, Brasilien und Rußland kommen wird, den derzeit aufstrebenden Wirtschafsgebieten.
Seit der Industrialisierung ermöglichen die Hegemonialzyklen die Kondratieff-Zyklen, da offenbar nur unter der Hegemonie eines bestimmten Landes als Technologieführer die jeweiligen globalen Projekte umgesetzt werden können. Der rein militärische Aspekt der Theorie der Hegemonialzyklen scheint mir jedoch übertrieben. Hier wird die These vertreten, dass langfristige Änderungen im Verhältnis von Stadt und Land die Ursache sind.
Die Geldwirtschaft ist in Europa mit dem Feudalismus entstanden. Das war nur möglich aufgrund einer langen Phase der Produktivitätssteigerung in der Landwirtschaft von 800 bis 1100. Seither konnten sich der Austausch zwischen Stadt und Land und der internationale Handel entwickeln. Langfristige Preistrends bestimmen die Wirtschaft und spiegeln langfristige Verhältnisse zwischen Stadt und Land wider: (1) Wenn die Landwirtschaft floriert, gibt es stabile Preise. (2) Aufgrund wachsenden Wohlstands und besserer landwirtschaftlicher Versorgung gewinnen Städte und Handelszentren an Macht. Ein ständig größerer Anteil der gesellschaftlichen Ressourcen wird auf die Städte und die dort entstehende Kultur und Wissenschaft verlagert und der Landwirtschaft entzogen. Das führt zu Phasen der Inflation, die schließlich in epochalen Krisen münden. Die Preise der landwirtschaftlichen Güter sind bestimmend für die langfristigen Preiszyklen.
Warum die Preistrends 150 Jahre dauern ist meines Wissens nicht bekannt. Die Datenbasis ist auch nach wie vor unsicher. Es kann letztlich nur natürliche Ursachen haben, da offenbar 150 Jahre erforderlich sind, um die Landwirtschaft langfristig nachhaltig auszubauen bzw. zu unterminieren. Möglicherweise liegen langfristige klimatische Zyklen oder Zyklen der Bodenentwicklung zugrunde.
| Entstehen, Aufstieg und Krise des Feudalismus | 800-1100 | Produktivitätsentwicklung in der Landwirtschaft, Entstehen der Geldwirtschaft in Westeuropa, Karolinger, Romanik |
| 1100-1250 | Preisstabilität, Aufblühen der Städte und einer städtischen Kultur in dezentralen Zusammenhängen, Entstehen des internationalen Getreidehandel, Gotik | |
| 1250-1350 | Inflation, verheerende Epidemien und Pest, Naturkatastrophen, Wüstungen (Verfall großer Landwirtschaftsflächen, zu wenig Arbeitskraft wird in die Landwirtschaft investiert), Revolten in den Städten, Bauernkriege und Ketzerbewegungen, an deren Rändern entstehen die ersten Ideen der modernen Naturwissenschaft (Experimentalwissenschaft, Empirismus, erste Ideen für Infinitesimalrechnung, Impetusbegriff) | |
| Renaissance und Gegenreformation | 1350-1500 | Preisstabilität, Wiederaufbau in Westeuropa, Entstehen des Ingenieurwesen, Bergbau in Böhmen, Fortschritte der Landwirtschaft in Süddeutschland, Aufschwung in Norditalien (Florenz, Mailand, Venedig), Laienbewegung (Volkssprache wird Wissenschaftssprache, Naturerkundungen bis zum Überschreiten des Wissensstand von Aristoteles, religiöse Reformideen, Medizin, Alchemie) |
| 1500-1650 | Preisverfall, Zustrom von Edelmetallen aus den amerikanischen Kolonien, Krise der Landwirtschaft in Europa, Dominanz der Kolonial- und Militärmacht Spanien, an den Rand gedrängt entwickeln sich Industrie und Forschung in den Niederlande, England und Schweden weiter, Sieg über Spanien (England schlägt die Armada, Niederlande behaupten die Unabhängigkeit, epochale Krise im 30-jährigen Krieg) | |
| Absolutismus, Industrialisierung und Weltmarkt | 1650-1780 | Preisstabilität. Raubbau führt zur Krise der Edelmetallzufuhr aus Amerika. In Europa erlebt die Landwirtschaft einen langfristigen Aufschwung. Einsatz von neuen Technologien in der Holzbearbeitung und Wasserwirtschaft in Holland, Bergbau und Eisentechnologie in Schweden, neue Technologien in England. Epochale Krise ab 1750. Aufklärung, Unabhängigkeit der USA, Französische Revolution |
| 1780-1930 | langfristig anhaltende, schleichende Inflation, Industrialisierung entzieht der Landwirtschaft Ressourcen, ermöglicht aber zugleich Produktivitätssprung in der Landwirtschaft durch Einsatz von Düngemitteln mit langfristig negativen Wirkungen durch Auslaugung der Böden, Agrarkrise in Europa mit Entstehen des internationalen Getreidehandel und Getreideeinfuhr aus Südamerika, Armut zwingt zu Auswanderungswellen von Europa nach Amerika, in verheerenden Kriegen wird um die Hegemonie auf dem entstehenden Weltmarkt gerungen | |
| 1930-2080? | galoppierende Inflation statt Wende in Preisstabilität, Massenproduktion und -konsum, Krise der Landwirtschaft, Gesundheit und Bildung, wachsende Destruktivität in der Gesellschaft, möglicherweise ist 2005 der Scheitelpunkt dieser Epoche überschritten |
Es gibt ein seltenes Beispiel fortlaufender langfristiger Preisbeobachtungen: die Häuserpreise in der Herengracht von Amsterdam.

Quelle: Jack Malvey (Lehman Brothers): The Global Capital Markets on the Threshold of the Teens: Cyclical Second Wind or Slow Road to Recession, AICPA Conference Nov 2007. Diese Graphik ist auch wiedergegeben auf der Homepage "Markt und Daten".
Hier ist deutlich zu erkennen, wie trotz des Preisverfalls 1790 - 1820 seit Beginn der Industrialisierung 1770 die nominalen Preise ständig oberhalb der realen Preise liegen und sich die Schere nochmals dramatisch in zwei Schritten im 20. Jahrhundert öffnet.
Für die Getreidepreis-Entwicklung liegt eine vergleichbare historische Graphik vor, allerdings nur mit Nominalpreisen:

Quelle: Wellenreiter-Invest, 6.10.2007
Ein Vergleich mit Realpreisen liegt erst ab 1970 vor:
Quelle: Terminmarktwelt
Selbst die stark steigenden Weizenpreise seit 1900 konnten einen realen Wertverlust nicht verhindern. Die Weizenpreise konnten bei weitem nicht mithalten mit den steigenden Goldpreisen, die das Maß der Inflation im 20. Jahrhundert zeigen. Das bestätigt, wie durch die unterschiedlich starke Inflation in den verschiedenen Wirtschaftsbereichen in Summe dem Land Ressourcen entzogen wurden. Auch der Hinweis auf die steigende Produktivität der Landwirtschaft ist kein Gegenargument, da in der Industrie die Produktivität noch stärker angestiegen ist und die gewachsene Produktivität der Landwirtschaft erkauft wurde durch Auslaugung der Böden, Verseuchung mit Pestiziden, Massentierhaltung etc. Erst seit 2000 scheint sich der langfristige Trend des realen Weizenpreises umzukehren. Das ist zwar im ersten Moment verheerend für die Verbraucher und hat 2007 weltweite Hungerrevolten ausgelöst, ist aber ein Anzeichen, dass in kurzer Zeit dem Land wieder vermehrt Mittel zur Verfügung gestellt werden, wenn die Anlage von Kapital in die Landwirtschaft attraktiver wird. Möglicherweise wird eine 1986 bereits begonnene Entwicklung wieder aufgenommen, die 1996-97 zunächst unterbrochen und sogar umgekehrt wurde.
Die IT-Zyklen sind von besonderem Interesse, da hier in den 1980ern mit dem Übergang von Großrechnern zu Personalcomputern (PCs) exemplarisch das Ende der Massenproduktion zu sehen ist (und damit das Ende des Fordismus und des Keynesianismus). Wenn davon ausgegangen wird, dass eine durchgreifende Lösung der Krise nur durch intelligentere, auf lokale Ressourcen gestützte Technologien in lose verbundenen Netzwerken möglich sein wird, ergibt sich daraus die weitere Bedeutung der IT. Zugleich ist die IT Vorreiter einer langfristigen Entwicklung hin zu einer neuen Art der Kreativität, die vor allem mit technisch unterstützter Symbolbearbeitung zu tun hat. Die Möglichkeiten des Internet und Mobilfunks sind ein erster Vorbote. Die Euphorie der 1990er über die New Economy war ein Missverständnis, enthält aber dennoch Elemente, die nach dem Katzenjammer über die dotcom-Krise und die derzeit zu beobachtende Verflachung des Web 2.0 in einer dritten Phase deutlicher hervortreten werden.
Die Information Technology (IT) entwickelt sich seit 1943 in 10-jährigen Zyklen. Bisher waren die Zyken vor allem technik-getrieben. Das hat sich jetzt radikal geändert. Der Zylus 1990-2000 brachte die Vernetzung und das Internet. Der Zyklus 2000-2009 Web 2.0. Hier waren die neuen Ideen erkennbar: Der Schwerpunkt verlagert sich von der Industrie in den Consumerbereich. Mit Linux setzt sich die Open Source Idee durch. Maßgebliche Software wird nicht mehr von großen Konzernen wie Microsoft (und jetzt nochmals auf einem anderen Gebiet Google) geschrieben, sondern von freien Netzwerken. Diese Entwicklung ist Trendsetter eines neuen Arbeitsmodells, das sich von der IT ausgehend auch in anderen Bereichen durchsetzen könnte. Es verlangt jedoch ein radikales Umdenken.
| 1943 - 1953 | Pionierphase (Zuse, ENIAC) |
| 1953 - 1963 | Technische Projekte, Maschinensprachen (Assembler) |
| 1963 - 1973 | Kommerzielle Projekte (COBOL), Hochschulprojekte (ALGOL, Unix, Lisp) |
| 1973 - 1983 | Universalrechner (IBM), Datenbanksprachen (SQL, 4GL-Sprachen) |
| 1983 - 1993 | Personalcomputer (Apple, Microsoft, Intel) |
| 1993 - 2003 | weltweite Netzwerke (Internet, Mobilfunk) |
| 2003 - 2013 | Web 2.0, Open Source |
Nefiodow (Vortrag 2002) betrachtet erst die Entwicklung ab 1953 und fasst jeweils 2 Jahrzehnte in eine Phase zusammen. Er deutet den Zeitraum 1950 - 2010 als einen Kondratieff-Zyklus, der jetzt zuende geht. Für ihn sind die Möglichkeiten der IT damit weitgehend ausgeschöpft, und er erwartet neue Aufgaben auf dem Gebiet der Gesundheit.
Für Forrester Research ist die Krise 2008-09 nur Vorbote neuer Megatrends, die 2015 voll sichtbar sein werden.
Globalisierung Phase 2: China / Indien / Brasilien / Rußland werden in absehbarer Zeit Nordamerika / Westeuropa (G6) überholen. Globale Unternehmen werden daher alle Bereiche von Forschung bis Supply Chain globalisieren müssen. Lokales Management wird an Bedeutung gewinnen. Es wird einen internationalen Wettkampf der Fachkräfte untereinander geben. Es wird zugleich einen internationalen Kampf um solche Manager und Fachkräfte geben, die in der Lage sind, globale Prozesse zu managen. Globale virtuelle Teams gewinnen an Bedeutung, unterstützt durch Wikis, Blogs etc, statt der klassischen pyramidalen Hierarchien.
Invisible IT: IT wird aufgehen in die Geschäftsbereiche (Business Technology). Die Geschäftsbereiche definieren ihre eigenen globalen Anforderungen und werden direkt mit den jeweiligen Lieferanten sprechen, zu einem großen Teil mithilfe externer Services.
Verbraucherorientierung (consumerization): Entwickler sind heute nicht mehr auf die Infrastruktur (Entwicklertools, Rechner) angewiesen, die nur ein IT-Unternehmen anbieten kann. Sie können alle Tools lokal einrichten, Web-Anwendungen entwickeln und diese global anbieten. Bei Facebook waren 2009 400.000 Entwickler vernetzt, die 24.000 Anwendungen anbieten. Oracle oder SAP entwickeln immer neue Funktionalität, aber verlieren die Akzeptanz der Anwender, die nur mit solchen Programmen arbeiten wollen, wie sie die aus dem Internet kennen. Auf der anderen Seite sind inzwischen alle Verbraucher an das Internet angeschlossen, die Performance der Netzzugänge hat sich deutlich verbessert, und daraus resultiert eine große Nachfrage nach unterschiedlichsten Internet-Angeboten, die den Software-Anbietern weiter eine große Zukunft geben.
Technologie-Trends: X Internet (Extended Internet) mit Frontends auf Geräteebene wie z.B. Rfids, Information Workplace (große Mobilität, eher HomeOffice als klassischer Büroarbeitsplatz), dynamische statt statische ERP-Anwendungen (nahe am Endanwender, Benutzeroberfläche wie aus dem Consumer-Bereich, leicht anpassbar an veränderte Geschäftsmodelle). Daraus resultieren neue Anforderungen an Stammdatenverwaltung (Master Data Management) und GRC (Governance, Risk und Compliance).
Bis heute gibt es keine Gesamteinschätzung der Bedeutung und der Wirkungen der IT. Dem OECD-Milleniumsbericht von Maddison ist die große Enttäuschung anzumerken, dass entgegen allen Erwartungen der Einsatz von IT nicht zu den erhofften Produktivitätssteigerungen geführt hat. Im Gegenteil ist der Zuwachs der Produktivität sogar dramatisch gefallen.
"In den Jahren 1950-1973 hatte die Arbeitsproduktivität jährlich um 2,8% zugenommen. Zwischen 1973 und 1998 fiel die Zuwachsrate auf 1,5%; das war die niedrigste seit 1870 jemals über längere Zeit verzeichnete Rate. Zwischen 1913 und 1973 lag das Wachstum der gesamten Faktorproduktivität (d.h. die Reaktion der Produktion auf den kombinierten Einsatz der Faktoren Arbeit und Kapital) in den Vereinigten Staaten im Schnitt bei 1,6-1,7% jährlich. Zwischen 1973 und 1998 wurde etwa ein Drittel dieses Wachstumstempos erreicht." (Maddison, S. 153)
Am auffallendsten ist der Stillstand des Wachstums der Produktivität innerhalb der IT selbst. Trotz aller Bemühungen hat sich die Produktivität bei der Software-Entwicklung seit 1973 kaum verändert. Ich gehe davon aus, dass eine Umwälzung erst möglich wird, wenn die in den 1940ern entwickelte Grundlagen (Theoretische Informatik auf Basis von Linearer Algebra und Wahrscheinlichkeitstheorie) verlassen wird. Hier sind die gleichen Grenzen erreicht wie bei den überlieferten mathematischen Methoden der Betriebs- und Volkswirtschafslehre (siehe dazu auch Mathematik und Ökonomie).
Die aktuelle Krise droht dann in eine epochale Krise vergleichbar den Krisen 1400 oder 1800 überzugehen, wenn sie gleichzeitig zu einem Rückgang aller wirtschaftlichen Aktivitäten und zu einer Selbstblockade der kreativen Fähigkeiten des Menschen führt, die für einen Ausweg und einen Aufschwung gebraucht werden.
Zahlreiche Anzeichen deuten darauf hin, dass sich eine solche kritische Situation zumindest heranbildet. In den öffentlichen Medien und in den Parteiprogrammen kann fast nirgends mehr die Wahrheit offen ausgesprochen werden. Der Hörer bzw. Leser ist darauf angewiesen, die Botschaften zwischen den Zeilen zu verstehen.
Als erstes nehmen die Schüler und jungen Heranwachsenden diese Situation wahr. In den Schulen zeigt sich eine "Motivations-Krise", da die Schüler spüren, dass eine weiter reichende Orientierung und gemeinsam anerkannte Werte fehlen.
Nefiodow hat in einem Vortrag 2002 die beunruhigenden Fakten zusammengestellt:
"Der weltweite Drogenmarkt erreicht jährlich ein Volumen von etwa 800 Mrd. US $.
Für Alkohol wird weltweit mehr ausgegeben als für Forschung (600 Mrd. US $ / Jahr).
Angst kostet die Weltwirtschaft jedes Jahr rund 1.000 Mrd. US $; jeweils ebenso hoch sind die durch Kriminalität sowie durch Korruption / Bestechung entstehenden Kosten.
Mindestens 30% aller Patienten, die einen Arzt aufsuchen, leiden vorwiegend an seelischen Erkrankungen.
Depressionen werden nach einer Studie der UNO in den nächsten 20 Jahren die zweithäufigste Todesursache sein.
42% der US-Amerikaner leben in Armut, rund 50 Mio. sind nicht krankenversichert, weitere 50 Mio. sind unterversichert
Mehr als 50% der Ehen in den USA gehen in die Brüche, 40% der amerikanischen Kinder wachsen nicht bei ihrem leiblichen Vater auf.
2% der männlichen Arbeitsbevölkerung der USA saßen 1995 hinter Gittern und unter Bewährungsaufsicht.
Jeder fünfte erwachsene männliche Amerikaner im erwerbsfähigen Alter ist kriminell.
Das Wegsperren eines Kriminellen kostet die USA jährlich etwa so viel, wie jemanden zur Harvard-Uni zu schicken. (...)
In Deutschland geht jeder vierte Millionenbrand in der Wirtschaft auf Sabotage zurück.
Jeder vierte Deutsche betrügt seine Versicherung.
Im deutschen Einzelhandel wird mindestens 8 Millionen Mal im Jahr gestohlen.
300.000 Minderjährige werden in Deutschland jährlich sexuell missbraucht.
60% der deutschen Führungskräfte leiden unter Neurosen wegen Überforderung." (Nefiodow 2002)
Er fasst zusammen, dass derzeit die durch Destruktivität und Krankheit verursachten Kosten ungefähr ein Drittel des Weltsozialprodukts betragen. Für ihn sind daher Basisinnovationen im Bereich Gesundheit zu erwarten, um neue tragfähige Kondratieff-Zyklen erreichen zu können.
Er hält eine Umorientierung des Gesundheitswesens für erforderlich. "Im 6. Kondratieff steht erstmals in der Geschichte keine Maschine / keine Hardware sondern der Mensch mit seinen seelischen, ethischen und sozialen Potenzialen im Mittelpunkt des Wirtschaftsgeschehens!!!"
So sehr er mit diesen Appellen recht hat, kann auf diese Weise nur erfolglos versucht werden, an den Symptomen zu arbeiten. In den bisherigen Kondratieff-Zyklen ist schrittweise die industrielle und inzwischen globale Infrastruktur aufgebaut worden. Sie ist technisch geprägt durch die Innovationen, die in den vergangenen Jahrhunderten zur Verfügung standen (Dampf, Eisen, Elektro, Chemie, Erdöl, Massenproduktion). Die gesellschaftlichen Ressourcen sind fast ausschließlich in diese Bereiche investiert worden, da es gleichzeitig möglich war, kurzfristig die Produktivität der Landwirtschaft durch den Einsatz von Düngemitteln und Motorisierung außerordentlich zu erhöhen. Die Folgewirkungen zeigen sich erst jetzt.
Alle Vorschläge von Nefiodow für eine Umorientierung des Gesundheitswesens sind richtig, aber reichen in dieser Weise nicht aus. Die gesundheitlichen Probleme erwachsen aus dem in den letzten Jahrhunderten entstandenen gesellschaftlichen Modell der Massenproduktion und des Massenkonsum. Das hat - um nur einige Stichworte zu nennen - zu der ungeheuren Mobilisierung, Informationsüberfülle und Erschöpfungszuständen geführt, die sich in den Krankheiten und der Kriminalität äußern. Um dies Problem lösen zu können, ist daher eine Umorientierung der Infrastruktur notwendig, die zu den Krankheiten führt.
Die Geschichte der Kondratieff-Zyklen war immer begleitet von großen Umwälzungen im Bereich Ausbildung und Gesundheit. Mit dem ersten Zyklus wurde ab 1800 die allgemeine Schulpflicht in Europa eingeführt. Im Verlaufe des 19. Jahrhunderts entstanden die Realschulen und Technischen Hochschulen, seit 1960 wurde die Universitätsausbildung sprunghaft gesteigert. Ihr Anteil pro Jahrgang stieg von 10% auf 50% und hat zu den heute bekannten Massenuniversitäten geführt. Das Gesundheitswesen wurde in Folge der neuen Entdeckungen in Chemie und Elektro völlig umgewälzt (Entwicklung neuer Medikamente und umfassende Ausstattung durch neue Behandlungsgeräte).
Das soll zeigen, dass Bildung und Gesundheit immer ein Thema waren. Heute geht es um neue Aufgaben, die erst undeutlich Konsens finden.
Womit Nefiodow sicher recht hat, ist die Schwierigkeit, dass dies ein Umdenken erfordert, das zugleich durch den aktuellen Zustand blockiert wird, den es zu bewältigen gilt.
An einigen Beispielen sollen mögliche Ausgangspunkte für neue Entwicklungen gezeigt werden:
Open Source kann einen möglichen neuen Trend zeigen. Ausgehend vom Betriebssystem Linux und der Textverarbeitungs- und Tabellenkalkulations-Software Star Office werden die Programme allen zugänglich gemacht. Die Entwicklung erfolgt nicht mehr durch einen Hersteller wie Microsoft, sondern durch eine große Community freier Software-Entwickler. Die nötigen Einnahmen kommen durch Support und Projekte herein.
Möglicherweise führt die Krise zum Zwang, dass viele sich wieder verstärkt der Eigenversorgung (Subsistenzwirtschaft) zuwenden müssen. Daraus könnte ein Trend entstehen, kostspielige Freizeitgestaltung wie heute üblich mit jährlichen Fernurlauben, Städtereisen etc aufzugeben zugunsten von Nebentätigkeiten in der Landwirtschaft. Das könnte die heute favorisierten work-life-balance-Konzepte grundlegend verändern.
Mich persönlich interessiert besonders: Neue mathematische Ideen warten weiter auf ihre Stunde. Nach wie vor ist alles dominiert von Linearer Algebra, Formaler Logik und den einfachen kaufmännischen Rechenmethoden, wie sie in Excel-Sheets genutzt werden. Neue mathematische Methoden liegen brach. Mathematik verkümmert zu einer historischen Wissenschaft, wie früher einmal mathematisch geforscht wurde.
Logik des Zerfalls bedroht Kreativität.
Paradigmen-Wechsel in der Psychiatrie notwendig. Siehe "Sanctuary Model" von Sandra Bloom.
Sind die Märkte so komplex geworden, dass ihre Signale nicht mehr gehört werden? Haben die fortschreitende Verschuldung der privaten Haushalte und staatlichen Organisationen dazu geführt, dass der Bezug zur Realität verloren gegangen ist? Hat die Finanzkrise seit 2007 endgültig das Vertrauen zerrüttet, Besonnenheit könnte in der heutigen Wirtschaftsethik irgendeine Bedeutung bekommen außer in hohlen Phrasen?
Eine Antwort können am besten die undurchsichtigsten Indizes geben: die Entwicklung des Goldpreises und das Kurs-Gewinn-Verhältnis der Aktien.
In den Goldpreis fließen (a) eine fast mythische Faszination des Goldes ein - seit der König Midas lernen mußte, dass niemand Gold essen kann -, (b) Teile der Industrienachfrage und damit der zyklischen Entwicklung der Produktion, für die Gold ein Rohstoff ist, (c) der Absatz von Luxusprodukten (die Schmuckindustrie fragt mehr als 50% des gehandelten Goldes ab), (d) Förderkosten für Gold und Ergiebigkeit der bekannten und genutzten Goldminen, sowie (e) ein instinktives Sicherheitsbedürfnis, das aus allen Papiertiteln in anfassbares Gold flieht. (f) Heute kommt erschwerend hinzu, dass Gold nicht nur als Metall erworben werden kann, sondern dass in der Regel Goldzertifikate gekauft werden, deren Einlösbarkeit jedoch gefährdet ist. (g) Für die Bewertung des Goldpreises sind die allgemeine Inflation und die relative Stärke oder Schwäche der Währung zu berücksichtigen, in der das Gold gehandelt wird. (h) Dies alles macht den Goldpreis anfällig für Spekulationen bis zu Verschwörungstheorien. LEAP/E2020 vermutet, dass derzeit der Goldpreis künstlich niedrig gehalten wird, da die US Notenbank ein Interesse an einem niedrigen Goldpreis hat und viele Käufer von Gold-Zertifikaten nicht bedenken, dass sie in Krisensituationen ihre Zertifikate nicht einlösen können.
Gleicherweise überlagern sich im Kurs-Gewinn-Verhältnis (Price-Earnings Ratio) am Aktienmarkt verschiedene Trends: (a) kurz- und langfristige Markterwartungen der Käufer, (b) wachsende Verschuldung der Unternehmen, die verstärkt über die Ausgabe von Aktien Kapital beschaffen müssen, (c) Aktienhandel als neuer Geschäftszweig der Banken, der mal gefördert und mal reguliert wird (Aufstieg und Niedergang von Investmentbanken), (d) Spekulationswellen wie zum Beispiel beim Dotcom-Crash, (e) Verlagerung der Altersvorsorge auf Aktien (durch Privatpersonen und Pensionsfonds).
Das Kurs-Gewinn-Verhältnis zeigt, wie weit sich der Aktienkurs eines Unternehmens von dessen Gewinn, also dessen wirtschaftlicher Stärke entfernt. Je optimistischer die Marktlage und die weitere Entwicklung der Kurse bewertet werden, desto höher steigt das Kurs-Gewinn-Verhältnis. Das wird in den extremen Ausschlägen immer ein Anzeichen wirtschaftlicher Unvernunft und Verblendung sein. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis kann auch im Ganzen verfälscht sein, je stärkeres Gewicht Unternehmen aus dem Finanzsektor (Banken, Versicherung) erhalten, denn dann können Gewinnerwartungen in Gesellschaften, die mit Aktien handeln, ihrerseits den Wert von Aktien beeinflussen.

Kurs-Gewinn-Verhältnis (Price-Earnings Ratio) am Aktienmarkt, Zinssatz für langfristige Darlehen (Long Term Interest Rates) Quelle: Wikipedia, Upload von: Realterm
Sehr entfernt lassen sich die Kondratieff-Zyklen erkennen. Die Tiefpunkte 1920 und 1980 und die nachfolgenden euphorischen Überhitzungen 1929 und 2000 gehen den 1936 bzw. 1990 beginnenden Kondratieff-Zyklen voran bzw. stehen an dessen Anfang. Dass im Jahr 2000 sogar die Spitze von 1929 weit übertroffen wurde, läßt sich nur so erklären, dass zu diesem Zeitpunkt den Privatpersonen weit mehr Mittel für den Aktienkauf zur Verfügung standen.
Spitzen auf einem mittleren Niveau von 25 wie 1901 und 1966 zeigen dagegen den jeweils zweiten Teilzyklus eines Kondratieff-Zyklus an, wenn eine volle Reife erreicht ist. Das könnte sich 2020 wiederholen.
Im Ganzen zeigt diese Kurve keinen Orientierungsverlust, auch wenn der Verlauf in den Ausschlägen extremer wird.


Über den Goldpreis gibt es weit zurückreichende historische Daten. Auf den ersten Blick bestätigt sich die extreme Inflation im 20. Jahrhundert, und mit welch fatalen Wirkungen in dem nach 1930 beginnenden Kondratieff-Zyklus Maßnahmen verpasst wurden, ein wirtschaftliches Gleichgewicht herzustellen. Das mündete in die große Krise, als 1971 die Goldpreisbindung des Dollar aufgegeben werden mußte und Sicherheiten im Gold statt im Dollar gesucht wurden. Daher wuchsen die Nachfrage und mit ihr der Preis des Goldes. Seither sind die Preisentwicklung (und mit ihr die Kreditvergabe) außer Kontrolle. Das kam in einer ersten Phase den USA zugute, die mit ihrer wachsenden Verschuldung von der Inflation profitieren konnten, zeigt aber als die wichtigste ökonomische Aufgabe der gegenwärtigen Wirtschaft, endlich eine neue Weltwährungsordnung herzustellen, um das derzeit größte Hindernis zu beseitigen, das dem weiteren Verlauf des 1990 begonnenen Kondratieff-Zyklus im Wege steht.
Die Goldpreisentwicklung bestätigt die Gefahr einer objektiv notwendigen Deflation, um zu Verhältnissen wie vor 1971 zurückzukehren. Das wirft die Frage auf, welche Berechtigung alle Warnungen vor einer Deflation haben, oder ob sie vorgeschoben sind, um Verhältnisse wie in den vergangenen Jahrzehnten aufrecht zu erhalten. Da es in dieser Frage weder Konsens noch Sicherheit gibt, zeigt im Unterschied zum Kurs-Gewinn-Verhältnis der Aktien der Goldpreis durchaus an, in welch kritischer Phase die Wirtschaft sich befindet.
Der inflationsbereinigte Goldpreis erscheint in den letzten Jahren im Vergleich zu 1980 angesichts der Krise viel zu niedrig. Das erzeugt nochmals von einer anderen Seite die Unsicherheit, ob inflationäre oder verdeckte deflationäre Prozesse überwiegen. Möglicherweise wechseln zahlreiche Marktteilnehmer derzeit noch nicht von entwerteten Papiertiteln auf Gold, da die Papiertitel so weit gefallen sind, dass sie die mit dem Wertverlust verbundene Deflation nicht wahrhaben wollen und vor einem Verkauf auf so niedrigem Niveau zurückscheuen. Das kann auch erklären, warum die Bereitschaft so groß ist, die Aktienkurse erneut ansteigen zu lassen, obwohl die wirtschaftliche Basis dafür noch fehlt. Die Staaten müssen großes Interesse haben, dass Anleger in Staatsanleihen nicht auf Gold umsteigen, da anderenfalls die dem Staat entstehenden Kosten für neue Staatsanleihen erheblich steigen würden, wenn die Geldanlage in Staatsanleihen an Attraktivität verliert. Das ist derzeit angesichts drohender Staatsbankrotte ein großes Krisenrisiko.
Der Goldkurs zeigt im Ganzen, dass die Marktteilnehmer auf die langfristigen Krisenursachen noch nicht reagieren wollen. Das ist auch ein negatives Indiz, dass sie noch nicht bereit sind, ihr Konsumverhalten im notwendigen Maß umzustellen und einzusehen, dass es auf Dauer keiner Einzelgruppe von Privilegierten möglich sein wird, sich von den Zwängen der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung abzukoppeln.
Basisliteratur: siehe Link
AICPA Conferences: Post Conference Materials on the Web; Link
Bank für Internationalen Zahlungsausgleich: Veröffentlichungen; Link
China Analysis - Studien zu Politik und Wirtschaft Chinas; Link
Forecastcharts: Immobilienpreise in US-StädtenLink
International Institute of Social History: Historische Tabellen und zahlreiche weitere Verweise; Link
International Monetary Fund: Data and Statistics (Basiszahlen je Land); Link
Basiszahlen seit 1980 mit Erwartungswerten bis 2014, Download nach Excel möglich
LEAP/Europe 2020: Global European Anticipation Bulletins englisch deutsch
-: "Der Goldpreis: Das Paradox wird erklärbar" (April 2009); Link
Markt und Daten: Charts und Kommentare; Link
OECD Veröffentlichungen (zahlreiche Titel bzw. Kurzversionen online frei erhältlich): OECD Bookshop
Realterm: Zusammenstellung zahlreicher langfristiger Graphiken; Link
Joshua S. Goldstein: Long Cycles: Prosperity and War in the Modern Age, New Haven 1988; Link
Adam Hamilton: Weizen und Inflation - (Wheat and Inflation); Link
IMF: World Economic Outlook October 2009, Sustaining the Recovery, Washington 2009
Angus Maddison: Die Weltwirtschaft - eine Milleniums-Perspektive, OECD 2001
Jack Malvey (Lehman Brothers): The Global Capital Markets on the Threshold of the Teens: Cyclical Second Wind or Slow Road to Recession
in: AICPA Conference Nov 2007
Ulrich Menzel: Projekt Imperium oder Hegemonie; Link
Leo Nefiodow: Vortrag am 6. Juni 2002 in München; Link
OECD-Prüfungen im Bereich Innovationspolitik: China, Synthesebericht, OECD 2009
Ulrike Tagscherer: Innovations- und Forschungspolitik in China - wie Chinas Technokraten sich die Zukunft vorstellen, München 2008; Link
Immanuel Wallerstein: Die große Depression
in: Blätter für deutsche und internationale Politik, Heft 11/2008, S. 5-7; Link
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